{"id":79738,"date":"2022-03-27T00:01:43","date_gmt":"2022-03-26T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79738"},"modified":"2022-02-20T17:31:57","modified_gmt":"2022-02-20T16:31:57","slug":"romeo-und-julia-auf-dem-dorfe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/27\/romeo-und-julia-auf-dem-dorfe\/","title":{"rendered":"Romeo und Julia auf dem Dorfe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Diese Geschichte zu erz\u00e4hlen w\u00fcrde eine m\u00fc\u00dfige Nachahmung sein, wenn sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die gro\u00dfen alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist m\u00e4\u00dfig; aber stets treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen alsdann die Hand, sie festzuhalten.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Romeo und Julia auf dem Dorfe<\/em> gilt als exemplarisch f\u00fcr die Stilrichtung des poetischen Realismus. Sie geh\u00f6rt zum Kanon der deutschsprachigen Literatur, ist in zahlreichen Ausgaben verbreitete Schullekt\u00fcre und wurde mehrfach illustriert, musikalisch bearbeitet und verfilmt. Im Unterschied zu den anderen Seldwyler-Novellen wird <em>Romeo und Julia auf dem Dorfe<\/em> von Bemerkungen \u00fcber Sinn und Zweck der Erz\u00e4hlung eingerahmt. Eine Vorbemerkung rechtfertigt die Titel-Anleihe bei Shakespeare, eine Nachbemerkung kehrt die sozialkritische Sch\u00e4rfe der Erz\u00e4hlung hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Novelle ist die bekannteste Erz\u00e4hlung aus dem Novellenzyklus <em>Die Leute von Seldwyla<\/em> von Gottfried Keller. Wie die meisten Werke des Schweizer Dichters hat sie eine lange Entstehungszeit: 1847 konzipiert, 1855\/56 ausgearbeitet und ver\u00f6ffentlicht, erreichte sie erst 1875 ihre endg\u00fcltige Textgestalt. Der Titel verweist auf Shakespeares <em>Romeo und Julia<\/em> und k\u00fcndigt eine Adaption des ber\u00fchmten Stoffes an. Der Autor verlegt dazu den Schauplatz der tragischen Liebesgeschichte in seine Gegenwart und in ein Dorf seiner Heimat: Zwei junge Leute, Sohn und Tochter wohlhabender Bauern, lieben sich trotz der erbitterten Feindschaft ihrer V\u00e4ter. Nachdem diese Feindschaft den Ruin beider Familien herbeigef\u00fchrt und die Aussicht der Kinder auf eine gemeinsame Zukunft zerst\u00f6rt hat, sieht das Paar keinen anderen Ausweg, als gemeinsam in den Tod zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was das Romeo-und-Julia-Schicksal von Sali und Vrenchen erz\u00e4hlenswert macht, ist, dass es auf einem wirklichen Vorfall \u201eberuht\u201c. Das Wort ist mit Bedacht gew\u00e4hlt, es versichert die Wahrheit der Geschichte im Ganzen, b\u00fcrgt aber nicht f\u00fcr die Faktizit\u00e4t im Einzelnen. Tats\u00e4chlich wurde auf dem Weg von der Zeitungsnachricht zur Novelle vieles erg\u00e4nzt und umgedichtet, besonders die Umst\u00e4nde des Freitods. Erhalten blieb das soziale Milieu: die Trag\u00f6die ereignet sich auf dem Dorfe, die Toten sind Kinder verarmter Landleute, w\u00e4hrend sie bei Shakespeare \u2013 diese Kenntnis setzt Keller bei der Leserschaft voraus \u2013 zur reichen st\u00e4dtischen Oberschicht geh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Ansicht des Erz\u00e4hlers hat der \u201ewirkliche Vorfall\u201c etwas bewiesen, n\u00e4mlich dass die \u201eFabeln\u201c, die den gro\u00dfen alten Werken zugrunde liegen, keine blo\u00dfen Produkte poetischer Erfindung sind, dass sie von den Dichtern vielmehr im realen Menschenleben vorgefunden, entdeckt werden. Ihre Zahl sei \u201em\u00e4\u00dfig\u201c \u2013 nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig viele Werke werden gro\u00df und alt \u2013, doch ereigneten sie sich in unterschiedlicher Verkleidung immer wieder neu; zu erg\u00e4nzen: bald im Kost\u00fcm junger Edelleute, bald im Gewande der Dorfarmut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welches Gewicht Keller seiner Bemerkung beima\u00df und dass er mit ihr eine programmatische Selbstverpflichtung aussprach, folgt aus dem abschlie\u00dfenden <em>und zwingen alsdann die Hand, sie festzuhalten.<\/em> Er f\u00fcgte diesen Halbsatz erst 1875 ein, nachdem er wiederholt den Rat zur\u00fcckgewiesen hatte, die Einleitung samt Hinweis auf den wirklichen Vorfall ersatzlos zu streichen. Der Fall der beiden Jugendlichen, Kinder armer Leute, die lieber starben, als sich trennen zu lassen, erschien ihm der Erinnerung wert und umso denkw\u00fcrdiger, als sich darin eine klassische Trag\u00f6dienhandlung wiederholte. So sah er sich gedr\u00e4ngt (\u201ezwingen die Hand\u201c),<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Inhalt, mit Spoilern<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem Septembermorgen pfl\u00fcgen die Bauern Manz und Marti bed\u00e4chtig ihre \u00c4cker. Sie liegen auf einem H\u00fcgel \u00fcber dem Fluss, der an Seldwyla vorbeizieht, und sind nur von einer mit Steinen und hohem Unkraut bedeckten Fl\u00e4che getrennt. Als die Sonne h\u00f6her steigt, bringen zwei Kinder, Manz\u2019 kleiner Sohn, sieben, und Martis T\u00f6chterchen, f\u00fcnf, ihnen einen Imbiss. Die V\u00e4ter, gute Nachbarn, nehmen ihn gemeinsam ein und unterhalten sich dabei \u00fcber das verwilderte St\u00fcck Land zwischen ihren \u00c4ckern. Es hat einem Dorfbewohner geh\u00f6rt, der l\u00e4ngst verstorben ist. Solange dessen Nachkommen nicht gefunden sind, bietet die Seldwyler Beh\u00f6rde es den Nachbarn zur Pacht an. Das kommt f\u00fcr sie nicht in Frage, da sie es kaufen wollen und die Wiederherstellung des Ackers nur den Preis hinauftreiben w\u00fcrde. Doch die Seldwyler, auf Zinsen erpicht, z\u00f6gern mit dem Verkauf und reden sich auf die ungekl\u00e4rten Erbschaftsverh\u00e4ltnisse hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar gibt es da einen Heimatlosen, der unter Kesselflickern, Pechsiedern und anderem fahrenden Volk in den W\u00e4ldern lebt und sich als Musikant bei Dorffesten gelegentlich ein Zubrot verdient. Man nennt ihn den schwarzen Geiger. Manz und Marti k\u00f6nnten beschw\u00f6ren, dass er der Enkel des Verstorbenen ist, weil er ihm wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht. Das aber, sind sie sich einig, w\u00e4re eine Dummheit. Denn der Geiger besitzt keinen Taufschein, und solange ihm niemand seine Abstammung bezeugt, kann er weder seine Erbschaft antreten, noch muss die Gemeinde ihm Heimatrecht im Dorf gew\u00e4hren und Armenunterst\u00fctzung zahlen. W\u00e4hrend die Kinder zwischen Steinen, Disteln und sp\u00e4ten Mohnblumen spielen und ein Schl\u00e4fchen halten, setzen die V\u00e4ter ihr Tagwerk fort. Zum Abschluss pfl\u00fcgt sich jeder von der verwilderten Fl\u00e4che stillschweigend noch eine t\u00fcchtige Furche herunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder gr\u00f6\u00dfer und sch\u00f6ner und den herrenlosen Acker schm\u00e4ler zwischen seinen breitgewordenen Nachbaren.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manz\u2019 Sali h\u00e4lt sich jetzt zu den Buben, Martis Vrenchen zu den M\u00e4dchen, doch wenn auf ihrem alten Spielplatz das Unkraut ausgerissen und verbrannt wird, sie sind mit dabei, und es ist das jedes Mal ein Fest f\u00fcr sie. Endlich gibt die Beh\u00f6rde den Acker zur Versteigerung frei. Es finden sich nur zwei Bieter, die beiden Nachbarn. Manz erh\u00e4lt den Zuschlag und verlangt von Marti sofort den Flicken Erde zur\u00fcck, den dieser sich zuletzt durch schiefes Pfl\u00fcgen angeeignet hat. Als Marti darauf nicht eingeht, l\u00e4sst Manz die Feldsteine, die beide jahrelang auf dem mittleren Acker geworfen haben, einsammeln und zu einem gro\u00dfen Haufen aufschichten, genau \u00fcber dem strittigen Dreieck. Marti geht vor Gericht, <em>und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im Prozess miteinander und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet waren<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Prozess macht aus den angesehenen M\u00e4nnern, die kein unn\u00f6tiges Wort redeten und keinen Pfennig zu viel ausgaben, Prahler und Verschwender, die in Wirtsh\u00e4usern eine Meute falscher Ratgeber \u2013 Seldwyler Advokaten und Spekulanten \u2013 bei Laune halten und in st\u00e4ndiger Geldnot auf jeden Lotterieschwindel hereinfallen. Niemand nimmt sie mehr ernst. Sie lassen ihre bl\u00fchende Landwirtschaft verkommen und tyrannisieren Gesinde und Familie. Je tiefer beide ihr Ungl\u00fcck empfinden, desto h\u00f6her lodert ihr Hass: <em>Sie spieen aus, wenn sie sich nur von weitem sahen; kein Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des andern ein Wort sprechen, bei Vermeidung der gr\u00f6bsten Misshandlung.<\/em> Die gl\u00fcckliche Kindheit Salis und Vrenchens ist dahin. Vrenchen, kaum 14, verliert die Mutter, die von Kummer krank wird und stirbt. Salis Mutter f\u00fcgt sich ihrem Mann und wirtschaftet den Hof vollends herunter. Er kommt unter den Hammer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Erl\u00f6s l\u00e4sst Manz sich von den Seldwylern eine elende Sch\u00e4nke aufschwatzen und zieht in die Stadt. Anfangs kommen noch neugierige Seldwyler, aber nur, um sich \u00fcber den ungeschickten Wirt und die komische Wirtin lustig zu machen. <em>Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die dunkle K\u00fcche, setzte sich auf den Herd und weinte \u00fcber Vater und Mutter<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die G\u00e4ste ausbleiben, kehren M\u00fc\u00dfiggang und Mangel ein. Sali, inzwischen 19, stellt sich mit seinem Vater zu den erwerbslosen Seldwylern an den Fluss, um mit Angeln den Speisezettel aufzubessern und die Zeit totzuschlagen. Eines Tags bei schw\u00fclem Wetter suchen sie flussaufw\u00e4rts nach einem guten Fischplatz. Auf halbem Weg zwischen Stadt und Heimatdorf kommt ihnen Marti entgegen, auch er getrieben von Not und Langeweile. Vrenchen muss ihm das Angelzeug nachtragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ein Gewitter losbricht, beginnen die alten M\u00e4nner sich zu beschimpfen. Es folgen Schl\u00e4ge und ein Ringkampf auf schmalem Steg, bei dem einer den anderen ins Wasser zu sto\u00dfen versucht. Mit gro\u00dfer Anstrengung gelingt es Sali und Vrenchen, sie zu trennen. Dabei kommen sie sich erstmals seit der Kindheit wieder nah. Ihre H\u00e4nde ber\u00fchren sich, und als sie ihm unter Tr\u00e4nen fl\u00fcchtig zul\u00e4chelt, erstaunt er \u00fcber ihre Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Heimweg f\u00fchlt er sich tief begl\u00fcckt und tags darauf h\u00f6rt und sieht er nichts mehr vom erb\u00e4rmlichen Zank der Eltern. Er versucht, sich Vrenchens Gesicht vorzustellen, und als das misslingt, wandert er hinaus ins Dorf, um es zu sehen. Unterwegs begegnet ihm Marti, der ihm b\u00f6se Blicke zuwirft, es aber eilig hat, in die Stadt zu kommen. Sali findet Vrenchen unter der T\u00fcr ihres halbverfallenen Elternhauses. Aus Furcht vor der R\u00fcckkehr des Alten und den d\u00f6rflichen Aufpassern verabreden sie sich bei den \u00c4ckern, wo sie einst als Kinder spielten. Unbemerkt gelangen sie dorthin und schlendern den H\u00fcgel hinab zum Fluss, in dem sich die wei\u00dfen Wolken des Julihimmels spiegeln; dann wieder h\u00fcgelauf, gl\u00fcckselig Hand in Hand, ohne viel zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich geht vor ihnen ein Mann in ru\u00dfgeschw\u00e4rzten Kleidern und mit schwarzem Gesicht. Sie erkennen ihn an der Geige, die er unter dem Arm tr\u00e4gt, und folgen ihm wie gebannt zu dem Steinhaufen, der nun feuerrot vom bl\u00fchenden Mohn \u00fcberwachsen ist. Der schwarze Geiger schwingt sich hinauf und redet sie an: <em>\u201eIch kenne euch, ihr seid die Kinder derer, die mir den Boden hier gestohlen haben!\u201c<\/em> Sie h\u00f6ren nun zum ersten Mal vom Unrecht, das ihre V\u00e4ter begangen haben, und lassen betr\u00fcbt die K\u00f6pfe h\u00e4ngen. Aber nur kurze Zeit; denn kaum ist der Mann seines Weges gegangen \u2013 ohne ihnen Vergeltung anzudrohen oder sonst b\u00f6se Worte zu geben \u2013, muss Vrenchen \u00fcber sein groteskes Aussehen lachen. Lachend legen sie sich ins hohe Korn, tauschen K\u00fcsse, h\u00f6ren den Lerchen zu und f\u00fchren verliebte Gespr\u00e4che. Vrenchen windet sich einen Kranz aus Mohnblumen und setzt ihn auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mittlerweile hat Marti Verdacht gesch\u00f6pft, ist umgekehrt und ihnen nachgeschlichen. Als sie aus ihrem Versteck treten, st\u00fcrzt er sich tobend auf seine Tochter, schl\u00e4gt ihr den Kranz herunter und rei\u00dft sie an den Haaren mit sich fort. Da ergreift Sali <em>halb in Angst um Vrenchen und halb im J\u00e4hzorn<\/em> einen Stein und schl\u00e4gt ihm damit auf den Kopf. Der Alte f\u00e4llt, liegt bewusstlos, atmet aber noch. Verzweifelt versprechen die beiden einander, nichts von dem Vorfall zu verraten, und trennen sich. Marti erwacht zwar wieder, entsinnt sich aber nur dunkel an das Vorgefallene und so, als sei ihm etwas Lustiges zugesto\u00dfen. Vrenchen pflegt ihn wochenlang und bringt ihn wieder auf die Beine. Doch er bleibt geistig verwirrt, ein harmlos-fr\u00f6hlicher Narr, den die Beh\u00f6rde auf \u00f6ffentliche Kosten in eine Anstalt einweist. Als Vrenchen ihn dort abliefert, ist sein letzter Besitz bereits verkauft. Zur Nacht kehrt sie unter ein Dach zur\u00fcck, das ihr nicht mehr geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort tritt Sali zu ihr herein, von Sehnsucht und Sorge getrieben. Auch ihm ist sein Zuhause verleidet: Seine Eltern gew\u00e4hren jetzt Dieben Unterschlupf und sind zu Hehlern geworden; sein Vater freut sich kindisch \u00fcber Martis Ungl\u00fcck. Was nun werden solle, fragt Sali. Selbst wenn es die Armut nicht g\u00e4be, meint Vrenchen, w\u00e4re Salis Tat ein schlechter Grundstein f\u00fcr die Ehe. So h\u00e4tten sie keine Wahl, als getrennte Wege zu gehen, sie als Dienstmagd, er als Knecht oder Soldat. Eng aneinandergeschmiegt schlafen sie ein und verbringen die Nacht <em>ruhig wie zwei Kinder in einer Wiege.<\/em> Am Morgen, nachdem sie sich ihre Tr\u00e4ume erz\u00e4hlt haben, sind sie wieder guten Muts. Vrenchen w\u00fcnscht sich, mit Sali vor der Trennung noch einen einzigen sch\u00f6nen Tag zu verbringen, am liebsten beim Tanz, wie auf ihrer Hochzeit, von der sie getr\u00e4umt hat. Zwar, f\u00e4llt ihr ein, hat sie daf\u00fcr keine Schuhe mehr. Aber Sali verspricht, ihr welche zu besorgen, nimmt Ma\u00df und eilt in die Stadt. Um etwas Geld zu haben, verkauft er die silberne Taschenuhr, die ihm aus besseren Tagen geblieben ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag holt er Vrenchen ab, unbek\u00fcmmert um Leute und Gerede. Es ist ein sch\u00f6ner Sonntag im September und die beiden wandern \u00fcber Land nach einem Dorf, wo Kirchweih ist und getanzt wird. Da sie ein h\u00fcbsches Paar vorstellen und so gut gekleidet sind, als die Armut es erlaubt, begegnet man ihnen unterwegs mit Achtung. Beim Mittagsmahl h\u00e4lt eine freundliche Wirtin sie sogar f\u00fcr ein Brautpaar auf dem Weg zur Trauung. Sie widersprechen nicht, wandern weiter und je n\u00e4her sie dem Festplatz kommen, desto mehr f\u00fchlen sie sich als Braut und Br\u00e4utigam. Auf dem Kirchweihmarkt kauft er ihr ein Lebkuchenhaus mit poetischen Spr\u00fcchen; sie ihm ein ebensolches Lebkuchenherz. <em>\u201eAch,\u201c seufzte Vrenchen, \u201edu schenkst mir ein Haus! Ich habe dir auch eines und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus\u201c<\/em>. Heimlich kauft jedes f\u00fcrs andere noch ein billiges Ringlein, als Andenken beim Abschied.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da Festbesucher aus dem Heimatdorf sie erkannt haben und zu tuscheln beginnen, meiden sie den Tanzboden des reichen Dorfgasthofs und suchen eine abgelegene Wirtschaft auf, das <em>Paradiesg\u00e4rtlein<\/em>, wo sich arme Leute und fahrendes Volk vergn\u00fcgen. Dort begr\u00fc\u00dft sie der schwarze Geiger als alte Bekannte: <em>\u201eIch habe doch gewusst, dass ich euch noch einmal aufspielen werde. So macht euch nur recht lustig, ihr Sch\u00e4tzchen!\u201c<\/em> Sie mischen sich unter die Tanzenden. Der Mond geht auf und beleuchtet das seltsame Fest der Heimatlosen. Schwermut ergreift Vrenchen, als das Gespr\u00e4ch wieder auf die bevorstehende Trennung kommt. Da tritt der schwarze Geiger zu ihnen und l\u00e4dt sie ein, sich den Heimatlosen anzuschlie\u00dfen und ihr ungebundenes Leben in den Bergen zu teilen: <em>\u201eda brauchet ihr keinen Pfarrer, kein Geld, keine Schriften, keine Ehre, kein Bett, nichts als euren guten Willen\u201c<\/em>. Als Sali Wein und Essen spendiert, wird die Stimmung ausgelassen. Die G\u00e4ste veranstalten mit dem Paar eine possenhafte Trauung. Nach Mitternacht f\u00fchrt der schwarze Geiger die trunkene, singende und tanzende Gesellschaft \u00fcber die n\u00e4chtlichen Felder in Richtung W\u00e4lder. Sali und Vrenchen lassen sich mitrei\u00dfen, und als es durch ihr Heimatdorf, an ihren verlorenen Vaterh\u00e4usern vorbei geht, <em>ergriff sie eine schmerzhaft wilde Laune und sie tanzten mit den andern um die Wette hinter dem Geiger her, k\u00fcssten sich, lachten und weinten<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem H\u00fcgel aber, bei den drei \u00c4ckern, bleiben sie hinter dem tollen Zug zur\u00fcck und warten, bis Musik und Gel\u00e4chter in der Ferne verklingen. <em>\u201eDiesen sind wir entflohen,\u201c sagte Sali, \u201eaber wie entfliehen wir uns selbst?\u201c<\/em> Unten rauscht leise der Fluss. Sie tauschen nun die Ringe, die sie heimlich gekauft haben. Doch den Gedanken an Trennung und lange Entbehrung, samt der Gefahr des Verlierens und Untreuwerdens, kann nun keines mehr ertragen. So beschlie\u00dfen sie, einander auf der Stelle anzugeh\u00f6ren und danach ins Wasser zu gehen. Sie laufen zum Fluss hinunter. Am Ufer liegt ein mit Heu beladenes Schiff. Dieses w\u00e4hlen sie zu ihrem Hochzeitsbett, klettern hinauf und machen es los. <em>Der untergehende Mond, rot wie Gold, legte eine gl\u00e4nzende Bahn den Strom hinauf, und auf dieser kam das Schiff langsam \u00fcberquer gefahren. Als es sich der Stadt n\u00e4herte, glitten im Frost des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, die sich fest umwanden, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten.<\/em> Am n\u00e4chsten Tag findet man an einer Br\u00fccke das verlassene Heuschiff und wenig sp\u00e4ter, weiter flussabw\u00e4rts, die beiden Leichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Romeo und Julia auf dem Dorfe <\/strong> ist die bekannteste Erz\u00e4hlung aus dem Novellenzyklus <em>Die Leute von Seldwyla<\/em> von Gottfried Keller. 1847 konzipiert, 1855\/56 ausgearbeitet und ver\u00f6ffentlicht, erreichte sie erst 1875 ihre endg\u00fcltige Textgestalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-98699 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Gottfried-Keller-232x300.jpg\" alt=\"\" width=\"232\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Geschichte zu erz\u00e4hlen w\u00fcrde eine m\u00fc\u00dfige Nachahmung sein, wenn sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die gro\u00dfen alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/27\/romeo-und-julia-auf-dem-dorfe\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":98699,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[147],"class_list":["post-79738","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-gottfried-keller"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79738","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79738"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79738\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98887,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79738\/revisions\/98887"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98699"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}