{"id":79731,"date":"2022-03-05T00:01:02","date_gmt":"2022-03-04T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79731"},"modified":"2022-02-20T12:31:04","modified_gmt":"2022-02-20T11:31:04","slug":"kleider-machen-leute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/05\/kleider-machen-leute\/","title":{"rendered":"Kleider machen Leute"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Novelle <em>Kleider machen Leute<\/em> handelt von dem Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der sich trotz Armut gut kleidet. Er gelangt in eine fremde Stadt namens Goldach und wird dort wegen seines \u00c4u\u00dferen f\u00fcr einen polnischen Grafen gehalten. Nachdem er aus Sch\u00fcchternheit vers\u00e4umt hat, die Verwechslung aufzukl\u00e4ren, versucht er zu fliehen. Doch da betritt eine junge Dame, Tochter des Amtsrates, den Schauplatz. Die beiden verlieben sich ineinander, worauf der Schneider die ihm aufgedr\u00e4ngte Grafenrolle weiterspielt. Ein verschm\u00e4hter Nebenbuhler sorgt daf\u00fcr, dass der vermeintliche Hochstapler entlarvt wird. Auf der Verlobungsfeier kommt es zum Skandal. Strapinski flieht, seine Braut aber findet ihn, rettet ihn vor dem Erfrieren und stellt ihn zur Rede. Als sie sich davon \u00fcberzeugt hat, dass seine Liebe echt ist, bekennt sie sich zu ihm und setzt die Heirat durch. Der Schneider gr\u00fcndet mit ihrem Verm\u00f6gen ein Atelier und bringt es zu Wohlstand und Ansehen, womit das Sprichwort \u201eKleider machen Leute\u201c sich bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon dem 17-j\u00e4hrigen Keller gefiel die Figur des \u201eHochstaplers wider Willen\u201c, wie sie ihm in einem Seefahrtsroman des Captain Marryat begegnete. Der von einem herrschaftlichen Kutscher zur Mitfahrt eingeladene Schneidergeselle kommt in einer Keller zugeschriebenen anonymen Kalendergeschichte von 1847 vor. Als \u201eliterarische Paten\u201c von <em>Kleider machen Leute<\/em> gelten au\u00dferdem Grimms M\u00e4rchen, Clemens Brentanos Kunstm\u00e4rchen <em>Schneider Siebentod auf einen Schlag<\/em>, Ludwig Tiecks <em>Leben des ber\u00fchmten Abraham Tonelli<\/em> (eines hochstapelnden Schneiders) sowie von Wilhelm Hauff <em>Das M\u00e4rchen vom falschen Prinzen<\/em> und die literarische Satire <em>Der Mann im Mond<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ferner weisen Kellers Biographen auf wirklich geschehene F\u00e4lle von Hochstapelei hin, die w\u00e4hrend der langen \u201eInkubationszeit\u201c der Novelle in seiner Heimat Aufsehen erregten. Im einen Fall spielte ein polnischer Graf und Exilant eine Rolle, allerdings als Opfer, im anderen \u2013 ohne Bezug auf Polnisches \u2013 ein Schneider, der als Graf auftrat und damit eine ganze Ortschaft zum Narren hielt, wof\u00fcr diese vom Nachbarort in einem Fastnachtsspiel verspottet wurde. Einigkeit besteht dar\u00fcber, dass Keller sowohl die realen als auch die literarischen Motive stark abwandelte und im Rahmen einer v\u00f6llig neu erfundenen Handlung unterbrachte: <em>Kleider machen Leute<\/em> beruht im Unterschied zu <em>Romeo und Julia auf dem Dorfe<\/em> nicht auf einem wirklichen Vorfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor-Erz\u00e4hler spielt bewusst mit dem Doppelsinn des Sprichworts \u201eKleider machen Leute\u201c, dem kritischen, welcher besagt, dass die Welt sich nur zu gerne t\u00e4uschen l\u00e4sst (\u201eMundus vult decipi\u201c), und dem anerkennenden, welcher besagt, dass man es sich und andern schuldig ist, Wert auf sein \u00c4u\u00dferes zu legen. Wenzel, die ehrliche Haut, h\u00fcllt sich aus <em>\u201eSehnsucht nach einem w\u00fcrdigen Dasein\u201c<\/em> in einen Radmantel; John Kabys, ein eitler Spekulant und Titelheld von <em>Der Schmied seines Gl\u00fcckes<\/em>, beh\u00e4ngt sich mit modischen Kinkerlitzchen. Letztere Novelle folgt in den Seldwylergeschichten unmittelbar auf <em>Kleider machen Leute<\/em>, zusammen k\u00f6nnten beide unter einem weiteren Sprichwort stehen: \u201eWenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenzel ist kein solcher Schmied, der das Gl\u00fcck durch geschickte Manipulationen herbeizwingen will. Sein Handeln ist nicht berechnend wie das seines Gegenspielers Melchior B\u00f6hni. Er hat etwas von einem Hans im Gl\u00fcck, von dem Dummling im M\u00e4rchen <em>Die goldene Gans<\/em> oder von dem einf\u00e4ltigen Handwerksburschen in Hebels Kalendergeschichte Kannitverstan, der aus Unverstand in Amsterdam eine Erfahrung macht, die ihn gl\u00fccklich und zufrieden stimmt. So wie dieser nimmt Wenzel in Goldach die H\u00e4usernamen und Fassadenspr\u00fcche w\u00f6rtlich und glaubt, <em>\u201ees s\u00e4he hinter jeder Haust\u00fcre wirklich so aus, wie die \u00dcberschrift angab\u201c<\/em>. Das Zeichen des Gasthofes \u201eZur Waage\u201c deutet er als Vorzeichen eines g\u00fcnstigen Schicksalsausgleichs, w\u00e4hrend der Erz\u00e4hler ins gleiche Schild eine ganz andere Bedeutung legt: Wenzel schwebt in Gefahr, sein Schicksal steht auf der Kippe, ein falscher Ansto\u00df und seine Waagschale senkt sich tiefer als je zuvor. Das aber erkennt Wenzel selbst mit wachem Verstand in schlaflosen N\u00e4chten. Das Schillernde, Doppeldeutige der Symbole und Figuren besch\u00e4ftigt den Erz\u00e4hler fortw\u00e4hrend. Auch legt er seiner weiblichen Hauptfigur eine Ahnung davon in den Mund: <em>\u201eWer sendet uns\u201c<\/em>, fragt sich Nettchen auf ihrer n\u00e4chtlichen Suchfahrt, <em>\u201esolche einf\u00e4ltige Truggestalten, die zerst\u00f6rend in unser Schicksal eingreifen, w\u00e4hrend sie sich selbst dann aufl\u00f6sen wie schwache Seifenblasen?\u201c<\/em>. Scheinbar gl\u00fcckverhei\u00dfend lautet der Name von Herrn B\u00f6hnis Fahrzeug \u201eDer Teich Bethesda\u201c. Doch anders als der Lahme im Neuen Testament (Joh 5,2\u00a0LUT) erwartet der geduldige Intrigant in seinem Schlitten vergeblich sein Heil. Auch der Name Goldach f\u00fcgt sich in dieses Muster: \u201ewie aus &#8218;Gold&#8216; und &#8218;ach&#8216; kombiniert, aus einer scheinhaften Vergoldung, unter der der Wehlaut &#8218;ach&#8216; die Misere bezeichnet\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat die Schreibweise Kellers \u201eheraldisch\u201c genannt. Seine Texte sind vielfarbig und vielf\u00e4ltig aus Anspielungen auf andere Texte zusammengesetzt, \u00e4hnlich wie Wappenschilde aus Bildzeichen. Nichts darin ist zuf\u00e4llig oder blo\u00dfer Schmuck. Jede Einzelheit ist stimmig und fordert Wissen und Kombinationsgabe. Trotzdem ist die Fabel von <em>Kleider machen Leute<\/em> so einfach und so grundlegend menschlich, dass auch Kinder sie verstehen k\u00f6nnen, eine gute sprachliche Anleitung vorausgesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Literaturwissenschaftler Klaus Jeziorkowski hat es unternommen, \u201eden Schullekt\u00fcre-Staub von dieser Geschichte zu blasen\u201c. Er wendet sich gegen die verbreitete Ansicht, dass es gerade ihre Harmlosigkeit sei, die die Novelle f\u00fcr die Schule qualifiziere: \u201eInnerhalb des scheinbar gutm\u00fctigen und beh\u00e4bigen Duktus der Erz\u00e4hlung, die selbst nach dem Goldacher Prinzip der Vergoldung [\u2026] gearbeitet erscheint, ist die grauenhafte Eisigkeit der Katastrophe bei der Demaskierung Wenzels nie ganz voll zur Kenntnis genommen worden. Ich selbst f\u00fcrchte mich bei jeder Lekt\u00fcre vor dieser Stelle, weil hier unter der vergoldeten Welt ein bodenloses Loch, ein durch nichts zu schlie\u00dfender H\u00f6llen- und Eisesabgrund sich auftut. [\u2026] Der Maskentanz der Seldwyler ist Toten- und Gespenstertanz einer Gesellschaft, die aufgrund ihrer Trivial- und Boulevardklischees zun\u00e4chst einen Schneider in eine Grafenrolle hineindr\u00e4ngt und ihn dann durch strafende Entlarvung foltert und fallen l\u00e4\u00dft \u2013 nicht anders wie unsere &#8218;gute&#8216; Gesellschaft mit zun\u00e4chst &#8218;hochgejubelten&#8216; und hofierten Schwindelexistenzen heute noch tut, ohne zu sehen, wie sie in solchen Totent\u00e4nzen sich selbst darstellt und richtet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeziorkowski nennt solche Stellen \u201earchetypisch\u201c und charakterisiert Kellers Erz\u00e4hlkunst als \u201eKombination des Aktuellen und des Archetypischen.\u201c Es liege im Wesen \u201esolcher archetypischen und archaischen Muster, nicht zu veralten, g\u00fcltig zu bleiben und auch futurisch pr\u00e4sent zu sein\u201c, \u2013 an die steinernen \u00e4gyptischen K\u00f6nigsbilder zu denken, mit denen der Erz\u00e4hler das schreckensstarre Paar Wenzel und Nettchen vergleicht. Mit diesem im genauen Wortsinn anachronistischen Vergleich springt der Erz\u00e4hler aus dem Biedermeier in seine Gegenwart, ins Jahr 1874, in die Gr\u00fcnderzeit mit ihren expansiven Erscheinungen, kolonialer Eroberung, Sueskanal, Urauff\u00fchrung von <em>Aida<\/em> in Kairo, Bl\u00fctezeit der \u00c4gyptologie. Auf eine weitere solche Sprungstelle, die ebenfalls h\u00e4ufig \u00fcbersehen wird, macht Jeziorkowski aufmerksam: Im Namen des verloren durch die eisige Nacht irrenden Wenzel tritt der Erz\u00e4hler gleichsam im Anwaltstalar vor die Schranken eines Gerichts und h\u00e4lt ihm folgende zeitlos aktuelle Verteidigungsrede:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eWenn ein F\u00fcrst Land und Leute nimmt; wenn ein Priester die Lehre seiner Kirche ohne \u00dcberzeugung vertritt, aber die G\u00fcter seiner Pfr\u00fcnde mit W\u00fcrde verzehrt; wenn ein d\u00fcnkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile eines hohen Lehramtes innehat und genie\u00dft, ohne von der H\u00f6he seiner Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein K\u00fcnstler ohne Tugend, mit leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der einen gro\u00dfen Kaufmannsnamen ererbt oder erschlichen hat, durch seine Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht \u00fcber sich, sondern erfreuen sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne aufheiternde Gesellschaft und gute Freunde.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eUnser Schneider aber weinte bitterlich \u00fcber sich \u2026 \u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kombination des Archaischen und des Aktuellen \u2013 Kombination des Poetischen und des Realistischen! Ohne den Begriff \u201epoetischer Realismus\u201c zu gebrauchen hat Keller in einer knappen Vorbemerkung zu <em>Romeo und Julia auf dem Dorfe<\/em> die \u00dcberzeugung ausgedr\u00fcckt, dass die Fabeln der gro\u00dfen alten Werke tief im Menschenleben wurzeln und sich in immer neuen Variationen wiederholen. Aufgabe des Dichters ist, solche Abwandlungen zu erkennen und sie festzuhalten. Das gilt f\u00fcr die tragische Geschichte der Liebenden, die durch die Feindschaft ihrer V\u00e4ter in den Tod getrieben werden; es gilt aber auch f\u00fcr die komische Geschichte von Wenzel und Nettchen, die durch die Torheiten ihrer Mitb\u00fcrger einer tragischen Wendung mit knapper Not entgehen. Nach Jeziorkowski ist die \u201eStandardgeltung und Beliebtheit der beiden Erz\u00e4hlungen\u201c durch diese Verh\u00e4ltnisse teilweise zu erkl\u00e4ren, aber nicht ausreichend: \u201eIch glaube, sie werden \u2013 und hier vielleicht ganz besonders von jugendlichen Lesern \u2013 auch deshalb so anhaltend gesch\u00e4tzt, weil sie Identifikationsangebote machen. [\u2026] Dieser Wenzel, der unbeschwert von Habseligkeiten, Besitz und Reicht\u00fcmern als &#8218;Tramp&#8216; und romantisch unb\u00fcrgerliche Erscheinung in die Geschichte hineinwandert, hat nichts gemein mit der etablierten Gesellschaft, in die er hineinger\u00e4t. Er l\u00e4\u00dft sich von ihr aushalten, und nach einer befristeten Niederlage \u00fcberlistet er die Gesellschaft mit den ihr eigenen Mitteln, da\u00df den erst triumphierenden B\u00fcrgern H\u00f6ren und Sehen vergeht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Handlung, mit Spoilern<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Seldwyler Schneidermeister ist wegen drohenden Bankrotts seinem Gesellen den Lohn schuldig geblieben. Dieser, ein Schlesier, wandert bei unfreundlichem Novemberwetter ohne einen Pfennig in der Tasche auf der Landstra\u00dfe ins Nachbarst\u00e4dtchen Goldach. Da er mit Radmantel, Pelzm\u00fctze, langen Locken und gepflegtem Schnurrb\u00e4rtchen edel und romantisch wirkt und obendrein sch\u00fcchtern ist, kann er sich nicht nach Handwerksburschenart ein Fr\u00fchst\u00fcck erbetteln, sodass <em>\u201eer der M\u00e4rtyrer seines Mantels war und Hunger litt, so schwarz wie des letzteren Sammetfutter\u201c<\/em>. Als es auf halbem Weg zu regnen beginnt, l\u00e4sst der Kutscher eines leeren Reisewagens den sichtlich ersch\u00f6pften Fu\u00dfg\u00e4nger einsteigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das stattliche Gef\u00e4hrt erregt bei der Ankunft in Goldach Aufsehen. Kaum hat es vor dem Gasthof \u201ezur Waage\u201c, dem besten der Stadt, angehalten, ist es schon von staunendem Volk und dienstfertigem Personal umringt, und der aussteigende Strapinski, <em>\u201ebla\u00df und sch\u00f6n und schwerm\u00fctig zur Erde blickend\u201c<\/em>, erscheint den Leuten wie ein geheimnisvoller Prinz oder Grafensohn. Das Spalier zu durchbrechen und seiner Wege zu gehen, fehlt ihm der Mut. So findet er sich wenig sp\u00e4ter im Speisesaal wieder, wo man sich nach seinen Befehlen erkundigt. Um Ehre f\u00fcr seinen Gasthof einzulegen, l\u00e4sst der Wirt vom Besten auftragen, was K\u00fcche und Keller bieten. Wenzel, in gr\u00f6\u00dfter Verlegenheit, isst und trinkt nur zimperlich, was ihm sogleich als besondere Vornehmheit ausgelegt wird. Endlich \u00fcberw\u00e4ltigt ihn der Duft einer leckeren Pastete: <em>\u201eNun w\u00e4re ich ein Tor\u201c<\/em>, sagt er sich, <em>\u201ewenn ich die kommende Schande und Verfolgung ertragen wollte, ohne mich daf\u00fcr satt gegessen zu haben\u201c<\/em>, und langt kr\u00e4ftig zu. Aber auch darin erkennt der Wirt ein Zeichen h\u00f6herer Lebensart und meint zur K\u00f6chin: <em>\u201eEs sieht sich zwar nicht ganz elegant an, aber so hab ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur Gener\u00e4le und Kapitelsherrn<\/em> [hohe Geistliche] <em>essen sehen!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mittlerweile hat sich der Kutscher vor der Weiterfahrt den schlechten Scherz erlaubt, seinen Fahrgast als den polnischen Grafen Strapinski auszugeben \u2013 den Namen konnte er Wenzels im Wagen vergessenen Ausweispapieren entnehmen. Fortan wird der Schneider, der nicht zu widersprechen wagt, mit \u201eHerr Graf\u201c angeredet. Einige angesehene Goldacher B\u00fcrger erscheinen zum Kaffee, beehren sich, den hohen Besucher zu unterhalten und laden ihn zu einer Landpartie aufs Weingut des Amtsrats ein. In der Hoffnung auf Fluchtgelegenheit willigt Strapinski ein und gibt unterwegs sogar eine Probe seiner Fahrkunst; denn er hat bei den Husaren gedient und versteht sich auf Pferde, sodass gefl\u00fcstert wird: <em>\u201eEs ist richtig. Es ist jedenfalls ein Herr,<\/em> [\u2026] <em>ein vollkommener Junker!\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach sitzt er in der Karten spielenden Herrenrunde <em>\u201ewie ein kr\u00e4nkelnder F\u00fcrst, vor welchem die Hofleute ein angenehmes Schauspiel auff\u00fchren\u201c<\/em>. Nur einer, der Buchhalter Melchior B\u00f6hni, schaut ihm genau auf die Finger, die merkw\u00fcrdig zerstochen sind. Doch dieser beh\u00e4lt seine Zweifel einstweilen f\u00fcr sich, ja er hilft dem Mittellosen aus der Verlegenheit, indem er beim folgenden Hasardspiel ein Geldst\u00fcck f\u00fcr ihn einsetzt. Strapinski gewinnt und hat bald genug in der Tasche, um seine Zeche im Gasthof zu bezahlen. Schon glaubt er sich befreit und will eben unbemerkt das Weite suchen, als ihm der Amtsrat entgegentritt, am Arm seine Tochter Nettchen. Tief err\u00f6tend verneigt sich Strapinski, und die junge Sch\u00f6ne, ebenfalls err\u00f6tend, beginnt zutraulich mit ihm zu plaudern. Beim Abendessen sitzt er neben ihr auf dem Ehrenplatz und bezaubert die Gesellschaft durch den Vortrag eines polnischen Liedchens, das er aufgeschnappt hat, ohne es zu verstehen \u2013 es ist nicht ganz stubenrein, aber zum Gl\u00fcck bittet niemand um die \u00dcbersetzung \u2013 <em>\u201ekurz, das Schneiderbl\u00fctchen fing in der N\u00e4he des Frauenzimmers an, seine Spr\u00fcnge zu machen und seinen Reiter davonzutragen\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der \u201eWaage\u201c herrscht unterdessen Best\u00fcrzung: man hat vergessen, das gr\u00e4fliche Gep\u00e4ck abzuladen! Der Wirt bietet dem zur\u00fcckkehrenden Gast an, der Kutsche einen Eilboten nachzusenden. Strapinski lehnt erschrocken ab und greift zu einer L\u00fcge: <em>\u201eLassen Sie, es darf nicht sein! Man mu\u00df meine Spur verlieren f\u00fcr einige Zeit\u201c<\/em>. Da wird dem Wirt und seinen sp\u00e4ten G\u00e4sten klar, <em>\u201eda\u00df der Graf unzweifelhaft ein Opfer politischer oder der Familienverfolgung sein m\u00fcsse\u201c<\/em>. Das Wort verbreitet sich, und am Morgen erwacht Strapinski inmitten von Geschenken seiner neuen Freunde: ein Schlafrock, Toilettenartikel, feine W\u00e4sche, \u2013 bis hin zu Sporen und Reitgerte ist f\u00fcr alles gesorgt, was ein Edelmann ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie in einem sch\u00f6nen Traum wandelt der Schneidergeselle nun durch die Gassen Goldachs, bestaunt die reichen, mit Sinnbildern verzierten H\u00e4user. Dass er im Haus \u201ezur Waage\u201c wohnt, erscheint ihm als g\u00fcnstiges Vorzeichen, indem dort <em>\u201edas ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und zuweilen ein reisender Schneider zum Grafen gemacht w\u00fcrde\u201c<\/em>. Angesichts der Landstra\u00dfe aber meldet sich sein Gewissen. Schon wendet er der Stadt entschlossen den R\u00fccken, als ihm ein Wagen begegnet, gelenkt von der freundlich gr\u00fc\u00dfenden Amtsratstochter. Da macht er wieder kehrt und das Schicksal nimmt seinen Lauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Natur aus edel und gut lernt Strapinski schnell, was es sonst noch braucht, um einen Grafen nach dem Wunschbild der Goldacher vorzustellen. Die stete Furcht vor der Schande aber kostet ihn den Schlaf. Er sinnt auf Rettung, setzt in eine Lotterie, hat wieder Gl\u00fcck und gewinnt eine betr\u00e4chtliche Summe. Jetzt kann er auf gute Art verschwinden, seine Schulden aus der Ferne bezahlen und braucht dazu nur <em>\u201eeine kurze Gesch\u00e4ftsreise vorzugeben, dann aber von irgend einer gro\u00dfen Stadt aus zu melden, da\u00df das unerbittliche Schicksal ihm verbiete, je wiederzukehren\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Feierlich in Schwarz erscheint er auf einem Ball und k\u00fcndigt an, verreisen zu m\u00fcssen. Nettchen aber wechselt bei seinen Worten die Farbe. Gekr\u00e4nkt verweigert sie ihm den Tanz und verl\u00e4sst den Saal. Er sucht sie zu beschwichtigen, und als er bittend die H\u00e4nde ausstreckt, <em>\u201efiel sie ihm ohne weiteres um den Hals und fing j\u00e4mmerlich an zu weinen. Er bedeckte ihre gl\u00fchenden Wangen mit seinen fein duftenden Locken und sein Mantel umschlug die schlanke, stolze, schneewei\u00dfe Gestalt des M\u00e4dchens wie mit schwarzen Adlerfl\u00fcgeln;<\/em> [\u2026] <em>Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstand und gewann das Gl\u00fcck, das \u00f6fters den Unverst\u00e4ndigen hold ist\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tags darauf h\u00e4lt Wenzel beim Amtsrat um die Hand Nettchens an. Der Vater gew\u00e4hrt sie ihm mit den Worten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>So hat sich denn das Schicksal und der Wille dieses t\u00f6richten M\u00e4dchens erf\u00fcllt! Schon als Schulkind behauptete sie fortw\u00e4hrend, nur einen Italiener oder einen Polen, einen gro\u00dfen Pianisten oder einen R\u00e4uberhauptmann mit sch\u00f6nen Locken heiraten zu wollen, und nun haben wir die Bescherung! Alle inl\u00e4ndischen wohlmeinenden Antr\u00e4ge hat sie ausgeschlagen, noch neulich musste ich den gescheiten und t\u00fcchtigen Melchior B\u00f6hni heimschicken, der noch gro\u00dfe Gesch\u00e4fte machen wird, und sie hat ihn noch schrecklich verh\u00f6hnt, weil er nur ein r\u00f6tliches Backenb\u00e4rtchen tr\u00e4gt und aus einem silbernen D\u00f6schen schnupft! Nun, Gott sei Dank, ist ein polnischer Graf da aus wildester Ferne! Nehmen Sie die Gans, Herr Graf, und schicken Sie mir dieselbe wieder, wenn sie in Ihrer Polackei friert und einst ungl\u00fccklich wird und heult! Nun, was w\u00fcrde die selige Mutter f\u00fcr ein Entz\u00fccken genie\u00dfen, wenn sie noch erlebt h\u00e4tte, da\u00df das verzogene Kind eine Gr\u00e4fin geworden ist!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnellstens wird nun Verlobung gefeiert. Da gerade sch\u00f6nes Winterwetter herrscht, l\u00e4dt Strapinski die Goldacher Haute-Vol\u00e9e zu einer Schlittenpartie mit anschlie\u00dfendem Ball. Die Vorbereitung kostet ihn die eine H\u00e4lfte seines Lotteriegewinns, die andere H\u00e4lfte gibt er f\u00fcr Brautgeschenke aus. So verl\u00e4sst am Tag des Festes eine Flotte pr\u00e4chtiger Schlitten das St\u00e4dtchen, an der Spitze die Verlobten in der \u201eFortuna\u201c \u2013 nach der Gl\u00fccksg\u00f6ttin benannt, deren Sinnbild auch das Stadthaus des Amtsrats ziert. Am Schluss f\u00e4hrt Melchior B\u00f6hni im schlichten Einsp\u00e4nner. Er ist eben aus Seldwyla zur\u00fcck, wo er zu tun hatte, und macht einen still vergn\u00fcgten Eindruck. Der Zug erreicht sein Ziel, ein auf halbem Weg zwischen Goldach und Seldwyla gelegenes Ausflugslokal. Da gerade Fastnacht ist, ahnt niemand B\u00f6ses, als dort zur selben Zeit von Seldwyla her ein Maskenzug eintrifft, der auf Lastschlitten kolossale Figuren mitf\u00fchrt: eine Fortuna verfolgt von einem Ziegenbock, ein riesenhaftes B\u00fcgeleisen, eine ebensolche Schere, voraus eine Tafel mit der Inschrift \u201eLeute machen Kleider\u201c und auf dem letzten Schlitten, unter dem Motto \u201eKleider machen Leute\u201c, allerlei reich als Kaiser, K\u00f6nige und andere W\u00fcrdentr\u00e4ger kost\u00fcmierte Personen. Offensichtlich handelt es sich um einen Karnevalsumzug der Seldwyler Schneiderzunft, und als die Maskentr\u00e4ger scheinbar gutm\u00fctig um Erlaubnis bitten, den Goldacher Herrschaften einen Schautanz auff\u00fchren zu d\u00fcrfen, wird sie gew\u00e4hrt. Nur Strapinski beschleichen dunkle Ahnungen, doch Melchior B\u00f6hni tritt neben ihn und nennt laut als Ursprungsort des Zugs anstelle von Seldwyla eine andere Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Belustigt verfolgen die Ballg\u00e4ste die Pantomime der Seldwyler. Sie beginnt ganz harmlos mit einem Lob der Schneiderkunst, die aus unansehnlichen Gestalten ansehnliche macht. Doch dann tritt ein T\u00e4nzer im Kost\u00fcm Strapinskis auf, erst im Radmantel mit Pelzm\u00fctze, dann eifrig an einem Grafenrock n\u00e4hend, den er sich schlie\u00dflich selbst anzieht, um als Weltmann darin umherzustolzieren. Hier bricht die Begleitmusik pl\u00f6tzlich ab, das anz\u00fcgliche Ebenbild tritt dicht vor den originalen Wenzel und ruft in die eingetretene Totenstille hinein:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eEi ei ei ei!<\/em> [\u2026] <em>Sieh da den Bruder Schlesier, den Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer kleinen Gesch\u00e4ftsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit mir. Nun es freut mich, da\u00df es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fr\u00f6hlich Fastnacht halten! Stehen Sie in Arbeit zu Goldach?\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum \u00dcberfluss sch\u00fcttelt der Meister seinem ehemaligen Gesellen auch noch treuherzig die Hand, das Gleiche tun der Reihe nach alle Seldwyler, die Musik setzt wieder ein und der Zug marschiert <em>\u201eunter Absingung eines wohleinstudierten diabolischen Lachchors\u201c<\/em> aus dem Saal. Im ausbrechenden Tumult verbreitet sich, von Melchior B\u00f6hni ausgestreut, in Windeseile die Deutung des Spiels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Brautpaar <em>\u201esa\u00df unbeweglich auf seinen St\u00fchlen gleich einem steinernen \u00e4gyptischen K\u00f6nigspaar, ganz still und einsam; man glaubte den unabsehbaren gl\u00fchenden W\u00fcstensand zu f\u00fchlen\u201c<\/em>. Zuerst erhebt sich Wenzel und schreitet leichenblass, ohne Handschuhe und M\u00fctze durch die aufbrechenden G\u00e4ste in die Winternacht hinaus. Auf der Landstra\u00dfe schl\u00e4gt er die Richtung ein, die weg von Goldach nach Seldwyla f\u00fchrt. Als seine Gedanken sich ordnen, weicht das Gef\u00fchl der ungeheuren Schande dem eines unverdient erlittenen Unrechts: Die Torheit der Welt hat ihm die Grafenrolle aufgedr\u00e4ngt. Erst durch Hunger, dann durch Liebe wehrlos gemacht hat er sich dr\u00e4ngen lassen und steht nun als Betr\u00fcger da. All dies erkennt er n\u00fcchtern, doch beim Gedanken an das verlassene Nettchen beginnt er zu weinen. Als sich unter Fackelschein, Schellenklang und Gel\u00e4chter der Zug der heimw\u00e4rts strebenden Seldwyler n\u00e4hert, springt er zur Seite, bleibt im tiefen Schnee liegen und schl\u00e4ft ein, <em>\u201ew\u00e4hrend ein eiskalter Hauch von Osten heranzuwehen begann\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nettchen verharrt auf ihrem Sitz bis fast alle G\u00e4ste sich entfernt haben. Dann steht sie auf und weint. Freundinnen bringen ihr Mantel und Hut. Sie trocknet die Tr\u00e4nen und blickt zornig um sich. B\u00f6hni naht ihr dem\u00fctig l\u00e4chelnd und bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren. Ohne ihm zu antworten, steigt sie in ihren eigenen Schlitten und treibt die Pferde in feurigem Galopp auf die Landstra\u00dfe Richtung Seldwyla, neben sich Wenzels Handschuhe und M\u00fctze, die sie beim Aufstehen wie im Traum ergriffen hat. Nach einer Weile l\u00e4sst sie die Pferde im Schritt gehen und heftet ihre Augen auf die im Mondlicht gl\u00e4nzenden Stra\u00dfenr\u00e4nder. Sie findet den noch schwach atmenden Wenzel, bringt ihn wieder zu sich. Er fleht sie um Verzeihung an, sie hei\u00dft ihn einsteigen: <em>\u201eKomm, fremder Mensch!<\/em> [\u2026] <em>ich werde mit dir sprechen und dich fortschaffen\u201c<\/em>. Dann lenkt sie den Schlitten auf einen einsamen Hof und bittet die Bauersfrau, eine gute Bekannte, ihnen starken Kaffee zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter vier Augen verh\u00f6rt sie nun Wenzel. Beim Bericht, wie er dazu kam, den Grafen zu spielen, muss sie ein Lachen unterdr\u00fccken. Seine Antwort auf die Frage, was er mit ihr im Sinn gehabt habe, verursacht ihr jedoch Herzklopfen: Er h\u00e4tte sich nach der Hochzeit den Tod gegeben, um sie ohne Schande in ihr gewohntes Leben zur\u00fcckkehren zu lassen: <em>\u201eAnstatt an der Sehnsucht nach einem w\u00fcrdigen Dasein, nach einem g\u00fctigen Herzen, nach Liebe lebenslang zu kranken<\/em> [\u2026] <em>w\u00e4re ich einen Augenblick lang gro\u00df und gl\u00fccklich gewesen und hoch \u00fcber Allen, die weder gl\u00fccklich noch ungl\u00fccklich sind und doch nie sterben wollen! O h\u00e4tten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich w\u00e4re so ruhig eingeschlafen!\u201c<\/em> Ob er fr\u00fcher \u00e4hnliche Streiche gespielt und fremde Menschen angelogen habe? Wenzel schildert seinen Werdegang: Die Mutter ist nach dem fr\u00fchen Tod des Vaters in den Dienst einer Gutsherrnwitwe getreten, hat ihn sorgf\u00e4ltig erzogen und unter Opfern stets etwas besser gekleidet. Als die Gutsherrin dann in die Stadt zog, bot sie an, den 16-J\u00e4hrigen mitzunehmen, um ihm eine gute Ausbildung zu erm\u00f6glichen. Doch die Mutter brachte es nicht \u00fcbers Herz, ihn gehen zu lassen. Ungern sei er geblieben und nach seiner Lehre beim Dorfschneider zum Milit\u00e4r eingezogen worden: <em>\u201eNach einem Jahr konnte ich endlich f\u00fcr ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte nach Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben\u201c<\/em>. \u2013 Nettchen kommt zum heikelsten Punkt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDa Sie,\u201c fragte sie pl\u00f6tzlich, aber dennoch mit z\u00f6gerndem spitzigen Wesen, \u201estets so wertgesch\u00e4tzt und liebensw\u00fcrdig waren, so haben Sie ohne Zweifel auch jederzeit Ihre geh\u00f6rigen Liebschaften oder dergleichen gehabt und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen \u2013 von mir nicht zu reden?\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAch Gott,\u201c erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, \u201eehe ich zu Ihnen kam, habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines M\u00e4dchens ber\u00fchrt, ausgenommen \u2013 \u201c \u201eNun?\u201c sagte Nettchen<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenzel erz\u00e4hlt, wie die Tochter der Gutsherrin, ein M\u00e4dchen von sieben, acht Jahren, dem er den Besch\u00fctzer machte, sich an ihn hing und ihn nicht auf dem Land zur\u00fccklassen wollte. Als er sich losmacht, wird sie zornig und weint \u2026 An diesem Punkt h\u00e4lt er erschrocken inne und zeigt mit dem Finger auf sein Gegen\u00fcber: <em>\u201eAls jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz wie jetzt bei Ihnen, die sch\u00f6nen Haare um Stirn und Schl\u00e4fen ein wenig aufw\u00e4rts, dass man sie sich bewegen sah\u201c<\/em>. Diese Laune der Natur, eine zuf\u00e4llige \u00c4hnlichkeit, hilft den beiden \u00fcber die letzte Klippe hinweg. Nettchen umarmt Wenzel: <em>\u201eIch will dich nicht verlassen! Du bist mein, und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gemeinsame Zukunft stellt Wenzel sich zun\u00e4chst romantisch als ein stilles Gl\u00fcck in unbekannten Weiten vor. Doch Nettchen denkt auf einmal realistisch: <em>\u201eKeine Romane mehr! Wie du bist, ein armer Wandersmann, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen diesen Stolzen und Sp\u00f6ttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach Seldwyla gehen und dort durch T\u00e4tigkeit und Klugheit die Menschen, die uns verh\u00f6hnt haben, von uns abh\u00e4ngig machen!\u201c<\/em>. Noch in derselben Nacht beziehen sie \u2013 jeder f\u00fcr sich \u2013 Quartier in zwei Seldwyler Gasth\u00f6fen, zur Verbl\u00fcffung der dort noch feiernden Narren, w\u00e4hrend in Goldach bereits das Ger\u00fccht von einer Entf\u00fchrung uml\u00e4uft. Am n\u00e4chsten Morgen trifft in Seldwyla der Amtsrat ein, begleitet von Herrn B\u00f6hni. Nettchen soll auf der Stelle den Buchhalter heiraten, der bereit ist, <em>\u201emit seinem unantastbaren Namen ihre Ehre vor der Welt zu sch\u00fctzen und aufrecht zu halten\u201c<\/em>. Nettchen, eben vollj\u00e4hrig geworden, weigert sich standhaft, Wenzel, gar nicht mehr sch\u00fcchtern, eilt ihr zur Hilfe und es gibt einen Auftritt. Ein Rechtsanwalt wird eingeschaltet. Er mahnt zur Besonnenheit und schickt die Rivalen nach Hause. Unter den Seldwylern wird bekannt, dass eventuell ein gro\u00dfes Verm\u00f6gen \u2013 Nettchens m\u00fctterliches Erbe \u2013 in die Stadt kommt, worauf die Stimmung sofort zugunsten der Verlobten umschl\u00e4gt. Vor Nettchens und Wenzels getrennten Herbergen werden Wachen aufgestellt, und als B\u00f6hni Stunden sp\u00e4ter mit Goldacher Polizisten zur\u00fcckkehrt, sieht es f\u00fcr kurze Zeit danach aus, <em>\u201eals ob Seldwyla ein neues Troja werden sollte\u201c<\/em>. Es kommt aber nicht dazu, h\u00f6here Amtspersonen greifen vermittelnd ein. Die Rechtslage ist klar, niemand kann Wenzel und Nettchen hindern, ihr Aufgebot zu bestellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Ermittlungen ergeben, dass Strapinski sich nirgendwo strafbar gemacht und stets mit seinem schlichten b\u00fcrgerlichen Namen unterzeichnet hat. Die Seldwyler schie\u00dfen zu Ehren des Hochzeitspaares Salut, Strapinski wird ihr bevorzugter \u201eMarchand Tailleur\u201c oder \u201eTuchherr\u201c, wie sie es nennen. Doch klagen sie bald, <em>\u201eer presse ihnen das Blut unter den N\u00e4geln hervor\u201c<\/em>, da er auf Bezahlung der gelieferten Sachen besteht. Nach Jahren aber zieht das Paar mit Kinderschar und stattlichem Verm\u00f6gen wieder nach Goldach. In Seldwyla l\u00e4sst Wenzel nichts zur\u00fcck, <em>\u201esei es aus Undank oder aus Rache\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Kleider machen Leute<\/em><\/strong> ist eine Novelle von Gottfried Keller. Erstmals 1874 im dritten Band der zweiten Auflage der Novellensammlung <em>Die Leute von Seldwyla<\/em> erschienen, geh\u00f6rt sie zu den bekanntesten Erz\u00e4hlungen der deutschsprachigen Literatur, diente als Vorlage f\u00fcr Filme und Opern und gilt als Musterbeispiel f\u00fcr die Stilrichtung des poetischen Realismus.<\/p>\n<div id=\"attachment_98699\" style=\"width: 242px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98699\" class=\"wp-image-98699 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Gottfried-Keller-232x300.jpg\" alt=\"\" width=\"232\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98699\" class=\"wp-caption-text\">Gottfried Keller, unbekannter Photograph 1870<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Novelle Kleider machen Leute handelt von dem Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der sich trotz Armut gut kleidet. Er gelangt in eine fremde Stadt namens Goldach und wird dort wegen seines \u00c4u\u00dferen f\u00fcr einen polnischen Grafen gehalten. Nachdem er aus&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/05\/kleider-machen-leute\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":98699,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[147],"class_list":["post-79731","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-gottfried-keller"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79731","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79731"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79731\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98701,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79731\/revisions\/98701"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98699"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79731"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79731"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79731"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}