{"id":79705,"date":"2022-01-27T00:01:51","date_gmt":"2022-01-26T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79705"},"modified":"2022-02-18T10:14:47","modified_gmt":"2022-02-18T09:14:47","slug":"das-fraeulein-von-scuderi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/27\/das-fraeulein-von-scuderi\/","title":{"rendered":"Das Fr\u00e4ulein von Scuderi"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">E. T. A. Hoffmanns Novelle <em>Das Fr\u00e4ulein von Scuderi<\/em> geh\u00f6rt zu einer Sammlung von 19 Erz\u00e4hlungen, Novellen und M\u00e4rchen, die 1819\u20131821 in vier B\u00e4nden unter dem Titel <em>Die Serapionsbr\u00fcder<\/em> in Berlin erschien. Am Tag des heiligen Serapion, am 14. November 1818, trafen Hoffmann und seine Schriftstellerfreunde nach langj\u00e4hriger Pause wieder zusammen (Adelbert von Chamisso war von einer dreij\u00e4hrigen Weltreise zur\u00fcckgekehrt). Dieses Ereignis inspirierte E.\u00a0T.\u00a0A. Hoffmann zum Titel und zur Fertigstellung seiner Sammlung. Die Serapionsbr\u00fcder tragen sich gegenseitig die Geschichten vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ereignisse um <em>Das Fr\u00e4ulein von Scuderi<\/em> gehen auf historische Vorg\u00e4nge zur\u00fcck, \u00fcber die Voltaire in seinem <em>Si\u00e8cle de Louis XIV<\/em> und Johann Christoph Wagenseil in seiner Chronik der Stadt N\u00fcrnberg berichten. Als Hintergrund dienen auch die F\u00e4lle der Marquise de Brinvilliers und der Catherine Monvoisin in der Giftaff\u00e4re, die Hoffmann als Jurist aus dem Pitaval kannte. Die romantisch-realistische Erz\u00e4hlung erschien 1819 zuerst im <em>Taschenbuch f\u00fcr das Jahr 1820. Der Liebe und Freundschaft gewidmet<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">E.T.A. Hoffmanns Novelle Das Fr\u00e4ulein von Scuderi spielt im Herbst des Jahres 1680. Das 73-j\u00e4hrige Fr\u00e4ulein Madeleine von Scuderi ist eine angesehene Dichterin am Hof von K\u00f6nig Ludwig XIV. Zu dieser Zeit geschehen in Paris viele Morde, deren Opfer durch einen Dolchstich mitten ins Herz get\u00f6tet werden. Alle folgen dem gleichen Prinzip: Immer sind die Opfer adlige M\u00e4nner, die mit einem Schmuckgeschenk auf dem Weg zu ihrer Geliebten sind, und immer wird dieses Schmuckst\u00fcck gestohlen. Man wendet sich nun hilfesuchend an den K\u00f6nig. Dieser ber\u00e4t sich mit Fr\u00e4ulein von Scuderi. Sie quittiert die Angelegenheit leichthin mit dem Bonmot \u00ab\u00a0Un amant qui craint les voleurs, n\u2019est point digne d\u2019amour\u00a0\u00bb (\u201eEin Liebhaber, der Diebe f\u00fcrchtet, ist der Liebe nicht w\u00fcrdig\u201c), was den am\u00fcsierten K\u00f6nig veranlasst, die Ermittlungen nicht weiter zu versch\u00e4rfen, auch weil es in der nahen Vergangenheit in einer anderen Mordserie zu \u00fcberzogenen Verfolgungen kam, bei denen auch Unschuldige hingerichtet wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraufhin bringt eines Nachts ein junger Mann ein K\u00e4stchen mit wertvollem Schmuck (Halskette und Armb\u00e4nder) zu Fr\u00e4ulein von Scuderi. Im K\u00e4stchen befindet sich ein kurzer Brief, auf dem sich der unbekannte M\u00f6rder bei der Scuderi daf\u00fcr bedankt, dass sie sich mit ihrem Bonmot gegen die Aufstockung der Polizeikr\u00e4fte ausgesprochen habe. Das Fr\u00e4ulein ist best\u00fcrzt \u00fcber die ungewollte Wirkung, die ihr verbaler Scherz bei dem Verbrecher ausgel\u00f6st hat, und bittet ihre Freundin Marquise de Maintenon, die Maitresse des K\u00f6nigs, um Hilfe. Diese erkennt sofort, dass das kunstvolle Geschmeide in dem K\u00e4stchen nur von Ren\u00e9 Cardillac, dem angesehensten Goldschmied jener Zeit, stammen k\u00f6nne. Dieser wird herbeigerufen, best\u00e4tigt die Vermutung, f\u00e4llt vor der Scuderi auf die Knie und bittet sie, den Schmuck als Zeichen seiner tiefen Verehrung zu behalten: Er habe bei seinen Arbeiten immer nur an sie gedacht. Leidenschaftlich k\u00fcsst er \u201eder Scuderi den Rock \u2013 die H\u00e4nde \u2013 st\u00f6hnte \u2013 seufzte \u2013 schluchzte \u2013 sprang auf \u2013 rannte, wie unsinnig, Sessel, Tische umst\u00fcrzend, da\u00df Porzellan, Gl\u00e4ser zusammenklirrten, in toller Hast von dannen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sie mehrere Monate danach durch Paris f\u00e4hrt, \u00fcbergibt derselbe verst\u00f6rte J\u00fcngling, der vorher die Botschaft des M\u00f6rders und das Schmuckk\u00e4stchen \u00fcberbracht hat, dem Fr\u00e4ulein einen Zettel mit der dringenden Bitte, den Schmuck binnen zwei Tagen zu Cardillac zur\u00fcckzubringen \u2013 andernfalls werde sich der junge Bote in ihrem Hause umbringen. Als sich die alte Dame am zweiten Tag mit dem Schmuck auf den Weg zu Cardillac macht, erf\u00e4hrt sie bei ihrer Ankunft, dass dessen Leichnam gerade weggebracht werde und ein junger Mann, Cardillacs Geselle Olivier Brusson, als dessen M\u00f6rder verhaftet worden sei. Sie k\u00fcmmert sich um die Tochter des Mordopfers, Madelon, die allerdings auch die Geliebte des Mordverd\u00e4chtigen ist, und will dem jungen Liebespaar helfen. Als sie jedoch den H\u00e4ftling im Gef\u00e4ngnis besucht, muss sie erschrocken feststellen, dass Olivier niemand anderer ist als der junge Mann, der ihr einst das Schmuckk\u00e4stchen und sp\u00e4ter die Zettelbotschaft \u00fcberbracht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Olivier erh\u00e4lt schlie\u00dflich das Recht, das Fr\u00e4ulein von Scuderi zu Hause zu besuchen, da er angek\u00fcndigt hat, nur ihr die Wahrheit zu gestehen. Es stellt sich heraus, dass er der Sohn der ehemaligen Pflegetochter der Scuderi ist. Er erkl\u00e4rt ihr, dass Ren\u00e9 Cardillac der lang gesuchte Serienm\u00f6rder sei. Dieser habe sich nie wirklich von seinen kunstvollen Schmuckst\u00fccken trennen k\u00f6nnen (s.\u00a0u. <em>Cardillac-Syndrom<\/em>) und sich diese daher nach dem Verkauf mit Hilfe seiner Raubmorde auf blutige Weise zur\u00fcckgeholt. Olivier habe ihn selbst einmal bei einem seiner Verbrechen beobachtet, der Polizei aber, aus Sorge, Madelons Bild von ihrem Vater zu zerst\u00f6ren und ihr gemeinsames Gl\u00fcck zu gef\u00e4hrden, nichts davon verraten. Bei seinem letzten Mordanschlag sei Cardillac schlie\u00dflich von einem Adligen in Notwehr get\u00f6tet worden. Dieser sei, weil er nicht in die Mordserie verwickelt werden wollte, geflohen, und Olivier habe dann Cardillacs Leiche ins Haus gebracht, sei dabei entdeckt worden und deswegen nun des Mordes verd\u00e4chtig. Die Wahrheit will er aber niemand anderem als der Scuderi verraten, da er lieber sterben will, als Madelons Bild von ihrem Vater zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem sich der Graf von Miossens, der Adlige, den Cardillac zuletzt \u00fcberfallen hatte, bei der Scuderi gemeldet und die Aussagen Oliviers durch sein Gest\u00e4ndnis gest\u00fctzt hat, z\u00f6gern das Gericht, die Chambre ardente, und Richter La Regnie jedoch immer noch, Olivier auf freien Fu\u00df zu setzen. Letztlich wird es nur dank des Einsatzes der Scuderi beim K\u00f6nig von dessen Unschuld \u00fcberzeugt. Madelon und Olivier heiraten, m\u00fcssen aber Paris auf Wunsch des K\u00f6nigs verlassen \u2013 die sch\u00f6ne Madelon erinnert den K\u00f6nig zu sehr an seine eigene fr\u00fchere Geliebte \u2013 und ziehen nach Genf, Oliviers urspr\u00fcnglichem Heimatort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cardillac kann den Gedanken, dass er seine Schmuckst\u00fccke nicht f\u00fcr sich behalten kann und andere seinen Schmuck anlegen d\u00fcrfen, nicht ertragen. So t\u00f6tet er die K\u00e4ufer kurzerhand, um den Schmuck wieder zu erlangen und ihn dann in einem verborgenen, nur durch eine Geheimt\u00fcr zug\u00e4nglichen Gelass nur f\u00fcr sich allein zu genie\u00dfen. Darin offenbart sich seine gesellschaftliche Schw\u00e4che: Indem er bis zum Mord geht, um sein Werk nicht mit der Allgemeinheit teilen zu m\u00fcssen, zieht er die extreme Konsequenz seiner Eigensucht.<\/p>\n<div id=\"attachment_19132\" style=\"width: 209px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/20111120_ja_meth_076.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19132\" class=\"wp-image-19132 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/20111120_ja_meth_076-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/20111120_ja_meth_076-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/20111120_ja_meth_076.jpg 666w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19132\" class=\"wp-caption-text\">Der Prototyp, ein ART-O-MAT von Haimo Hieronymus, Photo: Dieter Meth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstler m\u00fcssen, um von ihrer Kunst leben zu k\u00f6nnen, ihre Werke verkaufen, das hei\u00dft, sie m\u00fcssen sich von ihnen trennen. Doch das f\u00e4llt ihnen mitunter schwer, da ihre Kunst einen wichtigen Teil ihrer Identit\u00e4t darstellt. Schon Goethes Tasso vermag sich nicht von seinem dichterischen Werk zu l\u00f6sen, da er nur darin sich selbst findet. Modernere K\u00fcnstler behelfen sich vielfach mit sorgf\u00e4ltig gef\u00fchrten Erwerberlisten, gelegentlich auch mit vertraglichen R\u00fcckkaufsrechten. Arnulf Rainer zum Beispiel behielt sich das Recht vor, ein verkauftes Werk jederzeit aufsuchen und \u00e4ndern zu d\u00fcrfen. Manche Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang in Anlehnung an E.\u00a0T.\u00a0A. Hoffmanns Novelle vom <em>Cardillac-Syndrom<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fr\u00e4ulein von Scuderi ist ein im September 1819 erstmals im <em>Taschenbuch f\u00fcr das Jahr 1820. Der Liebe und Freundschaft gewidmet<\/em> abgedruckter Erz\u00e4hltext von E. T. A. Hoffmann. Ein unautorisierter Nachdruck erschien noch im selben Herbst 1819 im Wiener Unterhaltungsblatt <em>Der Sammler.<\/em> 1820 findet sich die Erz\u00e4hlung im dritten Band von Hoffmanns von 1819 bis 1821 in vier B\u00e4nden publiziertem Zyklus <em>Die Serapionsbr\u00fcder<\/em>. In den folgenden f\u00fcnf Jahrzehnten werden allein im deutschsprachigen Raum fast zwanzig weitere Abdrucke ver\u00f6ffentlicht. <em>Das Fr\u00e4ulein von Scuderi<\/em> gilt als erste deutsche Kriminalnovelle und handelt von der Aufkl\u00e4rung einer r\u00e4tselhaften Mordserie im Paris des 17. Jahrhunderts durch die an der franz\u00f6sischen Schriftstellerin Madeleine de Scud\u00e9ry (1607\u20131701) Ma\u00df nehmende Titelheldin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; E. T. A. Hoffmanns Novelle Das Fr\u00e4ulein von Scuderi geh\u00f6rt zu einer Sammlung von 19 Erz\u00e4hlungen, Novellen und M\u00e4rchen, die 1819\u20131821 in vier B\u00e4nden unter dem Titel Die Serapionsbr\u00fcder in Berlin erschien. 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