{"id":79691,"date":"2024-11-06T00:01:46","date_gmt":"2024-11-05T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79691"},"modified":"2022-02-21T16:30:31","modified_gmt":"2022-02-21T15:30:31","slug":"der-stille-grund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/11\/06\/der-stille-grund\/","title":{"rendered":"Der stille Grund"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mondenschein verwirret<br \/>\nDie T\u00e4ler weit und breit,<br \/>\nDie B\u00e4chlein, wie verirret,<br \/>\nGehn durch die Einsamkeit<\/p>\n<p>Da dr\u00fcben sah ich stehen<br \/>\nDen Wald auf steiler H\u00f6h,<br \/>\nDie finstern Tannen sehen<br \/>\nIn einer tiefen See.<\/p>\n<p>Ein Kahn wohl sah ich ragen,<br \/>\nDoch niemand der es lenkt,<br \/>\nDas Ruder war zerschlagen,<br \/>\nDas Schifflein halb versenkt.<\/p>\n<p>Eine Nixe auf dem Steine<br \/>\nFlocht dort ihr goldnes Haar,<br \/>\nSie meint\u00b4, sie w\u00e4r\u00b4alleine,<br \/>\nUnd sang so wunderbar.<\/p>\n<p>Sie sang und sang, in den B\u00e4umen<br \/>\nUnd Quellen rauscht\u2018 es sacht<br \/>\nUnd fl\u00fcsterte wie in Tr\u00e4umen<br \/>\nDie mondbegl\u00e4nzte Nacht.<\/p>\n<p>Ich aber stand erschrocken,<br \/>\nDenn \u00fcber Wald und Kluft<br \/>\nKlangen die Morgenglocken<br \/>\nSchon ferne durch die Luft.<\/p>\n<p>Und h\u00e4tt\u00b4 ich nicht vernommen<br \/>\nDen Klang zu guter Stund\u2018:<br \/>\nW\u00e4r\u2018 nimmer mehr gekommen<br \/>\nAus diesem stillen Grund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der stille Grund<\/b> ist ein Gedicht des deutschen Lyrikers\u00a0Joseph von Eichendorff.\u00a01837 wurde es vom Verlag Duncker &amp; Humblot in dem Buch <i>Gedichte von Joseph Freiherrn von Eichendorff<\/i> (S.\u00a0420\u00a0f.) ver\u00f6ffentlicht. Es ist ein Gedicht eine Nixe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99278\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Eichendorff-e1645457368227.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/>F\u00fcr Theodor W. Adorno war Eichendorff \u201ekein Dichter der Heimat, sondern des Heimwehs im Sinne des Novalis, dem er nahe sich wu\u00dfte.\u201c<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>In seinem Essay <i>Zum Ged\u00e4chtnis Eichendorffs<\/i> weist er auf den affirmativen Tonfall hin, der dem Dunklen entrungen sei, und spricht von einem \u201eEntschlu\u00df zur Munterkeit\u201c, der sich mit seltsam paradoxer Gewalt am Ende des Werkes bekunde. Nach Ansicht Adornos erm\u00f6glichte gerade Eichendorffs Festhalten am Vorb\u00fcrgerlichen und \u00dcberkommenen einen kritischen Blick auf b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse. Indem Eichendorff sich vom Liberalismus distanzierte, gewann seine Lyrik f\u00fcr ihn ihre utopische Dimension. Um zu verhindern, dass der Dichter von \u201eKulturkonservativen\u201c und Katholiken vereinnahmt werde, bed\u00fcrfe es einer dialektischen Lekt\u00fcre gegen den Strich. Zun\u00e4chst m\u00fcsse man sich aber eingestehen, dass \u201eder Ton des Affirmativen, seine Verherrlichung des Daseins schlechthin\u201c nicht verteidigt werde, um andere Ebenen seiner Lyrik der idyllisierenden Lesart zu entziehen. Adorno weist auf den Versuch hin, Eichendorff als \u201eKronzeugen einer positiven Religiosit\u00e4t\u201c und in \u201elandsmannschaftlichem Geiste, einer Art Stammespoetik Nadlerschen Schlages\u201c zu nutzen. Derlei Bestrebungen liefen darauf hinaus, ihn im patriotischen Sinne \u201egewisserma\u00dfen r\u00fcck(zu)siedeln\u201c, was mit seinem \u201erestaurative(n) Universalismus\u201c nicht zu vereinbaren w\u00e4re.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Es sei das \u201eGegenteil sturer Apologie\u201c, ihn vor Freunden und Gegnern zu retten. Allerdings gebe es ein Element seiner Lyrik, das \u201edem M\u00e4nnergesangverein \u00fcberantwortet ward \u2026 nicht immun gegen sein Schicksal\u201c war und \u201ees vielfach herbeigezogen\u201c habe. Auch k\u00f6nne der \u201eTon des Affirmativen, der Verherrlichung des Daseins\u201c, der zu bestimmten Leseb\u00fcchern gef\u00fchrt habe, nicht verleugnet werden. F\u00fcr Adorno klingen einige seiner Verse indes \u201ewie Zitate beim ersten Mal, memoriert nach dem Lesebuch Gottes.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Konzentriere man sich auf die Funktion der Sprache, schlage der Konservatismus in die Moderne um. Die Verneinung des Herrschaftlichen, zumal \u00fcber die eigene Seele, sei progressiv. Seine Dichtung lasse sich vertrauensvoll treiben \u201evom Strom der Sprache und ohne Angst, in ihm zu versinken.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Mondenschein verwirret Die T\u00e4ler weit und breit, Die B\u00e4chlein, wie verirret, Gehn durch die Einsamkeit Da dr\u00fcben sah ich stehen Den Wald auf steiler H\u00f6h, Die finstern Tannen sehen In einer tiefen See. 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