{"id":79686,"date":"2024-03-13T00:01:58","date_gmt":"2024-03-12T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79686"},"modified":"2024-03-12T18:36:37","modified_gmt":"2024-03-12T17:36:37","slug":"das-zerbrochene-ringlein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/03\/13\/das-zerbrochene-ringlein\/","title":{"rendered":"Das zerbrochene Ringlein"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem k\u00fchlen Grunde<br \/>\nDa geht ein M\u00fchlenrad<br \/>\nMein\u2019<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>Liebste<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>ist verschwunden,<br \/>\nDie dort gewohnet hat.<\/p>\n<p>Sie hat mir Treu versprochen,<br \/>\nGab mir ein\u2019n Ring dabei,<br \/>\nSie hat die Treu\u2019 gebrochen,<br \/>\nMein Ringlein sprang entzwei.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6cht\u2019 als Spielmann reisen<br \/>\nWeit in die Welt hinaus,<br \/>\nUnd singen meine Weisen,<br \/>\nUnd geh\u2019n von Haus zu Haus.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6cht\u2019 als Reiter fliegen<br \/>\nWohl in die blut\u2019ge Schlacht,<br \/>\nUm stille Feuer liegen<br \/>\nIm Feld bei dunkler Nacht.<\/p>\n<p>H\u00f6r\u2019 ich das M\u00fchlrad gehen:<br \/>\nIch wei\u00df nicht, was ich will \u2014<br \/>\nIch m\u00f6cht\u2019 am liebsten sterben,<br \/>\nDa w\u00e4r\u2019s auf einmal still!<sup id=\"cite_ref-10\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1813 wurde das Gedicht unter dem Pseudonym \u201eFlorens\u201c und unter dem Titel <i>Lied<\/i><sup id=\"cite_ref-2\" class=\"reference\">\u00a0<\/sup>in der Anthologie <i>Deutscher Dichterwald<\/i> ver\u00f6ffentlicht. Eichendorff nahm das Gedicht auch in seinen 1812 verfassten und 1815 ver\u00f6ffentlichten Roman <i>Ahnung und Gegenwart<\/i> auf, wo es zum ersten Mal unter Eichendorffs eigenem Namen gedruckt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99278\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Eichendorff-e1645457368227.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/><\/strong>F\u00fcr Theodor W. Adorno war Eichendorff \u201ekein Dichter der Heimat, sondern des Heimwehs im Sinne des Novalis, dem er nahe sich wu\u00dfte.\u201c<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>In seinem Essay <i>Zum Ged\u00e4chtnis Eichendorffs<\/i> weist er auf den affirmativen Tonfall hin, der dem Dunklen entrungen sei, und spricht von einem \u201eEntschlu\u00df zur Munterkeit\u201c, der sich mit seltsam paradoxer Gewalt am Ende des Werkes bekunde. Nach Ansicht Adornos erm\u00f6glichte gerade Eichendorffs Festhalten am Vorb\u00fcrgerlichen und \u00dcberkommenen einen kritischen Blick auf b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse. Indem Eichendorff sich vom Liberalismus distanzierte, gewann seine Lyrik f\u00fcr ihn ihre utopische Dimension. Um zu verhindern, dass der Dichter von \u201eKulturkonservativen\u201c und Katholiken vereinnahmt werde, bed\u00fcrfe es einer dialektischen Lekt\u00fcre gegen den Strich. Zun\u00e4chst m\u00fcsse man sich aber eingestehen, dass \u201eder Ton des Affirmativen, seine Verherrlichung des Daseins schlechthin\u201c nicht verteidigt werde, um andere Ebenen seiner Lyrik der idyllisierenden Lesart zu entziehen. Adorno weist auf den Versuch hin, Eichendorff als \u201eKronzeugen einer positiven Religiosit\u00e4t\u201c und in \u201elandsmannschaftlichem Geiste, einer Art Stammespoetik Nadlerschen Schlages\u201c zu nutzen. Derlei Bestrebungen liefen darauf hinaus, ihn im patriotischen Sinne \u201egewisserma\u00dfen r\u00fcck(zu)siedeln\u201c, was mit seinem \u201erestaurative(n) Universalismus\u201c nicht zu vereinbaren w\u00e4re.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Es sei das \u201eGegenteil sturer Apologie\u201c, ihn vor Freunden und Gegnern zu retten. Allerdings gebe es ein Element seiner Lyrik, das \u201edem M\u00e4nnergesangverein \u00fcberantwortet ward \u2026 nicht immun gegen sein Schicksal\u201c war und \u201ees vielfach herbeigezogen\u201c habe. Auch k\u00f6nne der \u201eTon des Affirmativen, der Verherrlichung des Daseins\u201c, der zu bestimmten Leseb\u00fcchern gef\u00fchrt habe, nicht verleugnet werden. F\u00fcr Adorno klingen einige seiner Verse indes \u201ewie Zitate beim ersten Mal, memoriert nach dem Lesebuch Gottes.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Konzentriere man sich auf die Funktion der Sprache, schlage der Konservatismus in die Moderne um. Die Verneinung des Herrschaftlichen, zumal \u00fcber die eigene Seele, sei progressiv. Seine Dichtung lasse sich vertrauensvoll treiben \u201evom Strom der Sprache und ohne Angst, in ihm zu versinken.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In einem k\u00fchlen Grunde Da geht ein M\u00fchlenrad Mein\u2019\u00a0Liebste\u00a0ist verschwunden, Die dort gewohnet hat. 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