{"id":79681,"date":"2023-11-26T00:01:01","date_gmt":"2023-11-25T23:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79681"},"modified":"2022-02-26T09:45:14","modified_gmt":"2022-02-26T08:45:14","slug":"die-neuere-romantik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/26\/die-neuere-romantik\/","title":{"rendered":"Die neuere Romantik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der vorstehenden Betrachtung sind die hervorragendsten Vorg\u00e4nger der Romantiker an unsern Blicken vor\u00fcbergegangen; bis zu ihren h\u00f6chsten Bl\u00fcten, bis zur rhetorischen Idealit\u00e4t Schillers und zur symbolischen Naturpoesie Goethes erschlo\u00df sich uns diese vom Rationalismus beherrschte Zeit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber der deutsche Geist fand hierin kein Gen\u00fcge und keine Ruhe; die Saatk\u00f6rner, welche Lessing, Hamann und Herder ausgestreut, gingen in dem sich unbefriedigt f\u00fchlenden deutschen Norden auf. Die Vermittelung zwischen der sichtbaren Natur, wie sie bei Goethe unter der sch\u00f6nsten Form in ihrer symbolischen Bedeutung erschienen war, und der Welt des Unsichtbaren unternahm ein neues Geschlecht. Allegorie und Symbolik gen\u00fcgten ihm nicht mehr; es verlangte nach einem wesentlicheren Inhalte, nach einer nahrhafteren Speise f\u00fcr den hungernden, an sich selbst nagenden Geist. So wurde es auf das Positive wieder hingef\u00fchrt. Goethes Wirklichkeit und Schillers Ideal hatten f\u00fcr dasselbe nur Bedeutung in bezug auf ein Drittes \u00fcber ihnen, wo beide bereits vers\u00f6hnt und eins sind: auf die Menschwerdung Christi, des g\u00f6ttlichen Vermittlers von Natur und Freiheit. Diese Idee erfassend, erkl\u00e4rten sie sich mit jugendlich feuriger Begeisterung zu Rittern des Christentums wider den herrschenden Rationalismus und nahmen zugleich auch alles zu H\u00fclfe, was das Christentum in den Jahrhunderten der Vergangenheit, da es geherrscht, in der Literatur der V\u00f6lker hervorgebracht hatte. \u2013Freilich aber \u00e4u\u00dferte sich dieses Bestreben zun\u00e4chst, da die J\u00fcnger ihre Milch an einer ganz andern Brust getrunken und in einer andern Luft aufgewachsen waren, als ein unsicheres Suchen und Herumtappen einer sich selbst kaum verst\u00e4ndlichen Sehnsucht. Die Poesie hatte sie vor die T\u00fcren der katholischen Kirche, vor das im Walddickicht versteckte und l\u00e4ngst vergessene Heiligtum hingef\u00fchrt; kein Wunder daher, wenn sie ihre Aufgabe, die zur guten H\u00e4lfte eine ethische war, vorz\u00fcglich als eine \u00e4sthetische nahmen und statt der sichtbaren lebendigen Kirche sich nicht selten in einem tr\u00e4umerischen Halbdunkel mit einer blo\u00dfen poetischen Symbolik dieser Kirche, einer neuen christlichen Mythologie abzufinden suchten. War jene Zeit ja doch selbst eine Feenzeit, da das wunderbare Lied, das in allen Dingen gebunden schl\u00e4ft, zu singen anhob, da die Waldeinsamkeit das uralte M\u00e4rchen der Natur wiedererz\u00e4hlte, von verfallenen Burgen und Kirchen die Glocken wie von selber anschlugen und die Wipfel sich rauschend neigten, als ginge der Herr durch die weite Stille, da\u00df der Mensch in dem Glanze betend niedersank. Es war, als erinnerte das altgewordene Geschlecht sich pl\u00f6tzlich wieder seiner sch\u00f6nern Jugendzeit, und eine tiefe Ersch\u00fctterung ging durch alle Gem\u00fcter,<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+3\" name=\"750\"><\/a>\u00a0da Schelling, Steffens, G\u00f6rres, Novalis, die Schlegel und Tieck ihr Tagewerk begannen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es bedarf wohl nur dieser Namen, um den Umfang dieser geistigen Ersch\u00fctterung anzudeuten, die alle Richtungen der neuern Bildung, Politik, Philologie und Medizin nicht ausgeschlossen, erfrischend und belebend durchdrang. Von Grund aus verj\u00fcngt aber wurde insbesondere die Poesie und gewann einen \u00fcberraschenden Reichtum an Inhalt und Formen, von dem die jetzigen Poeten, wider Wissen und Willen, noch bis auf den heutigen Tag verdrossen zehren. Auch hier begannen die Romantiker erst kritisch. Aber ihre Kritik war keine negative Demonstration; nach dem Grundsatze vielmehr: da\u00df Poesie nur durch Poesie rezensiert werden k\u00f6nne, ward sie in lebendigem dichterischem Kampfe selber zum Kunstwerk, wie Tiecks Zerbino, A. W. Schlegels meisterhafte Besprechung der damaligen literarischen Zust\u00e4nde und dessen ber\u00fchmte Triumphpforte, unter welcher der Theaterpr\u00e4sident Kotzebue feierlich begraben wurde. Ebenso traten sie der prosaischen Misere nicht mit theoretischer Langweiligkeit, sondern faktisch mit leuchtenden Vorbildern entgegen, um sie an einer gr\u00f6\u00dfern Vergangenheit aufzurichten. In diesem Sinne haben ihre noch un\u00fcbertroffenen \u00dcbersetzungen einen entscheidenden Einflu\u00df auf unsere Literatur ausge\u00fcbt. Calderon wurde von ihnen gleichsam erst entdeckt. Auch Shakespeare war bis dahin fast nur eine Geheimwissenschaft der Goetheschen Jugendgenossen, und Eschenburgs und Wielands Versuche gaben kaum den gelehrten Apparat zu einer k\u00fcnftigen \u00dcbersetzung; erst durch Schlegel wurde er wirklich deutsch und popul\u00e4r.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und hier k\u00f6nnen wir nicht umhin, zugleich einen Vorwurf abzuweisen, den die neueste Zeit aufgebracht und der sich seitdem gedankenlos von Buch zu Buch forterbte, den Vorwurf n\u00e4mlich, da\u00df die Romantik eben durch jene universale Umschau das neue Geschlecht von deutscher Natur und Kunst entfremdet und einem Quietismus gehuldigt habe, der sie politisch unf\u00e4hig und f\u00fcr die gro\u00dfen Fragen der Gegenwart gleichg\u00fcltig gemacht. Denn konnte wohl, fragen wir, eine welthistorische Bewegung, wie die im Jahre 1813, die noch zu Kotzebues Zeiten f\u00fcr Narrheit gegolten h\u00e4tte, so nur von ungef\u00e4hr aus den Wolken fallen? Waren es denn nicht eben jene quietistischen Romantiker, welche das alte Sagenbuch der deutschen Nationalpoesie wieder aufgeschlagen und, auf die alten Burggeister weisend, \u00fcberall im stillen deutschen Sinn und deutsches Recht weckten und an Tugenden erinnerten, die der Gegenwart not taten? Oder habt ihr die m\u00e4nnlichen Klagen und gewaltigen Lieder schon vergessen, womit Friedrich Schlegel unausgesetzt zur Umkehr aus der moralischen Verwesung mahnte und die wie ein unsichtbarer Heerbann durch alle Herzen gingen? Und dies alles in einer Zeit, wo Napoleon sein Schwert \u00fcber Deutschland gelegt hatte, wo es keine m\u00fc\u00dfigen Spazierg\u00e4nge europam\u00fcder Poeten galt, um f\u00fcr hochtrabende Floskeln den Lobsalm der Journale einzuwechseln, sondern wo es galt, das Leben f\u00fcr den Ernst des Lebens einzusetzen. Und als es nun endlich zu <i>handeln<\/i> galt, traten G\u00f6rres, Steffens, Schenkendorf, Raumer und andere der Besten an die Spitze der Jugend, die in der Romantik aufgewachsen war und, anstatt altklug zu schwatzen, das Vaterland befreite.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Noch ist kein Menschenalter vergangen, seit diese Romantik wie eine pr\u00e4chtige Rakete funkelnd zum Himmel emporstieg und, nach kurzer wunderbarer Beleuchtung der n\u00e4chtlichen Gegend, oben in tausend bunte Sterne spurlos zerplatzte. Der P\u00f6bel lacht, und die Gebildeten, kaum noch vom Staunen und Entz\u00fccken erholt, reiben sich die Augen von der Blendung und gehen gleichg\u00fcltig wieder an ihre alten Gesch\u00e4fte. Woher der rasche Wechsel? Was hat diese Poesie verbrochen, da\u00df sie \u00fcberhaupt einmal <i>Mode<\/i> werden und ebenso schnell wieder aus der Mode kommen konnte? \u2013 Zur Verst\u00e4ndigung dieser befremdenden Erscheinung und ihrer historischen Notwendigkeit, wollen wir Reichtum, Schuld und Bu\u00dfe der Romantik in den folgenden Umrissen noch einmal an uns vor\u00fcbergehen lassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Allein seitdem haben sich die Stimmungen, Geschmack und Gesinnung so wesentlich ver\u00e4ndert, da\u00df diese Periode dem Angedenken der Jetztlebenden schon fast entschwunden ist und der Gegenwart vielfach r\u00e4tselhafter und unerkl\u00e4rlicher erscheint als manche weitabgelegenen Zust\u00e4nde. Und doch befindet sich unsere jetzige Poesie eigentlich nur in den Nachwehen jener vorzeitigen Fehlgeburt und hat jedenfalls von ihr, ohne sich dessen bewu\u00dft zu sein, ihre gegenw\u00e4rtige \u00e4u\u00dfere Gestalt empfangen. Es sei uns daher erlaubt, diesen Literaturabschnitt etwas ausf\u00fchrlicher zu behandeln und zur Rechtfertigung unserer Ansicht die Dichter, mehr als bisher, f\u00fcr sich selbst reden zu lassen, um mitten in der Verwirrung von\u00a0Sympathien und Abneigungen, Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen und Vorurteilen die Stellung m\u00f6glichst klar zu machen, welche die Romantik in dem allgemeinen Bildungsgange der Nation einzunehmen scheint.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Fragen wir aber nun nach dem eigentlichen Wesen dieser geistigen Umwandelung, wie sie damals in der sogenannten romantischen Schule erschien, so m\u00fcssen wir vor allen anderen <i>Novalis<\/i> ins Auge fassen, weil er allein schon die ganze innere Geschichte der modernen Romantik, ihre Wahrheit und ihren Irrtum, in allen ihren Hauptrichtungen darstellt, oder doch andeutet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Romantikern z\u00e4hlt Joseph von Eichendorff:\u00a0Novalis, Wackenroder,\u00a0August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel.\u00a0Adam M\u00fcller. Steffens. G\u00f6rres.\u00a0Arnim.\u00a0Tieck.\u00a0Werner.\u00a0Brentano.\u00a0Schenkendorf.\u00a0Fouqu\u00e9.\u00a0Uhland. Kerner.\u00a0Kleist.\u00a0Platen.\u00a0Hoffmann.\u00a0Immermann. R\u00fcckert. Chamisso.<\/p>\n<div class=\"zenoTRNavBottom\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99278\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Eichendorff-e1645457368227.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick auf den Geistreichtum eines guten Essays kann man den Essay als den gro\u00dfen Bruder der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> auffassen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In der vorstehenden Betrachtung sind die hervorragendsten Vorg\u00e4nger der Romantiker an unsern Blicken vor\u00fcbergegangen; bis zu ihren h\u00f6chsten Bl\u00fcten, bis zur rhetorischen Idealit\u00e4t Schillers und zur symbolischen Naturpoesie Goethes erschlo\u00df sich uns diese vom Rationalismus beherrschte Zeit. 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