{"id":79671,"date":"2022-11-26T00:01:11","date_gmt":"2022-11-25T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79671"},"modified":"2022-02-24T18:22:11","modified_gmt":"2022-02-24T17:22:11","slug":"das-marmorbild","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/26\/das-marmorbild\/","title":{"rendered":"Das Marmorbild"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein sch\u00f6ner Sommerabend, als Florio, ein junger Edelmann, langsam auf die Tore von Lucca zuritt, sich erfreuend an dem feinen Dufte, der \u00fcber der wundersch\u00f6nen Landschaft und den T\u00fcrmen und D\u00e4chern der Stadt vor ihm zitterte, sowie an den bunten Z\u00fcgen zierlicher Damen und Herren, welche sich zu beiden Seiten der Stra\u00dfe unter den hohen Kastanienalleen fr\u00f6hlichschw\u00e4rmend ergingen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da gesellte sich, auf zierlichem Zelter, desselben Weges ziehend, ein anderer Reiter in bunter Tracht, eine goldene Kette um den Hals und ein samtnes Barett mit Federn \u00fcber den dunkelbraunen Locken, freundlich gr\u00fc\u00dfend zu ihm. Beide hatten, so nebeneinander in den dunkelnden Abend hineinreitend, gar bald ein Gespr\u00e4ch angekn\u00fcpft, und dem jungen Florio d\u00fcnkte die schlanke Gestalt des Fremden, sein frisches, keckes Wesen, ja selbst seine fr\u00f6hliche Stimme so \u00fcberaus anmutig, da\u00df er gar nicht von demselben wegsehen konnte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWelches Gesch\u00e4ft f\u00fchrt Euch nach Lucca?\u00ab fragte endlich der Fremde. \u00bbIch habe eigentlich gar keine Gesch\u00e4fte\u00ab, antwortete Florio ein wenig sch\u00fcchtern. \u00bbGar keine Gesch\u00e4fte? \u2013 Nun, so seid Ihr sicherlich ein Poet!\u00ab versetzte jener lustig lachend. \u00bbDas wohl eben nicht\u00ab, erwiderte Florio und wurde \u00fcber und \u00fcber rot. \u00bbIch habe mich wohl zuweilen in der fr\u00f6hlichen Sangeskunst versucht, aber wenn ich dann wieder die alten gro\u00dfen Meister las, wie da alles wirklich da ist und leibt und lebt, was ich mir manchmal heimlich nur w\u00fcnschte und ahnete, da komm ich mir vor wie ein schwaches vom Winde verwehtes Lerchenstimmlein unter dem unerme\u00dflichen Himmelsdom.\u00ab \u2013 \u00bbJeder lobt Gott auf seine Weise\u00ab, sagte der Fremde, \u00bbund alle Stimmen zusammen machen den Fr\u00fchling.\u00ab Dabei ruhten seine gro\u00dfen, geistreichen Augen mit sichtbarem Wohlgefallen auf dem sch\u00f6nen J\u00fcnglinge, der so unschuldig in die d\u00e4mmernde Welt vor sich hinaussah.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe jetzt\u00ab, fuhr dieser nun k\u00fchner und vertraulicher fort, \u00bbdas Reisen erw\u00e4hlt, und befinde mich wie aus einem Gef\u00e4ngnis erl\u00f6st, alle alten W\u00fcnsche und Freuden sind nun auf\u00a0einmal in Freiheit gesetzt. Auf dem Lande in der Stille aufgewachsen, wie lange habe ich da die fernen blauen Berge sehns\u00fcchtig betrachtet, wenn der Fr\u00fchling wie ein zauberischer Spielmann durch unsern Garten ging und von der wundersch\u00f6nen Ferne verlockend sang und von gro\u00dfer, unerme\u00dflicher Lust.\u00ab \u2013 Der Fremde war \u00fcber die letzten Worte in tiefe Gedanken versunken. \u00bbHabt Ihr wohl jemals\u00ab, sagte er zerstreut aber sehr ernsthaft, \u00bbvon dem wunderbaren Spielmann geh\u00f6rt, der durch seine T\u00f6ne die Jugend in einen Zauberberg hinein verlockt, aus dem keiner wieder zur\u00fcckgekehrt ist? H\u00fctet Euch!\u00ab \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio wu\u00dfte nicht, was er aus diesen Worten des Fremden machen sollte, konnte ihn auch weiter darum nicht befragen; denn sie waren soeben, statt zu dem Tore, unvermerkt dem Zuge der Spazierg\u00e4nger folgend, an einen weiten, gr\u00fcnen Platz gekommen, auf dem sich ein fr\u00f6hlichschallendes Reich von Musik, bunten Zelten, Reitern und Spazierengehenden in den letzten Abendgluten schimmernd hin und her bewegte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier ist gut wohnen\u00ab, sagte der Fremde lustig, sich vom Zelter schwingend; \u00bbauf baldiges Wiedersehn!\u00ab und hiermit war er schnell in dem Gew\u00fchle verschwunden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio stand in freudigem Erstaunen einen Augenblick still vor der unerwarteten Aussicht. Dann folgte auch er dem Beispiele seines Begleiters, \u00fcbergab das Pferd seinem Diener und mischte sich in den muntern Schwarm.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Versteckte Musikch\u00f6re erschallten da von allen Seiten aus den bl\u00fchenden Geb\u00fcschen, unter den hohen B\u00e4umen wandelten sittige Frauen auf und nieder, und lie\u00dfen die sch\u00f6nen Augen musternd ergehen \u00fcber die gl\u00e4nzende Wiese, lachend und plaudernd und mit den bunten Federn nickend im lauen Abendgolde wie ein Blumenbeet, das sich im Winde wiegt. Weiterhin auf einem heiter-gr\u00fcnen Plan vergn\u00fcgten sich mehrere M\u00e4dchen mit Ballspielen. Die buntgefiederten B\u00e4lle flatterten wie Schmetterlinge, gl\u00e4nzende Bogen hin und her beschreibend, durch die blaue Luft, w\u00e4hrend die unten im Gr\u00fcnen auf und nieder schwebenden M\u00e4dchenbilder den lieblichsten Anblick gew\u00e4hrten. Besonders zog die eine durch ihre zierliche, fast noch kindliche Gestalt und die Anmut aller ihrer Bewegungen Florios Augen auf sich. Sie hatte einen vollen, bunten Blumenkranz in den Haaren und war recht wie ein fr\u00f6hliches Bild des Fr\u00fchlings anzuschauen, wie sie so<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"527\"><\/a>\u00a0\u00fcberaus frisch bald \u00fcber den Rasen dahinflog, bald sich neigte, bald wieder mit ihren anmutigen Gliedern in die heitere Luft hinauflangte. Durch ein Versehen ihrer Gegnerin nahm ihr Federball eine falsche Richtung und flatterte gerade vor Florio nieder. Er hob ihn auf und \u00fcberreichte ihn der nacheilenden Bekr\u00e4nzten. Sie stand fast wie erschrocken vor ihm und sah ihn schweigend aus den sch\u00f6nen gro\u00dfen Augen an. Dann verneigte sie sich err\u00f6tend und eilte schnell wieder zu ihren Gespielinnen zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der gr\u00f6\u00dfere, funkelnde Strom von Wagen und Reitern, der sich in der Hauptallee langsam und pr\u00e4chtig fortbewegte, wendete indes auch Florio von jenem reizenden Spiele wieder ab, und er schweifte wohl eine Stunde lang allein zwischen den ewig wechselnden Bildern umher.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDa ist der S\u00e4nger Fortunato!\u00ab h\u00f6rte er da auf einmal mehrere Frauen und Ritter neben sich ausrufen. Er sah sich schnell nach dem Platze um, wohin sie wiesen, und erblickte zu seinem gro\u00dfen Erstaunen den anmutigen Fremden, der ihn vorhin hieherbegleitet. Abseits auf der Wiese an einen Baum gelehnt, stand er soeben inmitten eines zierlichen Kranzes von Frauen und Rittern, welche seinem Gesange zuh\u00f6rten, der zuweilen von einigen Stimmen aus dem Kreise holdselig erwidert wurde. Unter ihnen bemerkte Florio auch die sch\u00f6ne Ballspielerin wieder, die in stiller Freudigkeit mit weiten offenen Augen in die Kl\u00e4nge vor sich hinaussah.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ordentlich erschrocken gedachte da Florio, wie er vorhin mit dem ber\u00fchmten S\u00e4nger, den er lange dem Rufe nach verehrte, so vertraulich geplaudert, und blieb scheu in einiger Entfernung stehen, um den lieblichen Wettstreit mit zu vernehmen. Er h\u00e4tte gern die ganze Nacht hindurch dort gestanden, so ermutigend flogen diese T\u00f6ne ihn an, und er \u00e4rgerte sich recht, als Fortunato nun so bald endigte, und die ganze Gesellschaft sich von dem Rasen erhob.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da gewahrte der S\u00e4nger den J\u00fcngling in der Ferne und kam sogleich auf ihn zu. Freundlich fa\u00dfte er ihn bei beiden H\u00e4nden und f\u00fchrte den Bl\u00f6den, ungeachtet aller Gegenreden, wie einen lieblichen Gefangenen nach dem nah gelegenen offenen Zelte, wo sich die Gesellschaft nun versammelte und ein fr\u00f6hliches Nachtmahl bereitet hatte. Alle begr\u00fc\u00dften ihn wie alte Bekannte, manche sch\u00f6ne Augen ruhten in freudigem Erstaunen auf der jungen, bl\u00fchenden Gestalt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nach mancherlei lustigem Gespr\u00e4ch lagerten sich bald alle um den runden Tisch, der in der Mitte des Zeltes stand. Erquickliche Fr\u00fcchte und Wein in hellgeschliffenen Gl\u00e4sern funkelte von dem blendend wei\u00dfen Gedeck, in silbernen Gef\u00e4\u00dfen dufteten gro\u00dfe Blumenstr\u00e4u\u00dfe, zwischen denen die h\u00fcbschen M\u00e4dchengesichter anmutig hervorsahen; drau\u00dfen spielten die letzten Abendlichter golden auf dem Rasen und dem Flusse, der spiegelglatt vor dem Zelte dahinglitt. Florio hatte sich fast unwillk\u00fcrlich zu der niedlichen Ballspielerin gesellt. Sie erkannte ihn sogleich wieder und sa\u00df still und sch\u00fcchtern da, aber die langen furchtsamen Augenwimpern h\u00fcteten nur schlecht die dunkelgl\u00fchenden Blicke.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war ausgemacht worden, da\u00df jeder in die Runde seinem Liebchen mit einem kleinen improvisierten Liedchen zutrinken solle. Der leichte Gesang, der nur gaukelnd wie ein Fr\u00fchlingswind die Oberfl\u00e4che des Lebens ber\u00fchrte, ohne es in sich selbst zu versenken, bewegte fr\u00f6hlich den Kranz heiterer Bilder um die Tafel. Florio war recht innerlichst vergn\u00fcgt, alle bl\u00f6de Bangigkeit war von seiner Seele genommen, und er sah fast tr\u00e4umerisch still vor fr\u00f6hlichen Gedanken zwischen den Lichtern und Blumen in die wundersch\u00f6ne, langsam in die Abendgluten versinkende Landschaft vor sich hinaus. Und als nun auch an ihn die Reihe kam, seinen Trinkspruch zu sagen, hob er sein Glas in die H\u00f6h und sang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJeder nennet froh die Seine,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nur stehe hier alleine,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn was fr\u00fcge wohl die Eine:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wen der Fremdling eben meine?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so mu\u00df ich, wie im Strome dort die Welle,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeh\u00f6rt verrauschen an des Fr\u00fchlings Schwelle.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine sch\u00f6ne Nachbarin sah bei diesen Worten beinah schelmisch an ihm herauf und senkte schnell wieder das K\u00f6pfchen, da sie seinem Blicke begegnete. Aber er hatte so herzlich bewegt gesungen und neigte sich nun mit den sch\u00f6nen bittenden Augen so dringend her\u00fcber, da\u00df sie es willig geschehen lie\u00df, als er sie schnell auf die roten, hei\u00dfen Lippen k\u00fc\u00dfte. \u2013 \u00bbBravo, bravo!\u00ab riefen mehrere Herren, ein mutwilliges aber argloses Lachen erschallte um den Tisch. \u2013 Florio st\u00fcrzte hastig und verwirrt sein Glas hinunter, die sch\u00f6ne Gek\u00fc\u00dfte schauete hochrot in den Scho\u00df und sah so unter dem vollen Blumenkranze unbeschreiblich reizend aus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So hatte ein jeder der Gl\u00fccklichen sein Liebchen in dem Kreise sich heiter erkoren. Nur Fortunato allein geh\u00f6rte allen oder keiner an und erschien fast einsam in dieser anmutigen Verwirrung. Er war ausgelassen lustig und mancher h\u00e4tte ihn wohl \u00fcberm\u00fctig genannt, wie er so wildwechselnd in Witz, Ernst und Scherz sich ganz und gar loslie\u00df, h\u00e4tte er dabei nicht wieder mit so fromm-klaren Augen beinah wunderbar dreingeschaut. Florio hatte sich fest vorgenommen, ihm \u00fcber Tische einmal so recht seine Liebe und Ehrfurcht, die er l\u00e4ngst f\u00fcr ihn hegte, zu sagen. Aber es wollte heute nicht gelingen, alle leisen Versuche glitten an der spr\u00f6den Lustigkeit des S\u00e4ngers ab. Er konnte ihn gar nicht begreifen. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen war indes die Gegend schon stiller geworden und feierlich, einzelne Sterne traten zwischen den Wipfeln der dunkelnden B\u00e4ume hervor, der Flo\u00df rauschte st\u00e4rker durch die erquickende K\u00fchle. Da war auch zuletzt an Fortunato die Reihe zu singen gekommen. Er sprang rasch auf, griff in seine Gitarre und sang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas klingt mir so heiter<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch Busen und Sinn?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Wolken und weiter<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo tr\u00e4gt es mich hin?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auf Bergen hoch bin ich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So einsam gestellt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und gr\u00fc\u00dfe herzinnig,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sch\u00f6n auf der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, Bacchus, dich seh ich,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie g\u00f6ttlich bist du!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein Gl\u00fchen versteh ich,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die tr\u00e4umende Ruh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O rosenbekr\u00e4nztes<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00fcnglingsbild,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein Auge wie gl\u00e4nzt es,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Flammen so mild!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist&#8217;s Liebe, ist&#8217;s Andacht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was so dich begl\u00fcckt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rings Fr\u00fchling dich anlacht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du sinnest entz\u00fcckt. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau Venus, du Frohe,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So klingend und weich,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Morgenrots Lohe<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erblick ich dein Reich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf sonnigen H\u00fcgeln<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein Zauberring. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zart&#8216; B\u00fcbchen mit Fl\u00fcgeln<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedienen dich flink,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durchs\u00e4useln die R\u00e4ume<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und laden, was fein,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als goldene Tr\u00e4ume<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur K\u00f6nigin ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Ritter und Frauen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im gr\u00fcnen Revier<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durchschw\u00e4rmen die Auen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Blumen zur Zier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jeglicher hegt sich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Liebchen im Arm,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wirrt und bewegt sich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der selige Schwarm.\u00ab \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier \u00e4nderte er pl\u00f6tzlich Weise und Ton und fuhr fort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Kl\u00e4nge verrinnen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bleichet das Gr\u00fcn,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frauen stehn sinnend,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ritter schaun k\u00fchn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und himmlisches Sehnen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geht singend durchs Blau,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da schimmert von Tr\u00e4nen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rings Garten und Au. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mitten im Feste<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erblick ich, wie mild!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den stillsten der G\u00e4ste. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Woher, einsam Bild?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit bl\u00fchendem Mohne,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der tr\u00e4umerisch gl\u00e4nzt,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Lilienkrone<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erscheint er bekr\u00e4nzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Mund schwillt zum K\u00fcssen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So lieblich und bleich,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als br\u00e4cht er ein Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus himmlischem Reich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Fackel wohl tr\u00e4gt er,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wunderbar prangt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u203aWo ist einer\u2039, fr\u00e4gt er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u203aDen heimw\u00e4rts verlangt?\u2039<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und manchmal da drehet<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fackel er um \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tiefschauend vergehet<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt und wird stumm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was hier versunken<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Blumen zum Spiel,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Siehst oben du funkeln<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Sterne nun k\u00fchl. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O J\u00fcngling vom Himmel,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie bist du so sch\u00f6n!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich la\u00df das Gewimmel,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dir will ich gehn!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was will ich noch hoffen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinauf, ach hinauf!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Himmel ist offen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nimm, Vater, mich auf!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fortunato war still und alle die \u00fcbrigen auch, denn wirklich drau\u00dfen waren nun die Kl\u00e4nge verronnen und die Musik, das Gewimmel und alle die gaukelnde Zauberei nach und nach verhallend untergegangen vor dem unerme\u00dflichen Sternenhimmel und dem gewaltigen Nachtgesange der Str\u00f6me und W\u00e4lder. Da trat ein hoher, schlanker Ritter in reichem Geschmeide, das gr\u00fcnlichgoldene Scheine zwischen die im Winde flackernden Lichter warf, in das Zelt herein. Sein Blick aus tiefen Augenh\u00f6hlen war irre flammend, das Gesicht sch\u00f6n, aber bla\u00df und w\u00fcst. Alle dachten bei seinem pl\u00f6tzlichen Erscheinen unwillk\u00fcrlich schaudernd an den stillen Gast in Fortunatos Liede. \u2013 Er aber begab sich nach einer fl\u00fcchtigen Verbeugung gegen die Gesellschaft zu dem B\u00fcfett des Zeltwirtes und schl\u00fcrfte hastig dunkelroten Wein mit den bleichen Lippen in langen Z\u00fcgen hinunter.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio fuhr ordentlich zusammen, als der Seltsame sich darauf vor allen andern zu ihm wandte und ihn als einen fr\u00fcheren Bekannten in Lucca willkommen hie\u00df. Erstaunt und nachsinnend betrachtete er ihn von oben bis unten, denn er wu\u00dfte sich durchaus nicht zu erinnern, ihn jemals gesehn zu haben. Doch war der Ritter ausnehmend beredt und sprach viel \u00fcber mancherlei Begebenheiten aus Florios fr\u00fcheren Tagen. Auch war er so genau bekannt mit der Gegend seiner Heimat, dem Garten und jedem heimischen Platz, der Florio herzlich lieb war aus alter Zeit, da\u00df sich derselbe bald mit der dunkeln Gestalt auszus\u00f6hnen anfing.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In die \u00fcbrige Gesellschaft indes schien Donati, so nannte sich der Ritter, nirgends hineinzupassen. Eine \u00e4ngstliche St\u00f6rung, deren Grund sich niemand anzugeben wu\u00dfte, wurde \u00fcberall sichtbar. Und da unterdes auch die Nacht nun v\u00f6llig hereingekommen war, so brachen bald alle auf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es begann nun ein wunderliches Gewimmel von Wagen, Pferden, Dienern und hohen Windlichtern, die seltsame Scheine auf das nahe Wasser, zwischen die B\u00e4ume und die sch\u00f6nen wirrenden Gestalten umherwarfen. Donati erschien in der wilden Beleuchtung noch viel bleicher und schauerlicher, als vorher. Das sch\u00f6ne Fr\u00e4ulein mit dem Blumenkranze hatte ihn best\u00e4ndig mit heimlicher Furcht von der Seite angesehen. Nun, da er gar auf sie zukam, um ihr mit ritterlicher Artigkeit auf den Zelter zu helfen, dr\u00e4ngte sie sich scheu an den zur\u00fcckstehenden Florio, der die Liebliche mit klopfendem Herzen in den Sattel hob. Alles war unterdes reisefertig, sie nickte ihm noch einmal von ihrem zierlichen Sitze freundlich zu, und bald war die ganze schimmernde Erscheinung in der Nacht verschwunden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war Florio recht sonderbar zumute, als er sich pl\u00f6tzlich so allein mit Donati und dem S\u00e4nger auf dem weiten leeren Platze befand. Seine Gitarre im Arme ging der letztere am Ufer des Flusses vor dem Zelte auf und nieder und schien auf neue Weisen zu sinnen, w\u00e4hrend er einzelne T\u00f6ne griff, die beschwichtigend \u00fcber die stille Wiese dahinzogen. Dann brach er pl\u00f6tzlich ab. Ein seltsamer Mi\u00dfmut schien \u00fcber seine sonst immer klaren Z\u00fcge zu fliegen, er verlangte ungeduldig fort.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Alle drei bestiegen daher nun auch ihre Pferde und zogen miteinander der nahen Stadt zu. Fortunato sprach kein Wort unterwegs, desto freundlicher ergo\u00df sich Donati in wohlgesetzten zierlichen Reden; Florio, noch im Nachklange der Lust, ritt still wie ein tr\u00e4umendes M\u00e4dchen zwischen beiden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als sie ans Tor kamen, stellte sich Donatis Ro\u00df, das schon vorher vor manchem Vor\u00fcbergehenden gescheuet, pl\u00f6tzlich fast gerade in die H\u00f6h und wollte nicht hinein. Ein funkelnder Zornesblitz fuhr, fast verzerrend, \u00fcber das Gesicht des Reiters, und ein wilder, nur halb ausgesprochener Fluch aus den zuckenden Lippen, wor\u00fcber Florio nicht wenig erstaunte, da ihm solches Wesen zu der sonstigen feinen und besonnenen Anst\u00e4ndigkeit des Ritters ganz und gar nicht zu passen schien. Doch fa\u00dfte sich dieser bald wieder. \u00bbIch wollte Euch bis in die Herberge begleiten\u00ab, sagte er l\u00e4chelnd und mit der gewohnten Zierlichkeit zu Florio gewendet, \u00bbaber mein Pferd will es anders, wie Ihr seht. Ich bewohne hier vor der Stadt ein Landhaus, wo ich Euch recht bald bei mir zu sehen hoffe.\u00ab \u2013 Und hiermit verneigte er sich, und das Pferd, in unbegreiflicher Hast und Angst kaum mehr zu halten, flog pfeilschnell mit ihm in die Dunkelheit fort, da\u00df der Wind hinter ihm dreinpfiff.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbGott sei Dank\u00ab, rief Fortunato aus, \u00bbda\u00df ihn die Nacht wieder verschlungen hat! Kam er mir doch wahrhaftig vor, wie einer von den falben, ungestalten Nachtschmetterlingen, die wie aus einem phantastischen Traume entflogen, durch die D\u00e4mmerung schwirren, und mit ihrem langen Katzenbarte und gr\u00e4\u00dflich gro\u00dfen Augen ordentlich ein Gesicht haben wollen.\u00ab Florio, der sich mit Donati schon ziemlich befreundet hatte, \u00e4u\u00dferte seine Verwunderung \u00fcber dieses harte Urteil. Aber der S\u00e4nger, durch solche erstaunliche Sanftmut nur immer mehr<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"534\"><\/a>\u00a0gereizt, schimpfte lustig fort und nannte den Ritter, zu Florios heimlichem \u00c4rger, einen Mondscheinj\u00e4ger, einen Schmachthahn, einen Renommisten in der Melancholie.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unter solcherlei Gespr\u00e4chen waren sie endlich bei der Herberge angelangt, und jeder begab sich bald in das ihm angewiesene Gemach.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio warf sich angekleidet auf das Ruhebett hin, aber er konnte lange nicht einschlafen. In seiner von den Bildern des Tages aufgeregten Seele wogte und hallte und sang es noch immer fort. Und wie die T\u00fcren im Hause nun immer seltener auf und zu gingen, nur manchmal noch eine Stimme erschallte, bis endlich Haus, Stadt und Feld in tiefe Stille versank: da war es ihm, als f\u00fchre er mit schwanenwei\u00dfen Segeln einsam auf einem mondbegl\u00e4nzten Meer. Leise schlugen die Wellen an das Schiff, Sirenen tauchten aus dem Wasser, die alle aussahen, wie das sch\u00f6ne M\u00e4dchen mit dem Blumenkranze vom vorigen Abend. Sie sang so wunderbar, traurig und ohne Ende, als m\u00fcsse er vor Wehmut untergehn. Das Schiff neigte sich unmerklich und sank langsam immer tiefer und tiefer. \u2013 Da wachte er erschrocken auf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er sprang von seinem Bett und \u00f6ffnete das Fenster. Das Haus lag am Ausgange der Stadt, er \u00fcbersah einen weiten stillen Kreis von H\u00fcgeln, G\u00e4rten und T\u00e4lern, vom Monde klar beschienen. Auch da drau\u00dfen war es \u00fcberall in den B\u00e4umen und Str\u00f6men noch wie im Verhallen und Nachhallen der vergangenen Lust, als s\u00e4nge die ganze Gegend leise, gleich den Sirenen, die er im Schlummer geh\u00f6rt. Da konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Er ergriff die Gitarre, die Fortunato bei ihm zur\u00fcckgelassen, verlie\u00df das Zimmer und ging leise durch das ruhige Haus hinab. Die T\u00fcr unten war nur angelehnt, ein Diener lag eingeschlafen auf der Schwelle. So kam er unbemerkt ins Freie und wandelte fr\u00f6hlich zwischen Weing\u00e4rten durch leere Alleen an schlummernden H\u00fctten vor\u00fcber immer weiter fort.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Zwischen den Rebengel\u00e4ndern hinaus sah er den Flu\u00df im Tale; viele wei\u00dfgl\u00e4nzende Schl\u00f6sser, hin und wieder zerstreut, ruhten wie eingeschlafne Schw\u00e4ne unten in dem Meer von Stille. Da sang er mit fr\u00f6hlicher Stimme:<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie k\u00fchl schweift sich&#8217;s bei n\u00e4cht&#8217;ger Stunde,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zither treulich in der Hand!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom H\u00fcgel gr\u00fc\u00df ich in die Runde<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Himmel und das stille Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ist da alles so verwandelt,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo ich so fr\u00f6hlich war, im Tal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Wald wie still, der Mond nur wandelt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun durch den hohen Buchensaal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Winzer Jauchzen ist verklungen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und all der bunte Lebenslauf,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Str\u00f6me nur, im Tal geschlungen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie blicken manchmal silbern auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Nachtigallen wie aus Tr\u00e4umen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erwachen oft mit s\u00fc\u00dfem Schall,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erinnernd r\u00fchrt sich in den B\u00e4umen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein heimlich Fl\u00fcstern \u00fcberall. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Freude kann nicht gleich verklingen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und von des Tages Glanz und Lust<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist so auch mir ein heimlich Singen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geblieben in der tiefsten Brust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und fr\u00f6hlich greif ich in die Saiten,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O M\u00e4dchen, jenseits \u00fcberm Flu\u00df,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du lauschest wohl und h\u00f6rst&#8217;s von weiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und kennst den S\u00e4nger an dem Gru\u00df!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er mu\u00dfte \u00fcber sich selber lachen, da er am Ende nicht wu\u00dfte, wem er das St\u00e4ndchen brachte. Denn die reizende Kleine mit dem Blumenkranze war es lange nicht mehr, die er eigentlich meinte. Die Musik bei den Zelten, der Traum auf seinem Zimmer und sein die Kl\u00e4nge und den Traum und die zierliche Erscheinung des M\u00e4dchens nachtr\u00e4umendes Herz hatte ihr Bild unmerklich und wundersam verwandelt in ein viel sch\u00f6neres, gr\u00f6\u00dferes und herrlicheres, wie er es noch nirgend gesehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So in Gedanken schritt er noch lange fort, als er unerwartet bei einem gro\u00dfen, von hohen B\u00e4umen rings umgebenen Weiher anlangte. Der Mond, der eben \u00fcber die Wipfel trat, beleuchtete scharf ein marmornes Venusbild, das dort dicht am Ufer auf einem Steine stand, als w\u00e4re die G\u00f6ttin soeben erst aus<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"536\">[536]<\/a> den Wellen aufgetaucht, und betrachte nun, selber verzaubert, das Bild der eigenen Sch\u00f6nheit, das der trunkene Wasserspiegel zwischen den leise aus dem Grunde aufbl\u00fchenden Sternen widerstrahlte. Einige Schw\u00e4ne beschrieben still ihre einf\u00f6rmigen Kreise um das Bild, ein leises Rauschen ging durch die B\u00e4ume ringsumher.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio stand wie eingewurzelt im Schauen, denn ihm kam jenes Bild wie eine langgesuchte, nun pl\u00f6tzlich erkannte Geliebte vor, wie eine Wunderblume, aus der Fr\u00fchlingsd\u00e4mmerung und tr\u00e4umerischen Stille seiner fr\u00fchesten Jugend heraufgewachsen. Je l\u00e4nger er hinsah, je mehr schien es ihm, als schl\u00fcge es die seelenvollen Augen langsam auf, als wollten sich die Lippen bewegen zum Gru\u00dfe, als bl\u00fche Leben wie ein lieblicher Gesang erw\u00e4rmend durch die sch\u00f6nen Glieder herauf. Er hielt die Augen lange geschlossen vor Blendung, Wehmut und Entz\u00fccken. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als er wieder aufblickte, schien auf einmal alles wie verwandelt. Der Mond sah seltsam zwischen Wolken hervor, ein st\u00e4rkerer Wind kr\u00e4uselte den Weiher in tr\u00fcbe Wellen, das Venusbild, so f\u00fcrchterlich wei\u00df und regungslos, sah ihn fast schreckhaft mit den steinernen Augenh\u00f6hlen aus der grenzenlosen Stille an. Ein nie gef\u00fchltes Grausen \u00fcberfiel da den J\u00fcngling. Er verlie\u00df schnell den Ort, und immer schneller und ohne auszuruhen eilte er durch die G\u00e4rten und Weinberge wieder fort, der ruhigen Stadt zu; denn auch das Rauschen der B\u00e4ume kam ihm nun wie ein verst\u00e4ndiges, vernehmliches Gefl\u00fcster vor, und die langen gespenstischen Pappeln schienen mit ihren weitgestreckten Schatten hinter ihm dreinzulangen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So kam er sichtbar verst\u00f6rt in der Herberge an. Da lag der Schlafende noch auf der Schwelle und fuhr erschrocken auf, als Florio an ihm vor\u00fcberstreifte. Florio aber schlug schnell die T\u00fcr hinter sich zu und atmete erst tief auf, als er oben sein Zimmer betrat. Hier ging er noch lange auf und nieder, ehe er sich beruhigte. Dann warf er sich aufs Bett und schlummerte endlich unter den seltsamsten Tr\u00e4umen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am folgenden Morgen sa\u00dfen Florio und Fortunato unter den hohen von der Morgensonne durchfunkelten B\u00e4umen vor der Herberge miteinander beim Fr\u00fchst\u00fcck. Florio sah bl\u00e4sser, als gew\u00f6hnlich, und angenehm \u00fcberwacht aus. \u2013 \u00bbDer Morgen\u00ab, sagte Fortunato lustig, \u00bbist ein recht kerngesunder,<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"537\"><\/a>\u00a0wildsch\u00f6ner Gesell, wie er so von den h\u00f6chsten Bergen in die schlafende Welt hinuntertauchet und von den Blumen und B\u00e4umen die Tr\u00e4nen sch\u00fcttelt und wogt und l\u00e4rmt und singt. Der macht eben nicht sonderlich viel aus den sanften Empfindungen, sondern greift k\u00fchl an alle Glieder und lacht einem ins lange Gesicht, wenn man so pre\u00dfhaft und noch ganz wie in Mondschein getaucht vor ihn hinaustritt.\u00ab \u2013 Florio sch\u00e4mte sich nun, dem S\u00e4nger, wie er sich anfangs vorgenommen, etwas von dem sch\u00f6nen Venusbilde zu sagen, und schwieg betreten still. Sein Spaziergang in der Nacht war aber von dem Diener an der Haust\u00fcr bemerkt und wahrscheinlich verraten worden, und Fortunato fuhr lachend fort: \u00bbNun, wenn Ihr&#8217;s nicht glaubt, versucht es nur einmal und stellt Euch jetzt hierher und sagt zum Exempel: \u203aO sch\u00f6ne, holde Seele, o Mondschein, du Bl\u00fctenstaub z\u00e4rtlicher Herzen\u2039 usw., ob das nicht recht zum Lachen w\u00e4re! Und doch wette ich, habt Ihr diese Nacht dergleichen oft gesagt und gewi\u00df ordentlich ernsthaft dabei ausgesehen. \u2013\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio hatte sich Fortunato ehedem immer so still und sanftm\u00fctig vorgestellt, nun verwundete ihn recht innerlichst die kecke Lustigkeit des geliebten S\u00e4ngers. Er sagte hastig, und die Tr\u00e4nen traten ihm dabei in die seelenvollen Augen: \u00bbIhr sprecht da sicherlich anders, als Euch selber zumute ist, und das solltet Ihr nimmermehr tun. Aber ich lasse mich von Euch nicht irremachen, es gibt noch sanfte und hohe Empfindungen, die wohl schamhaft sind, aber sich nicht zu sch\u00e4men brauchen, und ein stilles Gl\u00fcck, das sich vor dem lauten Tage verschlie\u00dft und nur dem Sternenhimmel den heiligen Kelch \u00f6ffnet wie eine Blume, in der ein Engel wohnt.\u00ab Fortunato sah den J\u00fcngling verwundert an, dann rief er aus: \u00bbNun wahrhaftig, Ihr seid recht ordentlich verliebt!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man hatte unterdes Fortunato, der spazierenreiten wollte, sein Pferd vorgef\u00fchrt. Freundlich streichelte er den gebogenen Hals des zierlich aufgeputzten R\u00f6\u00dfleins, das mit fr\u00f6hlicher Ungeduld den Rasen stampfte. Dann wandte er sich noch einmal zu Florio und reichte ihm gutm\u00fctig l\u00e4chelnd die Hand. \u00bbIhr tut mir doch leid\u00ab, sagte er, \u00bbes gibt gar zu viele sanfte, gute, besonders verliebte junge Leute, die ordentlich versessen sind auf Ungl\u00fccklichsein. La\u00dft das, die Melancholie, den Mondschein und alle den Plunder; und geht&#8217;s auch manchmal wirklich schlimm, nur frisch heraus in Gottes freien Morgen und da drau\u00dfen sich recht abgesch\u00fcttelt; im Gebet aus Herzensgrund \u2013 und es m\u00fc\u00dfte wahrlich mit dem B\u00f6sen zugehen, wenn Ihr nicht so recht durch und durch fr\u00f6hlich und stark werdet!\u00ab \u2013 Und hiermit schwang er sich schnell auf sein Pferd und ritt zwischen den Weinbergen und bl\u00fchenden G\u00e4rten in das farbige, schallende Land hinein, selber so bunt und freudig anzuschauen, wie der Morgen vor ihm.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio sah ihm lange nach, bis die Glanzeswogen \u00fcber dem fernen Meer zusammenschlugen. Dann ging er hastig unter den B\u00e4umen auf und nieder. Ein tiefes unbestimmtes Verlangen war von den Erscheinungen der Nacht in seiner Seele zur\u00fcckgeblieben. Dagegen hatte ihn Fortunato durch seine Reden seltsam verst\u00f6rt und verwirrt. Er wu\u00dfte nun selbst nicht mehr, was er wollte, gleich einem Nachtwandler, der pl\u00f6tzlich bei seinem Namen gerufen wird. Sinnend blieb er oftmals vor der wunderreichen Aussicht in das Land hinab stehen, als wollte er das freudig kr\u00e4ftige Walten da drau\u00dfen um Auskunft fragen. Aber der Morgen spielte nur einzelne Zauberlichter wie durch die B\u00e4ume \u00fcber ihm in sein tr\u00e4umerisch funkelndes Herz hinein, das noch in anderer Macht stand. Denn drinnen zogen die Sterne noch immerfort ihre magischen Kreise, zwischen denen das wundersch\u00f6ne Marmorbild mit neuer, unwiderstehlicher Gewalt heraufsah. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So beschlo\u00df er denn endlich, den Weiher wieder aufzusuchen, und schlug rasch denselben Pfad ein, den er in der Nacht gewandelt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie sah aber dort nun alles so anders aus! Fr\u00f6hliche Menschen durchirrten gesch\u00e4ftig die Weinberge, G\u00e4rten und Alleen, Kinder spielten ruhig auf dem sonnigen Rasen vor den H\u00fctten, die ihn in der Nacht unter den traumhaften B\u00e4umen oft gleich eingeschlafenen Sphinxen erschreckt hatten, der Mond stand fern und verbla\u00dft am klaren Himmel, unz\u00e4hlige V\u00f6gel sangen lustig im Walde durcheinander. Er konnte gar nicht begreifen, wie ihn damals hier so seltsame Furcht \u00fcberfallen konnte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bald bemerkte er indes, da\u00df er in Gedanken den rechten Weg verfehlt. Er betrachtete aufmerksam alle Pl\u00e4tze und ging zweifelhaft bald zur\u00fcck, bald wieder vorw\u00e4rts; aber vergeblich; je emsiger er suchte, je unbekannter und ganz anders kam ihm alles vor.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Lange war er so umhergeirrt. Die V\u00f6gel schwiegen schon, der Kreis der H\u00fcgel wurde nach und nach immer stiller, die Strahlen der Mittagssonne schillerten sengend \u00fcber der ganzen Gegend drau\u00dfen, die wie unter einem Schleier von Schw\u00fcle zu schlummern und zu tr\u00e4umen schien. Da kam er unerwartet an ein Tor von Eisengittern, zwischen dessen zierlich vergoldeten St\u00e4ben hindurch man in einen weiten pr\u00e4chtigen Lustgarten hineinsehen konnte. Ein Strom von K\u00fchle und Duft wehte den Erm\u00fcdeten erquickend daraus an. Das Tor war nicht verschlossen, er \u00f6ffnete es leise und trat hinein.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hohe Buchenhallen empfingen ihn da mit ihren feierlichen Schatten, zwischen denen goldene V\u00f6gel wie abgewehte Bl\u00fcten hin und wieder flatterten, w\u00e4hrend gro\u00dfe seltsame Blumen, wie sie Florio niemals gesehen, traumhaft mit ihren gelben und roten Glocken in dem leisen Winde hin und her schwankten. Unz\u00e4hlige Springbrunnen pl\u00e4tscherten, mit vergoldeten Kugeln spielend, einf\u00f6rmig in der gro\u00dfen Einsamkeit. Zwischen den B\u00e4umen hindurch sah man in der Ferne einen pr\u00e4chtigen Palast mit hohen schlanken S\u00e4ulen hereinschimmern. Kein Mensch war ringsum zu sehen, tiefe Stille herrschte \u00fcberall. Nur hin und wieder erwachte manchmal eine Nachtigall und sang wie im Schlummer fast schluchzend. Florio betrachtete verwundert B\u00e4ume, Brunnen und Blumen, denn es war ihm, als sei das alles lange versunken, und \u00fcber ihm ginge der Strom der Tage mit leichten, klaren Wellen, und unten l\u00e4ge nur der Garten gebunden und verzaubert und tr\u00e4umte von dem vergangenen Leben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er war noch nicht weit vorgedrungen, als er Lautenkl\u00e4nge vernahm, bald st\u00e4rker, bald wieder in dem Rauschen der Springbrunnen leise verhallend. Lauschend blieb er stehen, die T\u00f6ne kamen immer n\u00e4her und n\u00e4her, da trat pl\u00f6tzlich in dem stillen Bogengange eine hohe schlanke Dame von wundersamer Sch\u00f6nheit zwischen den B\u00e4umen hervor, langsam wandelnd und ohne aufzublicken. Sie trug eine pr\u00e4chtige mit goldnem Bildwerk gezierte Laute im Arm, auf der sie, wie in tiefe Gedanken versunken, einzelne Akkorde griff. Ihr langes goldenes Haar fiel in reichen Locken \u00fcber die fast blassen, blendend wei\u00dfen Achseln bis auf den R\u00fccken hinab; die langen weiten \u00c4rmel, wie vom Bl\u00fctenschnee gewoben, wurden von zierlichen goldenen Spangen gehalten; den sch\u00f6nen Leib umschlo\u00df ein himmelblaues Gewand, ringsum an den Enden mit buntgl\u00fchenden, wunderbar ineinander verschlungenen Blumen gestickt. Ein heller Sonnenblick durch eine \u00d6ffnung des<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"540\"><\/a>\u00a0Bogenganges schweifte soeben scharf beleuchtend \u00fcber die bl\u00fchende Gestalt. Florio fuhr innerlich zusammen \u2013 es waren unverkennbar die Z\u00fcge, die Gestalt des sch\u00f6nen Venusbildes, das er heute Nacht am Weiher gesehen. \u2013 Sie aber sang, ohne den Fremden zu bemerken:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas weckst du, Fr\u00fchling, mich von neuem wieder?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df all die alten W\u00fcnsche auferstehen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geht \u00fcbers Land ein wunderbares Wehen;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das schauert mir so lieblich durch die Glieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sch\u00f6ne Mutter gr\u00fc\u00dfen tausend Lieder,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die, wieder jung, im Brautkranz s\u00fc\u00df zu sehen;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wald will sprechen, rauschend Str\u00f6me gehen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Najaden tauchen singend auf und nieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rose seh ich gehn aus gr\u00fcner Klause,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und, wie so buhlerisch die L\u00fcfte f\u00e4cheln,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Err\u00f6tend in die laue Luft sich dehnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So mich auch ruft ihr aus dem stillen Hause \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schmerzlich nun mu\u00df ich im Fr\u00fchling l\u00e4cheln,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versinkend zwischen Duft und Klang vor Sehnen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So singend wandelte sie fort, bald in dem Gr\u00fcnen verschwindend, bald wiedererscheinend, immer ferner und ferner, bis sie sich endlich in der Gegend des Palastes ganz verlor. Nun war es auf einmal wieder still, nur die B\u00e4ume und Wasserk\u00fcnste rauschten wie vorher. Florio stand in bl\u00fchende Tr\u00e4ume versunken, es war ihm, als h\u00e4tte er die sch\u00f6ne Lautenspielerin schon lange gekannt und nur in der Zerstreuung des Lebens wieder vergessen und verloren, als ginge sie nun vor Wehmut zwischen dem Quellenrauschen unter und riefe ihn unaufh\u00f6rlich, ihr zu folgen. \u2013 Tiefbewegt eilte er weiter in den Garten hinein auf die Gegend zu, wo sie verschwunden war. Da kam er unter uralten B\u00e4umen an ein verfallenes Mauerwerk, an dem noch hin und wieder sch\u00f6ne Bildereien halb kenntlich waren. Unter der Mauer auf zerschlagenen Marmorsteinen und S\u00e4ulenkn\u00e4ufen, zwischen denen hohes Gras und Blumen \u00fcppig hervorschossen, lag ein schlafender Mann ausgestreckt. Erstaunt erkannte Florio den Ritter Donati. Aber seine Mienen schienen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"541\"><\/a>\u00a0im Schlafe sonderbar ver\u00e4ndert, er sah fast wie ein Toter aus. Ein heimlicher Schauer \u00fcberlief Florio bei diesem Anblick. Er r\u00fcttelte den Schlafenden heftig. Donati schlug langsam die Augen auf und sein erster Blick war so fremd, stier und wild, da\u00df sich Florio ordentlich vor ihm entsetzte. Dabei murmelte er noch zwischen Schlaf und Wachen einige dunkle Worte, die Florio nicht verstand. Als er sich endlich v\u00f6llig ermuntert hatte, sprang er rasch auf und sah Florio, wie es schien, mit gro\u00dfem Erstaunen an. \u00bbWo bin ich\u00ab, rief dieser hastig, \u00bbwer ist die edle Herrin, die in diesem sch\u00f6nen Garten wohnt?\u00ab \u2013 \u00bbWie seid Ihr\u00ab, frug dagegen Donati sehr ernst, \u00bbin diesen Garten gekommen?\u00ab Florio erz\u00e4hlte kurz den Hergang, wor\u00fcber der Ritter in ein tiefes Nachdenken versank. Der J\u00fcngling wiederholte darauf dringend seine vorigen Fragen, und Donati sagte zerstreut: \u00bbDie Dame ist eine Verwandte von mir, reich und gewaltig, ihr Besitztum ist weit im Lande verbreitet \u2013 Ihr findet sie bald da, bald dort \u2013 auch in der Stadt Lucca ist sie zuweilen.\u00ab \u2013 Florio fielen die fl\u00fcchtig hingeworfenen Worte seltsam aufs Herz, denn es wurde ihm nun immer deutlicher, was ihn vorher nur vor\u00fcbergehend angeflogen, n\u00e4mlich, da\u00df er die Dame schon einmal in fr\u00fcherer Jugend irgendwo gesehen, doch konnte er sich durchaus nicht klar besinnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie waren unterdes rasch fortgehend unvermerkt an das vergoldete Gittertor des Gartens gekommen. Es war nicht dasselbe, durch welches Florio vorhin eingetreten. Verwundert sah er sich in der unbekannten Gegend um; weit \u00fcber die Felder weg lagen die T\u00fcrme der Stadt im heitern Sonnenglanze. Am Gitter stand Donatis Pferd angebunden und scharrte schnaubend den Boden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sch\u00fcchtern \u00e4u\u00dferte nun Florio den Wunsch, die sch\u00f6ne Herrin des Gartens k\u00fcnftig einmal wiederzusehen. Donati, der bis dahin noch immer in sich versunken war, schien sich erst hier pl\u00f6tzlich zu besinnen. \u00bbDie Dame\u00ab, sagte er mit der gewohnten umsichtigen H\u00f6flichkeit, \u00bbwird sich freuen, Euch kennenzulernen. Heute jedoch w\u00fcrden wir sie st\u00f6ren, und auch mich rufen dringende Gesch\u00e4fte nach Hause. Vielleicht kann ich Euch morgen abholen.\u00ab Und hierauf nahm er in wohlgesetzten Reden Abschied von dem J\u00fcngling, bestieg sein Ro\u00df und war bald zwischen den H\u00fcgeln verschwunden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio sah ihm lange nach, dann eilte er wie ein Trunkener der Stadt zu. Dort hielt die Schw\u00fcle noch alle lebendigen Wesen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"542\"><\/a>\u00a0in den H\u00e4usern, hinter den dunkelk\u00fchlen Jalousien. Alle Gassen und Pl\u00e4tze waren so leer, Fortunato auch noch nicht zur\u00fcckgekehrt. Dem Gl\u00fccklichen wurde es hier zu enge, in trauriger Einsamkeit. Er bestieg schnell sein Pferd und ritt noch einmal ins Freie hinaus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbMorgen, morgen!\u00ab schallte es in einem fort durch seine Seele. Ihm war so unbeschreiblich wohl. Das sch\u00f6ne Marmorbild war ja lebend geworden und von seinem Steine in den Fr\u00fchling hinuntergestiegen, der stille Weiher pl\u00f6tzlich verwandelt zur unerme\u00dflichen Landschaft, die Sterne darin zu Blumen und der ganze Fr\u00fchling ein Bild der Sch\u00f6nen. \u2013 Und so durchschweifte er lange die sch\u00f6nen T\u00e4ler um Lucca, den pr\u00e4chtigen Landh\u00e4usern, Kaskaden und Grotten wechselnd vor\u00fcber, bis die Wellen des Abendrots \u00fcber dem Fr\u00f6hlichen zusammenschlugen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Sterne standen schon klar am Himmel, als er langsam durch die stillen Gassen nach seiner Herberge zog. Auf einem der einsamen Pl\u00e4tze stand ein gro\u00dfes sch\u00f6nes Haus, vom Monde hell erleuchtet. Ein Fenster war oben ge\u00f6ffnet, an dem er zwischen k\u00fcnstlich gezogenen Blumen hindurch zwei weibliche Gestalten bemerkte, die in ein lebhaftes Gespr\u00e4ch vertieft schienen. Mit Verwunderung h\u00f6rte er mehreremal deutlich seinen Namen nennen. Auch glaubte er in den einzelnen abgerissenen Worten, die die Luft her\u00fcberwehte, die Stimme der wunderbaren S\u00e4ngerin wiederzuerkennen. Doch konnte er vor den im Mondesglanz zitternden Bl\u00e4ttern und Bl\u00fcten nichts genau unterscheiden. Er hielt an, um mehr zu vernehmen. Da bemerkten ihn die beiden Damen, und es wurde auf einmal still droben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unbefriedigt ritt Florio weiter, aber wie er soeben um die Stra\u00dfenecke bog, sah er, da\u00df sich die eine von den Damen, noch einmal ihm nachblickend, zwischen den Blumen hinauslehnte und dann schnell das Fenster schlo\u00df.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am folgenden Morgen, als Florio soeben seine Traumbl\u00fcten abgesch\u00fcttelt und vergn\u00fcgt aus dem Fenster \u00fcber die in der Morgensonne funkelnden T\u00fcrme und Kuppeln der Stadt hinaussah, trat unerwartet der Ritter Donati in das Zimmer. Er war ganz schwarz gekleidet und sah heute ungew\u00f6hnlich verst\u00f6rt, hastig und beinah wild aus. Florio erschrak ordentlich vor Freude, als er ihn erblickte, denn er gedachte sogleich der<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"543\"><\/a>\u00a0sch\u00f6nen Frau. \u00bbKann ich sie sehen?\u00ab rief er ihm schnell entgegen. Donati sch\u00fcttelte verneinend mit dem Kopfe und sagte, traurig vor sich auf den Boden hinsehend: \u00bbHeute ist Sonntag.\u00ab \u2013 Dann fuhr er rasch fort, sich sogleich wieder ermannend: \u00bbAber zur Jagd wollt ich Euch abholen.\u00ab \u2013 \u00bbZur Jagd?\u00ab \u2013 erwiderte Florio h\u00f6chst verwundert, \u00bbheute am heiligen Tage?\u00ab \u2013 \u00bbNun wahrhaftig\u00ab, fiel ihm der Ritter mit einem ingrimmigen, abscheulichen Lachen ins Wort, \u00bbIhr wollt doch nicht etwa mit der Buhlerin unterm Arm zur Kirche wandern und im Winkel auf dem Fu\u00dfschemel knieen und and\u00e4chtig \u203aGott helf\u2039 sagen, wenn die Frau Base niest.\u00ab \u2013 \u00bbIch wei\u00df nicht, wie Ihr das meint\u00ab, sagte Florio, \u00bbund Ihr m\u00f6gt immer \u00fcber mich lachen, aber ich k\u00f6nnte heut nicht jagen. Wie da drau\u00dfen alle Arbeit rastet, und W\u00e4lder und Felder so geschm\u00fcckt aussehen zu Gottes Ehre, als z\u00f6gen Engel durch das Himmelblau \u00fcber sie hinweg \u2013 so still, so feierlich und gnadenreich ist diese Zeit!\u00ab \u2013 Donati stand in Gedanken am Fenster, und Florio glaubte zu bemerken, da\u00df er heimlich schauderte, wie er so in die Sonntagsstille der Felder hinaussah.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unterdes hatte sich der Glockenklang von den T\u00fcrmen der Stadt erhoben und ging wie ein Beten durch die klare Luft. Da schien Donati erschrocken, er griff nach seinem Hut und drang beinah \u00e4ngstlich in Florio, ihn zu begleiten, der es aber beharrlich verweigerte. \u00bbFort, hinaus!\u00ab \u2013 rief endlich der Ritter halblaut und wie aus tiefster, geklemmter Brust herauf, dr\u00fcckte dem erstaunten J\u00fcngling die Hand, und st\u00fcrzte aus dem Hause fort.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio wurde recht heimatlich zumute, als darauf der frische klare S\u00e4nger Fortunato, wie ein Bote des Friedens, zu ihm ins Zimmer trat. Er brachte eine Einladung auf morgen abend nach einem Landhause vor der Stadt. \u00bbMacht Euch nur gefa\u00dft\u00ab, setzte er hinzu, \u00bbIhr werdet dort eine alte Bekannte treffen!\u00ab Florio erschrak ordentlich und fragte hastig: \u00bbWen?\u00ab Aber Fortunato lehnte lustig alle Erkl\u00e4rungen ab und entfernte sich bald. Sollte es die sch\u00f6ne S\u00e4ngerin sein? \u2013 dachte Florio still bei sich, und sein Herz schlug heftig.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er begab sich dann in die Kirche, aber er konnte nicht beten, er war zu fr\u00f6hlich zerstreut. M\u00fc\u00dfig schlenderte er durch die Gassen. Da sah alles so rein und festlich aus, sch\u00f6ngeputzte Herren und Damen zogen fr\u00f6hlich und schimmernd nach den Kirchen. Aber, ach! die Sch\u00f6nste war nicht unter ihnen! \u2013 Ihm<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"544\"><\/a>\u00a0fiel dabei sein Abenteuer beim gestrigen Heimzuge ein. Er suchte die Gasse auf und fand bald das gro\u00dfe sch\u00f6ne Haus wieder; aber sonderbar! die T\u00fcr war geschlossen, alle Fenster fest zu, es schien niemand darin zu wohnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vergeblich schweifte er den ganzen folgenden Tag in der Gegend umher, um n\u00e4here Auskunft \u00fcber seine unbekannte Geliebte zu erhalten, oder sie, wo m\u00f6glich, gar wiederzusehen. Ihr Palast, sowie der Garten, den er in jener Mittagsstunde zuf\u00e4llig gefunden, war wie versunken, auch Donati lie\u00df sich nicht erblicken. Ungeduldig schlug daher sein Herz vor Freude und Erwartung, als er endlich am Abend, der Einladung zufolge, mit Fortunato, der fortw\u00e4hrend den Geheimnisvollen spielte, zum Tore hinaus dem Landhause zuritt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war schon v\u00f6llig dunkel, als sie drau\u00dfen ankamen. Mitten in einem Garten, wie es schien, lag eine zierliche Villa mit schlanken S\u00e4ulen, \u00fcber denen sich von der Zinne ein zweiter Garten von Orangen und vielerlei Blumen duftig erhob. Gro\u00dfe Kastanienb\u00e4ume standen umher und streckten k\u00fchn und seltsam beleuchtet ihre Riesenarme zwischen den aus den Fenstern dringenden Scheinen in die Nacht hinaus. Der Herr vom Hause, ein feiner fr\u00f6hlicher Mann von mittleren Jahren, den aber Florio fr\u00fcher jemals gesehn zu haben sich nicht erinnerte, empfing den S\u00e4nger und seinen Freund herzlich an der Schwelle des Hauses und f\u00fchrte sie die breiten Stufen hinan in den Saal.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Eine fr\u00f6hliche Tanzmusik scholl ihnen dort entgegen, eine gro\u00dfe Gesellschaft bewegte sich bunt und zierlich durcheinander im Glanze unz\u00e4hliger Lichter, die gleich Sternenkreisen in kristallenen Leuchtern \u00fcber dem lustigen Schwarme schwebten. Einige tanzten, andere erg\u00f6tzten sich in lebhaftem Gespr\u00e4ch, viele waren maskiert und gaben unwillk\u00fcrlich durch ihre wunderliche Erscheinung dem anmutigen Spiele oft pl\u00f6tzlich eine tiefe, fast schauerliche Bedeutung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio stand noch still geblendet, selber wie ein anmutiges Bild, zwischen den sch\u00f6nen schweifenden Bildern. Da trat ein zierliches M\u00e4dchen an ihn heran, in griechischem Gewande leicht gesch\u00fcrzt, die sch\u00f6nen Haare in k\u00fcnstliche Kr\u00e4nze geflochten. Eine Larve verbarg ihr halbes Gesicht und lie\u00df die untere H\u00e4lfte nun desto rosiger und reizender sehen. Sie verneigte sich fl\u00fcchtig, \u00fcberreichte ihm eine Rose und war schnell wieder in dem Schwarme verloren.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In demselben Augenblicke bemerkte er auch, da\u00df der Herr<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"545\"><\/a>\u00a0vom Hause dicht bei ihm stand, ihn pr\u00fcfend ansah, aber schnell wegblickte, als Florio sich umwandte. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Verwundert durchstrich nun der letztere die rauschende Menge. Was er heimlich gehofft, fand er nirgends, und er machte sich beinah Vorw\u00fcrfe, dem fr\u00f6hlichen Fortunato so leichtsinnig auf dieses Meer von Lust gefolgt zu sein, das ihn nun immer weiter von jener einsamen hohen Gestalt zu verschlagen schien. Sorglos umsp\u00fclten indes die losen Wellen, schmeichlerisch neckend den Gedankenvollen und tauschten ihm unmerklich die Gedanken aus. Wohl kommt die Tanzmusik, wenn sie auch nicht unser Innerstes ersch\u00fcttert und umkehrt, recht wie ein Fr\u00fchling leise und gewaltig \u00fcber uns, die T\u00f6ne tasten zauberisch wie die ersten Sommerblicke nach der Tiefe und wecken alle die Lieder, die unten gebunden schliefen, und Quellen und Blumen und uralte Erinnerungen und das ganze eingefrorne, schwere, stockende Leben wird ein leichter klarer Strom, auf dem das Herz mit rauschenden Wimpeln den lange aufgegebenen W\u00fcnschen fr\u00f6hlich wieder zuf\u00e4hrt. So hatte die allgemeine Lust auch Florio gar bald angesteckt, ihm war recht leicht zumute, als m\u00fc\u00dften sich alle R\u00e4tsel, die so schw\u00fcl auf ihm lasteten, l\u00f6sen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Neugierig suchte er nun die niedliche Griechin wieder auf. Er fand sie in einem lebhaften Gespr\u00e4ch mit andern Masken, aber er bemerkte wohl, da\u00df auch ihre Augen mitten im Gespr\u00e4ch suchend abseits schweiften und ihn schon von fern wahrgenommen hatten. Er forderte sie zum Tanze. Sie verneigte sich freundlich, aber ihre bewegliche Lebhaftigkeit schien wie gebrochen, als er ihre Hand ber\u00fchrte und festhielt. Sie folgte ihm still und mit gesenktem K\u00f6pfchen, man wu\u00dfte nicht, ob schelmisch, oder traurig. Die Musik begann, und er konnte keinen Blick verwenden von der reizenden Gauklerin, die ihn gleich den Zaubergestalten auf den alten fabelhaften Schildereien umschwebte. \u00bbDu kennst mich\u00ab, fl\u00fcsterte sie kaum h\u00f6rbar ihm zu, als sich einmal im Tanze ihre Lippen fl\u00fcchtig beinah ber\u00fchrten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Tanz war endlich aus, die Musik hielt pl\u00f6tzlich inne; da glaubte Florio seine sch\u00f6ne T\u00e4nzerin am anderen Ende des Saales noch einmal wiederzusehen. Es war dieselbe Tracht, dieselben Farben des Gewandes, derselbe Haarschmuck. Das sch\u00f6ne Bild schien unverwandt auf ihn herzusehen und stand fortw\u00e4hrend still im Schwarme der nun \u00fcberall zerstreuten<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"546\"><\/a>\u00a0T\u00e4nzer, wie ein heiteres Gestirn zwischen dem leichten fliegenden Gew\u00f6lk bald untergeht, bald lieblich wieder erscheint. Die zierliche Griechin schien die Erscheinung nicht zu bemerken, oder doch nicht zu beachten, sondern verlie\u00df, ohne ein Wort zu sagen, mit einem leisen fl\u00fcchtigen H\u00e4ndedruck eilig ihren T\u00e4nzer.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Saal war unterdes ziemlich leer geworden. Alles schw\u00e4rmte in den Garten hinab, um sich in der lauen Luft zu ergehen, auch jenes seltsame Doppelbild war verschwunden. Florio folgte dem Zuge und schlenderte gedankenvoll durch die hohen Bogeng\u00e4nge. Die vielen Lichter warfen einen zauberischen Schein zwischen das zitternde Laub. Die hin und her schweifenden Masken, mit ihren ver\u00e4nderten grellen Stimmen und wunderbarem Aufzuge, nahmen sich hier in der ungewissen Beleuchtung noch viel seltsamer und fast gespenstisch aus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er war eben, unwillk\u00fcrlich einen einsamen Pfad einschlagend, ein wenig von der Gesellschaft abgekommen, als er eine liebliche Stimme zwischen den Geb\u00fcschen singen h\u00f6rte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u00dcber die begl\u00e4nzten Gipfel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fernher kommt es wie ein Gr\u00fc\u00dfen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fl\u00fcsternd neigen sich die Wipfel,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ob sie sich wollten k\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist er doch so sch\u00f6n und milde!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stimmen gehen durch die Nacht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Singen heimlich von dem Bilde \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach, ich bin so froh erwacht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Plaudert nicht so laut, ihr Quellen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissen darf es nicht der Morgen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Mondnacht linde Wellen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Senk ich stille Gl\u00fcck und Sorgen.\u00ab \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Florio folgte dem Gesange und kam auf einen offnen runden Rasenplatz, in dessen Mitte ein Springbrunnen lustig mit den Funken des Mondlichts spielte. Die Griechin sa\u00df, wie eine sch\u00f6ne Najade, auf dem steinernen Becken. Sie hatte die Larve abgenommen und spielte gedankenvoll mit einer Rose in dem schimmernden Wasserspiegel. Schmeichlerisch schweifte der Mondschein \u00fcber den blendend wei\u00dfen Nacken auf und nieder,<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"547\"><\/a>\u00a0ihr Gesicht konnte er nicht sehen, denn sie hatte ihm den R\u00fccken zugekehrt. \u2013 Als sie die Zweige hinter sich rauschen h\u00f6rte, sprang das sch\u00f6ne Bildchen rasch auf, steckte die Larve vor und floh, schnell wie ein aufgescheuchtes Reh, wieder zur Gesellschaft zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio mischte sich nun auch wieder in die bunten Reihen der Spaziergehenden. Manch zierliches Liebeswort schallte da leise durch die laue Luft, der Mondschein hatte mit seinen unsichtbaren F\u00e4den alle die Bilder wie in ein goldnes Liebesnetz verstrickt, in das nur die Masken mit ihren ungeselligen Parodien manche komische L\u00fccke gerissen. Besonders hatte Fortunato sich diesen Abend mehreremal verkleidet und trieb fortw\u00e4hrend seltsam wechselnd sinnreichen Spuk, immer neu und unerkannt, und oft sich selber \u00fcberraschend durch die K\u00fchnheit und tiefe Bedeutsamkeit seines Spieles, so da\u00df er manchmal pl\u00f6tzlich still wurde vor Wehmut, wenn die andern sich halb totlachen wollten. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die sch\u00f6ne Griechin lie\u00df sich indes nirgends sehen, sie schien es absichtlich zu vermeiden, dem Florio wieder zu begegnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dagegen hatte ihn der Herr vom Hause recht in Beschlag genommen. K\u00fcnstlich und weit ausholend befragte ihn derselbe weitl\u00e4ufig um sein fr\u00fcheres Leben, seine Reisen und seinen k\u00fcnftigen Lebensplan. Florio konnte dabei gar nicht vertraulich werden, denn Pietro, so hie\u00df jener, sah fortw\u00e4hrend so beobachtend aus, als l\u00e4ge hinter allen den feinen Redensarten irgendein besonderer Anschlag auf der Lauer. Vergebens sann er hin und her, dem Grunde dieser zudringlichen Neugier auf die Spur zu kommen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich soeben wieder von ihm losgemacht, als er, um den Ausgang einer Allee herumbiegend, mehreren Masken begegnete, unter denen er unerwartet die Griechin wiedererblickte. Die Masken sprachen viel und seltsam durcheinander, die eine Stimme schien ihm bekannt, doch konnte er sich nicht deutlich besinnen. Bald darauf verlor sich eine Gestalt nach der andern, bis er sich am Ende, eh er sich dessen recht versah, allein mit dem M\u00e4dchen befand. Sie blieb z\u00f6gernd stehen und sah ihn einige Augenblicke schweigend an. Die Larve war fort, aber ein kurzer, bl\u00fctenwei\u00dfer Schleier, mit allerlei wunderlichen goldgestickten Figuren verziert, verdeckte das Gesichtchen. Er wunderte sich, da\u00df die Scheue nun so allein bei ihm aushielt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIhr habt mich in meinem Gesange belauscht\u00ab, sagte sie endlich freundlich. Es waren die ersten lauten Worte, die er von ihr vernahm. Der melodische Klang ihrer Stimme drang ihm durch die Seele, es war, als r\u00fchrte sie erinnernd an alles Liebe, Sch\u00f6ne und Fr\u00f6hliche, was er im Leben erfahren. Er entschuldigte seine K\u00fchnheit und sprach verwirrt von der Einsamkeit, die ihn verlockt, seiner Zerstreuung, dem Rauschen der Wasserkunst. \u2013 Einige Stimmen n\u00e4herten sich unterdes dem Platze. Das M\u00e4dchen blickte scheu um sich und ging rasch tiefer in die Nacht hinein. Sie schien es gern zu sehen, da\u00df Florio ihr folgte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">K\u00fchn und vertraulicher bat er sie nun, sich nicht l\u00e4nger zu verbergen, oder doch ihren Namen zu sagen, damit ihre liebliche Erscheinung unter den tausend verwirrenden Bildern des Tages ihm nicht wieder verlorenginge. \u00bbLa\u00dft das\u00ab, erwiderte sie tr\u00e4umerisch, \u00bbnehmt die Blumen des Lebens fr\u00f6hlich, wie sie der Augenblick gibt, und forscht nicht nach den Wurzeln im Grunde, denn unten ist es freudlos und still.\u00ab Florio sah sie erstaunt an; er begriff nicht, wie solche r\u00e4tselhafte Worte in den Mund des heitern M\u00e4dchens kamen. Das Mondlicht fiel eben wechselnd zwischen den B\u00e4umen auf ihre Gestalt. Da kam es ihm auch vor, als sei sie nun gr\u00f6\u00dfer, schlanker und edler, als vorhin beim Tanze und am Springbrunnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie waren indes bis an den Ausgang des Gartens gekommen. Kleine Lampe brannte mehr hier, nur manchmal h\u00f6rte man noch eine Stimme in der Ferne verhallend. Drau\u00dfen ruhte der weite Kreis der Gegend still und feierlich im pr\u00e4chtigen Mondschein. Auf einer Wiese, die vor ihnen lag, bemerkte Florio mehrere Pferde und Menschen, in dem D\u00e4mmerlichte halbkenntlich durcheinanderwirrend.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier blieb seine Begleiterin pl\u00f6tzlich stehen. \u00bbEs wird mich erfreuen\u00ab, sagte sie, \u00bbEuch einmal in meinem Hause zu sehen. Unser Freund wird Euch hingeleiten. \u2013 Lebt wohl!\u00ab \u2013 Bei diesen Worten schlug sie den Schleier zur\u00fcck, und Florio fuhr erschrocken zusammen. \u2013 Es war die wunderbare Sch\u00f6ne, deren Gesang er in jenem mittagschw\u00fclen Garten belauscht. \u2013 Aber ihr Gesicht, das der Mond hell beschien, kam ihm bleich und regungslos vor, fast wie damals das Marmorbild am Weiher.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er sah nun, wie sie \u00fcber die Wiese dahinging, von mehreren reichgeschm\u00fcckten Dienern empfangen wurde, und in einem<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"549\"><\/a>\u00a0schnell umgeworfenen schimmernden Jagdkleide einen schneewei\u00dfen Zelter bestieg. Wie festgebannt von Staunen, Freude und einem heimlichen Grauen, das ihn innerlichst \u00fcberschlich, blieb er stehen, bis Pferde, Reiter und die ganze seltsame Erscheinung in die Nacht verschwunden war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein Rufen aus dem Garten weckte ihn endlich aus seinen Tr\u00e4umen. Er erkannte Fortunatos Stimme und eilte, den Freund zu erreichen, der ihn schon l\u00e4ngst vermi\u00dft und vergebens aufgesucht hatte. Dieser wurde seiner kaum gewahr, als er ihm schon entgegensang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbStill in Luft<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gebart,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Duft<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hebt sich&#8217;s zart,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebchen ruft,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebster schweift<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Luft;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sternw\u00e4rts greift,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seufzt und ruft,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herz wird bang,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Matt wird Duft,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeit wird lang<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Mondscheinduft<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luft in Luft<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleibt Liebe und Liebste, wie sie gewesen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wo seid Ihr denn auch so lange herumgeschwebt?\u00ab schlo\u00df er endlich lachend. \u2013 Um keinen Preis h\u00e4tte Florio sein Geheimnis verraten k\u00f6nnen. \u00bbLange?\u00ab erwiderte er nur, selber erstaunt. Denn in der Tat war der Garten unterdes ganz leer geworden, alle Beleuchtung fast erloschen, nur wenige Lampen flackerten noch ungewi\u00df, wie Irrlichter, im Winde hin und her.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Fortunato drang nicht weiter in den J\u00fcngling, und schweigend stiegen sie in dem still gewordenen Hause die Stufen hinan. \u00bbIch l\u00f6se nun mein Wort\u00ab, sagte Fortunato, indem sie auf der Terrasse \u00fcber dem Dache der Villa anlangten, wo noch eine kleine Gesellschaft unter dem heiter gestirnten Himmel versammelt war. Florio erkannte sogleich mehrere Gesichter, die er an jenem ersten fr\u00f6hlichen Abend bei den Zelten gesehen. Mitten unter ihnen erblickte er auch seine sch\u00f6ne Nachbarin<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"550\"><\/a>\u00a0wieder. Aber der fr\u00f6hliche Blumenkranz fehlte heute in den Haaren, ohne Band, ohne Schmuck wallten die sch\u00f6nen Locken um das K\u00f6pfchen und den zierlichen Hals. Er stand fast betroffen still bei dem Anblick. Die Erinnerung an jenen Abend \u00fcberflog ihn mit einer seltsam wehm\u00fctigen Gewalt. Es war ihm, als sei das schon lange her, so ganz anders war alles seitdem geworden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Fr\u00e4ulein wurde Bianca genannt, und ihm als Pietros Nichte vorgestellt. Sie schien ganz versch\u00fcchtert, als er sich ihr n\u00e4herte, und wagte es kaum, zu ihm aufzublicken. Er \u00e4u\u00dferte ihr seine Verwunderung, sie diesen Abend hindurch nicht gesehen zu haben. \u00bbIhr habt mich \u00f6fter gesehen\u00ab, sagte sie leise, und er glaubte dieses Fl\u00fcstern wiederzuerkennen. \u2013 W\u00e4hrenddes wurde sie die Rose an seiner Brust gewahr, welche er von der Griechin erhalten, und schlug err\u00f6tend die Augen nieder. Florio bemerkte es wohl, ihm fiel dabei ein, wie er nach dem Tanze die Griechin doppelt gesehen. Mein Gott! dachte er verwirrt bei sich, wer war denn das? \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist gar seltsam\u00ab, unterbrach sie ablenkend das Stillschweigen, \u00bbso pl\u00f6tzlich aus der lauten Lust in die weite Nacht hinauszutreten. Seht nur, die Wolken gehn oft so schreckhaft wechselnd \u00fcber den Himmel, da\u00df man wahnsinnig werden m\u00fc\u00dfte, wenn man lange hineins\u00e4he; bald wie ungeheure Mondgebirge mit schwindligen Abgr\u00fcnden und schrecklichen Zacken, ordentlich wie Gesichter, bald wieder wie Drachen, oft pl\u00f6tzlich lange H\u00e4lse ausstreckend, und drunter schie\u00dft der Flu\u00df heimlich wie eine goldne Schlange durch das Dunkel, das wei\u00dfe Haus da dr\u00fcben sieht aus wie ein stilles Marmorbild.\u00ab \u2013 \u00bbWo?\u00ab fuhr Florio, bei diesem Worte heftig erschreckt, aus seinen Gedanken auf. \u2013 Das M\u00e4dchen sah ihn verwundert an, und beide schwiegen einige Augenblicke still. \u2013 \u00bbIhr werdet Lucca verlassen?\u00ab sagte sie endlich z\u00f6gernd und leise, als f\u00fcrchtete sie sich vor einer Antwort. \u00bbNein\u00ab, erwiderte Florio zerstreut, \u00bbdoch, ja, ja, bald, recht sehr bald!\u00ab \u2013 Sie schien noch etwas sagen zu wollen, wandte aber pl\u00f6tzlich, die Worte zur\u00fcckdr\u00e4ngend, ihr Gesicht ab in die Dunkelheit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er konnte endlich den Zwang nicht l\u00e4nger aushalten. Sein Herz war so voll und gepre\u00dft und doch so \u00fcberselig. Er nahm schnell Abschied, eilte hinab und ritt ohne Fortunato und alle Begleitung in die Stadt zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Fenster in seinem Zimmer stand offen, er blickte fl\u00fcchtig<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"551\"><\/a>\u00a0noch einmal hinaus. Die Gegend drau\u00dfen lag unkenntlich und still wie eine wunderbar verschr\u00e4nkte Hieroglyphe im zauberischen Mondschein. Er schlo\u00df das Fenster fast erschrocken und warf sich auf sein Ruhebett hin, wo er als ein Fieberkranker in die wunderlichsten Tr\u00e4ume versank.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bianca aber sa\u00df noch lange auf der Terrasse oben. Alle andern hatten sich zur Ruhe begeben, hin und wieder erwachte schon manche Lerche, mit ungewissem Liede hoch durch die stille Luft schweifend; die Wipfel der B\u00e4ume fingen an sich unten zu r\u00fchren, falbe Morgenlichter flogen wechselnd \u00fcber ihr erwachtes, von den freigelassenen Locken nachl\u00e4ssig umwalltes Gesicht. \u2013 Man sagt, da\u00df einem M\u00e4dchen, wenn sie in einem, aus neunerlei Blumen geflochtenen Kranze einschl\u00e4ft, ihr k\u00fcnftiger Br\u00e4utigam im Traume erscheine. So eingeschlummert hatte Bianca nach jenem Abend bei den Zelten Florio im Traume gesehen. \u2013 Nun war alles L\u00fcge, er war ja so zerstreut, so kalt und fremde! \u2013 Sie zerpfl\u00fcckte die tr\u00fcgerischen Blumen, die sie bis jetzt wie einen Brautkranz aufbewahrt. Dann lehnte sie die Stirn an das kalte Gel\u00e4nder und weinte aus Herzensgrunde.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrere Tage waren seitdem vergangen, da befand sich Florio eines Nachmittags bei Donati auf seinem Landhause vor der Stadt. An einem mit Fr\u00fcchten und k\u00fchlem Wein besetzten Tische verbrachten sie die schw\u00fclen Stunden unter anmutigen Gespr\u00e4chen, bis die Sonne schon tief hinabgesunken war. W\u00e4hrenddes lie\u00df Donati seinen Diener auf der Gitarre spielen, der ihr gar liebliche T\u00f6ne zu entlocken wu\u00dfte. Die gro\u00dfen, weiten Fenster standen dabei offen, durch welche die lauen Abendl\u00fcfte den Duft vielfacher Blumen, mit denen das Fenster besetzt war, hineinwehten. Drau\u00dfen lag die Stadt im farbigen Duft zwischen den G\u00e4rten und Weinbergen, von denen ein fr\u00f6hliches Schallen durch die Fenster heraufkam. Florio war innerlichst vergn\u00fcgt, denn er gedachte im stillen immerfort der sch\u00f6nen Frau.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddes lie\u00dfen sich drau\u00dfen Waldh\u00f6rner aus der Ferne vernehmen. Bald n\u00e4her, bald weit, gaben sie einander unabl\u00e4ssig anmutig Antwort von den gr\u00fcnen Bergen. Donati trat ans Fenster. \u00bbDas ist die Dame\u00ab, sagte er, \u00bbdie Ihr in dem sch\u00f6nen Garten gesehen habt, sie kehrt soeben von der Jagd nach ihrem Schlosse zur\u00fcck.\u00ab Florio blickte hinaus. Da sah er<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"552\"><\/a>\u00a0das Fr\u00e4ulein auf einem sch\u00f6nen Zelter unten \u00fcber den gr\u00fcnen Anger ziehen. Ein Falke, mit einer goldenen Schnur an ihren G\u00fcrtel befestigt, sa\u00df auf ihrer Hand, ein Edelstein an ihrer Brust warf in der Abendsonne lange, gr\u00fcnlichgoldne Scheine \u00fcber die Wiese hin. Sie nickte freundlich zu ihm herauf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Fr\u00e4ulein ist nur selten zu Hause\u00ab, sagte Donati, \u00bbwenn es Euch gef\u00e4llig w\u00e4re, k\u00f6nnten wir sie noch heute besuchen.\u00ab Florio fuhr bei diesen Worten freudig aus dem tr\u00e4umerischen Schauen, in das er versunken stand, er h\u00e4tte dem Ritter um den Hals fallen m\u00f6gen. \u2013 Und bald sa\u00dfen beide drau\u00dfen zu Pferde.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie waren noch nicht lange geritten, als sich der Palast mit seiner heitern S\u00e4ulenpracht vor ihnen erhob, ringsum von dem sch\u00f6nen Garten, wie von einem fr\u00f6hlichen Blumenkranz umgeben. Von Zeit zu Zeit schwangen sich Wasserstrahlen von den vielen Springbrunnen, wie jauchzend, bis \u00fcber die Wipfel der Geb\u00fcsche, hell im Abendgolde funkelnd. \u2013 Florio verwunderte sich, wie er bisher niemals den Garten wiederfinden konnte. Sein Herz schlug laut vor Entz\u00fccken und Erwartung, als sie endlich bei dem Schlosse anlangten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mehrere Diener eilten herbei, ihnen die Pferde abzunehmen. Das Schlo\u00df selbst war ganz von Marmor, und seltsam, fast wie ein heidnischer Tempel erbaut. Das sch\u00f6ne Ebenma\u00df aller Teile, die wie jugendliche Gedanken hoch aufstrebenden S\u00e4ulen, die k\u00fcnstlichen Verzierungen, s\u00e4mtliche Geschichten aus einer fr\u00f6hlichen, lange versunkenen Welt darstellend, die sch\u00f6nen marmornen G\u00f6tterbilder endlich, die \u00fcberall in den Nischen umherstanden, alles erf\u00fcllte die Seele mit einer unbeschreiblichen Heiterkeit. Sie betraten nun die weite Halle, die durch das ganze Schlo\u00df hindurchging. Zwischen den luftigen S\u00e4ulen gl\u00e4nzte und wehte ihnen \u00fcberall der Garten duftig entgegen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf den breiten glattpolierten Stufen, die in den Garten hinabf\u00fchrten, trafen sie endlich auch die sch\u00f6ne Herrin des Palastes, die sie mit gro\u00dfer Anmut willkommen hie\u00df. \u2013 Sie ruhte, halb liegend, auf einem Ruhebett von k\u00f6stlichen Stoffen. Das Jagdkleid hatte sie abgelegt, ein himmelblaues Gewand, von einem wunderbar zierlichen G\u00fcrtel zusammengehalten, umschlo\u00df die sch\u00f6nen Glieder. Ein M\u00e4dchen, neben ihr kniend, hielt ihr einen reichverzierten Spiegel vor, w\u00e4hrend mehrere andere besch\u00e4ftigt waren, ihre anmutige Gebieterin mit Rosen zu schm\u00fccken. Zu ihren F\u00fc\u00dfen war ein Kreis von Jungfrauen auf dem Rasen gelagert, die sangen mit abwechselnden Stimmen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"553\"><\/a>\u00a0zur Laute, bald hinrei\u00dfend fr\u00f6hlich, bald leise klagend, wie Nachtigallen in warmen Sommern\u00e4chten einander Antwort geben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In dem Garten selbst sah man \u00fcberall ein erfrischendes Wehen und Regen. Viele fremde Herren und Damen wandelten da zwischen den Rosengeb\u00fcschen und Wasserk\u00fcnsten in artigen Gespr\u00e4chen auf und nieder. Reichgeschm\u00fcckte Edelknaben reichten Wein und mit Blumen verdeckte Orangen und Fr\u00fcchte in silbernen Schalen umher. Weiter in der Ferne, wie die Lautenkl\u00e4nge und die Abendstrahlen so \u00fcber die Blumenfelder dahinglitten, erhoben sich hin und her sch\u00f6ne M\u00e4dchen, wie aus Mittagstr\u00e4umen erwachend, aus den Blumen, sch\u00fcttelten die dunkeln Locken aus der Stirn, wuschen sich die Augen in den klaren Springbrunnen, und mischten sich dann auch in den fr\u00f6hlichen Schwarm.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florios Blicke schweiften wie geblendet \u00fcber die bunten Bilder, immer mit neuer Trunkenheit wieder zu der sch\u00f6nen Herrin des Schlosses zur\u00fcckkehrend. Diese lie\u00df sich in ihrem kleinen anmutigen Gesch\u00e4ft nicht st\u00f6ren. Bald etwas an ihrem dunkeln duftenden Lockengeflecht verbessernd, bald wieder im Spiegel sich betrachtend, sprach sie dabei fortw\u00e4hrend zu dem J\u00fcngling, mit gleichg\u00fcltigen Dingen in zierlichen Worten holdselig spielend. Zuweilen wandte sie sich pl\u00f6tzlich um und blickte ihn unter den Rosenkr\u00e4nzen so unbeschreiblich lieblich an, da\u00df es ihm durch die innerste Seele ging. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Nacht hatte indes schon angefangen, zwischen die fliegenden Abendlichter hinein zu dunkeln, das lustige Schallen im Garten wurde nach und nach zum leisen Liebesgefl\u00fcster, der Mondschein legte sich zauberisch \u00fcber die sch\u00f6nen Bilder. Da erhob sich die Dame von ihrem blumigen Sitze und fa\u00dfte Florio freundlich bei der Hand, um ihn in das Innere ihres Schlosses zu f\u00fchren, von dem er bewundernd gesprochen. Viele von den andern folgten ihnen nach. Sie gingen einige Stufen auf und nieder, die Gesellschaft zerstreute sich inzwischen lustig, lachend und scherzend durch die vielfachen S\u00e4uleng\u00e4nge, auch Donati war im Schwarme verloren, und bald befand sich Florio mit der Dame allein in einem der pr\u00e4chtigsten Gem\u00e4cher des Schlosses.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die sch\u00f6ne F\u00fchrerin lie\u00df sich hier auf mehrere am Boden liegende seidene Kissen nieder. Sie warf dabei, zierlich wechselnd, ihren weiten, bl\u00fctenwei\u00dfen Schleier in die mannigfaltigsten\u00a0Richtungen, immer sch\u00f6nere Formen bald enth\u00fcllend, bald lose verbergend. Florio betrachtete sie mit flammenden Augen. Da begann auf einmal drau\u00dfen in dem Garten ein wundersch\u00f6ner Gesang. Es war ein altes frommes Lied, das er in seiner Kindheit oft geh\u00f6rt und seitdem \u00fcber den wechselnden Bildern der Reise fast vergessen hatte. Er wurde ganz zerstreut, denn es kam ihm zugleich vor, als w\u00e4re es Fortunatos Stimme. \u2013 \u00bbKennt Ihr den S\u00e4nger?\u00ab fragte er rasch die Dame. Diese schien ordentlich erschrocken und verneinte es verwirrt. Dann sa\u00df sie lange im stummen Nachsinnen da.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio hatte unterdes Zeit und Freiheit, die wunderlichen Verzierungen des Gemaches genau zu betrachten. Es war nur matt durch einige Kerzen erleuchtet, die von zwei ungeheuren, aus der Wand hervorragenden Armen gehalten wurden. Hohe, ausl\u00e4ndische Blumen, die in k\u00fcnstlichen Kr\u00fcgen umherstanden, verbreiteten einen berauschenden Duft. Gegen\u00fcber stand eine Reihe marmorner Bilds\u00e4ulen, \u00fcber deren reizende Formen die schwankenden Lichter l\u00fcstern auf und nieder schweiften. Die \u00fcbrigen W\u00e4nde f\u00fcllten k\u00f6stliche Tapeten mit in Seide gewirkten lebensgro\u00dfen Historien von ausnehmender Frische.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit Verwunderung glaubte Florio, in allen den Damen, die er in diesen letzteren Schildereien erblickte, die sch\u00f6ne Herrin des Hauses deutlich wiederzuerkennen. Bald erschien sie, den Falken auf der Hand, wie er sie vorhin gesehen hatte, mit einem jungen Ritter auf die Jagd reitend, bald war sie in einem pr\u00e4chtigen Rosengarten vorgestellt, wie ein anderer sch\u00f6ner Edelknabe auf den Knien zu ihren F\u00fc\u00dfen lag.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da flog es ihn pl\u00f6tzlich wie von den Kl\u00e4ngen des Liedes drau\u00dfen an, da\u00df er zu Hause in fr\u00fcher Kindheit oftmals ein solches Bild gesehen, eine wundersch\u00f6ne Dame in derselben Kleidung, einen Ritter zu ihren F\u00fc\u00dfen, hinten einen weiten Garten mit vielen Springbrunnen und k\u00fcnstlich geschnittenen Alleen, geradeso wie vorhin der Garten drau\u00dfen erschienen. Auch Abbildungen von Lucca und anderen ber\u00fchmten St\u00e4dten erinnerte er sich dort gesehen zu haben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er erz\u00e4hlte es nicht ohne tiefe Bewegung der Dame. \u00bbDamals\u00ab, sagte er in Erinnerungen verloren, \u00bbwenn ich so an schw\u00fclen Nachmittagen in dem einsamen Lusthause unseres Gartens vor den alten Bildern stand und die wunderlichen T\u00fcrme der St\u00e4dte, die Br\u00fccken und Alleen betrachtete, wie da pr\u00e4chtige Karossen fuhren und stattliche Kavaliers einherritten, die Damen in den Wagen begr\u00fc\u00dfend \u2013 da dachte ich nicht, da\u00df das alles einmal lebendig werden w\u00fcrde um mich herum. Mein Vater trat dabei oft zu mir und erz\u00e4hlte mir manch lustiges Abenteuer, das ihm auf seinen jugendlichen Heeresfahrten in der und jener von den abgemalten St\u00e4dten begegnet. Dann pflegte er gew\u00f6hnlich lange Zeit nachdenklich in dem stillen Garten auf und ab zu gehen. \u2013 Ich aber warf mich in das tiefste Gras und sah stundenlang zu, wie Wolken \u00fcber die schw\u00fcle Gegend wegzogen. Die Gr\u00e4ser und Blumen schwankten leise hin und her \u00fcber mir, als wollten sie seltsame Tr\u00e4ume weben, die Bienen Summten dazwischen so sommerhaft und in einem fort \u2013 ach! das ist alles wie ein Meer von Stille, in dem das Herz vor Wehmut untergehen m\u00f6chte!\u00ab \u2013 \u00bbLa\u00dft nur das!\u00ab sagte hier die Dame wie in Zerstreuung, \u00bbein jeder glaubt mich schon einmal gesehen zu haben, denn mein Bild d\u00e4mmert und bl\u00fcht wohl in allen Jugendtr\u00e4umen mit herauf.\u00ab Sie streichelte dabei beschwichtigend dem sch\u00f6nen J\u00fcngling die braunen Locken aus der klaren Stirn. \u2013 Florio aber stand auf, sein Herz war zu voll und tief bewegt, er trat ans offne Fenster. Da rauschten die B\u00e4ume, hin und her schlug eine Nachtigall, in der Ferne blitzte es zuweilen. \u00dcber den stillen Garten weg zog immerfort der Gesang wie ein klarer k\u00fchler Strom, aus dem die alten Jugendtr\u00e4ume herauftauchten. Die Gewalt dieser T\u00f6ne hatte seine ganze Seele in tiefe Gedanken versenkt, er kam sich auf einmal hier so fremd, und wie aus sich selber verirrt vor. Selbst die letzten Worte der Dame, die er sich nicht recht zu deuten wu\u00dfte, be\u00e4ngstigten ihn sonderbar \u2013 da sagte er leise aus tiefstem Grunde der Seele: \u00bbHerr Gott, la\u00df mich nicht verlorengehen in der Welt!\u00ab Kaum hatte er die Worte innerlichst ausgesprochen, als sich drau\u00dfen ein tr\u00fcber Wind, wie von dem herannahenden Gewitter, erhob und ihn verwirrend anwehte. Zu gleicher Zeit bemerkte er an dem Fenstergesimse Gras und einzelne B\u00fcschel von Kr\u00e4utern wie auf altem Gem\u00e4uer. Eine Schlange fuhr zischend daraus hervor und st\u00fcrzte mit dem gr\u00fcnlichgoldenen Schweife sich ringelnd in den Abgrund hinunter.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Erschrocken verlie\u00df Florio das Fenster und kehrte zu der Dame zur\u00fcck. Diese sa\u00df unbeweglich still, als lauschte sie. Dann stand sie rasch auf, ging ans Fenster und sprach mit anmutiger Stimme scheltend in die Nacht hinaus. Florio konnte aber nichts verstehen, denn der Sturm ri\u00df die Worte gleich mit sich fort. \u2013 Das Gewitter schien indes immer n\u00e4her zu kommen, der Wind, zwischen dem noch immerfort einzelne T\u00f6ne des Gesanges herzzerrei\u00dfend heraufflogen, strich pfeifend durch das ganze Haus und drohte die wild hin und her flackernden Kerzen zu verl\u00f6schen. Ein langer Blitz erleuchtete soeben das d\u00e4mmernde Gemach. Da fuhr Florio pl\u00f6tzlich einige Schritte zur\u00fcck, denn es war ihm, als st\u00fcnde die Dame starr mit geschlossenen Augen und ganz wei\u00dfem Antlitz und Armen vor ihm. \u2013 Mit dem fl\u00fcchtigen Blitzesscheine jedoch verschwand auch das schreckliche Gesicht wieder, wie es entstanden. Die alte D\u00e4mmerung f\u00fcllte wieder das Gemach, die Dame sah ihn wieder l\u00e4chelnd an wie vorhin, aber stillschweigend und wehm\u00fctig, wie mit schwerverhaltenen Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Florio hatte indes, im Schreck zur\u00fccktaumelnd, eines von den steinernen Bildern, die an der Wand herumstanden, angesto\u00dfen. In demselben Augenblicke begann dasselbe sich zu r\u00fchren, die Regung teilte sich schnell den andern mit, und bald erhoben sich alle die Bilder mit furchtbarem Schweigen von ihrem Gestelle. Florio zog seinen Degen und warf einen ungewissen Blick auf die Dame. Als er aber bemerkte, da\u00df dieselbe, bei den indes immer gewaltiger verschwellenden T\u00f6nen des Gesanges im Garten, immer bleicher und bleicher wurde, gleich einer versinkenden Abendr\u00f6te, worin endlich auch die lieblich spielenden Augensterne unterzugehen schienen, da erfa\u00dfte ihn ein t\u00f6dliches Grauen. Denn auch die hohen Blumen in den Gef\u00e4\u00dfen fingen an, sich wie buntgefleckte b\u00e4umende Schlangen gr\u00e4\u00dflich durcheinanderzuwinden, alle Ritter auf den Wandtapeten sahen auf einmal aus wie er und lachten ihn h\u00e4misch an; die beiden Arme, welche die Kerzen hielten, rangen und reckten sich immer l\u00e4nger, als wolle ein ungeheurer Mann aus der Wand sich hervorarbeiten, der Saal f\u00fcllte sich mehr und mehr, die Flammen des Blitzes warfen gr\u00e4\u00dfliche Scheine zwischen die Gestalten, durch deren Gewimmel Florio die steinernen Bilder mit solcher Gewalt auf sich losdringen sah, da\u00df ihm die Haare zu Berge standen. Das Grausen \u00fcberw\u00e4ltigte alle seine Sinne, er st\u00fcrzte verworren aus dem Zimmer durch die \u00f6den, widerhallenden Gem\u00e4cher und S\u00e4uleng\u00e4nge hinab.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unten im Garten lag seitw\u00e4rts der stille Weiher, den er in jener ersten Nacht gesehen, mit dem marmornen Venusbilde. \u2013 Der S\u00e4nger Fortunato, so kam es ihm vor, fuhr abgewendet<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"557\">[557]<\/a> und hoch aufrecht stehend im Kahne mitten auf dem Weiher, noch einzelne Akkorde in seine Gitarre greifend. \u2013 Florio aber hielt auch diese Erscheinung f\u00fcr ein verwirrendes Blendwerk der Nacht und eilte fort und fort, ohne sich umzusehen, bis Weiher, Garten und Palast weit hinter ihm versunken waren. Die Stadt ruhte, hell vom Monde beschienen, vor ihm. Fernab am Horizonte verhallte nur ein leichtes Gewitter, es war eine pr\u00e4chtig klare Sommernacht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Schon flogen einzelne Lichtstreifen \u00fcber den Morgenhimmel, als er vor den Toren ankam. Er suchte dort heftig Donatis Wohnung auf, ihn wegen der Begebenheiten dieser Nacht zur Rede zu stellen. Das Landhaus lag auf einem der h\u00f6chsten Pl\u00e4tze mit der Aussicht \u00fcber die Stadt und die ganze umliegende Gegend. Er fand daher die anmutige Stelle bald wieder. Aber anstatt der zierlichen Villa, in der er gestern gewesen, stand nur eine niedere H\u00fctte da, ganz von Weinlaub \u00fcberrankt und von einem kleinem G\u00e4rtchen umschlossen. Tauben, in den ersten Morgenstrahlen spiegelnd, gingen girrend auf dem Dache auf und nieder, ein tiefer, heiterer Friede herrschte \u00fcberall. Ein Mann mit dem Spaten auf der Achsel kam soeben aus dem Hause und sang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVergangen ist die finstre Nacht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des B\u00f6sen Trug und Zaubermacht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Arbeit weckt der lichte Tag;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frisch auf, wer Gott noch loben mag!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er brach sein Lied pl\u00f6tzlich ab, als er den Fremden so bleich und mit verworrenem Haar daherfliegen sah. \u2013 Ganz verwirrt fragte Florio nach Donati. Der G\u00e4rtner aber kannte den Namen nicht und schien den Fragenden f\u00fcr wahnsinnig zu halten. Seine Tochter dehnte sich auf der Schwelle in die k\u00fchle Morgenluft hinaus und sah den Fremden frisch und morgenklar mit den gro\u00dfen, verwunderten Augen an. \u2013 \u00bbMein Gott! wo bin ich denn so lange gewesen!\u00ab sagte Florio halb leise in sich, und floh eilig zur\u00fcck durch das Tor und die noch leeren Gassen in die Herberge.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier verschlo\u00df er sich in sein Zimmer und versank ganz und gar in ein hinstarrendes Nachsinnen. Die unbeschreibliche Sch\u00f6nheit der Dame, wie sie so langsam vor ihm verblich und die anmutigen Augen untergingen, hatte in seinem tiefsten<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"558\"><\/a>\u00a0Herzen eine solche unendliche Wehmut zur\u00fcckgelassen, da\u00df er sich unwiderstehlich sehnte, hier zu sterben. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In solchem unseligen Br\u00fcten und Tr\u00e4umen blieb er den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht hindurch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die fr\u00fcheste Morgend\u00e4mmerung fand ihn schon zu Pferde vor den Toren der Stadt. Das unerm\u00fcdliche Zureden seines getreuen Dieners hatte ihn endlich zu dem Entschlusse bewogen, diese Gegend g\u00e4nzlich zu verlassen. Langsam und in sich gekehrt zog er nun die sch\u00f6ne Stra\u00dfe, die von Lucca in das Land hinausf\u00fchrte, zwischen den dunkelnden B\u00e4umen, in denen die V\u00f6gel noch schliefen, dahin. Da gesellten sich, nicht gar fern von der Stadt, noch drei andere Reiter zu ihm. Nicht ohne heimlichen Schauer erkannte er in dem einen den S\u00e4nger Fortunato. Der andere war Fr\u00e4ulein Biancas Oheim, in dessen Landhause er an jenem verh\u00e4ngnisvollen Abende getanzt. Er wurde von einem Knaben begleitet, der stillschweigend und ohne viel aufzublicken, neben ihm herritt. Alle drei hatten sich vorgenommen, miteinander das sch\u00f6ne Italien zu durchschweifen, und luden Florio freundlich ein, mit ihnen zu reisen. Er aber verneigte sich schweigend, weder einwilligend, noch verneinend, und nahm fortw\u00e4hrend an allen ihren Gespr\u00e4chen nur geringen Anteil.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Morgenr\u00f6te erhob sich indes immer h\u00f6her und k\u00fchler \u00fcber der wundersch\u00f6nen Landschaft vor ihnen. Da sagte der heitre Pietro zu Fortunato: \u00bbSeht nur, wie seltsam das Zwielicht \u00fcber dem Gestein der alten Ruine auf dem Berge dort spielt! Wie oft bin ich, schon als Knabe, mit Erstaunen, Neugier und heimlicher Scheu dort herumgeklettert! Ihr seid so vieler Sagen kundig, k\u00f6nnt Ihr uns nicht Auskunft geben von dem Ursprung und Verfall dieses Schlosses, von dem so wunderliche Ger\u00fcchte im Lande gehen?\u00ab \u2013 Florio warf einen Blick nach dem Berge. In einer gro\u00dfen Einsamkeit lag da altes verfallenes Gem\u00e4uer umher, sch\u00f6ne, halb in die Erde versunkene S\u00e4ulen und k\u00fcnstlich gehauene Steine, alles von einer \u00fcppig bl\u00fchenden Wildnis gr\u00fcnverschlungener Ranken, Hecken und hohen Unkrauts \u00fcberdeckt. Ein Weiher befand sich daneben, \u00fcber dem sich ein zum Teil zertr\u00fcmmertes Marmorbild erhob, hell vom Morgen angegl\u00fcht. Es war offenbar dieselbe Gegend, dieselbe Stelle, wo er den sch\u00f6nen Garten und die Dame gesehen hatte. \u2013 Er schauerte innerlichst zusammen bei dem Anblicke. \u2013 Fortunato aber sagte: \u00bbIch wei\u00df ein altes Lied darauf, wenn ihr damit f\u00fcrliebnehmen wollt.\u00ab \u2013 Und hiermit sang er, ohne sich lange zu besinnen, mit seiner klaren fr\u00f6hlichen Stimme in die heitere Morgenluft hinaus:<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVon k\u00fchnen Wunderbildern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gro\u00dfer Tr\u00fcmmerhauf,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In reizendem Verwildern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein bl\u00fchnder Garten drauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versunknes Reich zu F\u00fc\u00dfen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Himmel fern und nah,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus andrem Reich ein Gr\u00fc\u00dfen \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist Italia!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Fr\u00fchlingsl\u00fcfte wehen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hold \u00fcberm gr\u00fcnen Plan,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein leises Auferstehen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hebt in den T\u00e4lern an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da will sich&#8217;s unten r\u00fchren<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im stillen G\u00f6ttergrab,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch kann&#8217;s schauernd sp\u00fcren<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tief in die Brust hinab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verwirrend in den B\u00e4umen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gehn Stimmen hin und her,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein sehnsuchtsvolles Tr\u00e4umen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weht \u00fcbers blaue Meer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und unterm duft&#8217;gen Schleier,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sooft der Lenz erwacht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Webt in geheimer Feier<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die alte Zaubermacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau Venus h\u00f6rt das Locken,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der V\u00f6gel heitern Chor,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und richtet froh erschrocken<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus Blumen sich empor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sucht die alten Stellen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das luft&#8217;ge S\u00e4ulenhaus,<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"560\">[560]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schaut l\u00e4chelnd in die Wellen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fr\u00fchlingsluft hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch \u00f6d sind nun die Stellen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stumm liegt ihr S\u00e4ulenhaus,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gras w\u00e4chst da auf den Schwellen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wind zieht ein und aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo sind nun die Gespielen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diana schl\u00e4ft im Wald,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neptunus ruht im k\u00fchlen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meerschlo\u00df, das einsam hallt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuweilen nur Sirenen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch tauchen aus dem Grund,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und tun in irren T\u00f6nen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die tiefe Wehmut kund. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie selbst mu\u00df sinnend stehen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bleich im Fr\u00fchlingsschein,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Augen untergehen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sch\u00f6ne Leib wird Stein. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn \u00fcber Land und Wogen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erscheint, so still und mild,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoch auf dem Regenbogen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein andres Frauenbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kindlein in den Armen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wunderbare h\u00e4lt,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und himmlisches Erbarmen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durchdringt die ganze Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da in den lichten R\u00e4umen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erwacht das Menschenkind,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sch\u00fcttelt b\u00f6ses Tr\u00e4umen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von seinem Haupt geschwind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und, wie die Lerche singend,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus schw\u00fclen Zaubers Kluft<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erhebt die Seele ringend<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich in die Morgenluft.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle waren still geworden \u00fcber dem Liede. \u2013 \u00bbJene Ruine\u00ab, sagte endlich Pietro, \u00bbw\u00e4re also ein ehemaliger Tempel der Venus, wenn ich Euch sonst recht verstanden?\u00ab \u00bbAllerdings\u00ab, erwiderte Fortunato, \u00bbsoviel man an der Anordnung des Ganzen und den noch \u00fcbriggebliebenen Verzierungen abnehmen kann. Auch sagt man, der Geist der sch\u00f6nen Heideng\u00f6ttin habe keine Ruhe gefunden. Aus der erschrecklichen Stille des Grabes hei\u00dft sie das Andenken an die irdische Lust jeden Fr\u00fchling immer wieder in die gr\u00fcne Einsamkeit ihres verfallenen Hauses heraufsteigen und durch teuflisches Blendwerk die alte Verf\u00fchrung \u00fcben an jungen sorglosen Gem\u00fctern, die dann vom Leben abgeschieden, und doch auch nicht aufgenommen in den Frieden der Toten, zwischen wilder Lust und schrecklicher Reue, an Leib und Seele verloren, umherirren, und in der entsetzlichsten T\u00e4uschung sich selber verzehren. Gar h\u00e4ufig will man auf demselben Platze Anfechtungen von Gespenstern versp\u00fcrt haben, wo sich bald eine wundersch\u00f6ne Dame, bald mehrere ansehnliche Kavaliers sehen lassen und die Vor\u00fcbergehenden in einen dem Auge vorgestellten erdichteten Garten und Palast f\u00fchren.\u00ab \u2013 \u00bbSeid Ihr jemals droben gewesen?\u00ab fragte hier Florio rasch, aus seinen Gedanken erwachend. \u2013 \u00bbErst vorgestern abends\u00ab, entgegnete Fortunato. \u2013 \u00bbUnd habt Ihr nichts Erschreckliches gesehen?\u00ab \u2013 \u00bbNichts\u00ab, sagte der S\u00e4nger, \u00bbals den stillen Weiher und die wei\u00dfen r\u00e4tselhaften Steine im Mondlicht umher und den weiten unendlichen Sternenhimmel dar\u00fcber. Ich sang ein altes frommes Lied, eines von jenen urspr\u00fcnglichen Liedern, die, wie Erinnerungen und Nachkl\u00e4nge aus einer andern heimatlichen Welt, durch das Paradiesg\u00e4rtlein unsrer Kindheit ziehen und ein rechtes Wahrzeichen sind, an dem sich alle Poetische sp\u00e4ter in dem \u00e4lter gewordenen Leben immer wiedererkennen. Glaubt mir, ein redlicher Dichter kann viel wagen, denn die Kunst, die ohne Stolz und Frevel, bespricht und b\u00e4ndigt die wilden Erdengeister, die aus der Tiefe nach uns langen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Alle schwiegen, die Sonne ging soeben auf vor ihnen und warf ihre funkelnden Lichter \u00fcber die Erde. Da sch\u00fcttelte Florio sich an allen Gliedern, sprengte rasch eine Strecke den andern voraus, und sang mit heller Stimme:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier bin ich, Herr! Gegr\u00fc\u00dft das Licht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das durch die stille Schw\u00fcle<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der m\u00fcden Brust gewaltig bricht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seiner strengen K\u00fchle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun bin ich frei! ich taumle noch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und kann mich noch nicht fassen \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O Vater, du erkennst mich doch,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wirst nicht von mir lassen!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kommt nach allen heftigen Gem\u00fctsbewegungen, die unser ganzes Wesen durchsch\u00fcttern, eine stillklare Heiterkeit \u00fcber die Seele, gleich wie die Felder nach einem Gewitter frischer gr\u00fcnen und aufatmen. So f\u00fchlte sich auch Florio nun innerlichst erquickt, er blickte wieder recht mutig um sich und erwartete beruhigt die Gef\u00e4hrten, die langsam im Gr\u00fcnen nachgezogen kamen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der zierliche Knabe, welcher Pietro begleitete, hatte unterdes auch, wie Blumen vor den ersten Morgenstrahlen, das K\u00f6pfchen erhoben. \u2013 Da erkannte Florio mit Erstaunen Fr\u00e4ulein Bianca. Er erschrak, wie sie so bleich aussah gegen jenen Abend, da er sie zum erstenmal unter den Zelten im reizenden Mutwillen gesehen. Die Arme war mitten in ihren sorglosen Kinderspielen von der Gewalt der ersten Liebe \u00fcberrascht worden. Und als dann der hei\u00dfgeliebte Florio, den dunkeln M\u00e4chten folgend, so fremd wurde und sich immer weiter von ihr entfernte, bis sie ihn endlich ganz verloren geben mu\u00dfte, da versank sie in eine tiefe Schwermut, deren Geheimnis sie niemand anzuvertrauen wagte. Der kluge Pietro wu\u00dfte es aber wohl und hatte beschlossen, seine Nichte weit fortzuf\u00fchren und sie in fremden Gegenden und in einem andern Himmelsstrich, wo nicht zu heilen, doch zu zerstreuen und zu erhalten. Um ungehinderter reisen zu k\u00f6nnen, und zugleich alles Vergangene gleichsam von sich abzustreifen, hatte sie Knabentracht anlegen m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit Wohlgefallen ruhten Florios Blicke auf der lieblichen Gestalt. Eine seltsame Verblendung hatte bisher seine Augen wie mit einem Zaubernebel umfangen. Nun erstaunte er ordentlich, wie sch\u00f6n sie war! Er sprach vielerlei ger\u00fchrt und mit tiefer Innigkeit zu ihr. Da ritt sie, ganz \u00fcberrascht von dem unverhofften Gl\u00fcck, und in freudiger Demut, als verdiene sie solche Gnade nicht, mit niedergeschlagenen Augen schweigend neben ihm her. Nur manchmal blickte sie unter den langen schwarzen Augenwimpern nach ihm hinauf, die ganze klare Seele lag in dem Blick, als wollte sie bittend sagen: \u00bbT\u00e4usche mich nicht wieder!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie waren unterdes auf einer luftigen H\u00f6he angelangt, hinter ihnen versank die Stadt Lucca mit ihren dunkeln T\u00fcrmen in dem schimmernden Duft. Da sagte Florio, zu Bianca gewendet: \u00bbIch bin wie neu geboren, es ist mir, als w\u00fcrde noch alles gut werden, seit ich Euch wiedergefunden. Ich m\u00f6chte niemals wieder scheiden, wenn Ihr es verg\u00f6nnt.\u00ab \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bianca blickte ihn, statt aller Antwort selber wie fragend, mit ungewisser, noch halb zur\u00fcckgehaltener Freude an und sah recht wie ein heiteres Engelsbild auf dem tiefblauen Grunde des Morgenhimmels aus. Der Morgen schien ihnen, in langen goldenen Strahlen \u00fcber die Fl\u00e4che schie\u00dfend, gerade entgegen. Die B\u00e4ume standen hell angegl\u00fcht, unz\u00e4hlige Lerchen sangen schwirrend in der klaren Luft. Und so zogen die Gl\u00fccklichen fr\u00f6hlich durch die \u00fcbergl\u00e4nzten Auen in das bl\u00fchende Mailand hinunter.<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Eichendorff-W+Bd.+2\" name=\"564\"><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Das Marmorbild<\/b> ist eine romantische M\u00e4rchennovelle von Joseph von Eichendorff aus dem Jahre 1818. Erstmals wurde sie im <i>Frauentaschenbuch f\u00fcr das Jahr 1819<\/i> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99278\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Eichendorff-e1645457368227.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war ein sch\u00f6ner Sommerabend, als Florio, ein junger Edelmann, langsam auf die Tore von Lucca zuritt, sich erfreuend an dem feinen Dufte, der \u00fcber der wundersch\u00f6nen Landschaft und den T\u00fcrmen und D\u00e4chern der Stadt vor ihm zitterte, sowie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/26\/das-marmorbild\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":219,"featured_media":100084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[980],"class_list":["post-79671","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-joseph-von-eichendorff"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79671","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/219"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79671"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100341,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79671\/revisions\/100341"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}