{"id":79666,"date":"2022-10-09T00:01:54","date_gmt":"2022-10-08T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79666"},"modified":"2022-02-24T16:58:21","modified_gmt":"2022-02-24T15:58:21","slug":"kleists-erste-gedruckte-prosa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/09\/kleists-erste-gedruckte-prosa\/","title":{"rendered":"Kleists erste gedruckte Prosa"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: right;\">\n<p><span style=\"color: #999999;\"><em>Er bestrich sich Stirn und Brust, unwissend, was er aus seinem Zustande machen sollte, und ein uns\u00e4gliches Wonnegef\u00fchl ergriff ihn, als ein Westwind, vom Meere her, sein wiederkehrendes Leben anwehte, und sein Auge sich nach allen Richtungen \u00fcber die bl\u00fchende Gegend von St. Jago hinwandte.<\/em><\/span><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, auch Heinrich von Kleist war einmal ein Jungautor. Seine erste Ver\u00f6ffentlichung war die Novelle <em>Das Erdbeben in Chili<\/em>. Sie erschien zun\u00e4chst 1807 in Cottas \u201eMorgenblatt f\u00fcr gebildete St\u00e4nde\u201c unter dem Titel <em>Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647<\/em>. 1810 erschien sie erneut unter dem nun bekannten Titel im ersten Band der <em>Erz\u00e4hlungen<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Grundger\u00fcst der Handlung geht auf den Roman <em>Les Incas. Ou la Destruction de l\u2019Empire du P\u00e9rou<\/em> (1777) von Jean-Fran\u00e7ois Marmontel zur\u00fcck; dort ist es <em>Alonzo Molina<\/em>, ein spanischer Konquistador, der eine eingeborene, der Sonnengottheit geweihte Jungfrau, Cora, begehrt. Molina will in Peru die Indios zum Christentum bekehren und sie vor Pl\u00fcnderungen seitens der Konquistadoren sch\u00fctzen; aber erst durch ein Erdbeben, das den Tempel, in dem Cora festgehalten wird, zerst\u00f6rt, kommen beide zusammen. Cora wird schwanger; als dies erkannt wird, soll sie hingerichtet werden, denn sie hat gegen das Keuschheitsgel\u00fcbde versto\u00dfen. Molina stellt sich dem Gericht und h\u00e4lt ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr christliche Vergebung und die Gestattung von nat\u00fcrlichen Gef\u00fchlen, wie der Liebe zu Cora. Die Indios werden davon \u00fcberzeugt, Alonzo und Cora heiraten; doch bei einem \u00dcberfall der Konquistadoren unter Pizarro f\u00e4llt Alonzo, Cora stirbt mit ihrem Kind auf dem Grab ihres Mannes vor Gram.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das Erdbeben von 1647 in Santiago de Chile (bei Kleist \u201eSt. Jago, die Hauptstadt des K\u00f6nigreichs Chili\u201c) die historische Vorlage f\u00fcr den Text bietet, ist ideengeschichtlich vor allem das Lissabonner Erdbeben von 1755 f\u00fcr Kleist Anlass gewesen. Auch andere zeitgen\u00f6ssische Philosophen und Dichter, wie Poe, Voltaire, Rousseau und Kant, verwendeten dieses Thema, um unter anderem das Theodizeeproblem zu diskutieren. Die Theodizee, die Frage also nach einem allm\u00e4chtigen und guten Gott angesichts von Leid und Ungerechtigkeit in der Welt, wurde in der Aufkl\u00e4rung prominent von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646\u20131716) behandelt, der zum Schluss kam, die existierende Welt sei die bestm\u00f6gliche Welt. Das Erdbeben von Lissabon stellte diese Formulierung erneut stark in Zweifel. Neben der Theodizee-Debatte ist auch der Diskurs \u00fcber den <em>Naturzustand<\/em> f\u00fcr Kleists Gedankengang bedeutsam. Rousseaus These, dass in einer urspr\u00fcnglichen, eigentumslosen Urgesellschaft der Mensch edel und gut sei, forderte die traditionelle Auffassung des von Geburt an b\u00f6sen Menschen die Erbs\u00fcndeheraus:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Menschen sind b\u00f6se; eine traurige und fortdauernde <a style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erfahrung\">Erfahrung<\/a> er\u00fcbrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben; [\u2026] Man bewundere die menschliche Gesellschaft, soviel man will, es wird deshalb nicht weniger wahr sein, dass sie die Menschen notwendigerweise dazu bringt, sich in dem Ma\u00dfe zu hassen, in dem ihre Interessen sich kreuzen, au\u00dferdem sich wechselseitig scheinbare Dienste zu erweisen und in Wirklichkeit sich alle vorstellbaren \u00dcbel zuzuf\u00fcgen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rousseaus These war, dass der Mensch, wenn er in den Naturzustand zur\u00fcckkehre, wieder moralisch gesunden werde. Dies wurde kontrovers debattiert und heftig von kirchlicher und konservativer Seite abgelehnt. Kleists Erz\u00e4hlung ist sowohl eine Antwort auf die Frage nach der Theodizee als auch auf die Frage nach dem nat\u00fcrlichen Gut-Sein des Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konkreter auf die Biographie Kleists bezogen war der Hintergrund die Niederlage Preu\u00dfens im Krieg gegen Frankreich 1806 (Schlacht von Jena und Auerstedt), verbunden mit einer katastrophalen, kurzzeitigen Au\u00dferkraftsetzung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Kleist verfasste die Arbeit wahrscheinlich in seiner K\u00f6nigsberger Zeit (Mai 1805 bis August 1806). Er war von Januar bis Juli 1807 in franz\u00f6sischer Kriegsgefangenschaft; w\u00e4hrend dieser Zeit vermittelte sein Freund Otto August R\u00fchle von Lilienstern (1780\u20131847) das Werk an den Verleger Cotta.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Erdbeben in Chili<\/strong> von Heinrich von Kleist erschien zun\u00e4chst 1807 in Cottas \u201eMorgenblatt f\u00fcr gebildete St\u00e4nde\u201c unter dem Titel <em>Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647<\/em>. 1810 erschien sie erneut unter dem Titel <em>Das Erdbeben in Chili<\/em> im ersten Band der <em>Erz\u00e4hlungen<\/em>.<\/p>\n<div id=\"attachment_20667\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20667\" class=\"size-full wp-image-20667\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"280\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20667\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 f\u00fcr seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen lie\u00df<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er bestrich sich Stirn und Brust, unwissend, was er aus seinem Zustande machen sollte, und ein uns\u00e4gliches Wonnegef\u00fchl ergriff ihn, als ein Westwind, vom Meere her, sein wiederkehrendes Leben anwehte, und sein Auge sich nach allen Richtungen \u00fcber die bl\u00fchende&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/09\/kleists-erste-gedruckte-prosa\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":100084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1084],"class_list":["post-79666","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-von-kleist"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79666"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79666\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100287,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79666\/revisions\/100287"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}