{"id":79642,"date":"2023-01-07T00:01:17","date_gmt":"2023-01-06T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79642"},"modified":"2022-05-11T15:28:59","modified_gmt":"2022-05-11T13:28:59","slug":"lebensfaeden-im-labyrinth","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/07\/lebensfaeden-im-labyrinth\/","title":{"rendered":"lebensf\u00e4den im Labyrinth"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak reflektiert in ihrem buch \u00bbDer Faden im Kopf\u00ab \u00fcber wahrnehmung, vorbilder, intuition, bewu\u00dftsein, musik, gesang, stimme, schauspiel, literatur, malerei, zeichnung und objektkunst. die texte sind, den jeweiligen gegenst\u00e4nden entsprechend, verschieden in kontext und blickwinkel. sie denkt \u00fcber urspr\u00fcnge und techniken der kreativit\u00e4t und des k\u00fcnstlerischen arbeitens nach und pl\u00e4diert f\u00fcr ein ganzheitliches wahrnehmen. \u00bbDas Naturell des Spielerischen und Kreativen ist jedoch in ein entkrampftes Umfeld zu betten. Nur so ist ein solches Denken flexibel und offen f\u00fcr jene anderen Einfl\u00fcsse au\u00dferhalb, die sich aus diesem Proze\u00df erst ergeben.\u00ab \u00bbder Flugwind selbst spielt mir manchmal die Ideen f\u00f6rmlich unter die Fl\u00fcgel.\u00ab in der symbolik des flugs, der leicht macht, ist die schwerkraft aufgehoben. jean paul kannte ein \u00bbspringfedriges Wesen\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im text \u00bbVorbilder\u00ab hei\u00dft es: \u00bbNicht zuletzt stellen die Eltern die ersten Vorbilder (oder je nachdem Anti-Vorbilder) dar, an denen wir uns orientieren \/ orientiert haben. Auch k\u00f6nnen dies andere Bezugspersonen sein, die uns in der Kindheit oder Jugend gepr\u00e4gt haben.\u00ab h\u00e4ufig w\u00fcrfelt die natur freilich beliebig und die eltern passen nicht zu ihren kindern, und umgekehrt. auch die kombination der eltern ist wichtig. ob sie sich gut oder schlecht verstehen und vertragen, hat f\u00fcr ihre kinder konsequenzen. man lernt eher unbewu\u00dft von \u00e4lteren und merkt das vielfach erst nach jahren. eltern, lehrer und andere ratgeber und anreger sollten das besondere, die naturelle, begabungen und sichtweisen, eines menschen erkennen und achten und zugleich durch ermutigungen und anreize das bekannte vertiefen und den horizont erweitern. so kann das vorbild auf pfade im labyrinth der welt f\u00fchren, die man zuvor noch nicht betreten und gesehen hat. bei klassentreffen bemerkte ich, da\u00df die fr\u00fchere lehrer weniger nach ihren fachlichen qualit\u00e4ten beurteilt wurden, sondern danach, inwieweit sie menschlich vorbild waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak schreibt, es w\u00e4re sinnvoll, vorbilder zu w\u00e4hlen, die grundlegende \u00fcbereinstimmungen mit einem selber haben, sich aber soweit unterscheiden, da\u00df mit einer beiderseitig belebenden beziehung begonnen werden kann. \u00bbjemanden zu erfassen, bedeutet, dadurch auch sich selber besser zu verstehen. So wie es einem leicht f\u00e4llt, sich durch die Augen des anderen zu betrachten.\u00ab es g\u00e4be aber auch vorstellungen vom vorbild, die es unerreichbar machten. wer ein solches vorbild suche, k\u00f6nne tr\u00e4umerisch oder selbstqu\u00e4lerisch veranlagt sein. sie sieht jedoch auch, und durchaus nicht ironisch, die paradoxen vorteile eines \u00fcberfordernden vorbilds. das unerf\u00fcllbare als vollendetes g\u00f6tzenbild, das man sowieso nicht erreichen k\u00f6nne, mache, indem man es nicht nachahmen m\u00fcsse, das eigene leben sowie die suche nach dem sinn ertr\u00e4glicher. \u00bbNicht zuletzt ist es ein best\u00e4ndiger, in sicherem Abstand gehaltener Impuls und Motor f\u00fcr die eigene Motivation.\u00ab, die zu einer inneren reise ermuntert. motor und motivation sind verwandte worte, die bewegung meinen, hier die zum eigenen und wesentlichen hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Leben, oder bestimmte Teile davon, nach falschen Vorbildern auszurichten, kann fatal sein, wenn wir ohne kritische Reflexion unterwegs sind. Sind wir allerdings in der Lage, eine f\u00fcr uns eher ung\u00fcnstige Vorgabe in eine Art Gegenentwurf zu \u00fcbersetzen, k\u00f6nnen wir aus einem Anti-Vorbild \u00e4hnliche Schl\u00fcssen ziehen, wie aus einem optimal und selbst gew\u00e4hltem Vorbild.\u00ab wer sp\u00fcrt, was er, oder sie, nicht will, stellt kritische fragen und sieht besser, wie man ist und werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die vorstellung von verwandtschaft, oder wahlverwandtschaft, in der das \u00fcberraschende das vertraute als basis braucht und das vertraute das \u00fcberraschende als impuls, pr\u00e4gt joanna lisiaks differenzierendes und nuancierendes denken insgesamt. die gleichzeitige begegnung mit bekanntem und unbekanntem kann eine aura schaffen. wer verwandtschaften erkennt, nimmt zugleich \u00e4hnlichkeiten und kontraste wahr, die etwas ganzes offenbaren, und das ferne, das im nahen aufscheint, und umgekehrt. diese texte enthalten auch zeitlose wahrheiten, sofern man wahrheit nicht f\u00fcr einen vormodernen begriff h\u00e4lt. es bereitet freude, zu sp\u00fcren, wie gedanken sich durch ihre bewegungen im denkenden wandeln und da\u00df es zu jedem gedanken gegengedanken gibt. so wirkt das denken zeit\u00fcbergreifend und wird nicht verformt und entwertet durch aktuell vorherrschende lebensumst\u00e4nde, weltbilder und befindlichkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbDie reife M\u00e4nnerstimme\u00ab erkl\u00e4rt sie: \u00bbDie stimmliche Reife \u00fcberdies erweckt das Vertrauen des Zuh\u00f6rers auch deshalb, weil sie zweifellos eine Aura von Sympathie umgibt, die wiederum nicht auf einer sympathisch klingenden Stimmfarbe, sondern in allererster Linie auf Empathie aufbaut.\u00ab die aura stammt aus kultischen zusammmenh\u00e4ngen. \u00bbDie Anziehungskraft des Fremden und doch stets so Vertrauten kann bisweilen bis zu den erotischen Gefilden f\u00fchren, auch wenn diese Form von Erotik wohl weniger die Leidenschaft weckt, als dass sie ihr Vorhandensein \u2012 k\u00fcnftiges, vergangenes, hier wie dort oder in der Menschheit selber eben \u2012 unpr\u00e4tenti\u00f6s und verst\u00e4ndnisvoll offenbart.\u00ab vielleicht ist die musik, neben dem theater, am meisten noch dem kult nahe, aus dem die kunst urspr\u00fcnglich hervorging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDes S\u00e4ngers Arbeit ist nicht die eines Handwerkers, der vor der Aufgabe die M\u00f6glichkeit hat alles auf einen Plan zu zeichnen, seine Werkzeuge bereitzulegen.\u00ab auch das darstellen und interpretieren verlangt eine kreative haltung. \u00bbGerade im Jazz ist dieses Tanzen auf dem Seil etwas Gewohntes und Routiniertes, das aber dennoch vor allem als Einstellung ge\u00fcbt werden kann.\u00ab so spricht ein k\u00fcnstlerischer mensch und kein einseitig begriffsgepr\u00e4gter theoretiker oder allein auf \u00e4u\u00dferliche zwecke und effekte ausgerichteter kunst-vermarkter. f\u00fcr manche ist das denken allerdings blo\u00df ein hammer oder eine kneifzange.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im text \u00bbDie Stimme \/\/ Blicke auf Stimmen \/ Worte f\u00fcr Stimmen\u00ab, wo joanna lisiak h\u00f6rundauftrittseindr\u00fccke von jazzs\u00e4ngernundmusikern zwischen 1948 bis 2011 beschreibt, die in ihren eigenschaften\u00a0 gleicherma\u00dfen real und erfunden sind, bemerkt sie: \u00bbDer Personenkult um S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger ist gelegentlich derart gro\u00df, dass man, abgelenkt durch Visuelles oder die Art, wie die Stimme zum Ausdruck kommt oder wie sie in Szene gesetzt wird, das eigentliche H\u00f6ren vergi\u00dft.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei ihr hat der leser das gef\u00fchl, da\u00df sie, selber jazzs\u00e4ngerin, die musik anderer wie ihr unmittelbares und eigenes erleben beschreibt und die auftritte wirklich nacherlebt, als ob sie vor ort, oder in der phantasie, dabei gewesen w\u00e4re. damit korrespondiert, was sie \u00fcber energiestr\u00f6me und etwa das lampenfieber vorm eignen auftritt sagt. sie konzentriert sich auf die jeweiligen besonderheiten der musik und des gesangs sowie der auftrittsformen der k\u00fcnstler. der jazz entstand um 1900, praktisch parallel zur klassischen moderne anderer k\u00fcnste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im rahmen des literaturundjazzherbstes konstanz arbeitete joanna lisiak, unterst\u00fctzt vom \u00bbEurop\u00e4ischen Kulturforum\u00ab, mit der s\u00e4ngerin und komponistin barbara balzan beim projekt \u00bbWort. Klang\u00ab zusammen, das 2009 auf dem schlo\u00df mainau aufgef\u00fchrt wurde. die illustrationen von barbara balzan im buch, die aus wenigen strichen bestehen, wirken dezent und zart. \u00bbSkizzen sind W\u00fcnsche.\u00ab, meinte freud. das wort strich, also das gestrichene, ist von streichen abgeleitet, der strichpunkt das semikolon. mit streicheln geh\u00f6rt die bedeutung des ber\u00fchrens zu diesem wortfeld. auf dem cover \u00bbUnter freiem Himmel\u00ab von mariola lisiak ist der freie himmel bew\u00f6lkt, also entweder sch\u00fctzend, etwa vor grellem und die haut verbrennendem sonnenlicht, oder dr\u00fcckend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der faden im kopf folgt den assoziationen, die das wahrgenommene ausl\u00f6st, und ordnet sie zugleich. der rote faden bezeichnet einen pfad im labyrinth. bei goethe vergleicht mephisto die gedankenfabrik mit einem webermeisterst\u00fcck. allerdings mu\u00df man warten k\u00f6nnen, bis die einf\u00e4lle kommen. denn inspirationen sind, so pl\u00f6tzlich und wild sie auftreten m\u00f6gen, scheue wesen. vielleicht gibt es, bildlich gesprochen, auch einen tanz auf dem faden oder den f\u00e4den im kopf. jean paul erkl\u00e4rte: \u00bbTrillionen Spinnenf\u00e4den der Wahrscheinlichkeit spinnen sich zum Ariadnestrick im Labyrinth.\u00ab er dachte die verwirrung mit, ja machte sie teils zur struktur seiner texte. wer nicht immer wieder staunen kann, findet keinen faden in die tiefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der schicksalsoderlebensfaden ist der faden in der hand der drei moiren. bei hesiod hei\u00dfen die moiren klotho, die spinnerin, lachesis, die loswerferin, zuteilerin, und atropos, die unabwendbare. klotho spinnt den lebensfaden, lachesis erh\u00e4lt ihn und teilt die l\u00e4nge zu, atropos durchschneidet ihn und trennt ihn ab. die moiren umfassen so die gesamte lebensdauer eines menschen. im antiken mythos hing sogar das schicksal der g\u00f6tter von den moiren ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbEin Strich\u00ab betont sie den wert des sammelns. sie sammelt dinge in schachteln. \u00bbEin Sammler sammelt nicht, weil er jagen geht. Er geht vermeintlich jagen, aber faktisch wird er selbst eingesammelt, sprich er wird eingenommen ganz und gar, w\u00e4hrend er gleichzeitig nichts anderes tut als zu flanieren.\u00ab, schreibt sie, und: \u00bbDie Schachteln sind Verwandte von Fotografien und Fotoalben.\u00ab, die man beispielsweise auf dem boden der gro\u00dfeltern findet. schachtel ist verwandt mit kasten und mittellateinisch scatula = b\u00fcchse, (geld)schrein. \u00bbSammler sind Physiognomiker der Dingwelt.\u00ab, vermerkte walter benjamin. zugleich sammeln sch\u00f6pferische menschen ideen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die autorin beschreibt die vorbereitung einer ausstellung mit kunstobjekten, die intensit\u00e4t, mit der sie diese gestaltete, indem sie sich der arbeit daran hingab, und das zeitfenster, in dem soetwas entsteht. fr\u00fche magische gegenst\u00e4nde waren ihr steine und bernstein von der polnischen ostsee. \u00bbKostbar ist ein krummer Nagel, aber ebenso eine glatt geschliffene, gr\u00fcn schimmernde Achatscheibe. Sch\u00f6n finde ich ein St\u00fcck Wandputz von einem Kloster, so wie ich auch eine formvollendete Koralle f\u00fcr sehr apart halte.\u00ab sie verwandelt k\u00fcnstlerisch, was andere nicht beachten oder wegwerfen. so erhalten dinge durch ihren blick und die arbeit ihrer h\u00e4nde einen \u00e4sthetischen wert unabh\u00e4ngig von ihren fr\u00fcheren zwecken. mein vater hat krumme n\u00e4gel gerade geklopft und, falls er sie einmal brauchen w\u00fcrde, in leeren margarineschachteln aufbewahrt, neben schachteln mit schrauben und muttern. er w\u00e4re nie auf die idee gekommen, da\u00df margarineschachteln mit n\u00e4geln auch kunstobjekte sein k\u00f6nnen. das ist der unterschied zwischen technikern und k\u00fcnstlern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">neues entsteht vielfach aus abfallprodukten. umgekehrt geht verloren, was nicht erneuert wird. die bewahrung der dinge verlangt die errettung ihrer substanzen und die erl\u00f6sung von ihren versehrungen. zivilisatorisch abgefallenes und verworfenes kann durch k\u00fcnstlerische neugestaltung auferstehn. susan sontag registrierte: \u00bbAus unserem Tr\u00f6del ist Kunst geworden; aus unserem Abfall Geschichte. Da im Verlauf der neueren Geschichte die Traditionen ausgeh\u00f6hlt und jene festgef\u00fcgten Lebensbereiche, in denen kostbare Gegenst\u00e4nde ihren festen Platz hatten, zerschlagen wurden, kann sich der Sammler jetzt guten Gewissens ans Ausgraben der noch einigerma\u00dfen reizvollen und f\u00fcr ihre Zeit sinnbildhaften machen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak lebt ihren gestaltungswillen ganz aus. auch hier ist ihr besonders das einzelne, konkrete und kleine wichtig, das ihre kreativit\u00e4t anregt. originelle formen haben wesen und charakter, die sie ersp\u00fcrt. bei voller kreativer konzentration auf die gegenst\u00e4nde kann man freilich zeitweilig auf andere wie abwesend wirken. wenn die seele im traum reisen unternimmt, ist sie ebenfalls anderswo, und mu\u00df dann rechtzeitig wieder zur\u00fcckkehren. heimkehren kann man wohl nicht sagen. denn wom\u00f6glich ist die andere welt die heimat der seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das gestalten von joanna lisiak hat etwas von der unbefangenheit der kinder. sie wei\u00df, oder ahnt, was sie macht, aber im kreativen proze\u00df wird das ausgeblendet. der vergleich mit kindern ist nat\u00fcrlich positiv gemeint. kinder sind ganz nat\u00fcrlich spontan und entspannt sch\u00f6pferisch. die zweckhaft effizient handelnden erwachsenen verlieren solche f\u00e4higkeiten meist, die k\u00fcnstlerische menschen brauchen, oder m\u00fcssen sie sich m\u00fchsam wieder erarbeiten. heraklit verglich die weltbildende kraft mit einem kind, das spielend steine hin und her setzt und sandhaufen errichtet und wieder zerst\u00f6rt. friedrich nietzsche erkl\u00e4rte: \u00bbDas Kind wirft einmal das Spielzeug weg: bald f\u00e4ngt es wieder an in unschuldiger Laune. Sobald es aber baut, kn\u00fcpft, f\u00fcgt und formt es gesetzm\u00e4\u00dfig und nach inneren Ordnungen. So schaut nur der \u00e4sthetische Mensch die Welt an, der an dem K\u00fcnstler und an dem Entstehen des Kunstwerks erfahren hat, wie der Streit der Vielheit doch in sich Gesetz und Recht tragen kann, wie der K\u00fcnstler beschaulich \u00fcber und wirkend in dem Kunstwerk steht, wie Notwendigkeit und Spiel, Widerstreit und Harmonie sich zur Zeugung des Kunstwerkes paaren m\u00fcssen.\u00ab und: \u00bbso, wie das Kind und der K\u00fcnstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerst\u00f6rt, in Unschuld \u2013 und dieses Spiel spielt der \u00c4on mit sich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei walter benjamin hei\u00dft es: \u00bbDie Kinder verf\u00fcgen \u00fcber die Erneuerung des Daseins als \u00fcber eine hundertf\u00e4ltige, nie verlegene Praxis. Dort, bei den Kindern, ist das Sammeln nur <em>ein<\/em> Verfahren der Erneuerung, ein anderes ist das Bemalen der Gegenst\u00e4nde, wieder eines das Ausschneiden, noch eines der Abziehen und so die ganze Skala kindlicher Aneignungsarten vom Anfassen bis hinauf zum Benennen.\u00ab und: \u00bbKinder n\u00e4mlich sind auf besondere Art geneigt, jedwede Arbeitsst\u00e4tte aufzusuchen, wo sichtbare Bet\u00e4tigung an Dingen vor sich geht. Unwiderstehlich f\u00fchlen sie sich vom Abfall angezogen, der sei es beim Bauen, bei Garten- und Tischlerarbeiten, beim Schneidern oder wo sonst immer entsteht. In diesen Abfallprodukten erkennen sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein, zukehrt. Mit diesen bilden sie die Werke von Erwachsenen nicht sowohl nach als da\u00df sie diese Rest- und Abfallstoffe in eine sprunghafte neue Beziehung zueinander setzen. Kinder bilden sich damit ihre Dingwelt, eine kleine in den gro\u00dfen, selbst.\u00ab vielleicht bildet joanna lisiak mit ihren kunstobjekten auch erfahrungen und wahrnehmungweisen ihrer eigenen polnischen kindheit nach und vollendet sie so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sie betrachtet dinge und kunstobjekte wie familien. \u00bbErstaunlich wie sich gewisse Arbeiten wie von selbst zueinander stellen und andere sich solit\u00e4r hervortun.\u00ab, schreibt sie, \u00bbAlles flie\u00dft durch meine H\u00e4nde und durch meine Blicke. Das Bild potenziert sich \u00fcberdies, wenn ich beginne zu arrangieren. Dann entstehen ganz neue Chancen und die Dinge interagieren, kommunizieren miteinander. Manche fallen aus dem Rahmen, andere sehen kombiniert aus wie Geschwister, obschon sie ganz anderen Ursprung haben.\u00ab und: \u00bbAch, diese Vielfalt und das Heterogene, die sich durch mein Leben ziehen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWichtig ist mir, dass die Dinge zueinander sprechen und sich so etwas wie eine eigene Bildsprache bildet, der man sich nicht entziehen kann und auf die man sich vielleicht sogar einl\u00e4sst. Dass sich alles miteinander verbindet, eine Ganzheit ergibt.\u00ab indem die empathie im betrachten und gestalten auf das unbelebte \u00fcbertragen wird, wandern seelen in die dinge ein, w\u00e4hrend andere menschen, die sich nicht mehr einf\u00fchlen k\u00f6nnen, zugleich verdinglichen. \u00bbEs sind keineswegs fremde Objekte, die blo\u00df hergestellt werden. Sie sind geschichtlich verankert, befinden sich auf der Durchreise.\u00ab, wie menschen. \u00bbIch verfremde, damit es sich mir auf neue Weise erhellt. Ich breche auf, damit die Gegenwart sich offenbart. Ich gehe dem Erbe nach, das ein Gegenstand mit sich herumtr\u00e4gt.\u00ab \u00bbAlso erkunden, untersuchen, ausprobieren und zusammenstellen, kleben, bemalen, kratzen, formen, spachteln.\u00ab tastsinn und formsinn gehen ineinander \u00fcber. sie nennt ihre st\u00fccke elaborate. laborieren bedeutet auch als alchemist arbeiten. mittellateinisch laboratorium hie\u00df werkraum, werkstatt, im 16. jahrhundert deutsch alchemistenk\u00fcche. die kunst der alchemie ist eine der verwandlung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">es entstanden 79 kunstobjekte mit titeln, die sie gern erfindet, weil sie dabei mit worten spielen und auch den betrachter oder leser dazu anregen kann. die objekte hei\u00dfen unter anderem \u00bbF\u00e4nger kreisender Gedanken\u00ab, \u00bbAls das Schaukeln noch Programm war\u00ab, \u00bbKarneval der Tiere\u00ab, \u00bbGefl\u00fcgelte Giraffe vor W\u00fcrfel\u00ab, \u00bbAlle meine K\u00fche\u00ab, worin die kinderliedzeile \u00bbAlle meine Entchen\u00ab anzuklingen scheint, \u00bbGlockenwurm\u00ab, \u00bbRingeltanz\u00ab, \u00bbNierensch\u00e4lchen mit Leberfleck\u00ab, \u00bbDinner: Achate im Dialog mit goldenen L\u00f6ffeln\u00ab, \u00bbZerknuspert\u00ab, \u00bbzipfelehrlich + zahnradtreu\u00ab, \u00bbTaschenmaschen\u00ab und \u00bbluschen laschen\u00ab. manche der titel lassen an wortsch\u00f6pfungen von jean paul denken, der das bizarre, skurrile, groteske und witzige mochte: \u00bbSchwanzstern\u00ab, \u00bbWindfisch\u00ab, \u00bbdicker Schlaf\u00ab, \u00bbblitzwunderlich\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die gefl\u00fcgelte giraffe erinnert an gefl\u00fcgelte sonnen, menschen, l\u00f6wen, panther, elefanten, stiere, pferde, hirsche, steinb\u00f6cke, antilopen, einh\u00f6rner, drachen, schlangen, schildkr\u00f6ten und skorpione. giraffen, die man griechisch und lateinisch kamelpanther, lateinisch camelopardalis, nannte, sehen aufgrund ihrer sonderbaren form wie phantasietiere und mischwesen aus. das einhorn wirkt dagegen geradezu gew\u00f6hnlich. f\u00fcr mich als kind waren giraffen, oder elefanten, auch wegen des klangs ihrer namen, im zoo geheimnisvoller als wenn ein streicheleinhorn, oder streicheleinh\u00f6rnchen, da gewesen w\u00e4re. christian morgenstern erfand walfischvogel, pfauenochse, tagtigall, s\u00e4geschwan und g\u00e4nseschmalzblume.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak gestaltete ihre kunstobjekte, beschrieb deren entstehung und erfand spielerisch titel f\u00fcr sie, verband also auch hier verschiedene begabungen. sie brachte die dinge durch ihre gestaltung, in der sie ihre eigenarten offenbaren, zum sprechen, so indem sie mit gold, der farbe des g\u00f6ttlichen und heiligen, bemalt wurden. \u00bbEin von Holzw\u00fcrmern zerfressenes Holzst\u00fcck, ein \u00dcberbleibsel vom Eisenscharnier einer Kommode, ein Puppenfu\u00df aus wei\u00dfem Biskuit-Porzellen k\u00f6nnen genauso w\u00fcrdevoll strahlen und ihre Wirkung nicht verfehlen, wie ein versteinerter Wal-Zahn\u00ab. \u00bbMeine kleinen Korallen auf geschw\u00e4rztem Untergrund sind jetzt kleine Goldnuggets und ein glattes Holz gewinnt durch das neue Schimmern auf der goldenen Haut an Leichtigkeit\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">einst bekamen kinder in indien, verbunden mit w\u00fcnschen f\u00fcr ein langes leben, aus einer goldenen sch\u00fcssel und mit einem goldenen l\u00f6ffel, sonnensymbolen, honig, butter, geronnene milch und wasser, die indisch auch opfergaben waren, vom vater gereicht, der dazu sprach: \u00bbIch lege Dich in die Erde, ich lege Dich in den Luftraum, ich lege Dich in den Himmel.\u00ab diese speisung bedeutete die k\u00fcnftige vereinigung mit dem all-leben, dem brahman. das gerade geborene kind wurde so in einen kosmischen zusammenhang gestellt. honig, butter und milch sind symbole des weltalls. indisch wird bis heute bei der geburt eines kindes honig geopfert. alchemisten wollten, unter anderem von der gnosis angeregt, durch transmutation und reifung unedler metalle gold schaffen und analog geist und seele transformieren und l\u00e4utern und von den schlacken der materie befreien. die koralle war alchemistisch aus dem urwasser stammende urmaterie. zu ihrem objekt \u00bbBonjour\u00ab, einer wandskulptur, schreibt joanna lisiak, sensibel nuancen empfindend: \u00bbBonjour singt dir freundlich zu, es fl\u00fcstert z\u00e4rtlich, es ermuntert sanft, es k\u00fcndigt an, es frohlockt, zirpt anmutig, es vibriert un petit peu. Es nimmt dich wahr mit Respekt, direkt. Es \u00fcbermittelt mit einer Lebenslust, mit Flair, im Ansatz leicht, nicht ohne Verve. Bonjour. Der Tag kann kommen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Faden im Kopf, Aufs\u00e4tze und Reflexionen <\/b>von Joanna Lisiak, 2018, mit Illustrationen von Barbara Balzan 236 Seiten, isbn 978-3-74816-716-7<\/p>\n<div style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53326&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Faden_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00abUnter freiem Himmel\u00bb, 2018, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joanna Lisiak hat sieben l\u00e4ngere Aufs\u00e4tze in ihrem Buch &#8222;Der Faden im Kopf&#8220; geb\u00fcndelt. Es sind Texte \u00fcber die Kreativit\u00e4t und deren Prozesse, ihre Fallen und Verf\u00fchrungen, ihr Spektrum an M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesenswert ist gleichfalls das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verlieh der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; joanna lisiak reflektiert in ihrem buch \u00bbDer Faden im Kopf\u00ab \u00fcber wahrnehmung, vorbilder, intuition, bewu\u00dftsein, musik, gesang, stimme, schauspiel, literatur, malerei, zeichnung und objektkunst. die texte sind, den jeweiligen gegenst\u00e4nden entsprechend, verschieden in kontext und blickwinkel. sie denkt \u00fcber&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/07\/lebensfaeden-im-labyrinth\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":98546,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1803],"class_list":["post-79642","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79642","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79642"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79642\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103019,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79642\/revisions\/103019"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98546"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}