{"id":7941,"date":"2012-10-09T00:38:45","date_gmt":"2012-10-08T22:38:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7941"},"modified":"2012-10-07T14:41:15","modified_gmt":"2012-10-07T12:41:15","slug":"anordnungen-%e2%88%99-im-stellwerk-der-poesie-von-hans-georg-bulla","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/09\/anordnungen-%e2%88%99-im-stellwerk-der-poesie-von-hans-georg-bulla\/","title":{"rendered":"Anordnungen \u2219 Im Stellwerk der Poesie von Hans Georg Bulla"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Wenn ich Hans Georg Bullas Gedichte lese, gerate ich in eine besondere Stimmung. Nicht aufgeregt, sondern aufgeweckt, nicht \u00fcberrascht, sondern \u00fcberlegt, nicht angesteckt, sondern angesprochen f\u00fchle ich mich. Ich setze die W\u00f6rter mit Bedacht, und mir f\u00e4llt auf, wenn andere sie mit Bedacht setzen. Der sechsj\u00e4hrige Sohn kommt hereingerannt. \u00bbDu, Mama&#8230; Das Schwein auf Christianes Geburtstag war ja halbtot.\u00ab<br \/>\nIch muss kurz \u00fcberlegen, was er meint. Ein halbes Spanferkel hatte auf dem Buffet gelegen.<br \/>\n\u00bbDu hast Recht: Es war halb, und deswegen war es tot.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/wechsel2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-7955\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/wechsel2-170x300.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/wechsel2-170x300.jpg 170w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/wechsel2.jpg 451w\" sizes=\"auto, (max-width: 170px) 100vw, 170px\" \/><\/a>Apfelesser<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>\u00a0Mit einem blanken Messer<\/em><br \/>\n<em>hast du den Apfel zer-<\/em><br \/>\n<em>schnitten zwei glatte<\/em><br \/>\n<em>H\u00e4lften vor mich hingelegt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Als wolltest du mehr<br \/>\nzerteilen, das Tisch-<br \/>\ntuch zwischen uns. W\u00e4hlen<br \/>\nl\u00e4\u00dft du mich, welche H\u00e4lfte<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Deine gro\u00dfz\u00fcgige Kinder-<br \/>\ngerechtigkeit, einer teilt<br \/>\neiner w\u00e4hlt. Was alles liegt<br \/>\nzerschnitten zwischen uns<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Halb bleibt der Hunger<br \/>\nhalb die Wahrheit( \u2026)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Gedicht regt mich zum Nachdenken \u00fcber eine Freundin an, die die Klagen \u00fcber Halbheiten nicht mehr ertragen konnte: \u00bbAlles Halbe ist ganz\u00ab, behauptete sie. Irgendwie hat sie recht: Alles Halbe war zumindest ganz, definiert sich vom Ganzen her bzw. existiert nat\u00fcrlich f\u00fcr sich selbst als Ganzes; andererseits kann aus zwei ganzen H\u00e4lften auch etwas ganz anderes entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00bbNun geh mal in den Garten und lass mich hier schreiben\u00ab, sage ich zum Sohn.<br \/>\n\u00bbBrauchst du was?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Garten ist f\u00fcr den Aufmerksamen alles schon vorhanden; eine Welt in der Welt. Wenn Bulla \u00fcber den Garten schreibt, wird dieser zum Schauplatz einer sensiblen Filmszene, einer \u2013 wie wir ahnen \u2013 tiefen Beziehung zweier Menschen, die ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Orte hat, <em>als du leicht durch den \/ Garten gingst, sah ich \/ endlich dass er wie er \/ bl\u00fchte und ich wusste \/ wohin du gehen \/ wolltest dr\u00fcben am \/ Zaun fielen ein paar \/ V\u00f6gel ein wie zu Hause &#8230; (Ende des Gartens).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als minimalistischer Komponist braucht Bulla nur wenige W\u00f6rter, um die Essenz einer Situation zu beschreiben. Die Gedichte sind S\/W-Aufnahmen, in denen das Subjekt ausgespart wird, und sich so in der Vorstellung des Lesers um so deutlicher formen kann. Bullas Gedichte sind B\u00fchnen nach oder vor der Auff\u00fchrung des St\u00fccks. Das zu Erfahrende verbirgt sich in den Dingen, die uns umgeben, folglich \u00fcberfrachtet Bulla sie nicht mit Bildern, vielmehr isoliert er sie, durchleuchtet sie bis auf den Grund: <em>Da\u00df es einen Grund \/ gibt f\u00fcr alles, wei\u00df ich. \/ Ich kenne ihn nicht. Sie r\u00e4umen p\u00fcnktlich die \/ Tische ab, w\u00e4hrend wir \/ bleiben wollen &#8230; das alte Radio holt \/ mich n\u00e4her an den S\u00e4nger, \/ aber kein Lied macht uns tanzen &#8230;(Am See)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn auch nicht alle Gedichte Dialoge mit einem Maler sind, so k\u00f6nnten doch die meisten diese Lesart haben. Es sind Inszenierungen, Anordnungen. Feststellungen. Eine n\u00fcchterne Melancholie zieht sich durch die Verse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ist eine Art Grundthema auszumachen? Ich denke an den Gang der Dinge \u2013 es \u203aSchicksal\u2039 zu nennen, w\u00fcrde der \u2013 zuweilen wie eine Maschine voranschreitenden \u2013 Unausweichlichkeit \/ Verg\u00e4nglichkeit eine h\u00f6here Absicht unterstellen. Aber darum geht es nicht, nicht um Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Buch, herausgegeben von Gerd Kolter mit Zeichnungen von Peter Marggraf und einem Nachwort von Hermann Kinder, ist eine Chronologie verschiedener Schaffensperioden. Ein derart gestaltetes Buch ist sowohl f\u00fcr den Kenner wie den Leser, der Gedichte von Hans Georg Bulla zum erstenmal liest, eine Bereicherung. Es zeigt die Entwicklung von \u00fcber 30 Jahren zwischen zwei Buchdeckeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die f\u00fcnf Kapitel, in die das Buch eingeteilt ist (und die lediglich nummeriert sind), m\u00f6chte ich versuchsweise untertiteln:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a01 \u2013 Am Abend, fr\u00fche Gedichte mit Altersweisheit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">2 \u2013 Anderswo (<em>aus den Nachrichten sind wir herausgewachsen wie aus alten Schuhen<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">3 \u2013 Eher zuhaus (<em>im kleinen Weg standen wir, mit dem Blick aufs Wasser, auf der Terrasse, auf den Tischen weiter vorn, vermehrte sich die Zahl der Gl\u00e4ser<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">4 \u2013 Schlanke Textk\u00f6rper mit weitreichenden Fragen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">5 \u2013 Sp\u00e4te Notate mit junggebliebenem Geist<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe \u00fcberlegt, woher der Titel <em>Wechselgetriebe<\/em> kommen mag, den ich so passend finde und in dem die Frage mitschwingt, warum uns etwas antreibt und wohin es uns treibt. Tats\u00e4chlich ist diese Fragestellung der schillernde Hintergrund f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Texte, besonders deutlich in: <em>(&#8230;)Diese Landschaft, hast du sie tats\u00e4chlich \/\/ so gesehen oder gibt es sie nur in deinem \/ Kopf. Aber was ist schon der Unterschied. \/\/ Trotzdem noch einmal, hattest du allein \/ den d\u00fcstren Blick oder hat sich alles \/\/ zugezogen vor deinen Augen. (Neues Zimmer mit Landschaft)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch die Zeichnungen von Peter Marggraf mit ihren doppelt aufscheinenden Gesichtern besch\u00e4ftigen sich mit diesen Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Schluss m\u00f6chte ich noch betonen, dass Hans Georg Bullas Texte den Blick des Romanciers verraten. So in den letzten kurzen Prosast\u00fccken. Ganze Lebensl\u00e4ufe blitzen auf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Er war der erste aus unserer Gruppe, weil das Kind unterwegs war, kurz nach dem Abitur. Jetzt verheiratet, in der ersten eignen Wohnung, eingerichtet mit dem Jugendzimmerm\u00f6beln von ihr und von ihm. Beider Eltern haben beim Umziehen geholfen. Von der Kreuzung unten ist es leider recht laut. Kurze Wege ins Seminar, schnell nach Hause. Sie t\u00f6pfert nebenbei f\u00fcr den Weihnachtsmarkt, er pa\u00dft auf, es ist ein M\u00e4dchen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kein Wunder, dass der Autor nicht nur im Genre Lyrik zuhause ist, sondern unter zahlreichen Auszeichnungen auch W\u00fcrdigungen f\u00fcr die Erz\u00e4hlkunst zu finden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>* * *<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hans Georg Bulla: <strong>Wechselgetriebe<\/strong>. <em>Ausgew\u00e4hlte Gedichte und Notate<\/em>, hrsg. von Gerd Kolter, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: Arial,sans-serif\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich Hans Georg Bullas Gedichte lese, gerate ich in eine besondere Stimmung. Nicht aufgeregt, sondern aufgeweckt, nicht \u00fcberrascht, sondern \u00fcberlegt, nicht angesteckt, sondern angesprochen f\u00fchle ich mich. 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