{"id":79397,"date":"2022-09-26T00:01:19","date_gmt":"2022-09-25T22:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79397"},"modified":"2022-02-24T16:38:45","modified_gmt":"2022-02-24T15:38:45","slug":"die-kaktushecke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/26\/die-kaktushecke\/","title":{"rendered":"Die Kaktushecke"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Fremde, der zu uns nach Ibiza kam, war ein Ire O\u2019Brien. Das ist jetzt ungef\u00e4hr zwanzig Jahre her, und der Mann war damals schon in den Vierzigern. Er war, bevor er sich bei uns zur Ruhe setzte, viel herumgekommen, hatte in seiner Jugend lange als Farmer in Ostafrika gelebt, war ein gro\u00dfer J\u00e4ger und Lassowerfer, vor allem aber ein Sonderling, wie ich keinen gekannt habe. Von den gebildeten Kreisen, Geistlichen, Magistratsbeamten, hielt er sich fern, selbst mit den Eingeborenen stand er nur in losem Verkehr. Dennoch lebt sein Ged\u00e4chtnis bei den Fischern heute noch, und zwar vor allem wegen seiner Meisterschaft im Knotenbinden. Im \u00fcbrigen schien seine Menschenscheu nur halb die Folge seines Naturells zu sein; widrige Erfahrungen mit Nahestehenden mochten das Weitere dazu getan haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte damals nicht viel mehr ermitteln, als da\u00df ein Freund, dem er sein einzig wertvolles Besitztum anvertraut hatte, damit verschwunden war. Das war eine Sammlung von Negermasken, welche er bei den Eingeborenen selber in seinen afrikanischen Jahren erworben hatte. Im \u00fcbrigen hat sie dem, der sie sich angeeignet hatte, kein Gl\u00fcck gebracht. Bei einem Schiffsbrand war er umgekommen und mit ihm die Sammlung von Masken, die ihn an Bord begleitet hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O\u2019Brien sa\u00df auf seiner Finca hoch \u00fcber der Bucht, hatte er aber Arbeit vor, so f\u00fchrte ihn sein Weg immer wieder ans Meer. Da befa\u00dfte er sich mit Fischerei, lie\u00df die aus <tt>canas<\/tt> geflochtenen Reusen hundert Meter und tiefer hinab, wo die Langusten auf dem felsigen Meeresboden spazieren, oder fuhr an stillen Nachmittagen hinaus, um Netze zu legen, die in zw\u00f6lf Stunden wieder eingeholt sein wollten. Daneben aber war der Fang von Landtieren seine Freude geblieben, und in England besa\u00df er zu Amateuren und Wissenschaftlern gen\u00fcgend Beziehungen, um selten ganz ohne Auftr\u00e4ge, sei es auf Vogelb\u00e4lge, seltene K\u00e4ferarten, Geckos oder Schmetterlinge zu sein. Am meisten aber besch\u00e4ftigten ihn die Eidechsen. Man erinnert sich noch der Terrarien, die damals, zuerst in England, in der Kakteen-Ecke der Boudoirs oder der Winterg\u00e4rten sich ansiedelten. Eidechsen begannen ein Modeartikel zu werden, und unsere Balearen wurden bald bei den Tierh\u00e4ndlern ebenso bekannt, wie sie es bei den F\u00fchrern r\u00f6mischer Legionen einst ihrer Schleuderer wegen gewesen sind. Denn \u201e<tt>balea<\/tt>\u201c hei\u00dft die Schleuder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O\u2019Brien, ich sagte es schon, war ein Sonderling. Ich glaube, vom Eidechsenfang und Kochen bis zum Schlafen und Denken tat er nichts auf die Art, wie andere es machen. Was Speisen anging, so hielt er von Vitaminen, Kalorien und dergleichen wenig. Alles Essen, so pflegte er zu sagen, sei Heilung oder sei Vergiftung, und ein Mittleres g\u00e4be es nicht. Der Essende also m\u00fcsse sich immer als eine Art von Rekonvaleszenten ansehen, wenn er sich n\u00e4mlich richtig ern\u00e4hren wolle. Und nun konnte man von ihm eine ganze Liste von Speisen h\u00f6ren, deren die einen dem Sanguiniker, die anderen dem Choleriker, andere wieder dem Phlegmatischen und endlich wieder andere dem Melancholischen entspr\u00e4chen, ihnen heilsam seien, indem sie die erg\u00e4nzenden, die mildernden Substanzen ihnen einverleibten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz \u00e4hnlich stand es mit dem Schlaf; er hatte da eine eigene Theorie der Tr\u00e4ume und behauptete, bei den Pangwe, einem Negerstamme im Innern, das unfehlbare Mittel kennengelernt zu haben, Alptr\u00e4ume, qu\u00e4lende Gesichte, die im Schlafe wiederkehren, sich fernzuhalten. Man brauche nur am Abend, ehe man schlafen gehe, das Schreckensbild \u2013 wie es die Pangwe unter Zeremonien tun \u2013 sich zu beschw\u00f6ren, so bleibe man des Nachts vor ihm bewahrt. Er nannte das die Traumimpfung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Denken endlich \u2013 wie er es mit dem Denken hielt, das sollte ich eines Nachmittags erfahren, als wir in einem Boot auf dem Wasser lagen, um Netze, die am Vortag ausgeworfen waren, einzuziehen. Der Fang war elend. Wir hatten das beinahe leere Netz fast eingebracht, als ein paar Maschen sich an einem Riff verfingen und trotz aller Sorgfalt bei der Bergung rissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich rollte meine Regenhaut zusammen, schob sie in meinen Nachen und streckte mich aus. Das Wetter war bew\u00f6lkt, die Luft still. Bald fielen ein paar Tropfen, und das Licht, das alle Dinge hier vom Himmel her so sehr beansprucht, verzog sich, um sie der Erde zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich mich aufrichtete, fiel mein Blick auf ihn. Er hielt sein Netz noch in den H\u00e4nden, aber die ruhten; der Mann war wie abwesend. Befremdet fa\u00dfte ich ihn n\u00e4her ins Auge; sein Gesicht war ausdruckslos und ohne Alter; um den geschlossenen Mund spielte ein L\u00e4cheln. Ich griff nach meinem Ruderpaar; ein paar Schl\u00e4ge f\u00fchrten uns \u00fcbers stille Wasser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O\u2019Brien sah auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJetzt h\u00e4lt es wieder\u201c, sagte er und pr\u00fcfte, kr\u00e4ftig zerrend, den neuen Netzknoten. \u201eEs ist aber auch ein doppelter Fl\u00e4me.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verst\u00e4ndnislos sah ich ihn an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin doppelter Fl\u00e4me\u201c, wiederholte er. \u201eSehen Sie, er kann Ihnen auch beim Angeln n\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und damit nahm er ein St\u00fcck Schnur, schlug eines ihrer Enden ein und schlang es drei-, viermal um sich selber, bis es zur Achse einer Spirale wurde, deren Windungen mit einem Ruck sich zum Knoten zusammenzogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEigentlich\u201c, fuhr er fort, \u201eist er nur eine Abart des doppelten Galeerenknotens und auf alle F\u00e4lle, geschleift oder ungeschleift, dem Zimmermann vorzuziehen.\u201c All dies begleitete er mit geschwinden Windungen und Schleifen. Mir schwindelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer diesen Knoten\u201c, schlo\u00df er, \u201eauf Anhieb bindet, der hat es ziemlich weit gebracht und kann sich zur Ruhe setzen. Ganz w\u00f6rtlich meine ich das: zur Ruhe setzen, denn das Knoten ist eine Yogakunst; vielleicht das wunderbarste aller Entspannungsmittel. Man lernt es nur durch Ueben und Wieder\u00fcben \u2013 nicht erst am Wasser, sondern zu Hause, in aller Gem\u00fctsruhe, im Winter, bei Regen. Und am besten, wenn man Kummer und Sorgen hat. Sie glauben nicht, wie oft ich dar\u00fcber eine L\u00f6sung f\u00fcr Fragen, die mich bedr\u00fcckten, gefunden habe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich versprach er, mich in diesem Fache zu unterrichten und in alle seine Geheimnisse vom Kreuz- und Weber- bis zum Puffer- und Herkulesknoten mich einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es wurde nichts draus; denn bald darauf sah man ihn immer seltener am Wasser. Erst blieb er drei, vier Tage fern, dann ganze Wochen. Was er trieb, wu\u00dfte niemand. Man munkelte von einer geheimnisvollen Besch\u00e4ftigung. Unzweifelhaft hatte er irgendeine neue Liebhaberei entdeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es vergingen einige Monate, bis wir wieder einmal im Boot beieinander lagen. Diesmal war der Fang reichlicher, und als wir zuletzt eine gro\u00dfe Meerforelle an seiner Angel fanden, machte O\u2019Brien mir den Vorschlag, am n\u00e4chsten Abend zu einem kleinen Essen zu ihm zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Tisch sagte O\u2019Brien, indem er eine T\u00fcr \u00f6ffnete, \u201emeine Sammlung, von der Sie gewi\u00df schon geh\u00f6rt haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geh\u00f6rt hatte ich von der Sammlung von Negermasken wohl, aber eigentlich nur dies, da\u00df sie zugrundegegangen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch da hingen sie nun, zwanzig bis drei\u00dfig St\u00fcck, im leeren Zimmer, an gewei\u00dften W\u00e4nden. Es waren Masken von groteskem Ausdruck, die vor allem eine bis ins Komische getriebene Strenge, eine ganz unerbittliche Ablehnung alles Ungem\u00e4\u00dfen verrieten. Die aufgeworfenen Oberlippen, die gew\u00f6lbten Riefen, zu denen Lidspalte und Brauen geworden waren, schienen etwas wie grenzenlosen Widerwillen gegen den Nahenden, ja gegen das Nahende schlechthin, zum Ausdruck zu bringen, w\u00e4hrend die gestaffelten Kuppen des Stirnschmucks und die Verstrebungen der geflochtenen Haarstr\u00e4hnen wie M\u00e4ler hervortraten, die die Rechte einer fremden Macht \u00fcber diese Z\u00fcge bekundeten. Auf welche dieser Masken man auch blickte, nirgends schien ihr Mund irgend dazu bestimmt, Laute entfahren zu lassen; die wulstig aufgeworfenen oder festgeschlossenen Lippen waren Schranken vor oder nach dem Leben wie die Lippen der Embryonen oder die der Toten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O\u2019Brien war zur\u00fcckgeblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese hier\u201c, sagte er pl\u00f6tzlich hinter mir und wie zu sich selber, \u201ehabe ich zuerst wiedergefunden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich mich umwandte, stand er vor einem langgezogenen, glatten, ebenholzschwarzen Kopf, der ein L\u00e4cheln zeigte. Es war ein L\u00e4cheln so von Anbeginn herauf, da\u00df es im Grunde wie ein Wiederk\u00e4uen des L\u00e4chelns hinter den geschlossenen Lippen schien. Im \u00fcbrigen lag dieser Mund ganz tief, wie <span id=\"Seite_2\" class=\"PageNumber\">[<b><span class=\"plainlinks\"><a class=\"external text\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/w\/index.php?title=Die_Kaktushecke&amp;action=edit&amp;image=\/wiki\/Die_Kaktushecke-2-Vossische_Zeitung-1933.png\">2<\/a><\/span><\/b>]<\/span> denn das ganze Antlitz nichts als Ausgeburt der ungeheuren gew\u00f6lbten Stirn war, die in unaufhaltsamem Bogen herniederflo\u00df, durchbrochen nur von den erhabenen runden Augenringen, die wie aus einer Taucherglocke hervortraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese habe ich zuerst wiedergefunden. Und ich k\u00f6nnte Ihnen auch sagen, wie.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah ihn nur an. Mit dem R\u00fccken lehnte er sich gegen das niedrige Fenster, und dann begann er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn Sie hinaussehen, haben Sie vor sich die Kaktushecke. Es ist die gr\u00f6\u00dfte in der ganzen Gegend. Bemerken Sie den Stamm, wie er bis hoch hinauf verholzt ist. Daran erkennen Sie das Alter; mindestens hundertf\u00fcnfzig Jahre. Es war eine Nacht wie heute, nur da\u00df der Mond schien. Vollmond. Ich wei\u00df nicht, ob Sie sich je Rechenschaft von der Wirkung des Mondes in dieser Gegend gegeben haben, in der sein Licht nicht auf den Schauplatz unseres Tagesdaseins zu fallen scheint, sondern auf eine Gegen- oder Neben-Erde. Den Abend hatte ich vor meinen Seekarten zugebracht. Sie m\u00fcssen wissen, es ist mein Steckenpferd, die Karten des britischen Marineamts zu verbessern, und zugleich ein billig erworbener Ruhm, denn wo ich eine neue Stelle mit meinen Reusen besetze, nehme ich Lotungen vor. Also ich hatte einige H\u00fcgelchen auf dem Meeresgrunde umschrieben und dr\u00fcber nachgedacht, wie h\u00fcbsch es w\u00e4re, wenn man mich dort in der Tiefe verewigte, indem man ihrer einem meinen Namen g\u00e4be. Und dann war ich zu Bett gegangen. Sie werden vorhin gesehen haben, da\u00df ich Vorh\u00e4nge vor den Fenstern habe; die fehlten mir damals noch, und der Mond r\u00fcckte, w\u00e4hrend ich schlaflos lag, gegen mein Bett vor. Ich hatte wieder zu meinem Lieblingsspiel gegriffen, dem Knotenschlingen. Ich glaube, ich habe Ihnen schon einmal davon gesprochen. Das geht so vor sich, da\u00df ich im Geiste einen komplizierten Knoten sch\u00fcrze, darauf ihn gleichsam bei mir selbst beiseite lege und einen zweiten, wieder in Gedanken, zustandebringe. Dann kommt der erste wieder an die Reihe. Nur da\u00df ich ihn diesmal nicht zu sch\u00fcrzen, sondern zu l\u00f6sen habe. Nat\u00fcrlich kommt es dabei darauf an, die Form der Knoten ganz pr\u00e4zise im Ged\u00e4chtnis zu behalten, vor allem darf sich der erste mit dem zweiten nicht vermengen. Diese Uebungen, in denen ich es wirklich zu einigem K\u00f6nnen gebracht habe, stelle ich an, wenn ich Gedanken im Kopf habe und keine L\u00f6sung, oder M\u00fcdigkeit in den Gliedern und keinen Schlaf finde. Bei beiden kommt es auf ein und dasselbe hinaus: die Entspannung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesmal aber half mir meine bew\u00e4hrte Meisterschaft nichts, denn je n\u00e4her ich der L\u00f6sung kam, desto n\u00e4her r\u00fcckte auch der blendende Mondschein gegen mein Bett vor. Da nahm ich meine Zuflucht zu einem andern Mittel. Ich lie\u00df die Spr\u00fcche, R\u00e4tsel, Lieder und Diktons, die ich allm\u00e4hlich auf der Insel gelernt habe, Revue passieren. Das ging schon besser. Ich f\u00fchlte meinen inneren Krampf sich legen, da fiel mein Blick auf die Kaktushecke. Ein altes Spottverschen kam mir in das Ged\u00e4chtnis: <tt>\u201eBuenas tardes chlumbas figas.\u201c<\/tt> Der Bauernjunge sagt \u201eGuten Abend\u201c zu der Kaktusfeige, z\u00fcckt sein Messer und zieht ihr, wie es hei\u00dft, vom Wirbel bis zum Hintern einen Scheitel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Zeit der Kaktusfeigen war l\u00e4ngst vor\u00fcber. Die Hecke stand kahl; ihre Bl\u00e4tter stie\u00dfen bald schr\u00e4g ins Leere, bald standen sie gestaffelt, dicke Schalen, die vergebens auf Regen warten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKein Zaun, sondern Zaung\u00e4ste\u201c, ging es mir durch den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn in der Zwischenzeit schien eine Verwandlung mit dieser Hecke vor sich gegangen. Es war, als wenn die drau\u00dfen in der Helle, die nun mein ganzes Bett umgab, herstarrten; als hinge da eine Schar mit angehaltenem Atem an meinen Blicken. Ein Get\u00fcmmel erhobener Schilde, Kolben und Streit\u00e4xte. Und beim Einschlafen erkannte ich pl\u00f6tzlich das Mittel, mit dem die Gestalten da drau\u00dfen mich in Schach hielten. Es waren Masken, die sich mir entgegenreckten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So war der Schlummer \u00fcber mich gekommen. Am n\u00e4chsten Morgen aber lie\u00df es mir keine Ruhe. Ich nahm ein Messer, und dann schlo\u00df ich mich acht Tage mit dem Block ein, aus dem die Maske, die hier h\u00e4ngt, entstand. Die anderen entstanden eine nach der andern, und ohne da\u00df ich noch jemals einen Blick an die Kaktushecke verloren h\u00e4tte. Ich will nicht sagen, da\u00df sie alle meinen fr\u00fcheren \u00e4hnlich sehen; aber schw\u00f6ren m\u00f6chte ich, da\u00df kein Kenner diese Masken von denen unterscheiden k\u00f6nnte, die vor Jahren einmal ihre Stelle einnahmen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So erz\u00e4hlte O\u2019Brien. Wir plauderten noch ein Weilchen, dann ging ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Wochen sp\u00e4ter h\u00f6rte ich, O\u2019Brien habe sich wieder mit einer geheimnisvollen Arbeit eingeschlossen und sei f\u00fcr jedermann unzug\u00e4nglich. Ich habe ihn niemals wiedergesehen, denn bald danach starb er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon lange hatte ich nicht mehr an ihn gedacht, als ich zu meiner Ueberraschung eines Tages bei einem Pariser Kunsth\u00e4ndler in der Rue La Bo\u00e9tie in einem Glaskasten drei Negermasken entdeckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDarf ich Sie\u201c, wandte ich mich an den Chef des Hauses, \u201ezu dieser unerh\u00f6rt sch\u00f6nen Erwerbung aufrichtig begl\u00fcckw\u00fcnschen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch sehe mit Vergn\u00fcgen\u201c, war die Antwort, \u201eda\u00df Sie Qualit\u00e4t zu w\u00fcrdigen wissen! Ich sehe, da\u00df Sie Kenner sind! Die Masken, die Sie hier mit Recht bewundern, sind nichts als eine kleine Probe der gro\u00dfen Kollektion, deren Ausstellung wir augenblicklich vorbereiten!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd ich k\u00f6nnte mir denken, mein Herr, da\u00df diese Masken unsere jungen K\u00fcnstler zu interessanten eigenen Versuchen inspirieren w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas hoffe ich sogar! \u2013 Wenn Sie sich \u00fcbrigens n\u00e4her daf\u00fcr interessieren, lasse ich Ihnen aus meinem B\u00fcro die Gutachten unserer ersten Kenner aus dem Haag und aus London kommen. Sie werden finden, da\u00df es sich um jahrhundertalte Objekte handelt. Bei zweien m\u00f6chte ich sogar von Jahrtausenden reden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese Gutachten zu lesen, w\u00fcrde mich in der Tat besonders interessieren! D\u00fcrfte ich Sie nun fragen, von wem diese Sammlung stammt?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSie stammt aus dem Nachla\u00df eines Iren. O\u2019Brien. Sie werden seinen Namen nie geh\u00f6rt haben. Er lebte und starb auf den Balearen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Memorial_Walter_Benjamin_Portbou_002.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-49812 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Memorial_Walter_Benjamin_Portbou_002-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Memorial_Walter_Benjamin_Portbou_002-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Memorial_Walter_Benjamin_Portbou_002-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der<span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a><span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Novelle. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der erste Fremde, der zu uns nach Ibiza kam, war ein Ire O\u2019Brien. Das ist jetzt ungef\u00e4hr zwanzig Jahre her, und der Mann war damals schon in den Vierzigern. 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