{"id":79381,"date":"2022-08-20T00:01:23","date_gmt":"2022-08-19T22:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79381"},"modified":"2022-02-18T14:58:57","modified_gmt":"2022-02-18T13:58:57","slug":"das-rendez-vous-mit-dem-goldzahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/20\/das-rendez-vous-mit-dem-goldzahn\/","title":{"rendered":"Das Rendez-vous mit dem Goldzahn"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glichkeiten verpflichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Satz hatte Eiermann insgeheim seiner Lebensf\u00fchrung vorangestellt. Schon in jungen Jahren. Was zur Folge hatte, da\u00df seine Biographie durchaus nicht so schematisch geblieben war wie die anderer, sondern streckenweise ganz ungew\u00f6hnliche H\u00f6hepunkte aufwies. Allerdings nur in venere. Auf anderen Gebieten pflegte Eiermann, wenn seinem Auge M\u00f6glichkeiten sich boten, es im Bewu\u00dftsein der ihm mangelnden F\u00e4higkeiten zu schlie\u00dfen. In venere aber war es vor jeder M\u00f6glichkeit weit offen und schlo\u00df sich erst, wenn sie zur s\u00fc\u00dfen Wirklichkeit geworden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses offene Auge, mit dem er jederzeit spazieren ging, verursachte nicht selten, da\u00df M\u00f6glichkeiten, die andernfalls gar keine geworden w\u00e4ren, pl\u00f6tzlich vor ihm sich auftaten. Denn so manche Dame, die nur so f\u00fcr sich hinwandelte, lie\u00df im Anblick seines gro\u00df auf sie gerichteten Auges, das ihre zur selben Gr\u00f6\u00dfe sich ausdehnen. Damit war f\u00fcr Eiermann die verpflichtende M\u00f6glichkeit da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Abends aber fiel ihm, als er bereits heimkehren wollte, schon von ferne etwas Gl\u00e4nzendes auf, das bei n\u00e4herem Zusehen als ein durch das konstante L\u00e4cheln seiner Besitzerin entbl\u00f6\u00dfter, abnormal gro\u00dfer Goldzahn sich erwies.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiermann war derma\u00dfen von diesem Anblick gefesselt, da\u00df er das Gesicht der Goldzahn-Besitzerin gar nicht gesehen hatte. Erst als das hypnotisierende Gl\u00e4nzen seinem Auge fehlte, bemerkte er, da\u00df jene Dame bereits an ihm vorbeigegangen war. Er machte stracks kehrt, sah aber nichts mehr. Da, ein kurzes Aufblitzen: der Goldzahn bog um die Ecke. Diesmal blieb Eiermann auf der F\u00e4hrte. Denn als er an die Ecke kam, wandelte vor ihm eine einzige Dame. Er hatte, weit ausschreitend, sie fast schon eingeholt, als sie in die Grennegade einbog und daselbst ein Haus betrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr dahin zu folgen, wagte er nicht: sie konnte verheiratet sein, einen strengen Vater haben, eine Meg\u00e4re zur Tante &#8230; Eiermann hatte da so seine Erfahrungen. Nachdem er auf dem gegen\u00fcber befindlichen Trottoir noch etwa f\u00fcnf Minuten auf und ab gegangen war, ohne den ersehnten Goldzahn am Fenster zu erblicken, beschlo\u00df er, da einen solch abnormal gro\u00dfen schwerlich zwei Personen zugleich in einem Hause besitzen konnten, einen Brief nach Grennegade sechs zu adressieren und zwar \u203aAn die Dame mit dem Goldzahn\u2039. Zudem mu\u00dfte der Brieftr\u00e4ger diesen sicherlich l\u00e4ngst\u00a0bemerkt haben, so da\u00df ein also adressierter Brief zweifellos richtig bestellt werden w\u00fcrde. Eiermann st\u00fcrzte in ein Restaurant, verfa\u00dfte eine ebenso energische wie vorsichtige Liebesepistel und warf sie unges\u00e4umt in einen Briefkasten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am folgenden Abend begab er sich zwischen f\u00fcnf und sieben Uhr wohl ein Dutzendmal an den Poste-restante-Schalter. Vergeblich. Erst als er tagsdarauf zum zehnten Mal wiederkehrte, empfing er einen gro\u00dfen blauen Brief, auf dem in barok gemalten Buchstaben die Worte \u203aRendez-vous mit dem Goldzahn\u2039 prangten. Eilends setzte er sich auf eine Bank und seine vor Neugierde feucht gewordenen Augen lasen alsbald:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaere Herre, ik haben gehabt nigt det Vergn\u00fcgen zu haben Ires Bekanntschaften. Ik hofen es zu werden. Copenhague c&#8217;est en Stadt en lille langweiliges og es ist zu winschen det die Heiterkeiten widerkert. Vieleichd Sie sind morgen Soendag klokken drei pr\u00e9cis zu den Langelinie pavillon sur la terrasse. J&#8217;aurai mon petit chapeau blanc. Og werden ik zeigen immer men goden Goldzahn welcher Sie hat gemacht en solches impression.<\/p>\n<p class=\"signature\" style=\"text-align: right;\">Au revoir, kaere Herre.<br \/>\nD\u00e9dette.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiermann, der bei der Wahl der Krawatte subtilen \u00dcberlegungen sich hingegeben hatte, erschien sonntags erst um drei ein Viertel vor dem Langelinie-Pavillon. Langsam betrat er dessen Terrasse: er erblickte etwa ein Dutzend kleiner wei\u00dfer H\u00fcte, aber von einem Goldzahn nichts. F\u00fcrchtend, zu sp\u00e4t gekommen zu sein, erbleichte er fast vor \u00c4rger, lie\u00df sich schlie\u00dflich an einem runden Tischchen nieder und bestellte ein Glas Bier. Dann blickte er verzweifelt um sich: es wimmelte nur so von kleinen wei\u00dfen H\u00fcten, gl\u00fccklicher Weise aber nicht von Goldz\u00e4hnen, so da\u00df immerhin noch Hoffnung bestand. Wieder und wieder mit j\u00e4hen Blicken nach einem Goldzahn jagend, leerte er sein Glas und verga\u00df, so sehr meditierte es in ihm, den Schaum sich vom Mund zu wischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war vier Uhr, als er, unweit hinter sich, die Worte h\u00f6rte: \u00bbNon, non. Ik haben det nigt gehabt. Sie haben gemacht en Irrtum, gar\u00e7on. Mais certainement.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiermann ri\u00df den Kopf herum: die Dame, die mit dem Kellner also disputierte, trug einen kleinen wei\u00dfen Hut, aber, so viel von dem nur wenig entbl\u00f6\u00dften Gebi\u00df zu sehen war, keinen Goldzahn. Dennoch war Eiermann \u00fcberzeugt, D\u00e9dette vor sich zu haben. Er eilte auf sie zu, dr\u00e4ngte den Kellner zur Seite und verneigte sich: \u00bbHabe ich das Vergn\u00fcgen, das Rendez-vous mit dem Goldzahn &#8230;?\u00ab Er vollendete nicht: auf der ihm abgekehrt gewesenen\u00a0Seite des Gebisses ergl\u00e4nzte der obere Eckzahn voll eitel Gold. \u00bbIch sehe, da\u00df ich es habe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSetzen Sie!\u00ab D\u00e9dette l\u00e4chelte verschwenderisch. Pl\u00f6tzlich aber spannten sich ihre Z\u00fcge mokant. \u00bbSie haben Gelberes &#8230; sur la bouche.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAh, Sie haben recht.\u00ab Eiermann fuhr sich \u00e4rgerlich mit beiden H\u00e4nden an den Mund, ihn mit schnellen Griffen s\u00e4ubernd. \u00bbAber was f\u00fcr ein Zufall, da\u00df Sie mit dem Kellner &#8230; Ich wollte schon fortgehen.\u00ab Und w\u00e4hrend er jene Banalit\u00e4ten \u00e4u\u00dferte, welche in solchem Fall die Mehrzahl der M\u00e4nner Europas zu produzieren pflegt, wunderte er sich, da\u00df er nicht franz\u00f6sisch sprach. Da fiel ihm ein, wie erg\u00f6tzlich es w\u00e4re, so zu tun, als verst\u00fcnde er diese Sprache nicht. Sofort war er dazu entschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Konversation von krampfhaftester Lebhaftigkeit, die durch D\u00e9dettes l\u00fcckenhaftes Deutsch allein ein wenig vergn\u00fcglich wurde, verlie\u00dfen die beiden den Pavillon und promenierten auf der Langen Linie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiermann, der inzwischen erfahren hatte, da\u00df sein Brief versp\u00e4tet \u00fcbergeben worden war, weil der Brieftr\u00e4ger erst am zweiten Nachmittag D\u00e9dettes T\u00fcr hatte ge\u00f6ffnet erhalten, kam jetzt darauf zur\u00fcck: \u00bbDa haben Sie also dem Brieftr\u00e4ger Ihren Goldzahn gezeigt und er hat Ihnen &#8230;\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNaturellement\u00ab, zirpte D\u00e9dette. \u00bbWir haben noch gelachen og ik haben ihn gegeben en Pourboire.\u00ab Sie zupfte mit sechs Fingern ihre br\u00e4unlichen Schl\u00e4fenhaare zu Locken. \u00bbAber jeg haben gehabt difficult\u00e9s med Ihre Briefen og nigt gewollt nehmen en fremden personnage &#8230; forc\u00e9ment.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ja.\u00ab Eiermann war ein wenig verwirrt: D\u00e9dette, die sehr gut angezogen war und noch besser geschminkt, machte es ihm schwer, sie einzuordnen. Deshalb versuchte er, sie auf die Probe zu stellen: \u00bbUnd dann eine Dame von Ihrer Stellung &#8230; Mein Brief war nicht blo\u00df in der Adresse gewagt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbComment?\u00ab D\u00e9dette blinzelte zu ihm empor. Als sie seine gro\u00dfen Augen sah, glaubte sie zu verstehen, welch au\u00dfergew\u00f6hnliche Chance sie habe. Augenblicks \u00e4nderte sie den bereits sehr aufmunternd gewordenen Ton. \u00bbOui, gewagt. Jeg h\u00e4tten schon nigt d\u00fcrfen &#8230;\u00ab Sie dehnte die Vokale nasalst. \u00bbAber ik war si curieuse og wi ik haben studiert Ihre Briefen, jeg haben sehr geschwanken. Doch de Soendag c&#8217;est si ennuyeux og ik haben mir gesagt, du wirst dich diese Herre blo\u00df anschauen. Denn ik bei mene Stellung &#8230;\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErlauben Sie mir bitte eine Frage.\u00ab Eiermann schnappte\u00a0absichtlich in ihren seri\u00f6sen Ton ein, eine fast ehrerbietige Haltung einnehmend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00e9dette hob arrogant das Kinn. \u00bbJeg bin seit zwei Monate zu die Fru Landraten von de Pillingende &#8230; pour la l\u00e9cture et la conversation.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch so.\u00ab Eiermann glaubte es ihr sofort: das war weniger, als er f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, und mehr, als er gef\u00fcrchtet hatte. Seine sehr \u00fcppigen Hoffnungen schienen sich zu verfl\u00fcchtigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOui. Avant ik waren \u00e0 Berlin. Drei Jahren. Zu en riche dame isra\u00e9lite.\u00ab D\u00e9dette verd\u00fcnnte ihre Stimme noch mehr. \u00bbWeil ma famille durch de Krieg haben ganz verarmten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiermann blieb stehen, sich verbeugend. \u00bbRichard Eiermann mein Name.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO, merci.\u00ab D\u00e9dette nickte ein bi\u00dfchen. \u00bbJeg hei\u00dfen D\u00e9dette de la Fournichon. Mon p\u00e8re &#8230; men Vatern war Colonel og ist gefallen zu Verdun.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiermann neigte, zum Zeichen des Mitgef\u00fchls, wenn auch v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, das Haupt. Als er es wieder hob, fing D\u00e9dette an, ihre Familienverh\u00e4ltnisse und die der Familie, die sie gegenw\u00e4rtig beherbergte, des Breiten zu detaillieren. Hierauf ging sie zu ihren W\u00fcnschen \u00fcber, welche zwischen einer unabh\u00e4ngigen Situation und einer Verheiratung nach ihrem Geschmack pendelten, und schlie\u00dflich zu ihren Bed\u00fcrfnissen, zu denen vor allem ein lieber Freund zum Promenieren geh\u00f6re. Obwohl Eiermann lediglich ihre drollige Ausdrucksweise gefiel, pflichtete er ihr in allem bei, nicht ohne kurz zu bemerken, da\u00df sie, was das Promenieren betreffe, durchaus auf ihn z\u00e4hlen k\u00f6nne. D\u00e9dette nahm es beif\u00e4llig auf, begann aber, von ihrem vielf\u00e4ltigen und deshalb anspruchsvollen Innenleben zu sprechen: sie sei orthodoxe Katholikin und kurz vor Antritt ihrer Stellung nach Lourdes gefahren zur Basilique de Notre Dame du Rosaire, da sie nach deren Besuch sich stets besonders gefeit f\u00fchle gegen die Sch\u00e4ndlichkeiten des Lebens und seine tr\u00fcgerischen Verlockungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All dies erstaunte zwar Eiermann leise, betr\u00fcbte ihn aber nur insoferne, als es seine Bef\u00fcrchtungen bez\u00fcglich der von ihm gehegten Hoffnungen sattsam zu begr\u00fcnden geeignet war. Rasch jedoch kehrte sein Skeptizismus wieder und lie\u00df ihn auf seine Routine und seine Reize bauen, die er, sobald es dunkler geworden war, auf unbegangeneren Wegen mit \u00e4u\u00dferster Entfaltung einzusetzen willens war. Nachdem er die erw\u00e4hnten Themen etwa eine Stunde noch zu variieren gezwungen worden war, begann es zu dunkeln und er deshalb, D\u00e9dette den einsamen Pfaden um das alte Kastellet <a id=\"page9\" title=\"edvd\/gary\" name=\"page9\"><\/a>zuzuf\u00fchren. Dort w\u00e4hlte er eine idyllisch gelegene Bank mit dem Ausblick auf den Hafen und lie\u00df, als man sa\u00df, seine H\u00e4nde gelinde um die H\u00fcften D\u00e9dettes spielen, welche diese schw\u00fclen Attacken wie mechanisch abwies, so da\u00df er zu ernstlicheren Handgriffen \u00fcberzugehen wagte. Als sie nunmehr aber unwillig sich str\u00e4ubte, \u00fcberfiel er sie mit seinem hitzigen Mund und durchst\u00fcrmte den ihren, lediglich seinen L\u00fcsten dienend, zehn Minuten lang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er D\u00e9dette endlich freigab, sa\u00df sie wie benommen: wessen er sich erdreistet hatte, war ihr in Anbetracht der vorhergegangenen Konversation allzu unerwartet gekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHabe ich Sie verletzt?\u00ab Eiermanns Unterlippe stand, ironisch und noch feucht, ein wenig vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOui, Sie haben mich &#8230;\u00ab D\u00e9dette hielt ratlos inne, dann es aber doch f\u00fcr angezeigter, die Sachlage anzuerkennen und einzulenken. \u00bbAber Sie haben mich zu viel, kaere Herre Eiermann. Vous m&#8217;avez fait un bleu. L\u00e0. C&#8217;est d\u00e9gueulasse.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiermann sah gar nicht hin, schlo\u00df aber ob der letzten Vokabel grinsend die Augen: D\u00e9dette hatte, auf seine Unkenntnis ihrer Sprache sich verlassend, seinen Skeptizismus entscheidend fundiert und seinen Hoffnungen ihre \u00dcppigkeit wiedergegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00e9dette verschob angesichts dieser intransigenten Haltung und der immer dichter werdenden Dunkelheit die Restaurierung ihrer Z\u00fcge, eine neuerliche Attacke \u00fcberdies sowohl vorhersehend als auch bereits w\u00fcnschend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kam denn auch. Und zwar ebenso abrupt wie die erste, nur noch um ein Erkleckliches intensiver. So da\u00df D\u00e9dette sich nicht mehr zu beherrschen vermochte und ihre Linke zitternd auf das Zentrum ihrer Erregung dr\u00fcckte. Als Eiermann dies sah, bereitete er sich vor, den Sieg ohne Z\u00f6gern zu erzwingen. Denn wie oft war nicht so manch Eine, die im Bann der Dunkelheit und seiner K\u00fcsse ihm bereits halb erlegen war, sp\u00e4ter unter dem warnenden Eindruck des Stra\u00dfenlebens zur\u00fcckgewichen und seinen Klauen entschl\u00fcpft. Einmal aber v\u00f6llig besiegt, stand einer unmittelbaren Wiederholung in seiner Wohnung, deren Milieu derartige Entschlie\u00dfungen ohnedies g\u00fcnstig zu beeinflussen pflegte, kein Argument mehr im Wege. So schuf denn Eiermann eine Zwangslage und opferte Aphroditen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00e9dette hatte nicht eigentlich Widerstand geleistet. Nur so viel, da\u00df Eiermann glauben konnte, sie sei nicht durchaus willig. Hinterher aber gehabte sie sich um so emp\u00f6rter: es entspreche keineswegs ihren Familienverh\u00e4ltnissen, auch nicht dem Bilde, das sie sich von einem guten Freund gemacht habe; ganz abgesehen von <a id=\"page10\" title=\"edvd\/gary\" name=\"page10\"><\/a>ihrem Innenleben, dem er einen schweren Sto\u00df versetzt habe; sie werde sogleich morgen zur Beichte gehen und der Madonna von Lourdes zwei Kerzen stiften; das Leben sei voll von tr\u00fcgerischen Verlockungen und Eiermann ein Sch\u00e4ndlicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser \u00fcberh\u00f6rte es resolut und schickte sich an, viel und verhei\u00dfungsvoll von dem holden Wirrsal seiner Wohnung und deren parf\u00fcmierten Ecken zu plaudern und, mit heuchlerischem Ernst, von seiner Absicht, sein \u00f6des Junggesellenleben mit Hilfe einer Gef\u00e4hrtin zu beenden, die Ausl\u00e4nderin w\u00e4re und durch ihren gr\u00f6\u00dferen Gesichtskreis charmanter und vielseitiger als das nordische weibliche Element.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00e9dette erwies sich daraufhin schnell ver\u00e4ndert. Sie dr\u00e4ngte, zu Eiermanns innigem Erg\u00f6tzen von \u203ad\u00e9camper\u2039 sprechend, zum Aufbruch, restaurierte unter der ersten Bogenlampe der Bredgade eilig ihr arg verschmiertes Gesicht und lie\u00df sich nach zahlreichen, wenn auch um so k\u00fcrzeren Weigerungen in seine Wohnung f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daselbst verbrachte Eiermann, auf D\u00e9dettes unab\u00e4nderlichen Befehl hin, den sie mit ihrer Keuschheit rechtfertigte, unter Ausschlu\u00df jeder Beleuchtung eine \u00fcberaus eifrige Liebesnacht, die bis gegen f\u00fcnf Uhr morgens w\u00e4hrte, um welche Zeit man dem wohl verdienten Schlaf sich \u00fcberlie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um sieben Uhr erwachte Eiermann zuf\u00e4lliger Weise und mu\u00dfte eine sehr \u00fcberraschende Entdeckung machen: D\u00e9dette lag nicht mehr neben ihm. Er beruhigte sich jedoch schnell: sie hatte ihren Dienst antreten m\u00fcssen und ihn nicht wecken wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stolz und freudetrunken durchthronte er den Tag im Caf\u00e9 Paraplyen auf dem Rathausplatz. Abends freilich, als er heimkam, wartete seiner die zweite, unliebsame \u00dcberraschung: seine Brieftasche mit achthundert Kronen, die in einem Schreibtischfach sich befunden hatte, war verschwunden, desgleichen, als er mi\u00dftrauisch geworden, kontrollierte, elf Taschent\u00fccher, ein silbernes Zigarettenetui und ein alter goldener Ring.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem Eiermanns Gehirn eine au\u00dferordentlich turbulente Nacht hinter sich hatte, eilte er in die Grennegade, um nach D\u00e9dette zu fragen. Aber niemand im ganzen Hause, in dem \u00fcberdies keine Frau von Pillingende wohnte, wu\u00dfte etwas von einer Franz\u00f6sin. Nun fuhr er in die Stampesgade zum Brieftr\u00e4gersaal. Der Brieftr\u00e4ger der Grennegade erinnerte sich sehr wohl an jenen blauen Brief: er habe, nachdem er in allen Etagen mit ihm abgewiesen worden war, eine junge Dame, die ihm tagsdarauf auf der Treppe entgegenkam, gefragt, ob dieser Brief an sie gerichtet sei; denn sie habe einen Goldzahn gehabt und er deshalb angenommen, da\u00df sie im Hause wohne, obwohl es freilich auch blo\u00df eine Besucherin gewesen sein k\u00f6nnte; aber wenn ein Brief eine <i>solche<\/i> Adresse habe, k\u00f6nne man nicht verlangen, da\u00df er es allzu genau nehme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Tage sp\u00e4ter erfolgte die dritte \u00dcberraschung: Eiermann hatte L\u00e4use und mu\u00dfte zu einer gr\u00fcndlichen Rasur schreiten und der ausgiebigen Verwendung von grauer Salbe. Dieser Prozedur lag er am andern Morgen eben wieder mi\u00dflaunig ob, als ihm vom Teppich her etwas entgegenglitzerte. Und alsbald hielt er eine winzige ovale Silberplaquette in der Hand, auf der als mattes Relief die Madonna von Lourdes sich abhob und die Inschrift: \u203aJe suis l&#8217;immacul\u00e9e conception\u2039.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiermanns nicht unsympathische Z\u00fcge schm\u00fcckte ein schlechthin mongolisches Grinsen, w\u00e4hrend er sich zuh\u00f6hnte: \u00bbM\u00f6glichkeiten verpflichten.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Walter_Serner_1889-1942.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-79377 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Walter_Serner_1889-1942-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Walter_Serner_1889-1942-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Walter_Serner_1889-1942-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/Walter_Serner_1889-1942.jpg 235w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der<span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a><span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Novelle. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; M\u00f6glichkeiten verpflichten. Diesen Satz hatte Eiermann insgeheim seiner Lebensf\u00fchrung vorangestellt. Schon in jungen Jahren. Was zur Folge hatte, da\u00df seine Biographie durchaus nicht so schematisch geblieben war wie die anderer, sondern streckenweise ganz ungew\u00f6hnliche H\u00f6hepunkte aufwies. 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