{"id":79355,"date":"2022-12-14T00:01:43","date_gmt":"2022-12-13T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79355"},"modified":"2022-12-12T10:48:11","modified_gmt":"2022-12-12T09:48:11","slug":"quitt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/14\/quitt\/","title":{"rendered":"Quitt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Auszug<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche war noch nicht aus, aber die alte Frau Menz und ihr Sohn Lehnert \u2013 ein schlanker, h\u00fcbscher Mensch von siebenundzwanzig Jahren, dem man, auch ohne seine siebziger Kriegsdenkm\u00fcnze (neben der \u00fcbrigens auch noch ein anderes Ehrenzeichen hing), den gedienten Soldaten schon auf weite Entfernung hin angesehen h\u00e4tte \u2013 hatten den Schlu\u00df des Gottesdienstes nicht abgewartet. Sie sa\u00dfen bereits drau\u00dfen auf einem gro\u00dfen Grabstein, zu dessen H\u00e4upten eine senkrecht stehende Marmorplatte mit einer \u201eChristi Himmelfahrt\u201c in Relief in die dicht dahinter befindliche Kirchhofsmauer eingelassen war. Der Sohn, der schon w\u00e4hrend einer ganzen Weile mit der Kante seiner Stiefelsohlen allerlei Rinnen in den Sand gezogen hatte, war augenscheinlich verstimmt und vermied es, die Mutter anzublicken, die ihrerseits \u00e4ngstlich vor sich hin sah und darauf wartete, da\u00df der Sohn reden solle. Dazu kam es aber nicht, und so h\u00f6rte man denn nichts als die letzte Liederstrophe, die drinnen eben gesungen wurde. Sonst war alles still. Der grelle Sonnenschein lag auf den Gr\u00e4bern, die Schmetterlinge flogen dazwischen hin und her und \u00fcber dem Ganzen w\u00f6lbte sich der tiefblaue Himmel und versprach einen hei\u00dfen Tag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich nahm die Mutter ihres Sohnes Hand. Er zog sie aber unwirsch wieder zur\u00fcck und sagte: \u201eAch, la\u00df, Mutter! Du meinst es gut. Aber was hab\u2019 ich davon? Eigentlich bist Du doch schuld an allem, weil Du nicht wei\u00dft, was Du willst, und es auch nie gewu\u00dft hast. Auf Paschen und Wildern hast Du mich erzogen und wenn\u2019s dann schief geht und Du\u2019s mit der Angst kriegst, dann steckst Du Dich hinter Siebenhaar und jammerst ihm was vor, und der soll dann mit einem Mal einen Heiligen aus mir machen.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu wei\u00dft ja doch, Lehnert, was er alles f\u00fcr Dich gethan hat.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWei\u00df alles. Aber er darf mich nicht anpredigen, und wenn er\u2019s thut, so darf er nicht nach mir hinsehen, da\u00df auch der D\u00fcmmste merken kann, wen er meint. Das darf er nicht, und wenn ich ihn sehe, dann sag\u2019 ich\u2019s ihm auch.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr will Dich sprechen nach der Kirche.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa haben wir\u2019s. Also wieder abgekartet. Dacht\u2019 ich\u2019s doch. Ach Mutter, Du qu\u00e4lst mich und richtest nichts Gutes damit an.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Augenblicke schwieg es drin und statt des Gesanges der Gemeinde h\u00f6rte man nur noch das Nachzittern der Orgel und bald danach den eigenth\u00fcmlichen Klapperton, mit dem die Pfennigst\u00fccke der einzeln und in Gruppen aus der Kirche Kommenden in die dicht an der Kirchenth\u00fcr ausgestellte Sammelb\u00fcchse fielen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun kamen auch die Leute selbst und gingen an dem Grabstein vor\u00fcber, auf die weit offenstehende kaum drei\u00dfig Schritt entfernte Kirchhofspforte zu, wobei sie der Frau Menz und ihrem Sohne freundlich zunickten; aber ehe sie noch den Ausgang erreicht hatten, erschien auch schon im Gesichtskreis der nach wie vor auf dem Grabstein Sitzenden ein breitschultriger und kurzhalsiger Mann von Mitte drei\u00dfig, dessen Stutzhut und hechtgrauer Rock mit gr\u00fcnen Rabatten, des Hirschf\u00e4ngers ganz zu geschweigen, \u00fcber seinen Beruf keinen Zweifel lassen konnten. Vorn, im zweiten Knopfloch, an einem absichtlich nicht allzu kurzen Bande, trug er das Eiserne Kreuz, das sich, eben weil das Band zu lang war, bei jedem Schritt in herausfordernder und jedenfalls in respekterwartender Weise hin und her bewegte. Der ganze Mann ein Bild von Selbstbewu\u00dftsein und Hochmuth!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGuten Tag, Herr F\u00f6rster,\u201c sagte Frau Menz und stand rasch auf, um ihm einen Knix zu machen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der F\u00f6rster Opitz nickte kurz, streifte Lehnert, der sich nicht ger\u00fchrt hatte, mit einem Blick und ging dann weiter.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas bliebst Du nicht sitzen, Mutter? Warum hast Du geknixt? Er kam, er mu\u00dfte gr\u00fc\u00dfen, nicht Du. Aber das ist immer die alte Geschichte mit Dir. Du hast nur zwei Gedanken: Angst und Vortheil, und hast keinen Stolz und keine Ehre. Du bist noch ganz aus der Kriechezeit. Und nun gar kriechen vor dem, vor solchem Schubbejack! Ist er denn Dein Herr? Unser Feind ist er, weiter nichts. Gott sei Dank, er f\u00fcrchtet sich vor mir. Aber ich wollt\u2019 es ihm auch rathen! Er kennt mich noch vom G\u00f6rlitzer Scheibenstand her und wei\u00df, ich hab\u2019 eine sichere Hand und ein gutes Auge.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSei doch still, Junge! Du red\u2019st Dich noch ins Gericht. Und wenn Du durchaus reden willst, so rede nicht so laut. Es kann\u2019s ja jeder h\u00f6ren.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSolls auch!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er h\u00e4tte wohl noch weiter gesprochen, wenn nicht in eben diesem Augenblicke der alte Pastor Siebenhaar in Person von der Kirche her den Kirchhofsgang heraufgekommen w\u00e4re, neben ihm der K\u00fcster, zu dem er leise sprach.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt erhob sich auch Lehnert.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch m\u00f6chte Dich noch sprechen,\u201c sagte der Alte, w\u00e4hrend er Lehnert im Vor\u00fcbergehen die Hand reichte. \u201eKomm in einer Viertelstunde! Das hei\u00dft, so Dir\u2019s beliebt.\u201c Und mit einem freundlichen Blick, der Lehnert zu Herzen ging, schritt der Alte weiter, erst auf die Pforte und dann, etwas rechts abbiegend, auf das hinter einer Reihe verschnittener Linden gelegene Pfarrhaus zu.<\/p>\r\n<div>\u00a0<\/div>\r\n<div>\u00a0<\/div>\r\n<div style=\"text-align: justify;\">2.<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lehnert setzte sich nach dieser fl\u00fcchtigen Begegnung wieder. Sonst, wenn der Gottesdienst aus war, ging er mit seiner Mutter in den nahen Kretscham hin\u00fcber, um erst eine Stonsdorfer und hinterher einen \u201eGr\u00fcnen\u201c oder auch wohl einen Ingwer zu trinken. Heut aber war ihm nicht danach zu Muthe. \u201eLa\u00df uns sehen, Mutter, wie das Grab aussieht!\u201c sagte er.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er meinte das seines Vaters, und w\u00e4hrend er so sprach, nahm er der alten Frau Arm und ging mit ihr den langen Hauptgang hinauf, bis sie vor einem gut gepflegten Grabe standen, an dem nur die halb verwaschene Inschrift erkennen lie\u00df, da\u00df der Todte schon seit lange hier liegen m\u00fcsse. Die Jahreszahl best\u00e4tigte das auch. \u201eHier ruhet in Gott Anton Menz, Stellmacher und Schreiner zu Wolfshau bei Krummh\u00fcbel, geb. 13. M\u00e4rz 1821, gest. 17. August 1859. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getr\u00f6stet werden.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lehnert faltete die H\u00e4nde, als er die Worte las; wie er aber sah, da\u00df die Alte nach ihrem Sacktuch suchte, ri\u00df er die H\u00e4nde gleich wieder auseinander und sah \u00e4rgerlich weg, weil er wu\u00dfte, da\u00df alles blo\u00df Schein und Kom\u00f6die war und die Alte nur weinte, weil sie weinen wollte. Sie steckte denn auch das Tuch wieder ein und b\u00fcckte sich, um eine gro\u00dfe gelbe Studentenblume zu pfl\u00fccken.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas war seine Lieblingsblume,\u201c sagte sie.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWei\u00dft Du das gewi\u00df, Mutter? Ich habe noch keinen Menschen gekannt \u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Augenblicke schlug die Thurmuhr ein Viertel und Lehnert unterbrach sich mitten im Satz. \u201eEs ist Zeit,\u201c fuhr er fort, \u201eich kann den Alten nicht warten lassen und mu\u00df nun hin und mir meine Litanei holen. Als ob ich in der Kirche nicht schon genug gehabt h\u00e4tte! Willst Du hier auf dem Kirchhof warten oder gehst Du lieber gleich nach Hause? Eine Weile wird es in der Pastorstube doch wohl dauern, Siebenhaar ist nicht immer der k\u00fcrzeste. Oder willst Du lieber nach dem Kretscham hin\u00fcber und Dir bei Pohl einen Ingwer geben lassen?\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Alte verschwor sich gegen den Kretscham und den Ingwer; ihr sei heute so and\u00e4chtig wie lange nicht, und so wolle sie denn lieber gleich nach Hause. Da sei sie doch am liebsten und am n\u00f6thigsten. Opitzens Christine hab\u2019 ihr freilich versprochen, in der K\u00fcche nach dem Rechten zu sehen, aber vielleicht habe die gute Seele selber alle H\u00e4nde voll zu thun.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so verlie\u00dfen sie denn gemeinschaftlich den Kirchhof.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sie drau\u00dfen vor der Pforte waren, mu\u00dfte die Alte, wenn sie nach Krummh\u00fcbel und Wolfshau zur\u00fcck wollte, scharf nach links hin abbiegen, sie lie\u00df sich\u2019s aber nicht nehmen, ihren Sohn erst noch bis zum Pfarrhaus, das nach der entgegengesetzten Seite hin lag, zu begleiten, wo sie vorsichtig wartete, bis er eingetreten und im Flur verschwunden war. Dann aber steuerte sie sofort mit einem geschickten kleinen Umwege nach dem Kretscham hin\u00fcber, um sich hier den Ingwer geben zu lassen, den sie, \u201eweil ihr heute so and\u00e4chtig sei\u201c, vor wenig Minuten erst abgelehnt hatte. \u2013<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lehnert stand inzwischen auf dem k\u00fchlen Fliesenflur und wartete, denn niemand erschien, trotzdem die Klingel zweimal an geschlagen hatte. Die Hofth\u00fcr, hinter der ein alter Nu\u00dfbaum stand, war weit auf und das Summen einer Wespe, die sich vom Hof her in den Flur verirrt hatte, war das einzige, was die Stille unterbrach. Endlich kam die Magd und sagte, sie wisse schon, er m\u00f6ge nur eintreten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das that er denn auch.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war \u201edes Alten\u201c Studierstube, die Lehnert von seinen Kindertagen her kannte. Das Christusbild, mit Friedrich Wilhelm <tt>III.<\/tt> und dem Kronprinzen zur Linken und Rechten, hing noch gerade so schief wie vor vierzehn Jahren, als er hier, w\u00f6chentlich zweimal, auf einer wackligen Konfirmandenbank gesessen hatte. Alles genau wie damals und nur die Dielen noch etwas ausgeh\u00f6hlter.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lehnert hatte so seine Betrachtungen, kam aber nicht weit damit, denn in der n\u00e4chsten Minute schon trat der Alte, der mittlerweile seinen Talar abgelegt und einen Imbi\u00df genommen hatte, von der Nebenstube herein und lie\u00df sich in einen vor seinem Schreibtisch stehenden Polstersessel nieder.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, Lehnert,\u201c hob er an, \u201ees ist das alte Lied. Deine Mutter hat sich wieder \u00fcber Dich beklagt.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAch, Herr Prediger \u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e\u2026 Und da\u00df Du wieder Deine Tobsucht hast und nichts wie bittere Worte sagst und ihm, ich meine nat\u00fcrlich Deinen Nachbar Opitz, den Tod an den Hals w\u00fcnschest und fluchst und Dich verschw\u00f6rst, da\u00df er dran glauben solle. Lauter gottesl\u00e4sterliches dummes Zeug, f\u00fcr das Du viel zu klug, und ich mu\u00df Dir das nachsagen, auch eigentlich viel zu gut bist. Ich begreife Dich nicht. Du hast doch einen guten Verstand und hast die gute Schule gehabt, und wenn ich auch wei\u00df, da\u00df man nicht immer nach dem Worte Gottes lebt, so kennst Du\u2019s doch und darfst nicht so sprechen, als ob Du\u2019s nicht kenntest und als ob es gar nicht da w\u00e4re. Du wei\u00dft recht gut, da\u00df es da ist, und wei\u00dft auch recht gut, da\u00df Gottes Wort heilig ist und da\u00df es das Kl\u00fcgste und Beste ist, seine Gebote zu halten. Aber Du redest drauf los wie ein Heide und T\u00fcrke \u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAch, Herr Prediger \u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie ein Heide und T\u00fcrke, sag\u2019 ich, und thust es nicht blo\u00df zu Haus und in Deinen vier Pf\u00e4hlen, Du sagst es auch jedem, der\u2019s h\u00f6ren will, und wenn Du Dich m\u00fcde gesprochen und keine Worte mehr gegen ihn finden kannst, dann bindest Du mit dem Grafen an, dem guten gn\u00e4digen Herrn, von dem Du doch wei\u00dft, wie nachsichtig er ist, und h\u00e4ltst ihm vor, da\u00df er was Besseres thun k\u00f6nne, als solchen Gro\u00dfthuer und Menschenqu\u00e4ler in die F\u00f6rsterei zu setzen, und da\u00df es kein gutes Ende nehme.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lehnert nickte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNun siehst Du, Du nickst und h\u00e4ltst es nicht \u2019mal f\u00fcr n\u00f6thig, ,nein\u2019 zu sagen und Deinem alten Freund und Lehrer, von dem Du wei\u00dft, da\u00df er\u2019s gut mit Dir meint, mit einer Entschuldigung oder so was Aehnlichem entgegenzukommen. Du bist geblieben, wie Du schon warst, als Du hier mit Deinem blonden Krauskopf auf der Konfirmandenbank sa\u00dfest. Das krause Haar haben sie Dir bei den Soldaten weggek\u00e4mmt, aber den krausen Sinn haben sie Dir nicht wegschaffen k\u00f6nnen, Du bist ein Trotzkopf, voll Selbstgerechtigkeit, und glaubst, alles am besten zu wissen. Und nun liest Du auch noch allerlei dumme Bl\u00e4tter, in denen hochm\u00fcthige Schulmeister und verlogene Winkeladvokaten ihre Weisheit zu Markte bringen, und redest hier in den Kretschams herum von Freiheit und Republik und dem gl\u00fccklichen Amerika. Lehnert, Lehnert, dazu bist Du mir viel zu schade! Sieh, Junge! aus Dir h\u00e4tt\u2019 eigentlich was Ordentliches und was ganz Gutes werden m\u00fcssen, und nun verthust Du Deine Zeit mit schlechter That und schlechtem Wort. Ich lebe nun hier seit Anno 29 und noch zwei Jahre, dann hab\u2019 ich mein Jubil\u00e4um und ich darf wohl sagen, ich kenne Euch und wei\u00df, da\u00df Euch allen der Pascher und Wilddieb von Kindheit an im Leibe steckt. Das wird Euch so gleich mit in die Wiege gelegt und so nehmt Ihr\u2019s als Euer gutes Recht und wenn Ihr einen Grenzer oder F\u00f6rster \u00fcber den Haufen schie\u00dft, dann ist es nicht Mord, dann ist es Nothwehr. Ich wei\u00df das alles und find\u2019 es traurig genug. Aber ich finde mich darin zurecht, das hei\u00dft, mi\u00dfversteh\u2019 mich nicht, ich finde mich darin zurecht, weil ich die schwache menschliche Natur kenne, der es schwer wird, der Versuchung und der S\u00fcnde, die heute so ist und morgen so, zu widerstehen. Aber da\u00df Ihr das alles in der Ordnung findet, da\u00df Ihr thut, als ob das Gesetz sich gegen Euch vers\u00fcndige, sich, das ist das Traurige. Und da\u00df Du die Dummheit mitmachst und auch so sprichst, als ob der Opitz ein Scheusal und eigentlich nicht viel besser als der Gottseibeiuns w\u00e4re, das thut mir leid. Und nun sprich und sage was Vern\u00fcnftiges. Aber erst trink ein Glas Wein mit mir! Es ist hei\u00df und die Zunge klebt einem am Gaumen.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pastor trank auch wirklich ein Glas; Lehnert aber dankte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNun gut, dann setz\u2019 Dich wenigstens. Und dann sage mir, was Du zu sagen hast.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAch, Herr Prediger, Sie wissen ja, wie\u2019s liegt, und wissen auch, wir sind nicht so schlimm, ich schon gewi\u00df nicht. Ich war bei den Soldaten und wei\u00df, was gehorchen hei\u00dft, und es ist gar kein vern\u00fcnftiger Mensch, der gegens Gehorchen ist. Denn das h\u00e4lt alles zusammen. Und so mu\u00df auch das Gesetz sein. Aber die Menschen, ja, Herr Pastor, die Menschen, die machen den Unterschied und wenn die nichts taugen, dann ist es schlimm. Das wei\u00df ich auch noch von den Soldaten her und ich darf wohl sagen, und ich hab\u2019 es schriftlich in meinen Attesten, ich war ein guter Soldat. Aber auf die, die den Befehl haben, auf die kommt es an, und was giebt es nicht f\u00fcr Vorgesetzte! Da mu\u00df man antreten mit Gep\u00e4ck und zwei Stunden auf dem Hofe nachexerzieren, und die Sonne brennt und sticht, und wie man sich qu\u00e4len mag, der Paradeschritt taugt nichts, die Griffe bleiben falsch und wenn sie noch so richtig w\u00e4ren; immer wieder \u2019ran, immer wieder vor, und dann einen Sto\u00df unters Kinn und Verw\u00fcnschungen und Drohungen, ,da\u00df man\u2019s wohl noch bis zum Zuchthaus oder bis zum Baugefangenen bringen w\u00fcrde\u2019. Ja, Herr Pastor, solch ein Unteroffizier \u2013 und es giebt solche \u2013 verlangt auch Gehorsam und findet ihn auch, aber wenn\u2019s dann pa\u00dft, dann stellt man ihm ein Bein oder schafft ihn \u00fcber Eck. Und die, die das thun, die sind nicht gegen Gehorsam und Disciplin, die sind blo\u00df gegen den Unteroffizier. Und was mich angeht, Herr Prediger, ich bin nicht gegen das Gesetz, auch wenn ich\u2019s nicht immer halte, ich bin blo\u00df gegen den Opitz, diesen Schuft und Schelm, diesen Saufaus und Menschenschinder.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Siebenhaar l\u00e4chelte. \u201eDa haben wir\u2019s wieder, ganz wie ein Puter, wenn er den rothen Lappen sieht. Du willst Person und Sache trennen. Aber geht das, hast Du ein Recht dazu?\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch meine ,ja\u2019, Herr Pastor. Sie wissen, da\u00df ich zwei Monat dr\u00fcben in Jauer war, wie\u2019n Verbrecher, unter lauter Gesindel. Und das verdank ich <i>ihm<\/i>.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr hat Dich angezeigt. Das war seine Pflicht.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr hat mich angezeigt, das war seine Lust. So liegt es. Er ist immer lustig dazu, bei jedem; aber doppelt bei mir, denn wir sind alte Feinde, noch von den Soldaten und vom Kriege her. Ich kenn\u2019 ihn, Herr Pastor; er ist ein schlechter Kerl, und so lang <span id=\"Seite_23\" class=\"PageNumber\">[<b><a class=\"prp-pagequality-3\" title=\"Seite:Die Gartenlaube (1890) 023.jpg\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Seite:Die_Gartenlaube_(1890)_023.jpg\">23<\/a><\/b>]<\/span> ich denken kann, hat er mich gequ\u00e4lt. Er war mein Oberj\u00e4ger und kein gutes Wort hat er mir je geg\u00f6nnt. Immer hart, immer roh, und nur wenn\u2019s in die Schlacht ging, war er wie\u2019n Ohrwurm. Es giebt eben Kugeln, die sich verirren. Und dann, Herr Pastor, wenn er nicht gewesen w\u00e4r\u2019, so h\u00e4tt\u2019 ich das Kreuz. Aber er hat dagegen gesprochen. Und was hat er gesagt? Ich taugte nichts, ich w\u00e4re frech und \u00fcberm\u00fcthig und man k\u00f6nne nicht jedem das Kreuz geben, der ein paarmal aus einem Fenster geschossen habe, bei guter Deckung. Wahr und wahrhaftig, ,bei guter Deckung\u2019, so hat er gesagt, der schlechte Kerl. Und er war gar nicht einmal dabei. Ich will nicht sagen, da\u00df er feig ist, nein, feig ist er nicht, aber ein Neidhammel ist er. Und was dann nachher kam, ich meine das vorige Jahr, nun das wei\u00df der Herr Pastor. Von Unschlitt und Schimmelbrot will ich leben, wenn ich\u2019s dem Kerl verzeih, da\u00df er mich belauert und an die Grenzaufseher verrathen hat, und da\u00df sie mich nach Jauer abgeliefert haben. Und warum? Um ein St\u00fcck Reichenberger Tuch, nicht der Rede Werth! Immer hat er mir den Weg gekreuzt. Hol ihn der Teufel!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Siebenhaar drohte halb scherzhaft mit dem Finger. Lehnert, aber trat an den Alten heran und bat in einem Tone, drin sich Ernst und gute Laune die Wage hielten, um Entschuldigung.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch will Dir den ,Teufel\u2019 zu gute halten, Lehnert, wiewohlen man ihn nicht anrufen soll. Aber versprich mir daf\u00fcr, Friede zu halten. Ich wei\u00df nicht, ob Opitz Dir unrecht gethan hat mit dem Kreuz, aber wenn es auch w\u00e4re. Du mu\u00dft es vergessen.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWill\u2019s versuchen.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVersprichst Du\u2019s ernsthaft? Hab\u2019 ich Dein Wort?\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa! Aber wenn er wieder anf\u00e4ngt \u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr wird nicht. Ich werde mit ihm sprechen und Du sollst Bescheid haben. Vielleicht bald. Und dann komm ich selbst.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"id\":60132,\"align\":\"left\",\"width\":220,\"height\":277} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-60132\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"277\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png 440w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-239x300.png 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-260x327.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-160x201.png 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<div style=\"text-align: justify;\">\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der<span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a><span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Novelle. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\r\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auszug Die Kirche war noch nicht aus, aber die alte Frau Menz und ihr Sohn Lehnert \u2013 ein schlanker, h\u00fcbscher Mensch von siebenundzwanzig Jahren, dem man, auch ohne seine siebziger Kriegsdenkm\u00fcnze (neben der \u00fcbrigens auch noch ein anderes Ehrenzeichen hing),&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/14\/quitt\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":191,"featured_media":100084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2418],"class_list":["post-79355","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-theodor-fontane"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79355","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/191"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79355"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79355\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100361,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79355\/revisions\/100361"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79355"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79355"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79355"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}