{"id":79320,"date":"2022-01-09T00:01:56","date_gmt":"2022-01-08T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79320"},"modified":"2022-02-17T17:22:01","modified_gmt":"2022-02-17T16:22:01","slug":"rheinsberg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/09\/rheinsberg\/","title":{"rendered":"Rheinsberg"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seinen eigentlichen Anfang nahm das Abenteuer erst, als sie in L\u00f6wenberg ausstiegen. Der D-Zug ruhte lang und dunkel in der Halle unter dem Holzdach \u2013 sie durchschritten einen Tunnel, oben, in hellem Sonnenlicht, stand die Kleinbahn, wie aus Holz gef\u00fcgt, steif und verspielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stiegen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDiese Bahn scheint noch lange hier zu stehen\u2026 machen wir einen kleinen Spaziergang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSetz dich und falte die H\u00e4nde! Sie geht gleich ab.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zug ruckte und ruckelte sich gem\u00e4chlich durch Salatg\u00e4rten, Hofmauern. Der Horizont flimmerte blendend wei\u00df\u2026 War es eine Sch\u00f6nheit, diese Landschaft? \u2013 Nein: da standen Baumgruppen, durch nichts ausgezeichnet, das Land wurde wellig in der Ferne, versteckte ein W\u00e4ldchen und zeigte ein anderes \u2013 man freute sich im Grunde, da\u00df alles da war\u2026 Das Maschinchen schnob und klingelte zornig, durch den staubigen Rauch hindurch klingelte es melodisch, wie eine l\u00e4utende Kirchturmsglocke bei Sturm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolf, den Reisef\u00fchrer!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatten ihn im D-Zug liegen lassen \u2013 er hatte ihn im D-Zug liegen lassen. Sie hielten, mitten im Walde, auf der Strecke. Die K\u00f6pfe heraus; die Beamten waren zur\u00fcckgelaufen, hatten Schaufeln mitgenommen: die Lokomotive mu\u00dfte Funken ausgeworfen haben, ein kleiner Brand war entstanden\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch will mitl\u00f6schen\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kugelte den sandigen Abhang herunter; die Reisenden lachten. Oben stand Claire und verdrehte die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu mu\u00dft ja\u2026!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam zur\u00fcck, ganz bestaubt, l\u00e4chelnd, gl\u00fccklich. Er hatte sich wieder einmal bet\u00e4tigt. Die Beamten kamen, stiegen auf, der Zug ruckte an\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEigentlich\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch finde es heiter. Denk mal, mein Papa und mein\u2019 Mama sitzen jetzt im Kontor, fahren in der Stadt herum und glauben ihr T\u00f6chterchen wohlgeborgen im Scho\u00dfe der treusorgenden Freundin. Hingegen\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHingegen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa, ja, treusorgen sorgst du ja f\u00fcr mich\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der J\u00e4ger von nebenan hatte schon lange in sich hineingelacht. Er sa\u00df da, gr\u00fcn, bepackt, schwer und braungebrannt. Man hatte, wenn man ihn sah, die Empfindung von ganz fr\u00fchen, feuchten Morgen, ein Mann tappt durch den halbdunklen Wald, es riecht kr\u00e4ftig und gut\u2026 Das kleine, runde Loch der B\u00fcchse guckte unheilverk\u00fcndend, schwarz und dunkel in die Luft: kleine Kugeln werden herausfliegen, das Reh, auf das es morgen gerichtet wird, lief vielleicht jetzt gerade mit seinen Gef\u00e4hrten zur Quelle, trank und war zierlich im Walde verschwunden\u2026 Der J\u00e4ger stand auf, stopfte sich eine Pfeife und sagte beim Herausgehen: \u00bbSchonzeit, junger Mann, Schonzeit\u00ab \u2013 und trampfte lachend davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Coup\u00e9 war erf\u00fcllt von ihrem Schreien, das die rumpelnden und klirrenden Ger\u00e4usche \u00fcbert\u00f6nen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man verst\u00e4ndigte sich nur schwer:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026Sonne weit \u00fcber das Land\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026wie? Sonne reit\u2019 \u00fcber das Land?\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2026nein\u2026Sonne weeiit\u2026Land\u2026Seh mal: \u2019ne Akazie! \u2019ne bl\u00fchende Akazie, lauter bl\u00fchende Akazien\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIs gar keine, is \u2019ne Magnolie!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHach! Also wer wei\u00df denn von uns beiden in der Botanik Bescheid? Ich oder ich?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2019ne Magnolie is es.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMeine Liebe, ich m\u00fc\u00dfte bedauern, es mit einem kr\u00e4ftig gef\u00fchrten Schlag gegen Sie nicht bewenden lassen zu k\u00f6nnen. Alle Wesensmerkmale der Akazie deuten auch bei diesen B\u00e4umen auf eine solche hin.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIs aber \u2019ne Magnolie!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHerr Gott, Claire! Siehst du denn nicht diese typisch ovalen Bl\u00e4tter, die wei\u00dfen, kleinen, traubenf\u00f6rmigen Bl\u00fctenstiele! \u2013 M\u00e4dchen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber\u2026 W\u00f6lfchen\u2026 wo es doch \u2019ne Magnolie is\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erstickte in K\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann galt es noch eine Bauersfrau nachzuahmen, die auf der letzten Station hochgesch\u00fcrzt und breitbeinig stehengeblieben war, um sich vermittels ihres zweiten Unterrocks zu schneuzen. Claire erwies sich hierbei als geschickt und brauchbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich kamen sie aber doch an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es zeigte sich, da\u00df das Hotel, das sich schon durch einen Anschlag im Zuge als altbekannt und mit einer gepflegten K\u00fcche versehen angepriesen hatte, durch einen Wagen, zwei Pferde und einen Bediensteten vertreten war. Dieser Mann mu\u00dfte die Gep\u00e4ckst\u00fccke holen, die man in Berlin sorgf\u00e4ltig aufgegeben hatte: zwei winzig kleine K\u00f6fferchen. Sie wurden verladen; die Reisenden stiegen ein. Sie rutschten auf den schwarzen, hier und da ein wenig aufgeplatzten Wachstuchkissen der Sitze herum; die Fenster klirrten, die beiden machten sich durch weitausladende Handbewegungen verst\u00e4ndlich. Der Wagen war leer, die Chaussee staubig und \u00f6de. Einige hundert Meter sa\u00dfen sie manierlich, aber schon an der Ecke, die das Anwesen des G\u00fctlers Johannes Lauterbach und das der Post bilden, lagen sie in lautem Hader, wessen Koffer durch seine Kleinheit am meisten Verdacht erregen werde. Sie nannten diese Reisegegenst\u00e4nde \u00bbSegelschweine\u00ab, und die Claire rang die H\u00e4nde, Wolf sei ein Schandfleck. Sie, ihrerseits, wahre das Dekorum. Sie schwatzten fortw\u00e4hrend, die Claire am heftigsten. Ihr Deutsch war ein wenig aus der Art geschlagen. Sie hatte sich da eine Sprache zurechtgemacht, die im Prinzip an das Idiom erinnerte, in dem kleine Kinder ihre ersten lautlichen Verbindungen mit der Au\u00dfenwelt herzustellen suchen; sie wirbelte die Worte so lange herum, bis sie halb unkenntlich geworden waren, lie\u00df hier ein \u00bbT\u00ab aus, f\u00fcgte da ein \u00bbS\u00ab ein, vertauschte alle Artikel, und man wu\u00dfte nie, ob es ihr beliebte, sich \u00fcber die Unzul\u00e4nglichkeit einer Phrase oder \u00fcber die andern lustig zu machen. Da\u00df sie Medizinerin war, wie sie zu sein vorgab, war kaum glaubhaft, jedoch mit der Wahrheit \u00fcbereinstimmend. Sie spielte immer, gab stets irgendeiner lebenden oder erdachten Gestalt f\u00fcr einige Augenblicke Wirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wagen hielt. W\u00e4hrend sie ausstiegen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbPa\u00df auf, Frauchen, wo ist der Koffer mit dem falschen Geld? \u2013 Ah da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hausknecht lie\u00df den Mund weit offen stehen, sperrte die Augen auf\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freundlich geleitete sie der alte Wirt in ein Zimmer des ersten Stockwerks. Es war kahl, einfach, blumig tapeziert. Holzbetten standen darin, ein gro\u00dfer Waschtisch, eine Vase mit einem k\u00fcnstlichen Blumenstrau\u00df \u2013 an der Wand hingen zwei Pendants: \u00bbEroberung Englands durch die Normannen\u00ab, und in gleichartigem Rahmen und symmetrisch aufgeh\u00e4ngt \u00bbGro\u00dfpapachens 70.\u00a0Geburtstag\u00ab. Die T\u00fcr schlo\u00df sich, sie waren allein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJetzt wei\u00df ich nicht, sollte ich den Kofferschl\u00fcssel zu Hause vergessen haben\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMy honey-suckle\u00ab, und sie dr\u00fcckte ihm einen heftigen Ku\u00df auf den Mund, w\u00e4hrend ihr Gesicht rachs\u00fcchtig und boshaft ergl\u00e4nzte, und stie\u00df ihn von sich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOch, der kleine Jungchen mu\u00df ja alles vergess\u2019 \u2013 psch, psch, psch\u2026\u00ab Und man wu\u00dfte nicht, ob diese T\u00f6ne eine wiegende Mutter nachahmten oder ganz etwas anderes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbPack aus, mein Hulle-Pulle\u00ab \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwer seufzend packten sie aus, r\u00e4umten ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ich bin nu so weit. Jetzt frisiere ich mich, un dann gehe ich spaziers. Un du?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas \u00fcberlasse du nur mir; es wird dir dann seinerzeit das N\u00f6tige mitgeteilt werden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Stil war im gro\u00dfen und ganzen einheitlich verzerrt. Sie sagten sich h\u00e4ufig Dinge, die nicht recht zueinander pa\u00dften, nur um diese oder jene Redewendung anbringen zu k\u00f6nnen, den andern zu irritieren, sein Gleichgewicht zu ersch\u00fcttern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie gingen herunter\u2026<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da war der Marktplatz, der mit alten, sehr niedrigen B\u00e4umen bepflanzt war, schattig und still lag er da. Sie schritten durch ein schmiedeeisernes Tor in den Park. Hier war es ruhig. In dem einfachen wei\u00dfen Bau des Schlosses klopfte ein Handwerker. Sie gingen durch den Hof wieder in den Park, wieder in die Stille\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch brausten und dr\u00f6hnten in ihnen die Ger\u00e4usche der gro\u00dfen Stadt, der Stra\u00dfenbahnen, Gespr\u00e4che waren noch nicht verhallt, der L\u00e4rm der Herfahrt\u2026 der L\u00e4rm ihres t\u00e4glichen Lebens, den sie nicht mehr h\u00f6rten, den die Nerven aber doch zu \u00fcberwinden hatten, der eine bestimmte Menge Lebensenergie wegnahm, ohne da\u00df man es merkte\u2026 Aber hier war es nun still, die Ruhe wirkte l\u00e4hmend, wie wenn ein regelm\u00e4\u00dfiges, langgewohntes Ger\u00e4usch pl\u00f6tzlich abgestellt wird. Lange sprachen sie nicht, lie\u00dfen sich beruhigen von den schattigen Wegen der stillen Fl\u00e4che des Sees, den B\u00e4umen\u2026 Wie alle Gro\u00dfst\u00e4dter bewunderten sie ma\u00dflos einen einfachen Strauch, \u00fcbersch\u00e4tzten seine Sch\u00f6nheit und ohne das Praktische aller sie umgebenden l\u00e4ndlichen Verh\u00e4ltnisse zu ahnen, sahen sie die Dinge vielleicht ebenso einseitig an wie der Bauer \u2013 nur von der andern Seite. Nun, hier in Rheinsberg erforderten die Gegenst\u00e4nde nicht allzuviel praktische Kenntnis, man war ja nicht auf einem Gut, das bewirtschaftet werden sollte. \u2013 Sie kamen an den Rand eines zweiten Sees, an eine Bank. Stille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGlaubssu, da\u00df es hier B\u00e4rens gibs? Eine alte Tante von mir is beinah mal von einem\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026 von einem B\u00e4ren zerrissen worden?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein.\u00ab Sie war ganz emp\u00f6rt. \u00bbHabe ich das gesagt? \u2013 Ich meine nur\u2026 Aber, du \u2013 besch\u00fctzs mich doch, ja?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch schw\u00f6re dir\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHm.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder war es sehr still. Die Claire sa\u00df da und sah sehr bestimmt in das schmutzig-gr\u00fcne Wasser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso pa\u00df mal auf. Warum ist hier nicht \u00fcberall der zweite Friedrich? So wie er in Sanssouci \u00fcberall ist. Auf jedem geharkten Weg, an jedem Boskett, hinter jeder Statue? \u2013 Hier hat er gelebt. Gut. W\u00fc\u00dftest du es nicht, w\u00fcrdest du es merken?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein. Vielleicht mu\u00df man \u00e4lter, machtvoller sein, um die Welt sich zu formen nach seinem Ebenbilde\u2026 Wer ist heute so wie der Alte war? \u2013 Sehen unsere Wohnungen aus, wie wenn sie nur und ausschlie\u00dflich dem Besitzer geh\u00f6ren k\u00f6nnten?\u2026 \u2013 Ein Specht, siehst du ein Specht!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen, es ist kein Specht. Es ist eine Schleiereule.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stand auf. Mit Betonung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe ein au\u00dferordentlich feines Empfinden daf\u00fcr, ich vermute, du bist gewillt, dich \u00fcber mich lustig zu machen. Wird diese Vermutung zur Gewi\u00dfheit, so schlage ich dich nieder.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Gel\u00e4chter klang weit durch die Fichten.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schlo\u00df! \u2013 Das Schlo\u00df mu\u00dfte besichtigt werden. Man schritt hallend in den Hof und zog an einer Messingstange mit wei\u00dfem Porzellangriff. Eine kleine Glocke schepperte. Ein Fenster klappte: \u00bbGleich!\u00ab \u2013 Eine T\u00fcr oberhalb der kleinen Stiege \u00f6ffnete sich, und es kam nichts, und dann tappte es, und dann schob sich der massige Kastellan in den Hof. Als er der Herrschaften ansichtig wurde, tat er etwas \u00dcberraschendes. Er stellte sich vor. \u00bbMein Name ist Herr Adler. Ich bin hier der Kastellan.\u00ab Man dankte geehrt und pr\u00e4sentierte sich als Ehepaar Gambetta aus Lindenau. Historische Erinnerungen schienen den dicken Mann zu bewegen, seine Lippen zuckten, aber er schwieg. Dann:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNu kommen Sie man hier hinten rum, \u2013 da ist es am n\u00e4chsten.\u00ab \u2013 Und schlo\u00df eine bohlene T\u00fcr auf, die in einen dunklen Steinaufgang hineinf\u00fchrte. Sie kletterten eine steile Treppe m\u00fchsam herauf. Oben, in einem ehemaligen Vorzimmer, lagen braune Filzschuhe auf dem Boden, verstreut, in allen Gr\u00f6\u00dfen f\u00fcr Gro\u00df und Klein, zwanzig, drei\u00dfig \u2013 man mochte an irgendein M\u00e4rchen denken, vielleicht hatte sie eine Fee hierher versch\u00fcttet, oder ein Wunschtopf hatte wieder einmal versagt und war \u00fcbergelaufen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Claire behauptete: <i>So<\/i> kleine g\u00e4be es gar nicht. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIh\u00ab, sagte Herr Adler, \u00bbimmer da rein; wenn sie auch ein bi\u00dfchen kippeln, das tut nichts.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er aber war nicht gen\u00f6tigt, solche Schuhe anzuziehen, weil er von Natur Filzpantoffeln trug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zimmer, durch die er sie f\u00fchrte, waren karg und enthaltsam eingerichtet. Steif und ausgerichtet standen St\u00fchle an den W\u00e4nden aufgebaut. Es fehlte jene leise Unregelm\u00e4\u00dfigkeit, die einen Raum erst wohnlich erscheinen l\u00e4\u00dft, hier stand alles in rechtem Winkel zueinander\u2026 Herr Adler erkl\u00e4rte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2026 und d\u00fcs hier sei das sogenannte Prinzenzimmer, und in diesem Korbe habe das Windspiel geschlafen. Das Windspiel \u2013 man wisse doch hoffentlich\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbZu denken, Claire, da\u00df auch durch deine R\u00e4ume einst Liebende der F\u00fchrer mit beredtem Munde leitet\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGott sei Dank! Konnt er ja! Bei uns war es pikfein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann sagte Herr Adler, dies seien chinesische Vasen, und dieselben h\u00e4tte der junge Graf Schleuben von seiner Asienreise mitgebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber hier \u2013 man trat in ein anderes h\u00f6heres Zimmer \u2013 hier sei der Gem\u00e4ldesaal. Die Bilder habe der ber\u00fchmte Kunstmaler Pesne gemalen, und die Bilder seien so vorz\u00fcglich gemalen, da\u00df sie den geehrten Besucher \u00fcberall hin mit den Augen folgten. Man solle nur einmal die Probe machen! Herr Adler gab diese Fakten st\u00fcckweis, wie ein Geheimnis, preis. Es war, als wundere er sich immer, da\u00df seine Worte auf die Besucher keine gr\u00f6\u00dfere Wirkung machten. \u2013 Herrgott, die Claire! \u2013 Sie begann den Kastellan zu fragen. Wolfgang wollte sie hindern, aber es war schon zu sp\u00e4t. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSagen Sie mal, Herr Adler, woher wissen Sie denn das alles, das mit dem Schlo\u00df und so?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Adler leitete sein Wissen von seinem Vorg\u00e4nger, dem Herrn Breitriese, her, der es seinerseits wieder von dem damaligen Archivar Brackrock habe. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd dann, was ich noch fragen wollte, Herr Adler, hat es hier wohl fr\u00fcher ein Badezimmer gegeben?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, aber wir haben eins unten, wenn es Sie interessiert\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie dankten. Herr Adler, der noch zum Schlu\u00df auf eine Miniatur, ein Geschenk der Gro\u00dff\u00fcrstin Sofie von Ru\u00dfland, hingewiesen hatte, verfiel pl\u00f6tzlich in abruptes Schweigen. Und erst nachdem das Trinkgeld in seiner Hand klingelte, blickte er zum Fenster hinaus und sagte, ein wenig geistesabwesend: \u00bbDies ist ein ehrw\u00fcrdiges Schlo\u00df. Sie werden die Erinnerung daran Ihr ganzes Leben bewahren. Im Garten ist auch noch die Sonnenuhr sehenswert.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Claire unterlie\u00df es nicht, Wolf ein wenig zu kneifen, und an der blumenkohlduftenden Kastellanswohnung vorbei schritten sie hinaus, ins Freie.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag fuhren sie auf dem See herum. Er ruderte, und sie sa\u00df am Steuer, w\u00e4hrend sie dann und wann drohte, sie werde ihre graue, alte Familie ungl\u00fccklich machen, sie habe es nunmehr satt und st\u00fcrze sich ins Wasser. Er werde sowieso bald umwerfen. Nein \u2013 sie landeten an einer kleinen Insel. Ein paar B\u00e4ume standen darauf. Sie lagerten sich ins Gras\u2026 Ein k\u00fchler Wind strich vom See her\u00fcber. Die Uferlinien waren unendlich fein geschwungen, die hellblaue Fl\u00e4che gl\u00e4nzte matt\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSehssu, mein Affgen, das is nu deine Heimat. Sag mal: w\u00fcrdest du f\u00fcr dieselbe in den Tod gehen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu hast es schriftlich, liebes Weib, da\u00df ich nur f\u00fcr dich in den Tod gehe. Verwirre die Begriffe nicht. Amor patriae ist nicht gleichzusetzen mit der \u203aamor\u2039 als solcher. Die Gef\u00fchle sind andere.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, ich bescheide mich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und, nach einem langen Tr\u00e4umen in den hellen Himmel\u2013, er war so hell, so hell, da\u00df die blitzenden Funken vor den Augen tanzten, sah man lange hinein\u2013:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen, du hast doch niemalen eine andere geliebt, vor mir?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNie!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es prickelte, so \u00fcber die Sehnsucht der B\u00fcrger zu spotten, \u00fcber das, was sie Liebe nannten, \u00fcber ihre Gier, stets der erste zu sein\u2026 Sie waren beide nicht unerfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stimmen kamen, Ruderboote, Familien, die hier zu einem Picknick landen wollten. Riesige, blecherne Vorratsk\u00f6rbe bedrohten wie Gesch\u00fctze das Lager der Friedlichen\u2026 Auf und davon!\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitten im See: \u00bbS\u00f6h mal, du mu\u00df mir auch ma rudern gela\u00df gehabt haben\u2013! Mich m\u00f6cht di\u00df auch mal \u2013 buh.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBitte, rudere\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wechselten, das Boot schwankte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Claire ruderte. Es war eine Freude. Einmal verlor sie beide Ruder. Er mu\u00dfte mit dem Stock rudern. Endlich fingen sie die H\u00f6lzer wieder, die weitab auf dem Wasser getrieben hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann es sehr sch\u00f6n. Ich konnt ja auch mal ohne Ruder \u2013 ja, konnt ich! Lach nich, du Limmel! Hab ich f\u00fcrleichs nicht recht, na!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ruderte, da\u00df sie prusten und keuchen mu\u00dfte, wie eine kleine asthmatische Dampfmaschine. Die Sonne ging schon unter, als sie anlegten. Er bezahlte. Die Claire schw\u00e4tzte mit der Bootsverleiherin. Er h\u00f6rte gerade:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo \u2013 also ein kr\u00e4ftiger Menschenschlag ist hier, wie?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTje Fr\u00f6ln, <i>wir<\/i> vertobaken uns Jungen ja nich schlecht!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lachten noch, als sie am Hotel waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie friedlich dieser Abend war; sie sa\u00dfen unter den niedrigen dunklen B\u00e4umen und warteten auf das Essen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMir ist so\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGut so, mein Junge.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein! Spa\u00df beiseite, mir ist mit dem Magen nicht recht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist Cholera. Wart, bis du was zu essen bekommst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, h\u00f6r doch, ich hab so ein Gef\u00fchl, so leer, so\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTypisch. Das ist geradezu \u2013 bezeichnend ist das. Du stirbs, W\u00f6lfchen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie richtige Liebe deinerseits ist das auch nicht! Erst lasse ich dich auf Medizin studieren, und jetzt willst du nich mal durch dein H\u00f6rrohr kucken.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch Gott, nicht wahr, was hei\u00dft denn hier \u00fcberhaupt! \u2013 Nicht wahr? \u2013 Wer denn schlie\u00dflich\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sie ging doch mit zur Apotheke, die hellbraun und ganz modern sachlich eingerichtet war; wei\u00dfe B\u00fcchsen und T\u00f6pfe aus Porzellan reihten sich auf Borden, ein leichter Baldriangeruch durchzog die R\u00e4umlichkeiten. Hier h\u00e4ndigte man dem Kranken nach eingehender R\u00fccksprache und leutseligem Reden an den Provisor eine kleine Flasche mit einer dunkelbraunen Fl\u00fcssigkeit ein. Sie half. Gott sei Dank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann a\u00dfen sie, und nach Tisch rauchte die Claire. Dr\u00fcben am Haus sa\u00dfen die Herren, die jeder Zugereiste als Honoratioren zu bezeichnen pflegt. Juristen, Beamte, der Apotheker, der durch Bruch des Berufsgeheimnisses mit Hinweis auf die beiden der kleinen Runde fettes Gel\u00e4chter entlockte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbProst, Wolf, auf die Alten!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuf die Alten!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gl\u00e4ser klangen, und dr\u00fcben die G\u00e4ste, die in langer Tischreihe am beleuchteten Haus speisten, blickten her\u00fcber. Die Claire blies Ringe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist eine ma\u00dflose Frechheit\u00ab, entschied sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHm?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHierher zu fahren. Wenn das niemand merkt! Aber es merks niemands \u2013 pa\u00df mal auf, es merks niemand.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNe quis animadvertat! Prost.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWei\u00dft du, lieber reise ich mit einem Flohzirkus wie mit dir.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAls, Claire, als mit dir.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch Gott, konnste auch besser mir nicht zu bekorrigieren zu gebrauchs gehabs habs! Ich spreche dir das schiere Hochdeutsch!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHm. \u2013 Eingeweihte wissen davon Kantaten zu singen. Trinkst du noch was?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOb ich noch wen trinke? \u2013 N\u00f6.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch finde, wir gehen noch ein bi\u00dfchen, h\u00e4?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schlenderten durch den dunklen Ort. Nach langen, schwarzen H\u00e4userstrecken kam eine Bogenlampe, umschwirrt von surrenden braunen Flecken. Insekten, die durchaus in das Licht gelangen wollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Tiere da oben, siehst du?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo auch der Mensch.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie blieb stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWieso\u2026 bitte?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie jene Lebewes\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBitte \u2013 was hier zu symbolisieren is, symbolisier ich mir alleine. \u00dcberhaupt mu\u00dft du schlafen gehen. Du sprichst ja schon ganz\u2026 anders. Soll ich dir aufs Aam nehmen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBuhle!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dunklen Fensterl\u00e4den kamen sie vorbei und an langen Mauern; hinter r\u00f6tlich beleuchteten Gardinen sa\u00dfen Familien und spielten Karten\u2026 Einmal traten sie in einen Hof, stolperten \u00fcber Pflastersteine und blickten durch ein Fenster in einen Saal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drinnen spielten sie Theater.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der B\u00fchne sah man nur einen kleinen, gelben, hellen Winkel; aber man h\u00f6rte alles. \u00bbHoho\u00ab, sagte eine \u00fcberlaute Frauenstimme im Alt, \u00bbda werden wir meinen Schwager fragen m\u00fcssen. Ah, da kommt er ja\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum schnaufte und zuckte wie eine vielk\u00f6pfige Bestie im Dunkel. Man sah Schultern sich bewegen, K\u00f6pfe sich hin- und herwenden\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHimmel, der Fritz\u00ab, kreischte jemand auf der B\u00fchne, und die Menge der Theaterbesucher lachte, ihre K\u00f6rper tauchten auf und nieder, man murmelte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie merkw\u00fcrdig\u00ab, sagte Wolfgang, \u00bbdrau\u00dfen ist es totenstill, der Mond scheint, und hier drinnen spielen sie ein Scheinleben. Und wir kommen hinzu, wissen nichts von den Voraussetzungen des ersten Akts und bleiben ernst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war still, der hell erleuchtete Winkel der B\u00fchne blieb leer; einer mu\u00dfte wohl eine zum Lachen reizende Geste gemacht haben, denn jetzt lachten die Frauen hell kreischend, w\u00e4hrend die M\u00e4nner beif\u00e4llig grunzten. Sie beugten sich weiter vor, man konnte undeutlich und durch das Fensterglas verschoben den \u00fcbrigen Teil der B\u00fchne erkennen, der eine Zimmereinrichtung mit gelber Tapete und gemalten Einrichtungsgegenst\u00e4nden darstellte; ein Mann in gr\u00fcner Sch\u00fcrze hielt dort oben Zwiesprache mit einer robusten Weibsperson in den Vierzigern. Als Souffleurkasten diente ein alter Strandkorb. Sie h\u00f6rten die beiden sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo. Er soll hier reinemachen (in der Tat hielt der Mann einen Besen in der Hand), und statt dessen scharwenzt Er mit den M\u00e4dels! Pa\u00df Er nur auf, Er Liederjahn.\u00ab \u2013 Hier kicherte das Publikum. \u2013 \u00bbIch werde Ihm die Suppe schon versalzen. Hier und hier und da und da!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum lachte: \u00bbHoho!\u00ab und oben bekam der Mann, der bis dahin mit gutgespielter Teppenhaftigkeit den Kopf beflissen-horchend geneigt hielt, einige patschende Schl\u00e4ge ins Gesicht\u2026 In diesem Augenblick trat ein junges M\u00e4dchen auf die B\u00fchne, und hier nahm die Heiterkeit des Publikums einen so be\u00e4ngstigenden Grad an, da\u00df die beiden unwillk\u00fcrlich vom Fenster zur\u00fcckfuhren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer erste Akt!\u00ab seufzte er. \u00bbUns fehlt der erste Akt!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo ein kleiner Junge, will sich das Theater besehens! Marsch zu Bett!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie gingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sie die Treppe hinaufkletterten, h\u00f6rten sie noch das lachende L\u00e4rmen der angeregten Honoratioren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire, belustigen sich die ackerbautreibenden B\u00fcrger \u00fcber uns? \u2013 Ich bin f\u00fcrchterlich in meiner Wut.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, mein Jungchen. Nu geh man zu Bett.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre gro\u00dfen, breitschultrigen Schatten tanzten an der Wand, weil die Kerzenflamme tanzte\u2026 Die Claire stand vor dem Spiegel und l\u00f6ste ihre Haare auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen, pa\u00df ma auf; da war ich noch \u2019n kleiner M\u00e4dchen, un da bin ich bei meine Freundin, die Alice, gegangen \u2013 heb mir doch mal die Nadel auf! \u2013 und da war ein Herr, wie er hie\u00df, wei\u00df ich nicht mehr, und der hat gesagt, mein Haar ist wie aus Seide gesponnen. Ja.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa \u2013 und\u2013?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbN\u00fcchs.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Claire liebte es, Geschichten zu erz\u00e4hlen, die, ohne Pointe, kleine, anspruchslose Begebenheiten ihrer Kindheit enthielten. Sie verlangte, da\u00df man sie sich oft anh\u00f6re, und wurde zornig erregt bei dem Einwand, man kenne dies.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu bist gar nicht freundlich zu mir. Du liebst mich nicht mehr.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einem seelischen Cham\u00e4leon gleich, bot sie nun den Anblick einer Liebeskranken. Der Mund war schmerzlich verschoben, der Oberk\u00f6rper leicht geneigt, die H\u00e4nde krampften sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch meinerseits liege im Bett\u00ab, sagte er. Die Kerzenflamme verlosch\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unten schwatzte das Wirtshauspublikum. Man h\u00f6rte, wie der Wirt seinen Rundgang bei den Tischen veranstaltete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, auch die Frau Schwester wieder gesund? \u2013 Ja, ja, so geht\u2019s. Hat es den Herrschaften geschmeckt? Ja\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben aber sagte Claire gedankenvoll, langsam:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00f6cht dir nu nehmen und einem in sein Gulasch werfen. Seh mal, er wundert sich bestimmt, Wie\u2013?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber dann schwieg sie.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht wachte er auf. Vorsichtig bauschte er den Vorhang, der wei\u00df und f\u00e4ltig am Fenster leise vom Nachtwind bewegt war. Der Mond gespensterte in den B\u00e4umen, ein Obelisk stand seitw\u00e4rts drohend da und warf einen scharfen Schatten. Das Laub rauschte auf. Warum reagieren wir darauf wie auf etwas Sch\u00f6nes, f\u00fchlte er. Es ist doch nur ein durch Schallwellen fortgepflanztes Ger\u00e4usch\u2026 Und \u00fcberlie\u00df sich gleich darauf willenlos diesem ruhigen Rauschen, das ein wenig traurig war, aber Hohes ahnen lie\u00df und die Brust weiter machte\u2026 Er fuhr herum. Eine ganz verschlafene Kinderstimme sagte unter einem Wasserfall von Haaren:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIs niemand in mein klein Bettchen, und soll aber jemand da sein, und Klein-Cl\u00e4rchen is ganz allein\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er trug sie zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er fr\u00fch am Morgen vom Friseur zur\u00fcckkam, war die Claire am Aufstehen. Es war das so eine Sache: die erste Viertelstunde pflegte sie mit feiner Stimme ein entz\u00fcckend klingendes Gemurmel zu stammeln, unzusammenh\u00e4ngende Silben hervorzubringen und in den verschiedensten Nachahmungen von Tierstimmen zu paradieren. Kaum hatte er die T\u00fcr hinter sich zugezogen, so begr\u00fc\u00dfte ihn das Winseln und Mauen einer neugeborenen Katze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAufstehen! Claire! Aufstehen! Alle Leute sind schon nach Tisch.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00dfte ein wenig \u00fcbertreiben \u2013 es half sonst nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBuh!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ich wei\u00df. Komm!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und zog ihr die Bettdecke fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen, zieh ich nu das Gr\u00fcne oder das Wei\u00dfe an?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHm, welches m\u00f6chtest du denn gerne anziehen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas\u2026 das wei\u00df ich nicht. C\u2019est pourquoi ich dich frage.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo zieh denn das Wei\u00dfe an.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSch\u00f6n. Was <i>dieser<\/i> Junge mich tyrannisiert, das ist nicht zu sagen. Haach!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMeinst du w\u00fcrklich, da\u00df ich das Wei\u00dfe anziehen soll? Seh mal\u2026 ich meine, mit den Fleckens un so\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso: das Gr\u00fcne.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSch\u00f6n.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer kleinen Weile:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, haber \u2013 ich m\u00f6chte doch aber gern\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas m\u00f6chst du gern?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Gr\u00fcne\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber ich sage dir ja, zieh\u2019s an!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa\u2026 aber\u2026 wenn du\u2019s mir sagst, macht\u2019s mir gar keinen Spa\u00df. Du mu\u00dft sagen: Zieh\u2019s nich an, mu\u00dft du sagen, oder: zieh das Wei\u00dfe an, tja.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und bevor er sich noch erholt hatte, fing sie an, ein wundervolles Gez\u00e4nk von sich zu geben, nach Art gewisser Frauen, die sich beleidigt glauben und ihren Gef\u00fchlen auch dem Dienstm\u00e4dchen gegen\u00fcber keinen Hehl zu machen pflegen. Das Ganze pa\u00dfte nicht recht her, aber sie war im Zuge, da war nichts zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo? \u2013 Also in <i>meinem<\/i> Hause lasse ich mir das nicht sagen, ich nicht! Sie stauben meine kostbaren Seidenm\u00f6bel nicht ab, Sie\u2026 Gesch\u00f6pf! \u2013 Aber mein Mann, der Bergassessor\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er floh. Noch auf dem Korridor h\u00f6rte er sie wie einen Schusterjungen pfeifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Kaffeetisch schien die Sonne: hier roch es stark und l\u00e4ndlich nach Milch, Butter und einer frischgewaschenen Decke. Bienen und dicke Fliegen schwammen in einem alten Honigglas, das der vorsorgliche Wirt mit Zuckerwasser gef\u00fcllt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kam herunter, eine Weile sprachen sie nichts. Sie a\u00df. mein Gott, sie a\u00df und hatte Hunger, den richtigen Morgenhunger des Langschl\u00e4fers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolf?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch denke, wir fahren heute morgen ein wenig spazieren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo, und ich? \u2013 Mich nimmt er gar nicht mit! \u2013 Ich will auch mit!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch sagte: wir.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBuh, buh!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, du kannst auch mit. Nu weine man nich und e\u00df.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang, ein so wundersch\u00f6nes Deutsch sprichst du ja auch nicht, nein, das kann man nicht sagen. Aber keine Sorge: Meine Bem\u00fchungen werden mich das Ziel schon erreichen lassen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie konnte ganz gew\u00e4hlt sprechen, wie es wohl alte Erzieherinnen manchmal tun, mit \u00fcberm\u00e4\u00dfig stark betonten Endsilben und weit nach hinten gerutschten Gaumen-\u00bbR\u00abs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein Papa sagt immer, W\u00f6lfschen, ich spr\u00e4che keinen guten Deutsch. Wie? \u2013 Ja, er ist ein erfahrener Greis, aber wie steht es ihm an zu sprechen \u203aSto\u00dfe nicht in das Horn des Leichtsinns, mein Kind, und witzele nicht \u00fcber so schwerwiegende Dinge!\u2039 Ich frage dich: Hat er unrecht oder hat er unrecht? Zwei M\u00f6glichkeiten kommen nur in Betracht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEr hat recht. Da kommt der Wagen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war sein Gl\u00fcck. Denn schon hatte sie sich hochaufgerichtet und stand da, die H\u00e4nde fest auf den Tisch gedr\u00fcckt und schielte\u2026<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leicht und schnell rollte der Wagen durch die gr\u00fcne Allee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMerks du nichs?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie bitte?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbObs du nichs merks?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa, aber s\u00fch mir mal an!\u00ab \u00bbBei Gott, nichts. Zuckt die Achseln.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu mu\u00dft das nicht mitsprechen, was in Klammern steht. Zuckt die Achseln, das steht in Klammern, wei\u00dft du? \u2013 Aber rnerkst du nichts?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu hast dich gewaschen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbP! \u2013 Aber\u2026 ein blaues Band hatt\u2019 ich gestern durch mein Hemd gezogs, un nu nich mehr. Du erlaubs mirs ja nich. Du ja nich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bot sie nicht das Aussehen einer sichtlich Gekr\u00e4nkten, die schmollend die bessern Gef\u00fchle des Geliebten anrief?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu hast ja \u2019n Freund, der wo sagt, bunte B\u00e4nders in der W\u00e4sche tragen nur Kellnerinnen! Konnst deinem Freund gesagt haben, er konnt bei mir gegangen gewesen sein, ob ich vielleicht \u2019ne Kellnerin war.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, er wolle das bestellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nun mu\u00dften sie in das Gr\u00fcne sehen, das sich an ihnen vor\u00fcberbewegte. Nicht, als ob dieser Wald jene ger\u00fchmte Sch\u00f6nheit besessen h\u00e4tte, wie wir sie auf Bildern und Postkarten zu sehen Gelegenheit haben. Er wies keine \u00bbPartien\u00ab auf, keine Durchblicke. Aber er machte sie froh. Es war wohl mehr ihre allgemeine Freude, am Leben zu sein. Zwischen den Vergangenen und denen, die noch kommen w\u00fcrden \u2013 jetzt waren <i>sie<\/i> an der Reihe \u2013 hurra!\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einer Biegung der Chaussee machte der Kutscher halt, murmelte und verschwand im Geb\u00fcsch. Die Claire begleitete seinen Weggang mit frommen Reden\u2026 Und dann fuhren sie weiter, und an einem Wirtshaus am See wurde Rast gemacht, und dort gab es zu essen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann fuhren sie wieder auf langen Umwegen nach Hause, nach Rheinsberg. Fu\u00dfg\u00e4nger begegneten ihnen, schwitzende Familienv\u00e4ter, die ihre Spazierst\u00f6cke mit den baumelnden Jacken am Ende Gewehr \u00fcber trugen und schweigend der n\u00e4chsten Bierquelle zustrebten, Verliebte, die mit verkrampften H\u00e4nden selig daherstolperten, einmal h\u00f6rten sie das Bruchst\u00fcck eines Gespr\u00e4ches zweier spitzm\u00e4uliger Damen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa\u00ab, sagte die eine, \u00bbund denken Sie, sie ist eine Berlinerin, aber wissen Sie, im guten Sinne des Wortes\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wagen juckelte und knarrte, bald gehen die Pferde im Trab, bald trotten sie langsam mit gesenkten, nickenden K\u00f6pfen\u2026 Und immer konnte man, wenn es einem beliebte, den Kopf nach hinten legen, \u00bbauf den Verdeck\u00ab, wie Claire das nannte, und dann sah man in die Wolken, immer in die Wolken, w\u00e4hrend der K\u00f6rper im Rhythmus des Fahrens angenehm bewegt wurde\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Sp\u00e4tnachmittag kamen sie an; es war hei\u00df, vielleicht w\u00fcrde es abends ein Gewitter geben, sagte der Wirt. Sie gingen in den Park. An einem kleinen Rondell schimmerten wei\u00dfe Figuren aus dem Bl\u00e4tterwerk. Ein Satyr lehnte an einem Baumstumpf, mit gesenkter Fl\u00f6te, ein Faun stach eine fliehende Nymphe\u2026 Das Schlo\u00df leuchtete wei\u00df, violett funkelten die Fensterscheiben in hellen Rahmen, von staubigen Lichtern rosig betupft, alles spiegelte sich im glatten Wasser. Baurngruppen standen da, r\u00f6tlich-gelb beschienen mit schw\u00e4rzlichen Schatten, sie warfen lange, dunkle Fl\u00e4chen auf den Rasen. Tr\u00e4ge schob sich der See in kleinen Wellchen an die schilfigen Ufer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBr\u00fchhei\u00df. Kann man eigentlich so den Hitzschlag bekommen, Claire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lag am Boden und kaute einen Halm, der schwankend ihrem Munde entwuchs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas kommt ganz auf die Innentemperatur an, mein Junge. Du \u2013 bei deiner Hitze \u2013 ja, du kannst wohl einen kriegen! Zeig\u2019 mal die Zunge \u2013 hm\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu t\u00e4test auch besser daran, mehr in den Kollegs aufzupassen, anstatt Herzen mit meinen Initialen in die B\u00e4nke zu schneiden. \u00dcberhaupt das Frauenstudium\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBitte, nehmen Sie Platz.\u00ab Sie war ganz W\u00fcrde, und obgleich sie im Gras sa\u00df, konnte man glauben, was den Ausdruck ihres Gesichts anbetraf, einen vielbesch\u00e4ftigten, an seinen Patienten interessierten Arzt vor sich zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEinen Weg zur Heilung werden wir schon finden\u2026 schon finden\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kraute sich einen imagin\u00e4ren Bart. \u00bbWissen Sie, ob Ihr Herr Gro\u00dfpapa jemals an einem icterus katarrhalis litt? Oder an einer angina vincentis? Nun, wir werden das \u00dcbel schon beheben. Darf ich bitten, den Mund zu \u00f6ffnen, weiter, weiter \u2013 so\u2026\u00ab Und sie warf den Aufhorchenden mit einem starken Sto\u00df nach hinten, ins Gras\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Luft lag unbeweglich, dr\u00fcckend, sie schritten \u00fcber eine Br\u00fccke, darunter das Wasser gr\u00fcn und schleimig abflo\u00df. Sie blickten hinunter. Bl\u00e4tter schwommen vorbei, kleine Zweige, H\u00f6lzchen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErlaubsus mir? Ja? Nur einmal! Bitte! Bitte!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie dr\u00e4ngte sich an ihn, umkoste ihn, ging ihm um den Bart, sozusagen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas denn, was denn, Kind?\u00ab Er machte sich frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErlaubs mir doch! Nie nich erlaubsu mir wen! Ich m\u00f6cht\u2019 doch soo gern\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber was denn?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schwieg. Sie sahen wieder von der Br\u00fccke in das dahinschleichende Wasser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang\u00ab, sagte die Claire tr\u00e4umerisch, \u00bbich m\u00f6cht\u2019 <i>einmal<\/i> in das Wasser spucken\u2026\u00ab Und in den h\u00f6chsten T\u00f6nen: \u00bbErlaubs du mir?\u00ab Und piepsend: \u00bbJa?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er erlaubte es ihr.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie gingen durch die Stra\u00dfen der Stadt. Schaufenster boten lockend ihre Einlagen an, kunstreich geordnet. Oh, man war hier durchaus auf der H\u00f6he, wie man mit Stolz sagen durfte, und hatte sich die Errungenschaften der neuen Zeit zunutze gemacht: ein moderner Wind wehte auch hier. Nach k\u00fcnstlerischen Prinzipien hatte z.\u00a0B. Herr Krummhaar, der Kolonialwarenh\u00e4ndler an der Ecke des Marktes, sein Schaufenster arrangiert. Blickte man durch die blankpolierten Scheiben, so tat sich dem Beschauer eine schlaraffenhafte Landschaft auf: auf einem H\u00fcgel von Paniermehl stand ein Zuckerhut mit einem roten Gelatinekreuz, und sah man n\u00e4her hin, war es eine Windm\u00fchle. Pflaumenwege f\u00fchrten an mit Preisen versehenen Korinthenbeeten vorbei, und auf einem Spiegelglas schwamm eine Brigg, die Herrn Krummhaar aus dem fernen Indien bauchige Flaschen Danziger Goldwassers und Salzbrezeln heranschleppte\u2026 Vor der Ladent\u00fcr waren F\u00e4sser aufgebaut, die bis oben hin mit k\u00f6stlichen Erbsen und allerhand getrocknetem, nun aber l\u00e4ngst verstaubtem Obst gef\u00fcllt zu sein schienen; nur der Kundige konnte ahnen, da\u00df es sich um eine geschickte T\u00e4uschung handle. Lange stand die Claire vor der bunten Pracht, dann zitierte sie mit Ausdruck:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd einen Ochsen, ganz bepackt,<br \/>\nMit Fleischextrakt\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberall blieb sie stehen, alles wollte sie kaufen, und sie wirbelte herum, schwatzte, lachte, und war nacheinander: ein Frauchen, das ihren Mann zu Eink\u00e4ufen bewegen will, ein unfolgsames Kind, das sich meckernd von der Hand der Bonne durch die Stra\u00dfen schleppen l\u00e4\u00dft, ein kleiner Hund \u2013 und zehn Schritte lang bot sie sogar die Kopie eines durchaus nicht einwandfreien Gesch\u00f6pfes\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor der T\u00fcr eines kleinen L\u00e4dchens, dessen Schaufenster dem K\u00e4ufer Posamentier- und Wei\u00dfwaren versprachen, standen die Fr\u00e4ulein Luft, zwei gutm\u00fctige \u00e4ltliche Wesen, die ein wenig muffig rochen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sch\u00f6pften die Abendluft, einen K\u00e4ufer gab es jetzt nicht. Die beiden dr\u00e4ngten sie in ihren Laden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00f6chte, bitte, W\u00e4schekn\u00f6pfe.\u00ab Die Claire war gesch\u00e4ftig, ganz bei der Sache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTje\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber bitte, geben Sie mir doch, bitte, wei\u00dfe W\u00e4schekn\u00f6pfe\u2026 zum Ann\u00e4hen\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTje\u2026 Gewi\u00df.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Fr\u00e4ulein Luft r\u00fchrten sich nicht, sondern sahen sich und die beiden Bes\u00fccher, die ihren Laden nahezu ausf\u00fcllten, ratlos, verlegen an. Eine von ihnen holte tief Atem\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMochte der schunge H\u00e4rr nicht so lang rausgehen\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWelch treue Seele\u00ab, dachte er. Und ging heraus.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEin Kinematograph? Hier in Rheinsberg? W\u00f6lfchen, nach dem Souper? Ja?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wirklich, es gab einen, und sie gingen hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Wege schon murrte es in den Wolken, die langsam aufzogen. Wind sch\u00fcttelte Laub von den rauschenden B\u00e4umen, Staub wirbelte auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber noch trocken kamen sie in dem Saal des Wirtshauses an. Richtig, ein kleines Orchester war da, es verdunkelte sich der Saal\u2026<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\"><i>Natur! Malerische Flu\u00df-<br \/>\nfahrt durch die Bretagne.<br \/>\nKoloriert.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Apparat schnatterte und warf einen rauchigen Lichtkegel durch den Saal. Eine bunte Landschaft erschien, bunt, farbenpr\u00e4chtig, heiter. Die Kolorierung war der Natur getreulich nachgebildet: Die B\u00e4ume waren spinatgr\u00fcn, der Himmel, wie in einem ewigen Sonnenuntergang, in Rosa und Blau schwimmend\u2026 W\u00e4hrend die Flu\u00dflandschaft hell vorbeizog, schwankte dauernd ein schwarzer Schatten, in Form einer Stange, durch das Bild, was vermuten lie\u00df, da\u00df die Aufnahme von einem Dampfboot aus gemacht worden war. Dies best\u00e4tigte sich; denn nach einer kleinen Weile drehte sich der hellbraun gebohlte Teil eines Schiffes in das Bild, das nun das Nahe und Ferne zugleich erkennen lie\u00df: eine rosagekleidete Dame, mit wei\u00dfem Spitzenschirm, anscheinend zu diesem Zwecke hinbeordert, erzeugte vermittels freundlichen L\u00e4chelns, Winkens und eifrigen Auf- und Abspazierens geschickt den Eindruck sommerlichen Gl\u00fcckes; hinten glitten die kolorierten Bestandteile der Bretagne vorbei, Trauerweiden, die Zweige ins Wasser h\u00e4ngen lie\u00dfen, kleine ockergelbe H\u00e4uschen, die anscheinend auf ihre Umgebung abgef\u00e4rbt hatten, ein vor\u00fcberziehender Fischdampfer\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Claire sa\u00df ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang, es ist zu traurig! Glaubsu, da\u00df der sterbende Krieger seine Heimat erreicht?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er glaubte es nicht. Um so weniger, als jetzt der eben eingetretene Klavierspieler ger\u00e4uschvoll drei kr\u00e4ftige Akkorde erschallen lie\u00df, sein Bierglas herunterwarf, aber hierdurch unbeirrt sich anschickte, den nunmehr folgenden Film: \u00bb<i>Moritz lernt kochen<\/i>\u00ab in angemessener Weise zu begleiten. Die Musik tobte: der Nachbar steckt den Kopf zur T\u00fcr herein, Moritz steht am Kochherd, packt den andern, wirft ihn in den Topf, da\u00df die Beine heraussehen. Schwanken, Fallen, T\u00f6pfe kippen, Sintflut, man schwimmt gemeinschaftlich die Treppe herunter, sch\u00fcttelt sich unten die H\u00e4nde, nimmt das triefende Mobiliar unter den Arm und verschwindet\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Claire konnte sich nicht beruhigen: sie fragte, wollte alles wissen. Ob er denn nun kochen k\u00f6nne, ob der Nachbar gut durchgekocht sei, sie k\u00f6nne \u00fcbrigens kochen, perfekt, m\u00f6chte sie nur sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schwieg erst, als helle Buchstaben auf dunklem Grund ank\u00fcndigten:<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\"><i>Das rettende Lichtsignal.<br \/>\nIn der Titelrolle Herr Violo.<br \/>\nVon der Greizer Hofoper.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Grund einer freundlichen, stillen \u00dcbereinkunft zwischen Filmfabrik und Publikum bedeutet die blaue Farbe Nacht, w\u00e4hrend die rote die Katastrophe einer Feuersbrunst anzeigt, so da\u00df es allen klar wurde, wie man in solch gef\u00e4hrlichen Stunden eines rettenden Lichtsignales des Br\u00e4utigams bedurfte. Mochte die Handlung durchsichtig sein, hier war das Leben, aber konzentriert. Wenn das Meer, wenn die Brandung an Felsen schlug, wenn der Vorplatz eines Hauses einen Augenblick frei blieb und wenn man an den Zweigen sehen konnte, wie der Wind geweht hatte, <i>der<\/i> Augenblick war dahin, unwiederbringlich dahin\u2026 Wie be\u00e4ngstigend sch\u00f6n war es, wenn Eisenbahnz\u00fcge, lautlos, wie gro\u00dfe Schatten erschienen, immer n\u00e4her, gr\u00f6\u00dfer \u2013 ein Kopf sah aus dem Fenster\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber als die leuchtenden Lichtgestalten zu weinen begannen und ein Harmonium in Aktion gesetzt wurde, schnupfte die Claire tief auf und \u00e4u\u00dferte schluchzend den Wunsch, nach Hause zu gehen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie k\u00e4mpften sich durch Wind und Regen ins Hotel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Morgen gingen sie in die Felder. Das Gewitter von gestern hatte abgek\u00fchlt, die ersten herbstlichen Tage kamen. Der Wind wehte stark. Als sie gegen ihn angingen, sang er wie klagend\u2026 An den Wegen sch\u00e4umten die Laubmassen. Milchigwei\u00dfes Licht begl\u00e4nzte gleichm\u00e4\u00dfig die Felder. Die Sonne steckte hinter den st\u00fcrmenden Wolken; manchmal kam sie hervor, dann war sie rot und fror in der rauhen, kr\u00e4ftigen Herbstluft. Ein leerer Pfad lag vor ihnen, reingefegt vom Wind \u2013 und es war Seligkeit, dar\u00fcber hinwegzuschreiten; junge Linden reihten sich endlos, und es war Gl\u00fcck, immer wieder den \u00e4chzenden Stamm zur Seite zu haben. Tief ging der Atem, und die Schultern hoben sich. Sie gingen im Gleichschritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehnsucht \u2013 Sehnsucht nach der Erf\u00fcllung! Hier war alles (f\u00fchlte er), Herbst, der kl\u00e4rende, klare Herbst, Claire, alles \u2013 und doch zog es weiter, der Fu\u00df strebte vorw\u00e4rts, irgendwo lag ein Ziel, nie zu erreichen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel, fast alles auf der Welt war zu befriedigen, beinahe jede Sehnsucht war zu erf\u00fcllen \u2013 nur diese nicht. Was war, von oben betrachtet, ein Liebender? \u2013 Ein Narr. Wenn sich ihm das geliebte Herz er\u00f6ffnete, schwieg er, satt und zufrieden. Ganze Literaturen w\u00e4ren nicht, riegelten die M\u00e4dchen ihre T\u00fcren auf\u2026 Ein Amoroso war zu befriedigen, gebt ihm das Weib, das er begehrt, und der t\u00f6nende Mund schweigt. Was gibt es, <i>uns<\/i> zum Schweigen zu bringen? Wir haben nichts mehr zu verschleiern, wir wissen um alle Heimlichkeiten der K\u00f6rper\u2026 Auch um alle der Seele? \u2013 Es gibt Worte, die nie gesagt werden d\u00fcrfen, sonst sterben sie\u2026 Aber wir wollen nicht in diese Tiefen der Schatzkammern, wir haben einander ganz und doch sehnen wir uns. Was ist das, das uns forttreibt, weiter, h\u00f6her, vorw\u00e4rts? \u2013 Der Fr\u00fchling ist es nicht; denn es ist ja zu allen Jahreszeiten, die Jugendzeit ist es nicht; denn wir sp\u00fcren es in allen Altern, die Claire ist es nicht, wir f\u00fchlen es ohnehin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt kamen sie durch einen windstillen Hain junger Birken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gl\u00fccklich sein, aber nie zufrieden. Das Feuer nicht ausl\u00f6schen lassen, nie, nie! In einem runden Loch kreiste tr\u00e4ge schwarzes, fauliges Wasser. Alles andere ist ein Vorspiel: die Werbung, die Gew\u00e4hrung, das Genie\u00dfen. Dann f\u00e4ngt es an und h\u00f6ret nimmer auf. Was kann vorher sein? Besch\u00e4ftigt mit der simplen Frage: Ja? \u2013 Nein? \u2013 sehen sie nicht das Wesentliche, nicht das Eigentliche. Entkleide die deinige von deinen Begierden, sie zu besitzen, setze sie in dein Zimmer, wunschlos, allein, denk, du habest alles, was du wolltest\u2026 Bliebe sie? Kann sie mehr als locken, versprechen? \u2013 Kann sie <i>geben<\/i>? Nicht jede h\u00e4lt die Belastungsprobe aus. Man beh\u00fctet nicht umsonst \u00e4ngstlich das Letzte, wenn man nicht wei\u00df, da\u00df es das Kostbarste ist, was man zu geben hat. Eroberungen, bei denen der Reiz nur im Erobern besteht. Wir aber wollen besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es gibt keine tiefere Sehnsucht als diese: die Sehnsucht nach der Erf\u00fcllung. Sie kann nicht befriedigt werden\u2026<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen! Hallo!\u00ab Sie war weit voraufgelaufen und pfl\u00fcckte im Geb\u00fcsch wei\u00dfe Eisbeeren, legte sie im Kreis auf den Boden und knackte sie mit dem Fu\u00df entzwei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum tust du es?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHast du keinen Sinn f\u00fcr Sch\u00f6nheit? <i>F\u00fchlst<\/i> du nicht, da\u00df das befriedigt, erl\u00f6st, wie von einem Druck befreit, wenn die Beere \u2013 endlich \u2013 aufknackt? \u2013 Banause!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00e4ser gl\u00e4nzten im Licht, ein dicker K\u00e4fer zog \u00fcber die Chaussee, flog auf, ein Wind strich \u00fcber den Weg, f\u00fchrte ihn mit sich fort, wollte er dorthin? \u2013 Nun, er w\u00fcrde auch da gl\u00fccklich sein\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Schafherde trappelte durch die gestoppelten Felder; sie wollten ausweichen, aber es war zu sp\u00e4t, der Sch\u00e4ferhund hatte eine lange Reihe zurechtgebellt, sie waren mitten unter ihnen, die Schafe umwogten sie, die Claire schwankte lachend in dem Meer hin und her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen, wenn mir die Tieren nu fressens?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIhnen nicht, Fr\u00e4ulein, es d\u00fcrfte sich nicht lohnen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich krochen sie heraus, staubbedeckt, lachend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDa\u00df du dir da rausgefunden hast, W\u00f6lfchen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie waren auf freiem Feld, gl\u00e4nzend wehten gr\u00fcne Gr\u00e4ser im Wind, die Luft war in starker Bewegung, aber das Land lag ruhig, mochte es wehen und dar\u00fcber hinfahren, die Erde blieb fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie standen auf einem kleinen H\u00fcgel, das Land wellte sich weit fort, spielend ri\u00df die starke Luft an den Haaren. Dies alles umarmen k\u00f6nnen, nicht, weil es gut oder sch\u00f6n ist, sondern weil es da ist, weil sich die Wolkenb\u00e4nke wei\u00df und wattig lagern, weil wir leben! Kraft! Kraft der Jugend!\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wurde gepackt und wie ein Wickelkind davongetragen, den Abhang herunter bis tief in die blumige Mulde.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wieder kamen sie nach Rheinsberg, und weil es der letzte Tag war, verschwand Wolf und kam kurz vor dem Mittagessen mit einem gro\u00dfen wei\u00dfen Paket wieder. Oben angelangt, legte er es auf den Tisch. Die Claire zupfte vor dem Spiegel an ihrem Haar. Wandte sich um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas is\u2019n diss?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbN\u00fcchs, wie du dich auszudr\u00fccken beliebst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa, haber\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUm allen so gearteten Debatten aus dem Wege zu gehen, mein liebes Weib, erkl\u00e4re ich hiermit, da\u00df in dem Paket mit erhobener Stimme zwar etwas darin ist, aber du dasselbe mit Bedeutung nicht vor dem Abend \u00f6ffnen darfst. Um zehn geht der Zug, um dreiviertel zehn darfst du, Punkt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHm.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSagssu mir, was da dr\u00fcn is? Seh mal\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchweig. Ich habe gesprochen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAba, W\u00f6lfchen, ich fand, du konnst mir doch den Anfangsbuchstaben sagen und den hintern auch, ich meine den Endbuchstaben, ja?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch zertr\u00fcmmere dich. Nein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNur den Anfang, tje? \u2013 Bitte, bitte!\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchlu\u00df. Wir essen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab \u00bbsch\u00f6ne Sachens\u00ab \u2013 \u00bbSuppens gibs\u00ab, er\u00f6rterte Claire, die alles wu\u00dfte, \u00bbun H\u00fchnegens mit Gem\u00fcsen und Hops (Hops? \u2013 Obst, W\u00f6lfchen, Obst) un denn g\u00fcbs\u2026 Willstu das gern wissen, W\u00f6lfchen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHm, ich sag dir\u2019s auch. Aber du mu\u00dft mir sagen, was in dem Paket\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch will\u2019s nicht wissen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBuh!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie \u00bbmuckschte\u00ab wie ein kleines Kind und lie\u00df eine habsburgische Unterlippe h\u00e4ngen, bis das Essen kam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen, e\u00df man Suppens mitm Messer?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWa\u2013?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa, ich hab mal einen gesehen, der hat mitm Messer geessen.\u00ab \u00bbSuppe?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNeieinn\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber da kam eine alte Dame an ihrem Tisch vor\u00fcbergeschlurcht, schielte krumm und murmelte etwas von \u00bbunerh\u00f6rt\u00ab und \u00bbPerson\u00ab und so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen, die meint mir. Konnste ihr nich gefordert gehabt habs? \u2013 S\u00f6h mal, ich bin doch \u2019ne Feine, nich wahr? oder glaubssu, ich bin eine Prostitierte? Nei\u2013n. Ich ja nich. Ich nich. H\u00e4?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLa\u00df das Alter gew\u00e4hren, mein Kind. Vielleicht hat sie nicht so h\u00fcbsche Jugenderinnerungen\u2026 Wie schrieb der gro\u00dfe Friedrich an den Rand seiner Akten? \u2013 \u203aMein lieber Geheimrat\u2039, schrieb er, \u203awir sind alt und k\u00f6nnen nicht mehr, wir wollen uns \u00fcber die freuen, die noch k\u00f6nnen\u2039.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann a\u00dfen sie, und als es zu Ende war:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen, die Sonne scheint gerade so sch\u00f6n, wir wollen photographieren\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie holte den Apparat, den sie umst\u00e4ndlich herrichtete. Eine Zeitaufnahme war beabsichtigt, unter dem Bl\u00e4tterdach der alten B\u00e4ume, die gesprenkeltes Licht zum Boden durchlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbStell dir man hin, W\u00f6lfchen. Nun pa\u00df auf: wir machens einen langen Aufnahmen. Du mu\u00dft nu \u00fcmmessu ruhig stehen, wei\u00dftu, ganz stille, ich geh solange fort, auf da\u00df es dir nicht l\u00e4chere\u2026\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stand regungslos, nur gegen die Sonnenstreifen anblinzelnd, f\u00fchlte sein Herz klopfen, der Atem ging taktm\u00e4\u00dfig ein und aus. Wie lange es dauerte? Die Claire wandelte unter den Linden, weiter hinten. Es sah aus, als h\u00e4tte sie vergessen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne die Lippen weit zu \u00f6ffnen: \u00bbClaire!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer noch erging sie sich unter den schattigen B\u00e4umen, aber sie antwortete: \u00bbJa?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNoch lange?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder Schweigen. Wieder summten die Insekten. Teller klapperten im Haus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2026lange?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHm?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und von ganz fern: \u00bbDu kannst kommen! \u2013 Ich habe gar nicht eingestellt!\u00ab Und helles Lachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo ein\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber sch\u00f6n still hast du gehalts!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoho! Wie aus einem Schallbecken platzte Lachen aus ihrem Mund, heftig, l\u00e4rmend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber er fing sie.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Essen mu\u00dfte die Claire schlafen gelegt werden. Sie waren im Sonnenglast hingestreckt, auf einer Wiese, \u00fcber der die Luft in der Mittagsw\u00e4rme zittrig schwebte. Schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSagssus mirs?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas denn?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas in den Paket\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchlaf!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schnarchte, da\u00df die Grillen vor Schreck verstummten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbPst!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu sagst ja, ich soll. Nie nich is es richtig. Buh!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder Schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie im Selbstgespr\u00e4ch: \u00bbIch fand, wenn du\u2019s mir sagtest, gefiel\u2019s mir hier besser. Wie? Ich bin neugierig, alle Frauen sind\u2026? Ich will dir mal was sagen, ich will\u2019s gar nicht wissen, \u00fcberhaupt ist es mir egal, es l\u00e4\u00dft mich kalt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas kannst du brauchen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch meinte nur.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6lfchen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIs\u2019n zu essens drin oder\u2026?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber er antwortete nun nicht mehr. Sie schliefen. Und als sie aufwachten \u2013 sie hatte ihn wachgekitzelt \u2013\u201a stand die Claire auf, strich sich den Rock glatt, und ihre ersten Worte waren: \u00bbNeugierig b\u00fcn ich ga\u2013nich. Aber wissen m\u00f6cht ich <i>blo\u00df<\/i>, was da in is\u00ab, und dachte heftig nach, ohne es herauszubekommen. (Sie hat es nie erfahren, das Paket wurde im Hotel vergessen.)<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachmittags lagen sie im Boot. Der Himmel war klar, noch einmal gab der Sommer seine W\u00e4rme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist der letzte der drei Tage! Aber ich bin so froh wie am ersten. Jung sein, voller Kraft sein, eine Reihe leuchtender Tage \u2013 das kommt nie wieder! Heiter Gl\u00fcck verbreiten! \u2013 Wir wollen uns Erinnerungen machen, die Funken spr\u00fchen! Wir haben alles voraus \u2013 heute! M\u00f6gen die in den Gr\u00e4bern die F\u00e4uste sch\u00fctteln, m\u00f6gen die Ungeborenen l\u00e4cheln \u2013 wir<i>sind<\/i>! Alle sollen freudig sein! K\u00e4mpfen \u2013 aber mit Freuden! \u2013 Dreinhauen \u2013 aber mit Lachen! M\u00e4dchen, was zieht ihr mit Ketten schwer beladen einher? \u2013 Sch\u00fcttelt sie ab. Sie sind leicht! \u2013 Sie sind hohl! \u2013 Tanzt, tanzt!\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Ufer her rief sie jemand an, ein M\u00e4dchen mit einer Schneckenfrisur und ernsten, schwarzen Augen. Sie trug sich irgendwie in Blau und Grau. Sie ruderten heran. Wo es hier nach dem Forsthaus ginge? Ob es noch weit sei? \u2013 Sie beabsichtigten dorthin zu fahren, wenn sie wolle\u2026? Sie dankte, nahm an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ergab sich, da\u00df sie gleichfalls die Heilwissenschaft studiere und sich auch sonst geistig flei\u00dfig rege. Sie lud arme Kinder zu sich zu Tisch, um an abgemessenen Gewichtsportionen die Wirkungen gewisser Hydrate festzustellen, auch in andern Beziehungen nahm sie sich dieser Opfer der kapitalistischen Wirtschaftsordnung an und f\u00f6rderte sie durch gute Ratschl\u00e4ge. Das brachte sie ruhig und selbstverst\u00e4ndlich vor, bescheiden, aber fest. Das Gespr\u00e4ch glitt weiter. Nein \u2013 heiraten wollte sie vorl\u00e4ufig nicht; sie habe noch keinen gefunden, der Mann gewesen w\u00e4re, ohne ein Sexualtier zu sein. Sie hatte einen schlechten Teint, und es sah aus, als bade sie selten. \u2013 Ob sie denn nie verliebt gewesen sei? \u2013 Oh, sie bes\u00e4\u00dfe, wie sie, ohne unbescheiden zu sein, mitteilen k\u00f6nne, Temperaments genug. So habe sie neulich auf einem Vereinsfest sogar etwas getrunken, was dem Geschmack nach schwedischer Punsch gewesen sein mochte. Aber das seien doch Nebendinge. F\u00fcr sie \u2013 hier schaukelte das Boot ein wenig \u2013 f\u00fcr sie g\u00e4be es nur die Pflicht. Die Pflicht, ihrem Berufe als Wissenschaftlerin und soziales Glied voll und ganz Gen\u00fcge zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies, was sie anginge. Und die Herrschaften? Mit wem habe sie das Vergn\u00fcgen? Sie sei stud. med. Aachner, Lissy Aachner. Und die Freundlichen, die sie hier mitn\u00e4hmen? \u2013 Claire ergriff das Wort (Wolfgang graute): \u2013 Nun, sie h\u00e4tten hier ein kleines Besitztum in der N\u00e4he, nicht sehr bedeutend, 300 Morgen etwa, ja, und das sei ihr Bruder, sie seien noch nie in einer gro\u00dfen Stadt gewesen, die Eltern erlaubten es nicht, nein \u2013 wie es denn so in Berlin auss\u00e4he? \u2013 Sie h\u00e4tten so bunte Vorstellungen davon, aber, nicht wahr? \u2013 aus den B\u00fcchern k\u00f6nne man das nicht so\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Studentin Aachner best\u00e4tigte dies. Nein, aus den B\u00fcchern k\u00f6nne man dies nicht so. \u2013 Man m\u00fcsse wirklich einmal\u2026 Sie k\u00f6nne das den Herrschaften nur empfehlen! \u2013 Diese verschiedenartigen Kreise, diese Anregungen, man m\u00fcsse ordentlich auf dem Posten sein, um all den Anforderungen Gen\u00fcge zu tun! Nun, \u2013 sie, Lilly Aachner, sei auf dem Posten, das k\u00f6nne sie wohl sagen. Und es erwies sich, da\u00df dieses begabte M\u00e4dchen \u00fcber alles, so die Liebe und das Leben, ihre klaren festen Begriffe hatte, an denen nicht zu r\u00fctteln war. Sie sei Monistin. Was das sei? Gesellschaftliche Artigkeit trug \u00fcber ein leichtes L\u00e4cheln den Sieg davon. Sie sei erf\u00fcllt von dem Glauben, da\u00df alles sich auf nat\u00fcrlicher Grundlage nach Ma\u00dfgabe der betreffenden Umst\u00e4nde aufbaue. Auf die Umst\u00e4nde lege sie besonderes Gewicht, auf die k\u00e4me es an\u2026 Aus ihnen lie\u00dfe sich <i>alles<\/i> herleiten. Sie, Lissy Aachner, w\u00e4re nimmermehr das geworden, was sie sei, wenn nicht die Umst\u00e4nde und das, was man wohl Milieu nenne, sie zu einem Produkt der neuen Zeit gemacht h\u00e4tten. Und diese Umst\u00e4nde zu erkennen, das sei es, fuhr stud. med. Aachner fort, worauf es ank\u00e4me\u2026 <i>Erkenntnis<\/i>, das sei das Wort! \u2013 Wohin sollte es f\u00fchren, wenn wir auf der Stufe alter Barbarenv\u00f6lker st\u00e4nden und den Regen z.\u00a0B. noch als etwas G\u00f6ttliches empf\u00e4nden? Der Regen sei einfach ein Niederschlag atmosph\u00e4rischen Wassers in Form von Tropfen oder Wasserstrahlen. Dagegen war nichts zu sagen. Der Regen war in der Tat ein Niederschlag atmosph\u00e4rischen Wassers in Form von Tropfen oder Wasserstrahlen. Und habe es nicht mit den geistigen Dingen eine ebensolche Bewandtnis? \u2013 Sei nicht auch hier Erkenntnis das Element alles Lebens? \u2013 Wie wolle man sich denn vor Liebesschmerz h\u00fcten, ohne die Elemente dieses Affekts, die Liebe und den Schmerz, analysieren zu k\u00f6nnen? \u2013 Sie g\u00e4be ja Ausnahmen zu, bemerkte die Sprecherin, aber wenn wir auch heute noch nicht so weit w\u00e4ren, alles zu erkennen, so l\u00e4ge dies eben an einer Mangelhaftigkeit unserer Apparate bzw. Organe. Es w\u00fcrde schon noch werden. Seien nicht auch die Religion, die Kunst Dinge, die restlos in ihre Bestandteile aufzul\u00f6sen nur einem Orthodoxen als k\u00fchn erscheinen k\u00f6nne? \u2013 Ja, das gesamte Leben als solches\u2026 Aber hier lief der Kahn auf den Sand, da\u00df es knirschte. Man war angelangt. Die stud. med. Aachner bedankte sich und schritt durch das Gr\u00fcn auf das Forsthaus zu, m\u00e4nnlichen Schrittes, geradeaus, und irgendwie in Blau und Grau gekleidet\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden trieben ab, das Boot schwankte, bewegt durch das Schaukeln der Lachenden. Und wieder trug sie die Str\u00f6mung dahin, der f\u00e4chelnde Wind kr\u00e4uselte das Wasser, brachte frischere L\u00fcfte\u2026 Einmal legte die Claire die Hand auf den Bootrand: diese ein wenig knochige und m\u00e4nnliche Hand, auf deren R\u00fccken bla\u00dfblaue Adern sich strafften; sah man aber die holzgeschnitzten, langen Finger, so ahnte man, es war eine erfahrene Hand. Diese Fingerspitzen wu\u00dften um die Wirkung ihrer Z\u00e4rtlichkeiten, kr\u00e4ftig und sicher spielten die Gelenke\u2026 Die Hand hing im Wasser und zog einen quirlenden Streif. Dunkelgr\u00fcn und klar lagen die Ufer weit zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leuchtender, leuchtender Tag! \u2013 Da-sein, voraussetzungsloses Da-sein und immerfort wissen, da\u00df eine ist, die gleich f\u00fchlt, gleich denkt\u2026 (Denkt, f\u00fchlt sie wirklich? Aber ist das nicht einerlei, wenn wir nur glauben?) Nun, wir <i>glauben<\/i>eben einmal, da\u00df wir uns nur deshalb nicht begegnen, weil wir nebeneinander demselben Ziele zulaufen, gleich strebend, parallel\u2013\u2026 Dies zu wissen \u2013 das ist Gl\u00fcck. Ein Seitenblick gen\u00fcgt: all deine Empfindungen sind hier noch einmal, aber umkleidet mit dem Reiz des Fremden. Wozu noch sprechen? \u2013 Wir wissen ohnehin. Wozu versichern, betonen? \u2013 Wir wissen, wir wissen. Und das Erlebnis und ich und sie \u2013 das gibt einen Klang, einen guten Dreiklang.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nun waren nur noch zwei Stunden bis zur Abfahrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWolfgang?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbClaire?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGehen wir noch ein bi\u00dfchen spazieren? Komm, in die b\u00f6hmischen W\u00e4lder!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie gingen durch den d\u00e4mmerigen Park, in dem die Baumgruppen erdunkelten, sich schw\u00e4rzlich auseinanderschoben\u2026 Der Himmel war am Nachmittag schimmernd klar gewesen \u2013 noch spannte er sich wie ein ungeheurer Bogen von Osten nach Westen, aber nun hatte er eine dunkle F\u00e4rbung angenommen, er war fast schwarz, und wei\u00dfe Wolkenflecken zogen rasch unter ihm dahin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewi\u00df blies hier der Wind immer so in die Baumwipfel, da\u00df sie auf rauschten, strich durch die St\u00e4mme, raschelte schleifend im Laub\u2026 <i>Sie<\/i> empfanden: Abschied. <i>Sie<\/i> mu\u00dften fort. Leises Trauern\u2026 noch einmal zogen sie die reine Luft ein. Abschied. Eine neue Etappe. Aber diese haben wir gelebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Weg f\u00fchrte auf einen H\u00fcgel, durch Wiesen und an schw\u00e4rzlichen Str\u00e4uchern vorbei. Sie sprachen nichts. In der H\u00f6he gl\u00e4nzten helle Fenster einer Villa. T\u00f6ne?\u2026 Da oben gab es Musik. Sie schritten aufw\u00e4rts. Blieben im Dunkel stehen. Das gelbe Licht traf sie nicht: es bestrahlte einige Zweige der Linden, die am Haus gepflanzt waren. War es ein Ball?\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Walzer kam. \u2013 Die Geigen \u2013 es mu\u00dfte eine starkbesetzte Kapelle sein \u2013 zogen s\u00fc\u00df dahin, sie sangen das Thema, ein einfaches, liebliches, in langen Bogenstrichen. Verstummten. Aber nun nahmen es alle Instrumente auf, forte, und es war, wie wenn zarte Heimlichkeiten ans Licht gezogen w\u00fcrden. Mit Wehmut dachte man an die Pianopassagen. Aber auch so machte es einen schweben, und der Rhythmus, dieser wiegende, schleifende Rhythmus zuckte und warb. Sie standen unruhig, hatten sich bei den H\u00e4nden gefa\u00dft, reckten sich\u2026 Und da brach die Lustigkeit prasselnd durch: in tausend kleinen Achteln, die klirrten, wie wenn glitzernde Glasst\u00fcckchen auf Metall fielen, brach sie durch, die Geigen jubelten und kicherten, die B\u00e4sse rummelten fett und am\u00fcsiert in der Tiefe, und auch der Zinkenist machte kein Hehl daraus, da\u00df ihn das Ganze aufs h\u00f6chste erfreute. Der Teil wiederholte sich, wieder kletterten die Geigen in die schwindelnde H\u00f6he, guckten von ihrem hohen Sopran in die Welt, und schlie\u00dflich l\u00f6sten sich die T\u00f6ne auf zierliche, spielerische Weise in nichts auf. Dr\u00f6hnten nicht drei Paukenschl\u00e4ge? \u2013 Ein Dominantakkord erklang: ein Lauf, von der Fl\u00f6te gepfiffen, machte neugierig, gespannt\u2026 Und wieder ein Lauf, die Geigen folgten, die Melodie blieb auf einem neuen Dominantakkord stehen\u2026 Pause\u2026 Und das alte, s\u00fc\u00dfe Thema kehrte in den Geigen wieder, hier war Erinnerung, heimliche Freuden und alles verliebte Fl\u00fcstern der Welt! \u2013 Und da packte es die zwei, und sie drehten sich langsam, schwebend, und sie tanzten auf dem struppigen Rasen, schweigend, ruhig anfangs, dann schneller und schneller\u2026 Noch einmal bliesen Fanfaren k\u00f6niglich und stolz, kaum wiederzuerkennen, das Thema, dann wirbelten die beiden tanzend den Abhang herunter.<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und kehrten zur\u00fcck und packten ein, fuhren in dem rumpligen Hotelwagen zur Bahn, bestiegen in L\u00f6wenberg den D-Zug und fuhren durch die Nacht, brausend, aufgew\u00fchlt, nach Berlin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In die gro\u00dfe Stadt, in der es wieder M\u00fchen f\u00fcr sie gab, graue Tage und sehns\u00fcchtige Telephongespr\u00e4che, verschwiegene Nachmittage, Arbeit und das ganze Gl\u00fcck ihrer gro\u00dfen Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_15606\" style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15606\" class=\"size-medium wp-image-15606\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15606\" class=\"wp-caption-text\">Tucholsky in Paris (1928)<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der<span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a><span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Novelle. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Seinen eigentlichen Anfang nahm das Abenteuer erst, als sie in L\u00f6wenberg ausstiegen. Der D-Zug ruhte lang und dunkel in der Halle unter dem Holzdach \u2013 sie durchschritten einen Tunnel, oben, in hellem Sonnenlicht, stand die Kleinbahn, wie aus Holz&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/09\/rheinsberg\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1099],"class_list":["post-79320","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79320","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79320"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79320\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97978,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79320\/revisions\/97978"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79320"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79320"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79320"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}