{"id":79314,"date":"2022-11-14T00:01:10","date_gmt":"2022-11-13T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79314"},"modified":"2022-02-24T18:06:55","modified_gmt":"2022-02-24T17:06:55","slug":"beichte-des-teufels-bei-einem-grossen-staatsbedienten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/14\/beichte-des-teufels-bei-einem-grossen-staatsbedienten\/","title":{"rendered":"Beichte des Teufels bei einem gro\u00dfen Staatsbedienten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte vor mehreren Jahren das Gl\u00fcck, einen Staatsmann von Belesenheit, von noch mehr Witz, noch st\u00e4rkerer Phantasie und st\u00e4rkster Hypochondrie zu kennen und aus seinem Munde die eingebildete Beichte zu erfahren. Seitdem mu\u00dfte der kr\u00e4nkelnde Beichtvater mit Tod abgehen \u2013 wohin, wei\u00df man nicht, falls nicht der Beichtsohn ihn aus Achtung zu sich abgeholt. Der brave Beichtiger wird im folgenden Beichtzettel nur unter dem Namen \u00bbunbescholtener Staatsbediente\u00ab aufgef\u00fchrt, da wohl jeder, der ihn pers\u00f6nlich kennt, den Namen erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Kardinal Richelieu hatte, wie bekannt, seine Stunden, wo er sich f\u00fcr ein Pferd ansah und wie eines trabte und ansprang und so weiter; kam er wieder zu sich, so wu\u00dfte er freilich am ersten, wen er daf\u00fcr zu halten habe, welches Land f\u00fcr sein Trauer-, Pack- und Lehn-Pferd, und welches f\u00fcr sein Freuden- und Paradepferd. In der medizinischen und politischen Geschichte erscheinen dergleichen sieche Staatsm\u00e4nner voll fixer Ideen h\u00e4ufig. Darunter geh\u00f6rte nun der gedachte Beichtvater des Teufels, der unbescholtne Staatsmann, ebenfalls; langes Sitzen am Sessions und Schreibtisch und an deren Nachtischen, dem E\u00df-, Trink- und Spieltisch, und am Ende gar der Abschied und die Ungnade hatten dem Manne vermittelst des K\u00f6rpers mehr Verstand genommen, als wenige besitzen, und ihn zuletzt ganz toll \u00fcber andere gemacht, und dann toll in und f\u00fcr sich selber.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Schon eh&#8216; der Verfasser dieses \u2013 der, nach neuerer Wort-Spiel-Sucht zu reden, die Beichte einer Beichte beichtet \u2013 das N\u00e4here durch den Staatsmann selber erfuhr, kam es fr\u00fcheren Bekannten desselben bedenklich vor, da\u00df er das Talent des mail\u00e4ndischen Arztes<i> Cardan<\/i> besessen, im Finstern jede Gestalt nicht so wohl erblicken zu lassen \u2013 was sich mit einem gesunden Staatsmann weit eher vertr\u00fcge \u2013 als die selber zu erblicken, die er eben sehen und erdichten wollte. Wie oft sah er im Schwarzen der Nacht Schwarze der Goldk\u00fcste und beklagte seinen \u2013 Magen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Darauf geriet der \u2013 au\u00dfen plagende, innen geplagte \u2013 Mann nach langem Lesen von Legenden um die Goldst\u00fccke oder M\u00fcnz-K\u00f6pfe endlich aufs Lesen der Legenden um die Nimbus- und Glorien-K\u00f6pfe.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wer nun von uns die Legende des Jakobs de Voragine, wie er, in H\u00e4nden gehabt, erinnert sich leicht daraus, da\u00df die heilige Margaretha den Teufel, der zu ihr (gewi\u00df in keiner frommen Absicht) gekommen war, so lange abpr\u00fcgelte, bis sie ihn dahin brachte, vor ihr seine Ohrenbeichte abzulegen. Sehr weiche Seelen kann vielleicht der Beichtsohn, der Teufel, dauern, der fr\u00fcher zur P\u00f6nitenz als zur Beichte kam, wie man einen Angeklagten stets fr\u00fcher auf die Folter als zum Bekenntnis bringt; aber der Pein-Rechts-Lehrer wei\u00df, da\u00df man sogar geringe Verbrecher oft, wie durch elektrische Peitschen, um Wahrheits-Funken halbtot schlagen mu\u00df, bis man nur so viel <i>Licht<\/i> in der Sache bekommt, da\u00df man sie halb lebendig lassen kann.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wir kommen auf den unbescholtnen Staatsmann zur\u00fcck. Einst am Vigilien-Abende seines Geburtsfestes f\u00fchlte er sich ungew\u00f6hnlich krank und fromm \u2013 das Wiegenfest brachte ihn aufs Sargfest \u2013 der Schlu\u00df, man sterbe am letzten Tag seines eignen Jahres leicht, weil man am ersten desselben geboren worden, leuchtete ihm ein \u2013 seinen Tod und den Teufel dacht&#8216; er sich immer gern beisammen \u2013 seine Gabe, im Finstern Beliebiges zu ersehen, wurde reger durch die Scheu davor \u2013 \u2013 nach so vielen Angst-Gedanken fiel er endlich gar auf die Knie, um wom\u00f6glich ins Beten zu geraten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da erschien ihm der Teufel \u2013 anst\u00e4ndig gekleidet, n\u00e4mlich (wie es der unbescholtene Staatsbediente auch war) ganz schwarz, als geh&#8216; er in Gesellschaft oder an den Hof oder zur Beichte \u2013 ein schwacher Ordensstern in Form des Morgensterns oder Luzifers verzierte den dunkeln Brust-Grund ganz artig \u2013 Horn, Huf und Schwanz fehlten nat\u00fcrlich als zu schwerf\u00e4llige Kr\u00f6nungs-Insignien, die jeder F\u00fcrst \u00fcberall am Traualtar und Beichtstuhl wegl\u00e4\u00dft \u2013 kurz der Teufel konnte sich im ganzen sehen lassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der gro\u00dfe Staats- und Hofbediente, der ihn leicht erkannte, aber zum Schein, als ob er ihn f\u00fcr etwas Besseres hielte, auf den Knien verblieb, fragte verbindlich, wen er so sp\u00e4t um 12 Uhr das Gl\u00fcck habe, vor sich zu sehen. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Teufel verbeugte sich und hob \u2013 weil er einen so ernsten, schwarzen, tonsurierten und knienden Mann am leichtesten f\u00fcr einen Beichtvater halten konnte \u2013 an, wie folgt:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEhrw\u00fcrdiger lieber Herr, ich bekenne gern vor euch, da\u00df ich zwar ein Teufel, aber kein sonderlicher Heiliger bin, sondern nur der beigeordnete Genius eines Staatsm\u00e4nnchens, das ich so und so geleitet habe. \u00dcbrigens bin ich so gut wie die beste Welt und lasse mich finden. Freilich hat meine Gro\u00dfmutter von ihrem siebenten bis in ihr 18tes Jahrhundert (nach<i> Voigts<\/i> Berechnung) neun Millionen Hexen ins Scheiterhaufenfeuer gelockt und sie zu Pulver gebraten f\u00fcr ihre Z\u00e4hne; wiewohl sie sich dar\u00fcber leicht mit ihrer Vorliebe f\u00fcr das weibliche Geschlecht entschuldigt, das, wie sie sagt, von niemand so sehr gehasset werde als von Weibern, sogar von alten. Indes war die Gute fr\u00fcher bei Jahren als Eva und ich. Ihr Mann, mein guter Gro\u00dfvater, z\u00fcndete eintausendachthundertundsieben Kriegsfeuer an, um sich warm zu halten durchs Kalt-Machen der andern. Sein Enkel, ich, hat durch das gro\u00dfe Staatsm\u00e4nnchen, dessen chevalier d&#8217;honneur et d&#8217;atour ich bin, blo\u00df drei Sukzessions-Kriege und anderthalbe Antezessions-Kriege angez\u00fcndet und gewi\u00df mehr nicht; denn seine Z\u00fcnd-Rute, der F\u00fcrst, war gar zu kurz; \u2013 und so geh&#8216; ich denn zur Beichte meiner S\u00fcnden, die ich weniger begangen als eingegeben, nicht ohne jenes Bewu\u00dftsein von Unschuld \u00fcber, das ein armer Teufel wohl mehr braucht als irgendein anderer.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich bekenne, ehrw\u00fcrdiger, an Gottes Statt hieher gesetzter Herr, da\u00df ich nach der leider wankelm\u00fctigen und vielleicht nicht ganz unverdorbnen Natur der Teufel mein Staatsm\u00e4nnchen zu leidlichen Verf\u00fchrungen seines F\u00fcrsten verf\u00fchret habe. Es war aber nicht eine Versuchung in der W\u00fcste, sondern eine in der Gesellschaft. In der Tat bekam das gro\u00dfe Staatsm\u00e4nnchen bald \u2013 so wie Muhammed die fallende Sucht \u2013 eine steigende und benutzte sie, wie der Prophet seine, ertr\u00e4glich; er stieg wie gute Falken, um zu sto\u00dfen. Wenn der Teufel (nach Luther) Gottes Affe ist, so konnte das Staatsm\u00e4nnchen bei seinem F\u00fcrsten als dem g\u00f6ttlichen Ebenbilde schon nichts weiter werden als das Affen-\u00c4ffchen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich und das M\u00e4nnchen fanden bald Gr\u00fcnde, warum, wenn nach dem r\u00f6mischen Rechte sogar f\u00fcr den nat\u00fcrlichen Vater die Kinder nur Sachen, aber keine Personen sind, sich dies noch mehr f\u00fcr den Landesvater und dessen Landeskinder reflektiere; dies brachte auf mehr Schl\u00fcsse. Da nach den Rechten ohnehin kein Vertrag pr\u00e4sumiert wird, schlossen wir beide, so gilts am st\u00e4rksten vom wichtigen contrat social; viel lieber gelte ein V\u00f6lkerrecht als das Volksrecht, sagten wir drei.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich bekenne wohl, ehrw\u00fcrdiger Herr, da\u00df ich freilich durch den Staatsmann den Hof-Zucker, wie jeden Zucker, durch Kriegs-Blut abkl\u00e4rte und raffinierte. Doch wollt&#8216; ich mich entschuldigen, wollt&#8216; ich nicht gerade beichten. Gewi\u00df die meisten Opern, Kriege, Jagden und Konzerte wurden blo\u00df zum Besten der Armen gegeben, welche dabei augenscheinlich gewannen an Zahl oder Bev\u00f6lkerung \u2013 ich sorgte durch ihn f\u00fcr die kl\u00fcgere Stimmen-Minderzahl, so da\u00df die gemeine Mehrzahl nichts im Leibe hatte als den Magen \u2013 wir beiden lie\u00dfen gegen drei Dichter, die verhungerten, stets <i>einen<\/i> Kastraten ersticken an Fett, der sie ab- und nachsang und ersetzte \u2013 und wenn wir gerade den Hauptsachen ihren faulen Gang zulie\u00dfen, so geschah es gewi\u00df nur in der \u00dcberzeugung, wie schwer ein Mensch zu bessern ist, geschweige ein Land, da man jenen wie eine Saite zu spannen, dieses aber wie eine Glocke gar einzuschmelzen und umzugie\u00dfen hat, will man sie in einen andern Ton umstimmen. Ich sage, ehrw\u00fcrdiger Herr, dies k\u00f6nnt&#8216; ich sagen, wenn ich nicht beichten wollte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich bekenne gern, da\u00df ich den guten Staatsmann vielleicht mehr zur Habsucht angeleitet, als er oder ich wird entschuldigen m\u00f6gen. Nur ists schwer anders zu machen; im h\u00f6hern Stand teilen sich Verschwendung und Geiz in Vater und Sohn; jeder von beiden mu\u00df davon eine Rolle \u00fcbernehmen; so wie entweder der Flachs dem Leindotter oder dieser jenem aufgeopfert werden mu\u00df. Wenn sonst in alten Zeiten der Teufel selber das Geld getragen brachte: so sieht er in den neuern \u2013 wo er seinen Freunden nicht anders erscheinen kann als unsichtbar in ihrem Ich in der Gestalt desselben \u2013 sich darauf eingeschr\u00e4nkt, da\u00df er es ihnen blo\u00df mit den H\u00e4nden ihres eignen Leibes geben darf. Und so, ich bekenn&#8216; es, reichte ich meinem guten Prinzipal und Staatsbedienten viel, Ritterg\u00fcter, Ehren- und Unehren-Posten und Bank-Kapitalien. Sein eigner Prinzipal, den er dabei einzuschl\u00e4fern hatte, fand sich wie ein fett eingeschlafner Dachs bei dem Erwachen aus dem Winterschlafe abgemagert wieder; aber kann ein F\u00fcrst, den so vieles beunruhigt, die Ruhe des Schlafes zu teuer bezahlen, er, der das Land, d.h. einen Elefanten, als Scho\u00df und Lieblingstier tragen mu\u00df? \u2013 Das Gewissen des Staatsmanns war leichter in Ruhestand zu versetzen; er konnte solches, wie der Stockfisch seinen Magen, heraustun und ausleeren und dann wieder zur\u00fcckschlucken und beladen; ja er bekehrte sich w\u00f6chentlich ein paar Mal und versicherte oft, falls er verdammt w\u00fcrde, so sei er so unschuldig als einer.\u00ab<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier stutzte der Beichtvater des Teufels oder der unbescholtene Staatsbediente etwas und sch\u00fcttelte bewegt den Kopf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist aber Faktum\u00ab, fuhr der Beichtsohn fort. \u00bbNoch bekenn&#8216; ich, ehrw\u00fcrdigster Pater, da\u00df ich, sollte der Titel: Vater der L\u00fcgen der meinige bleiben, den Staatsmann zu meinem Sohne und Mantelkind und Erben an Sohnes Statt angenommen. Der <i>blaue Dunst<\/i>, den wir machten, ging als das gr\u00f6\u00dfte Blaufarbenwerk im Lande. Indes blieb er stets ein Freund jeder andern Wahrhaftigkeit und ha\u00dfte herzlich jede L\u00fcge, die man ihm sagte; denn eben aus Liebe zu Wahrheiten behielt er die seinigen bei sich, wie der Kamtschadale den Tabakrauch aus Liebe zur\u00fcckschluckt, und darum sollten andere die ihrigen vor ihm, wie Deutsche den Rauch, zum Genusse ausblasen und dadurch mitteilen. Dennoch hatte ein solcher Mann von Wort, von nichts als Wort und Worten bei vielen f\u00fcr zweideutig gegolten; ordentlich als wenn ein Mann keine Farbe hielte, der ja eben den ganzen Cour-Abend darauf sinnt, mehr als eine und jede zu haben und zu halten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Noch eine und zwar die letzte S\u00fcnde, ehrw\u00fcrdigster alter Pater, m\u00f6cht&#8216; ich fast mit einer Spa\u00dfhaftigkeit beichten, die wohl zu gro\u00df f\u00fcr den Beicht-Stuhl, aber nicht f\u00fcr meine vorige Harlekins-Rolle im altdeutschen Lustspiel w\u00e4re; es betrifft sogenanntes Geschlecht. Was vom vorigen Erobern der Besitzungen gilt, dies gilt wohl noch st\u00e4rker vom Erobern der Besitzerinnen; kein Teufel erscheint einem Manne oder Weibe mehr k\u00f6rperlich als Suc- oder Incube, sondern er f\u00e4hrt in dessen Ich und verdoppelt dasselbe daselbst. Wie es nun jetzt immer zweiunddrei\u00dfig nat\u00fcrliche Kinder (zum Gl\u00fccke) gegen <i>einen<\/i> unnat\u00fcrlichen Vater gibt so hatte auch mein Staatsbedienter deren blo\u00df in der Residenz 67, vielleicht nach der Zahl seiner Jahre. Die Landst\u00e4dte und D\u00f6rfer waren f\u00fcr ihn Filiale oder T\u00f6chter \u2013 kirchen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u2013 Hier (versicherte mich der hypochondrische Staatsbediente) hab&#8216; er nicht mehr knien k\u00f6nnen im Beichtstuhl, sondern den Kopf erhoben, aber der Teufel habe sogleich seinen tiefer gesenkt und dann mit etwas L\u00e4cheln fortgefahren:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie gesagt, Ehrw\u00fcrdigster, das Staatsm\u00e4nnchen versah als flinker Altarist am Altare der sch\u00f6nsten Meerg\u00f6ttin, der nachherigen Hausfrau des Feuergottes, der nachhinkte, wenn sie vorschwamm, seinen Dienst ganz gut.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sollt&#8216; ich wieder Schuld haben wie bei der L\u00fcge: so f\u00fchr&#8216; ich wieder an, da\u00df er gleichwohl kein lauer, sondern ein so aufrichtiger Freund und Liebhaber jeder weiblichen Unschuld war, als nur der Gott der Nach-Paradiese der ersten Unschuld, n\u00e4mlich der der G\u00e4rten, sein kann; denn jeder wahren Heiligen, beteuer&#8216; ich, setzte der Treffliche nach, bis in die Nonnenkl\u00f6ster hinein, ja eine heilige ewige Jungfrau h\u00e4tte er ungeachtet seiner Staatslast t\u00e4glich wie ein Nikodemus sp\u00e4t besucht und nur wie dieser den Heiligen-Schein vor den Pharis\u00e4ern vermieden. Da\u00df ich guter Teufel dies zulie\u00df, ja unterst\u00fctzte, legt, hoff&#8216; ich, Ehrw\u00fcrdigster, wohl am besten meine Absicht dar und verringert vielleicht die P\u00f6nitenz, Pater! Blo\u00dfe Reliquien einer Heiligen, die bekanntlich schon uns Teufel von jeher verjagten, solche blo\u00dfe tote Knochen und \u00dcberbleibsel einer dahingeschiedenen Jungfrau zogen ihn niemals an, sondern machten ihn kalt; nur die Reinsten<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Jean+Paul-W,+1.+Abt.+Bd.+6\" name=\"74\">[74]<\/a> sollten sich vor ihm sehen lassen, und der Redliche sagte oft, sie seien gar nicht zu bezahlen, und klagte halb dar\u00fcber. So sehr wu\u00dfte er das jungfr\u00e4uliche Herz zu sch\u00e4tzen, das (so sagt&#8216; er in einer passenden Bildnerei) wie ein neugebautes Schiff zum ersten Male in wahre Flammen aufschl\u00e4gt, wenn es auf Walzen ins Weltmeer einrollt, indes es sp\u00e4ter im kalten Salz- und Seewasser nur in phosphoreszierenden Flammen zieht, die es weder macht noch teilt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Was des Staatsmannes \u00fcbernat\u00fcrliche Kinder anlangt, um die paar ehelichen so zu nennen: so sorgte er eher zu viel und zu landesv\u00e4terlich f\u00fcr sie und gab f\u00fcr sie das Land durch verschiedene Auflagen als eine in usum Delphini und Delphinorum heraus; was ich aber fremder Sch\u00e4tzung \u00fcberlasse.\u00ab \u2013 Hier legte der Beichtvater oder Staatsbediente die Hand an den eignen Kopf anstatt auf den schuldvollen, der zu absolvieren war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDies sind inzwischen meine S\u00fcnden,\u00ab fuhr der Teufel fort, \u00bbsowohl die gro\u00dfen als die gr\u00f6\u00dften. Aber ferne sei es von uns beiden, ehrw\u00fcrdigster Vater, da\u00df ich Sie, die Sie weder Tod noch Mords\u00fcnden kennen, mit Ihrem sehr sichtbaren Schmerz \u00fcber meine Beichte best\u00e4che zu irgendeiner vers\u00fc\u00dften P\u00f6nitenz. \u2013 Nein! sondern ich will, um nur recht zu b\u00fc\u00dfen, gerade von hier aus in einen fr\u00f6mmsten Leib und Geist \u2013 in Ihren fahren, Herr Pater!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Weg war der Teufel; und die Ungewi\u00dfheit seines Aufenthaltes setzte den unbescholtenen Staatsbedienten ordentlich in wahre Verlegenheit. \u00bbEs ist in jedem Falle sehr verdr\u00fc\u00dflich, Bester,\u00ab \u2013 fuhr er fort gegen mich in jener hypochondrischen Zweideutigkeit, die vor andern sich gern in Mutma\u00dfung verkleiden will \u00bbwenn man nach einer so h\u00f6chst dummen Vision sich in noch d\u00fcmmern Stunden einbildet, man habe wirklich den Teufel im Leib, Vortrefflichster! Man wird irre an sich selber, wenn man den Exorzismus der Taufe sich sonach wie das Edikt von Nantes widerrufen denkt.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier ergriff ich die Gelegenheit, dem unbescholtenen Staatsmann meine Achtung zu bezeigen durch meine leichte Erkl\u00e4rung seiner Erscheinung. Ich ersuchte ihn, sich blo\u00df \u00e4hnliche T\u00e4uschungen aus Moritzens und fast aller Seelenlehrer Magazinen zur\u00fcckzurufen, worin die unleugbarsten Beispiele reden, da\u00df viele kranke Menschen sich doppelt gesehen; in diesem Falle hab&#8216; er, fuhr ich fort, den Trost, da\u00df er blo\u00df sich selber f\u00fcr den Teufel genommen, und da\u00df Beicht-Vater und Beicht-Sohn oder die Dreiheit von Staatsm\u00e4nnchen, Staatsbedienten und von dem aus beiden ausgehenden b\u00f6sen Geist nur ein Wesen gewesen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Greis sann etwas stark dar\u00fcber nach; als ich aber ihn n\u00e4her befragte, ob ihm das vermeinte Beichtkind etwas anderes bekannt, als was er schon gewu\u00dft, und ob er nicht selber \u00fcber frappante Beziehungen stutzig geworden \u2013 und da ich ihm vorstellte, da\u00df er Kraft und Witz und Scherz \u00fcberfl\u00fcssig besitze, um den Buffos-Charakter des Teufels in altchristlichen Mysterien jedesmal zu soutenieren und zu improvisieren \u2013 und als ich endlich bemerkte, da\u00df nur die Finsternis ihn verhindert h\u00e4tte, die \u00c4hnlichkeit zwischen seiner und der teuflischen Gesichtsbildung wahrzunehmen: so fuhr der Greis, nach einem fl\u00fcchtigen \u00dcberrechnen, wie erwachend aus einem schweren Traume, freudig nach meiner Hand und sch\u00fcttelte sie mit den Worten: \u00bbWahrlich, Freund, jetzt haben <i>Sie<\/i> absolviert, und zwar <i>mich<\/i>; aber wo hatt&#8216; ich meine Augen, Sch\u00f6nster!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div id=\"attachment_14179\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14179\" class=\"size-full wp-image-14179\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"288\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14179\" class=\"wp-caption-text\">Jean Paul, Gem\u00e4lde von Heinrich Pfenninger, 1798<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der<span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a><span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Novelle. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich hatte vor mehreren Jahren das Gl\u00fcck, einen Staatsmann von Belesenheit, von noch mehr Witz, noch st\u00e4rkerer Phantasie und st\u00e4rkster Hypochondrie zu kennen und aus seinem Munde die eingebildete Beichte zu erfahren. 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