{"id":79295,"date":"2003-04-15T00:01:06","date_gmt":"2003-04-14T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79295"},"modified":"2022-07-17T15:55:49","modified_gmt":"2022-07-17T13:55:49","slug":"lucidor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/15\/lucidor\/","title":{"rendered":"Lucidor"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau von Murska bewohnte zu Ende der siebziger Jahre in einem Hotel der inneren Stadt ein kleines Appartement. Sie f\u00fchrte einen nicht sehr bekannten, aber auch nicht ganz obskuren Adelsnamen; aus ihren Angaben war zu entnehmen, da\u00df ein Familiengut im russischen Teil Polens, das von Rechts wegen ihr und ihren Kindern geh\u00f6rte, im Augenblick sequestriert oder sonst den rechtm\u00e4\u00dfigen Besitzern vorenthalten war. Ihre Lage schien geniert, aber wirklich nur f\u00fcr den Augenblick. Mit einer erwachsenen Tochter Arabella, einem halb erwachsenen Sohn Lucidor, und einer alten Kammerfrau bewohnten sie drei Schlafzimmer und einen Salon, dessen Fenster nach der K\u00e4rntnerstra\u00dfe gingen. Hier hatte sie einige Familienportr\u00e4ts, Kupfer und Miniaturen an den W\u00e4nden befestigt, auf einem Gu\u00e9ridon ein St\u00fcck alten Samts mit einem gestickten Wappen ausgebreitet und darauf ein paar silberne Kannen und K\u00f6rbchen, gute franz\u00f6sische Arbeit des achtzehnten Jahrhunderts, aufgestellt, und hier empfing sie. Sie hatte Briefe abgegeben, Besuche gemacht, und da sie eine unwahrscheinliche Menge von \u00bbAttachen\u00ab nach allen Richtungen hatte, so entstand ziemlich rasch eine Art von Salon. Es war einer jener etwas vagen Salons, die je nach der Strenge des Beurteilenden \u00bbm\u00f6glich\u00ab oder \u00bbunm\u00f6glich\u00ab gefunden werden. Immerhin, Frau von Murska war alles, nur nicht vulg\u00e4r und nicht langweilig, und die Tochter von einer noch viel ausgepr\u00e4gteren Distinktion in Wesen und Haltung und au\u00dferordentlich sch\u00f6n. Wenn man zwischen vier und sechs hinkam, war man sicher, die Mutter zu finden, und fast nie ohne Gesellschaft; die Tochter sah man nicht immer, und den dreizehn- oder vierzehnj\u00e4hrigen Lucidor kannten nur die Intimen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Frau von Murska war eine wirklich gebildete Frau, und ihre Bildung hatte nichts Banales. In der Wiener gro\u00dfen Welt, zu der sie sich vaguement rechnete, ohne mit ihr in andere als<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-Erz.\" name=\"173\"><\/a>\u00a0eine sehr peripherische Ber\u00fchrung zu kommen, h\u00e4tte sie als \u00bbBlaustrumpf\u00ab einen schweren Stand gehabt. Aber in ihrem Kopf war ein solches Durcheinander von Erlebnissen, Kombinationen, Ahnungen, Irrt\u00fcmern, Enthusiasmen, Erfahrungen, Apprehensionen, da\u00df es nicht der M\u00fche wert war, sich bei dem aufzuhalten, was sie aus B\u00fcchern hatte. Ihr Gespr\u00e4ch galoppierte von einem Gegenstand zum andern und fand die unwahrscheinlichsten \u00dcberg\u00e4nge; ihre Ruhelosigkeit konnte Mitleid erregen \u2013 wenn man sie reden h\u00f6rte, wu\u00dfte man, ohne da\u00df sie es zu erw\u00e4hnen brauchte, da\u00df sie bis zum Wahnsinn an Schlaflosigkeit litt und sich in Sorgen, Kombinationen und fehlgeschlagenen Hoffnungen verzehrte- aber es war durchaus am\u00fcsant und wirklich merkw\u00fcrdig, ihr zuzuh\u00f6ren, und ohne da\u00df sie indiskret sein wollte, war sie es gelegentlich in der f\u00fcrchterlichsten Weise. Kurz, sie war eine N\u00e4rrin, aber von der angenehmeren Sorte. Sie war eine seelengute und im Grunde eine scharmante und gar nicht gew\u00f6hnliche Frau. Aber ihr schwieriges Leben, dem sie nicht gewachsen war, hatte sie in einer Weise in Verwirrung gebracht, da\u00df sie in ihrem zweiundvierzigsten Jahre bereits eine phantastische Figur geworden war. Die meisten ihrer Urteile, ihrer Begriffe waren eigenartig und von einer gro\u00dfen seelischen Feinheit; aber sie hatten so ziemlich immer den falschesten Bezug und pa\u00dften durchaus nicht auf den Menschen oder auf das Verh\u00e4ltnis, worauf es gerade ankam. Je n\u00e4her ein Mensch ihr stand, desto weniger \u00fcbersah sie ihn; und es w\u00e4re gegen alle Ordnung gewesen, wenn sie nicht von ihren beiden Kindern das verkehrteste Bild in sich getragen und blindlings danach gehandelt h\u00e4tte. Arabella war in ihren Augen ein Engel, Lucidor ein hartes kleines Ding ohne viel Herz. Arabella war tausendmal zu gut f\u00fcr diese Welt, und Lucidor pa\u00dfte ganz vorz\u00fcglich in diese Welt hinein. In Wirklichkeit war Arabella des Ebenbild ihres verstorbenen Vaters: eines stolzen, unzufriedenen und ungeduldigen, sehr sch\u00f6nen Menschen, der leicht verachtete, aber seine Verachtung in einer ausgezeichneten Form verh\u00fcllte, von M\u00e4nnern respektiert oder beneidet und von vielen Frauen geliebt wurde und eines trockenen Gem\u00fctes war. Der kleine Lucidor dagegen hatte nichts als<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-Erz.\" name=\"174\"><\/a>\u00a0Herz. Aber ich will lieber gleich an dieser Stelle sagen, da\u00df Lucidor kein junger Herr, sondern ein M\u00e4dchen war und Lucile hie\u00df. Der Einfall, die j\u00fcngere Tochter f\u00fcr die Zeit des Wiener Aufenthaltes als \u00bbtravesti\u00ab auftreten zu lassen, war, wie alle Einf\u00e4lle der Frau von Murska, blitzartig gekommen und hatte doch zugleich die kompliziertesten Hintergr\u00fcnde und Verkettungen. Hier war vor allem der Gedanke im Spiel, einen ganz merkw\u00fcrdigen Schachzug gegen einen alten, mysteri\u00f6sen, aber gl\u00fccklicherweise wirklich vorhandenen Onkel zu f\u00fchren, der in Wien lebte und um dessentwillen \u2013 alle diese Hoffnungen und Kombinationen waren \u00e4u\u00dferst vage \u2013 sie vielleicht im Grunde gerade diese Stadt zum Aufenthalt gew\u00e4hlt hatte. Zugleich hatte aber die Verkleidung auch noch andere, ganz reale, ganz im Vordergrund liegende Vorteile. Es lebte sich leichter mit <i>einer<\/i> Tochter als mit zweien von nicht ganz gleichem Alter; denn die M\u00e4dchen waren immerhin fast vier Jahre auseinander; man kam so mit einem kleineren Aufwand durch. Dann war es eine noch bessere, noch richtigere Position f\u00fcr Arabella, die einzige Tochter zu sein als die \u00e4ltere; und der recht h\u00fcbsche kleine \u00bbBruder\u00ab, eine Art von Groom, gab dem sch\u00f6nen Wesen noch ein Relief.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein paar zuf\u00e4llige Umst\u00e4nde kamen zustatten: die Einf\u00e4lle der Frau von Murska fu\u00dften nie ganz im Unrealen, sie verkn\u00fcpften nur in sonderbarer Weise das Wirkliche, Gegebene mit dem, was ihrer Phantasie m\u00f6glich oder erreichbar schien. Man hatte Lucile vor f\u00fcnf Jahren \u2013 sie machte damals, als elfj\u00e4hriges Kind, den Typhus durch \u2013 ihre sch\u00f6nen Haare kurz schneiden m\u00fcssen. Ferner war es Luciles Vorliebe, im Herrensitz zu reiten; es war eine Gewohnheit von der Zeit her, wo sie mit den kleinrussischen Bauernbuben die Gutspferde ungesattelt in die Schwemme geritten hatte. Lucile nahm die Verkleidung hin, wie sie manches andere hingenommen h\u00e4tte. Ihr Gem\u00fct war geduldig, und auch das Absurdeste wird ganz leicht zur Gewohnheit. Zudem, da sie qualvoll sch\u00fcchtern war, entz\u00fcckte sie der Gedanke, niemals im Salon auftauchen und das heranwachsende M\u00e4dchen spielen zu m\u00fcssen. Die alte Kammerfrau war als einzige im Geheimnis; den<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-Erz.\" name=\"175\"><\/a>\u00a0fremden Menschen fiel nichts auf. Niemand findet leicht als erster etwas Auff\u00e4lliges: denn es ist den Menschen im allgemeinen nicht gegeben, zu sehen, was ist. Auch hatte Lucile wirklich knabenhaft schmale H\u00fcften und auch sonst nichts, was zu sehr das M\u00e4dchen verraten h\u00e4tte. In der Tat blieb die Sache unenth\u00fcllt, ja unverd\u00e4chtigt, und als jene Wendung kam, die aus dem kleinen Lucidor eine Braut oder sogar noch etwas Weiblicheres machte, war alle Welt sehr erstaunt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich blieb eine so sch\u00f6ne und in jedem Sinne gut aussehende junge Person wie Arabella nicht lange ohne einige mehr oder weniger erkl\u00e4rte Verehrer. Unter diesen war Wladimir weitaus der bedeutendste. Er sah vorz\u00fcglich aus, hatte ganz besonders sch\u00f6ne H\u00e4nde. Er war mehr als wohlhabend und v\u00f6llig unabh\u00e4ngig, ohne Eltern, ohne Geschwister. Sein Vater war ein b\u00fcrgerlicher \u00f6sterreichischer Offizier gewesen, seine Mutter eine Gr\u00e4fin aus einer sehr bekannten baltischen Familie. Er war unter allen, die sich mit Arabella besch\u00e4ftigten, die einzige wirkliche \u00bbPartie\u00ab. Dazu kam dann noch ein ganz besonderer Umstand, der Frau von Murska wirklich bezauberte. Gerade er war durch irgendwelche Familienbeziehungen mit dem so schwer zu behandelnden, so unzug\u00e4nglichen und so \u00e4u\u00dferst wichtigen Onkel liiert, jenem Onkel, um dessentwillen man eigentlich in Wien lebte und um dessentwillen Lucile Lucidor geworden war. Dieser Onkel, der ein ganzes Stockwerk des Buquoyschen Palais in der Wallnerstra\u00dfe bewohnte und fr\u00fcher ein sehr vielbesprochener Herr gewesen war, hatte Frau von Murska sehr schlecht aufgenommen. Obwohl sie doch wirklich die Witwe seines Neffen (genauer: seines Vaters-Bruders-Enkel) war, hatte sie ihn doch erst bei ihrem dritten Besuch zu sehen bekommen und war darauf niemals auch nur zum Fr\u00fchst\u00fcck oder zu einer Tasse Tee eingeladen worden. Dagegen hatte er, ziemlich de mauvaise gr\u00e2ce, gestattet, da\u00df man ihm Lucidor eimal schicke. Es war die Eigenart des interessanten alten Herrn, da\u00df er Frauen nicht leiden konnte, weder alte noch junge. Dagegen bestand die unsichere Hoffnung, da\u00df er sich f\u00fcr einen jungen Herrn, der immerhin sein Blutsverwandter war, wenn er auch nicht denselben Namen f\u00fchrte, irgendeinmal in ausgiebiger Weise interessieren k\u00f6nnte. Und selbst diese ganz unsichere Hoffnung war in einer h\u00f6chst prek\u00e4ren Lage unendlich viel wert. Nun war Lucidor tats\u00e4chlich einmal auf Befehl der Mutter allein hingefahren, aber nicht angenommen worden, wor\u00fcber Lucidor sehr gl\u00fccklich war, die Mutter aber aus der Fassung kam, besonders als dann auch weiterhin nichts erfolgte und der kostbare Faden abgerissen schien. Diesen wieder anzukn\u00fcpfen, war nun Wladimir durch seine doppelte Beziehung wirklich der providentielle Mann. Um die Sache richtig in Gang zu bringen, wurde in unauff\u00e4lliger Weise Lucidor manchmal zugezogen, wenn Wladimir Mutter und Tochter besuchte, und der Zufall f\u00fcgte es ausgezeichnet, da\u00df Wladimir an dem Burschen Gefallen fand und ihn schon bei der ersten Begegnung aufforderte, hie und da mit ihm auszureiten, was nach einem raschen, zwischen Arabella und der Mutter gewechselten Blick dankend angenommen wurde. Wladimirs Sympathie f\u00fcr den j\u00fcngeren Bruder einer Person, in die er recht sehr verliebt war, war nur selbstverst\u00e4ndlich; auch gibt es kaum etwas Angenehmeres, als den Blick unverhohlener Bewunderung aus den Augen eines netten vierzehnj\u00e4hrigen Burschen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Frau von Murska war mehr und mehr auf den Knien vor Wladimir. Arabella machte das ungeduldig wie die meisten Haltungen ihrer Mutter, und fast unwillk\u00fcrlich, obwohl sie Wladimir gern sah, fing sie an, mit einem seiner Rivalen zu kokettieren, dem Herrn von Imfanger, einem netten und ganz eleganten Tiroler, halb Bauer, halb Gentilhomme, der als Partie aber nicht einmal in Frage kam. Als die Mutter einmal sch\u00fcchterne Vorw\u00fcrfe wagte, da\u00df Arabella gegen Wladimir sich nicht so betrage, wie er ein Recht h\u00e4tte, es zu erwarten, gab Arabella eine abweisende Antwort, worin viel mehr Geringsch\u00e4tzung und K\u00e4lte gegen Wladimir pointiert war, als sie tats\u00e4chlich f\u00fchlte. Lucidor-Lucile war zuf\u00e4llig zugegen. Das Blut scho\u00df ihr zum Herzen und verlie\u00df wieder j\u00e4h das Herz. Ein schneidendes Gef\u00fchl durchzuckte sie: sie f\u00fchlte Angst, Zorn und Schmerz in einem. \u00dcber die Schwester erstaunte sie dumpf. Arabella war ihr immer fremd. In diesem Augenblick erschien sie ihr fast grausig, und sie h\u00e4tte nicht sagen k\u00f6nnen, ob sie sie bewunderte oder ha\u00dfte. Dann l\u00f6ste sich alles in ein schrankenloses Leid. Sie ging hinaus und sperrte sich in ihr Zimmer. Wenn man ihr gesagt h\u00e4tte, da\u00df sie einfach Wladimir liebte, h\u00e4tte sie es vielleicht nicht verstanden. Sie handelte, wie sie mu\u00dfte, automatisch, indessen ihr Tr\u00e4nen herunterliefen, deren wahren Sinn sie nicht verstand. Sie setzte sich hin und schrieb einen gl\u00fchenden Liebesbrief an Wladimir. Aber nicht f\u00fcr sich, f\u00fcr Arabella. Da\u00df ihre Handschrift der Arabellas zum Verwechseln \u00e4hnlich war, hatte sie oft verdrossen. Gewaltsam hatte sie sich eine andere, recht h\u00e4\u00dfliche Handschrift angew\u00f6hnt. Aber sie konnte sich der fr\u00fcheren, die ihrer Hand eigentlich gem\u00e4\u00df war, jederzeit bedienen. Ja, im Grunde fiel es ihr leichter, so zu schreiben. Der Brief war, wie er nur denen gelingt, die an nichts denken und eigentlich au\u00dfer sich sind. Er dasavouierte Arabellas ganze Natur: aber das war ja, was er wollte, was er sollte. Er war sehr unwahrscheinlich, aber eben dadurch wieder in gewisser Weise wahrscheinlich als der Ausdruck eines gewaltsamen inneren Umsturzes. Wenn Arabella tief und hingebend zu lieben vermocht h\u00e4tte und sich dessen in einem j\u00e4hen Durchbruch mit einem Schlage bewu\u00dft worden w\u00e4re, so h\u00e4tte sie sich allenfalls so ausdr\u00fccken und mit dieser K\u00fchnheit und gl\u00fchenden Verachtung von sich selber, von der Arabella, die jedermann kannte, reden k\u00f6nnen. Der Brief war sonderbar, aber immerhin auch f\u00fcr einen kalten, gleichg\u00fcltigen Leser nicht ganz unm\u00f6glich als ein Brief eines verborgen leidenschaftlichen, schwer berechenbaren M\u00e4dchens. F\u00fcr den, der verliebt ist, ist zudem die Frau, die er liebt, immer ein unberechenbares Wesen. Und schlie\u00dflich war es der Brief, den zu empfangen ein Mann in seiner Lage im stillen immer w\u00fcnschen und f\u00fcr m\u00f6glich halten kann. Ich nehme hier vorweg, da\u00df der Brief auch wirklich in Wladimirs H\u00e4nde gelangte: dies erfolgte in der Tat schon am n\u00e4chsten Nachmittag, auf der Treppe, unter leisem Nachschleichen, vorsichtigem Anrufen, Fl\u00fcstern von Lucidor als dem aufgeregten, ungeschickten vermeintlichen Postillon d&#8217;amour seiner sch\u00f6nen Schwester. Ein Postskriptum war nat\u00fcrlich beigef\u00fcgt: es enthielt die dringende, ja flehende Bitte, sich nicht zu erz\u00fcrnen, wenn sich zun\u00e4chst in Arabellas Betragen weder gegen den Geliebten noch gegen andere auch nur die leiseste Ver\u00e4nderung w\u00fcrde wahrnehmen lassen. Auch er werde hoch und teuer gebeten, sich durch kein Wort, nicht einmal durch einen Blick, merken zu lassen, da\u00df er sich z\u00e4rtlich geliebt wisse.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es vergehen ein paar Tage, in denen Wladimir mit Arabella nur kurze Begegnungen hat, und niemals unter vier Augen. Er begegnet ihr, wie sie es verlangt hat; sie begegnet ihm, wie sie es vorausgesagt hat. Er f\u00fchlt sich gl\u00fccklich und ungl\u00fccklich. Er wei\u00df jetzt erst, wie gern er sie hat. Die Situation ist danach, ihn grenzenlos ungeduldig zu machen. Lucidor, mit dem er jetzt t\u00e4glich reitet, in dessen Gesellschaft fast noch allein ihm wohl ist, merkt mit Entz\u00fccken und mit Schrecken die Ver\u00e4nderung im Wesen des Freundes, die wachsende heftige Ungeduld. Es folgt ein neuer Brief, fast noch z\u00e4rtlicher als der erste, eine neue r\u00fchrende Bitte, das vielfach bedrohte Gl\u00fcck der schwebenden Lage nicht zu st\u00f6ren, sich diese Gest\u00e4ndnisse gen\u00fcgen zu lassen und h\u00f6chstens schriftlich, durch Lucidors Hand, zu erwidern. Jeden zweiten, dritten Tag geht jetzt ein Brief hin oder her. Wladimir hat gl\u00fcckliche Tage und Lucidor auch. Der Ton zwischen den beiden ist ver\u00e4ndert, sie haben ein unersch\u00f6pfliches Gespr\u00e4chsthema. Wenn sie in irgendeinem Geh\u00f6lz des Praters vom Pferd gestiegen sind und Lucidor seinen neuesten Brief \u00fcbergeben hat, beobachtet er mit angstvoller Lust die Z\u00fcge des Lesenden. Manchmal stellt er Fragen, die fast indiskret sind; aber die Erregung des Knaben, der in diese Liebessache verstrickt ist, und seine Klugheit, ein Etwas, das ihn t\u00e4glich h\u00fcbscher und zarter aussehen macht, am\u00fcsiert Wladimir, und er mu\u00df sich eingestehen, da\u00df es ihm, der sonst verschlossen und hochm\u00fctig ist, hart ank\u00e4me, nicht mit Lucidor \u00fcber Arabella zu sprechen. Lucidor posiert manchmal auch den M\u00e4dchenfeind, den kleinen, altklugen und in kindischer Weise zynischen Burschen. Was er da vorbringt, ist durchaus nicht banal; denn er wei\u00df einiges von dem darunter zu mischen, was die \u00c4rzte \u00bbintrospektive Wahrheiten\u00ab nennen. Aber Wladimir, dem es nicht an Selbstgef\u00fchl mangelt, wei\u00df ihn zu belehren, da\u00df die Liebe, die er einfl\u00f6\u00dfe, und die er einem solchen Wesen wie Arabella<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-Erz.\" name=\"179\"><\/a>\u00a0einfl\u00f6\u00dfe, von ganz eigenartiger, mit nichts zu vergleichender Beschaffenheit sei. Lucidor findet Wladimir in solchen Augenblicken um so bewundernswerter und sich selbst klein und erb\u00e4rmlich. Sie kommen aufs Heiraten, und dieses Thema ist Lucidor eine Qual, denn dann besch\u00e4ftigt sich Wladimir fast ausschlie\u00dflich mit der Arabella des Lebens anstatt mit der Arabella der Briefe. Auch f\u00fcrchtet Lucidor wie den Tod jede Entscheidung, jede einschneidende Ver\u00e4nderung. Sein einziger Gedanke ist, die Situation so hinzuziehen. Es ist nicht zu sagen, was das arme Gesch\u00f6pf aufbietet, um die \u00e4u\u00dferlich und innerlich so prek\u00e4re Lage durch Tage, durch Wochen \u2013 weiter zu denken, fehlt ihm die Kraft \u2013 in einem notd\u00fcrftigen Gleichgewicht zu erhalten. Da ihm nun einmal die Mission zugefallen ist, bei dem Onkel etwas f\u00fcr die Familie auszurichten, so tut er sein m\u00f6gliches. Manchmal geht Wladimir mit; der Onkel ist ein sonderbarer alter Herr, den es offenbar am\u00fcsiert, sich vor j\u00fcngeren Leuten keinen Zwang anzutun, und seine Konversation ist derart, da\u00df eine solche Stunde f\u00fcr Lucidor eine wahrhaft qualvolle kleine Pr\u00fcfung bedeutet. Dabei scheint dem Alten kein Gedanke ferner zu liegen als der, irgend etwas f\u00fcr seine Anverwandten zu tun. Lucidor kann nicht l\u00fcgen und m\u00f6chte um alles seine Mutter beschwichtigen. Die Mutter, je tiefer ihre Hoffnungen, die sie auf den Onkel gesetzt hatte, sinken, sieht mit um so gr\u00f6\u00dferer Ungeduld, da\u00df sich zwischen Arabella und Wladimir nichts der Entscheidung zu n\u00e4hern scheint. Die ungl\u00fcckseligen Personen, von denen sie im Geldpunkt abh\u00e4ngig ist, fangen an, ihr die eine wie die andere dieser gl\u00e4nzenden Aussichten als Nonvaleur in Rechnung zu stellen. Ihre Angst, ihre m\u00fchsam verhohlene Ungeduld teilt sich allen mit, am meisten dem armen Lucidor, in dessen Kopf so unvertr\u00e4gliche Dinge durcheinander hingehen. Aber er soll in der seltsamen Schule des Lebens, in die er sich nun einmal begeben hat, einige noch subtilere und sch\u00e4rfere Lektionen empfangen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Wort von einer Doppelnatur Arabellas war niemals ausdr\u00fccklich gefallen. Aber der Begriff ergab sich von selbst: die Arabella des Tages war ablehnend, kokett, pr\u00e4zis, selbstsicher, weltlich und trocken fast bis zum Exze\u00df, die Arabella der Nacht, die bei einer Kerze an den Geliebten schrieb, war hingebend, sehns\u00fcchtig fast ohne Grenzen. Zuf\u00e4llig oder gem\u00e4\u00df dem Schicksal entsprach dies einer ganz geheimen Spaltung auch in Wladimirs Wesen. Auch er hatte, wie jedes beseelte Wesen, mehr oder minder seine Tag- und Nachtseite. Einem etwas trockenen Hochmut, einem Ehrgeiz ohne Niedrigkeit und Streberei, der aber hochgespannt und st\u00e4ndig war, standen andere Regungen gegen\u00fcber, oder eigentlich: standen nicht gegen\u00fcber, sondern duckten sich ins Dunkel, suchten sich zu verbergen, waren immer bereit, unter die d\u00e4mmernde Schwelle ins Kaumbewu\u00dfte hinabzutauchen. Eine phantasievolle Sinnlichkeit, die sich etwa auch in ein Tier hineintr\u00e4umen konnte, in einen Hund, in einen Schwan, hatte zu Zeiten seine Seele fast ganz in Besitz gehabt. Dieser Zeiten des \u00dcberganges vom Knaben zum J\u00fcngling erinnerte er sich nicht gerne. Aber irgend etwas davon war immer in ihm, und diese verlassene, auch von keinem Gedanken \u00fcberflogene, mit Willen ver\u00f6dete Nachtseite seines Wesens bestrich nun ein dunkles, geheimnisvolles Licht: die Liebe der unsichtbaren, anderen Arabella. W\u00e4re die Arabella des Tages zuf\u00e4llig seine Frau gewesen oder seine Geliebte geworden, er w\u00e4re mit ihr immer ziemlich terre \u00e0 terre geblieben und h\u00e4tte sich selbst nie konzediert, den Phantasmen einer mit Willen unterdr\u00fcckten Kinderzeit irgendwelchen Raum in seiner Existenz zu g\u00f6nnen. An die im Dunklen Lebende dachte er in anderer Weise und schrieb ihr in anderer Weise. Was h\u00e4tte Lucidor tun sollen, als der Freund begehrte, nur irgendein Mehr, ein lebendigeres Zeichen zu empfangen als diese Zeilen auf wei\u00dfem Papier? Lucidor war allein mit seiner Bangigkeit, seiner Verworrenheit, seiner Liebe. Die Arabella des Tages half ihm nicht. Ja, es war, als spielte sie, von einem D\u00e4mon angetrieben, gerade gegen ihn. Je k\u00e4lter, sprunghafter, weltlicher, koketter sie war, desto mehr erhoffte und erbat Wladimir von der anderen. Er bat so gut, da\u00df Lucidor zu versagen nicht den Mut fand. H\u00e4tte er ihn gefunden, es h\u00e4tte seiner z\u00e4rtlichen Feder an der Wendung gefehlt, die Absage auszudr\u00fccken. Es kam eine Nacht, in der Wladimir denken durfte, von Arabella in Lucidors Zimmer empfangen, und wie empfangen, worden zu sein. Es war Lucidor irgendwie gelungen, das Fenster nach der K\u00e4rntnerstra\u00dfe so v\u00f6llig zu verdunkeln, da\u00df man nicht die Hand vor den Augen sah. Da\u00df man die Stimmen zum unh\u00f6rbarsten Fl\u00fcstern abd\u00e4mpfen mu\u00dfte, war klar: nur eine einfache T\u00fcr trennte von der Kammerfrau. Wo Lucidor die Nacht verbrachte, blieb ungesagt: doch war er offenbar nicht im Geheimnis, sondern man hatte gegen ihn einen Vorwand gebraucht. Seltsam war, da\u00df Arabella ihr sch\u00f6nes Haar in ein dichtes Tuch fest eingewunden trug und der Hand des Freundes sanft, aber bestimmt versagte, das Tuch zu l\u00f6sen. Aber dies war fast das einzige, das sie versagte. Es gingen mehrere N\u00e4chte hin, die dieser Nacht nicht glichen, aber es folgte wieder eine, die ihr glich, und Wladimir war sehr gl\u00fccklich. Vielleicht waren dies die gl\u00fccklichsten Tage seines ganzen Lebens. Gegen Arabella, wenn er untertags mit ihr zusammen ist, gibt ihm die Sicherheit seines n\u00e4chtlichen Gl\u00fcckes einen eigenen Ton. Er lernt eine besondere Lust darin finden, da\u00df sie bei Tag so unbegreiflich anders ist; ihre Kraft \u00fcber sich selber, da\u00df sie niemals auch nur in einem Blick, einer Bewegung sich vergi\u00dft, hat etwas Bezauberndes. Er glaubt zu bemerken, da\u00df sie von Woche zu Woche um so k\u00e4lter gegen ihn ist, je z\u00e4rtlicher sie sich in den N\u00e4chten gezeigt hat. Er will jedenfalls nicht weniger geschickt, nicht weniger beherrscht erscheinen. Indem er diesem geheimnisvoll starken weiblichen Willen so unbedingt sich f\u00fcgt, meint er, das Gl\u00fcck seiner N\u00e4chte einigerma\u00dfen zu verdienen. Er f\u00e4ngt an, gerade aus ihrem doppelten Wesen den st\u00e4rksten Genu\u00df zu ziehen. Da\u00df ihm die geh\u00f6re, die ihm so gar nicht zu geh\u00f6ren scheint, da\u00df die gleiche, welche sich grenzenlos zu verschenken versteht, in einer solchen unber\u00fchrten, unber\u00fchrbaren Gegenwart sich zu behaupten wei\u00df, dies wirklich zu erleben ist schwindelnd, wie der wiederholte Trunk aus einem Zauberbecher. Er sieht ein, da\u00df er dem Schicksal auf den Knien danken m\u00fcsse, in einer so einzigartigen, dem Geheimnis seiner Natur abgelauschten Weise begl\u00fcckt zu werden. Er spricht es \u00fcberstr\u00f6mend aus, gegen sich selber, auch gegen Lucidor. Es gibt nichts, was den armen Lucidor im Innersten t\u00f6dlicher erschrecken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Arabella indessen, die wirkliche, hat sich gerade in diesen Wochen von Wladimir so entschieden abgewandt, da\u00df er es von Stunde zu Stunde bemerken m\u00fc\u00dfte, h\u00e4tte er nicht den seltsamsten Antrieb, alles falsch zu deuten. Ohne da\u00df er sich geradezu verr\u00e4t, sp\u00fcrt sie zwischen sich und ihm ein Etwas, das fr\u00fcher nicht war. Sie hat sich immer mit ihm verstanden, sie versteht sich auch noch mit ihm; ihre Tagseiten sind einander homogen; sie k\u00f6nnten eine gute Vernunftehe f\u00fchren. Mit Herrn von Imfanger versteht sie sich nicht, aber er gef\u00e4llt ihr. Da\u00df Wladimir ihr in diesem Sinne nicht gef\u00e4llt, sp\u00fcrt sie nun st\u00e4rker; jenes unerkl\u00e4rliche Etwas, das von ihm zu ihr zu vibrieren scheint, macht sie ungeduldig. Es ist nicht Werbung, auch nicht Schmeichelei; sie kann sich nicht klar werden was es ist, aber sie goutiert es nicht. Imfanger mu\u00df sehr wohl wissen, da\u00df er ihr gef\u00e4llt. Wladimir glaubt seinerseits noch ganz andere Beweise daf\u00fcr zu haben. Zwischen den beiden jungen Herren ergibt sich die sonderbarste Situation. Jeder meint, da\u00df der andere doch alle Ursache habe, verstimmt zu sein oder einfach das Feld zu r\u00e4umen. Jeder findet die Haltung, die ungest\u00f6rte Laune des andern im Grunde einfach l\u00e4cherlich. Keiner wei\u00df, was er sich aus dem andern machen soll, und einer h\u00e4lt den andern f\u00fcr einen ausgemachten Geck und Narren.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Mutter ist in der qualvollsten Lage. Mehrere Auskunftsmittel versagen. Befreundete Personen lassen sie im Stich. Ein unter der Maske der Freundschaft angebotenes Darlehen wird r\u00fccksichtslos eingefordert. Die vehementen Entschl\u00fcsse liegen Frau von Murska immer sehr nahe. Sie wird den Haushalt in Wien von einem Tag auf den andern aufl\u00f6sen, sich bei der Bekanntschaft brieflich verabschieden, irgendwo ein Asyl suchen, und w\u00e4re es auf dem sequestrierten Gut im Haus der Verwaltersfamilie. Arabella nimmt eine solche Entschlie\u00dfung nicht angenehm auf, aber Verzweiflung liegt ihrer Natur ferne. Lucidor mu\u00df eine wahre, unbegrenzte Verzweiflung angstvoll in sich verschlie\u00dfen. Es waren mehrere N\u00e4chte vergangen, ohne da\u00df sie den Freund gerufen h\u00e4tte. Sie wollte ihn diese Nacht wieder rufen. Das Gespr\u00e4ch abends zwischen Arabella und der Mutter, der Entschlu\u00df zur Abreise, die Unm\u00f6glichkeit, die Abreise zu verhindern: dies alles trifft sie wie ein Keulenschlag. Und wollte sie zu einem verzweifelten Mittel greifen, alles hinter sich werfen, der Mutter alles gestehen, dem Freund vor allem offenbaren, wer die Arabella seiner N\u00e4chte gewesen ist, so durchf\u00e4hrt sie eisig die Furcht vor seiner Entt\u00e4uschung, seinem Zorn. Sie kommt sich wie eine Verbrecherin vor, aber gegen ihn, an die anderen denkt sie nicht. Sie kann ihn diese Nacht nicht sehen. Sie f\u00fchlt, da\u00df sie vor Scham, vor Angst und Verwirrung vergehen w\u00fcrde. Statt ihn in den Armen zu halten, schreibt sie an ihn, zum letzten mal. Es ist der dem\u00fctigste, r\u00fchrendste Brief, und nichts pa\u00dft weniger zu ihm als der Name Arabella, womit sie ihn unterschreibt. Sie hat nie wirklich gehofft, seine Gattin zu werden. Auch kurze Jahre, ein Jahr als seine Geliebte mit ihm zu leben, w\u00e4re unendliches Gl\u00fcck. Aber auch das darf und kann nicht sein. Er soll nicht fragen, nicht in sie dringen, beschw\u00f6rt sie ihn. Soll morgen noch zu Besuch kommen, aber erst gegen Abend. Den \u00fcbern\u00e4chsten Tag dann \u2013 sind sie vielleicht schon abgereist. Sp\u00e4ter einmal wird er vielleicht erfahren, begreifen, sie m\u00f6chte hinzuf\u00fcgen: verzeihen, aber das Wort scheint ihr in Arabellas Mund zu unbegreiflich, so schreibt sie es nicht. Sie schl\u00e4ft wenig, steht fr\u00fch auf, schickt den Brief durch den Lohndiener des Hotels an Wladimir. Der Vormittag vergeht mit Packen. Nach Tisch, ohne etwas zu erw\u00e4hnen, f\u00e4hrt sie zu dem Onkel. Nachts ist ihr der Gedanke gekommen. Sie w\u00fcrde die Worte, die Argumente finden, den sonderbaren Mann zu erweichen. Das Wunder w\u00fcrde geschehen und dieser festverschn\u00fcrte Geldbeutel sich \u00f6ffnen. Sie denkt nicht an die Realit\u00e4t dieser Dinge, nur an die Mutter, an die Situation, an ihre Liebe. Mit dem Geld oder dem Brief in der Hand w\u00fcrde sie der Mutter zu F\u00fc\u00dfen fallen und als einzige Belohnung erbitten \u2013 was? \u2013 ihr \u00fcberm\u00fcdeter, gequ\u00e4lter Kopf versagt beinahe -ja! nur das Selbstverst\u00e4ndliche: da\u00df man in Wien bliebe, da\u00df alles bliebe, wie es ist. Sie findet den Onkel zu Hause. Die Details dieser Szene, die recht sonderbar verl\u00e4uft, sollen hier nicht erz\u00e4hlt werden. Nur dies: sie erweicht ihn tats\u00e4chlich \u2013 er ist nahe daran, das Entscheidende zu tun, aber eine greisenhafte Grille<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-Erz.\" name=\"184\"><\/a>\u00a0wirft den Entschlu\u00df wieder um: er wird sp\u00e4ter etwas tun, wann, das bestimmt er nicht, und damit basta. Sie f\u00e4hrt nach Hause, schleicht die Treppe hinauf, und in ihrem Zimmer, zwischen Schachteln und Koffern, auf dem Boden hockend, gibt sie sich ganz der Verzweiflung hin. Da glaubt sie im Salon Wladimirs Stimme zu h\u00f6ren. Auf den Zehen schleicht sie hin und horcht. Es ist wirklich Wladimir \u2013 mit Arabella, die mit ziemlich erhobenen Stimmen im sonderbarsten Dialog begriffen sind.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wladimir hat am Vormittag Arabellas geheimnisvollen Abschiedsbrief empfangen. Nie hat etwas sein Herz so getroffen. Er f\u00fchlt, da\u00df zwischen ihm und ihr etwas Dunkles stehe, aber nicht zwischen Herz und Herz. Er f\u00fchlt die Liebe und die Kraft in sich, es zu erfahren, zu begreifen, zu verzeihen, sei es, was es sei. Er hat die unvergleichliche Geliebte seiner N\u00e4chte zu lieb, um ohne sie zu leben. Seltsamerweise denkt er gar nicht an die wirkliche Arabella, fast kommt es ihm sonderbar vor, da\u00df sie es sein wird, der er gegen\u00fcberzutreten hat, um sie zu beschwichtigen, aufzurichten, sie ganz und f\u00fcr immer zu gewinnen. Er kommt hin, findet im Salon die Mutter allein. Sie ist aufgeregt, wirr und phantastisch wie nur je. Er ist anders, als sie ihn je gesehen hat. Er k\u00fc\u00dft ihr die H\u00e4nde, er spricht, alles in einer ger\u00fchrten, befangenen Weise. Er bittet sie, ihm ein Gespr\u00e4ch unter vier Augen mit Arabella zu gestatten. Frau von Murska ist entz\u00fcckt und ohne \u00dcbergang in allen Himmeln. Das Unwahrscheinliche ist ihr Element. Sie eilt, Arabella zu holen, dringt in sie, dem edlen jungen Mann nun, wo alles sich so herrlich gewendet, ihr Ja nicht zu versagen. Arabella ist ma\u00dflos erstaunt. \u00bbIch stehe durchaus nicht so mit ihm \u00ab, sagt sie k\u00fchl. \u00bb Man ahnt nie, wie man mit M\u00e4nnern steht\u00ab, entgegnet ihr die Mutter und schickt sie in den Salon. Wladimir ist verlegen, ergriffen und gl\u00fchend. Arabella findet mehr und mehr, da\u00df Herr von Imfanger recht habe, Wladimir einen sonderbaren Herrn zu finden. Wladimir, durch ihre K\u00fchle aus der Fassung, bittet sie, nun endlich die Maske fallen zu lassen. Arabella wei\u00df durchaus nicht, was sie fallen lassen soll. Wladimir wird zugleich z\u00e4rtlich und zornig, eine Mischung, die Arabella so wenig goutiert, da\u00df sie schlie\u00dflich aus<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-Erz.\" name=\"185\"><\/a>\u00a0dem Zimmer l\u00e4uft und ihn allein stehen l\u00e4\u00dft. Wladimir in seiner ma\u00dflosen Verbl\u00fcffung ist um so n\u00e4her daran, sie f\u00fcr verr\u00fcckt zu halten, als sie ihm soeben angedeutet hat, sie halte ihn daf\u00fcr und sei mit einem Dritten \u00fcber diesen Punkt ganz einer Meinung. Wladimir w\u00fcrde in diesem Augenblick einen sehr ratlosen Monolog halten, wenn nicht die andere T\u00fcr aufginge und die sonderbarste Erscheinung auf ihn zust\u00fcrzte, ihn umschl\u00e4nge, an ihm herunter zu Boden glitte. Es ist Lucidor, aber wieder nicht Lucidor, sondern Lucile, ein liebliches und in Tr\u00e4nen gebadetes M\u00e4dchen, in einem Morgenanzug Arabellas, das bubenhaft kurze Haar unter einem dichten Seidentuch verborgen. Es ist sein Freund und Vertrauter, und zugleich seine geheimnisvolle Freundin, seine Geliebte, seine Frau. Einen Dialog, wie der sich nun entwickelnde, kann das Leben hervorbringen und die Kom\u00f6die nachzuahmen versuchen, aber niemals die Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ob Luddor nachher wirklich Wladimirs Frau wurde oder bei Tag und in einem anderen Land das blieb, was sie in dunkler Nacht schon gewesen war, seine gl\u00fcckliche Geliebte, sei gleichfalls hier nicht aufgezeichnet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es k\u00f6nnte bezweifelt werden, ob Wladimir ein genug wertvoller Mensch war, um so viel Hingabe zu verdienen. Aber jedenfalls h\u00e4tte sich die ganze Sch\u00f6nheit einer bedingungslos hingebenden Seele, wie Luciles, unter anderen als so seltsamen Umst\u00e4nden nicht enth\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 wird sich KUNO der<span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a><span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Novelle widmen. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Frau von Murska bewohnte zu Ende der siebziger Jahre in einem Hotel der inneren Stadt ein kleines Appartement. Sie f\u00fchrte einen nicht sehr bekannten, aber auch nicht ganz obskuren Adelsnamen; aus ihren Angaben war zu entnehmen, da\u00df ein Familiengut&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/15\/lucidor\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":98219,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094],"class_list":["post-79295","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79295","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79295"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79295\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103841,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79295\/revisions\/103841"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79295"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79295"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79295"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}