{"id":79266,"date":"2022-05-09T00:01:40","date_gmt":"2022-05-08T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79266"},"modified":"2022-02-24T11:30:07","modified_gmt":"2022-02-24T10:30:07","slug":"verbrecher-aus-infamie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/09\/verbrecher-aus-infamie\/","title":{"rendered":"Verbrecher aus Infamie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Heilkunst und Di\u00e4tetik, wenn die Aerzte aufrichtig seyn wollen, haben ihre besten Entdekungen und heilsamsten Vorschriften vor Kranken- und Sterbe-Betten gesammelt. Leichen\u00f6fnungen, Hospit\u00e4ler und Narrenh\u00e4u\u00dfer haben das helleste Licht in der Phisiologie angez\u00fcndet. Die Seelenlehre, die Moral, die gesezgebende Gewalt sollten billig diesem Beispiel folgen, und \u00e4hnlicherweise aus Gef\u00e4ngnissen, Gerichtsh\u00f6fen und Kriminalakten \u2013 den Sektionsberichten des Lasters \u2013 sich Belehrungen holen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender f\u00fcr Herz und Geist, als die Annalen seiner Verirrungen. Bei jedem gro\u00dfen Verbrechen war eine verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Kraft in Bewegung.\u00a0Wenn sich das geheime Spiel der Begehrungskraft bei dem matteren Licht gew\u00f6hnlicher Affekte versteckt, so wird es im Zustand gewaltsamer Leidenschaft desto hervorspringender, kolo\u00dfalischer, lauter; der feinere Menschenforscher, welcher wei\u00df, wie viel man auf die Mechanik der menschlichen Freiheit eigentlich rechnen darf, und wie weit es erlaubt ist, analogisch zu schlie\u00dfen, wird manche Erfahrung aus diesem Gebiete in seine Seelenlehre her\u00fcbertragen, und f\u00fcr das sittliche Leben verarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist etwas so einf\u00f6rmiges, und doch wieder so zusammengeseztes, das menschliche Herz. Eine und eben dieselbe Fertigkeit oder Begierde kann in tausenderlei Formen und Richtungen spielen, kann tausend widersprechende Ph\u00e4nomene bewirken, kann in tausend Karakteren anders gemischt erscheinen, und tausend ungleiche Karaktere und Handlungen k\u00f6nnen wieder aus einerlei Neigung gesponnen seyn, wenn auch der Mensch, von welchem die Rede ist, nichts weniger denn eine solche Verwandschaft ahndet. St\u00fcnde einmal, wie f\u00fcr die \u00fcbrigen Reiche der Natur, auch f\u00fcr das Menschengeschlecht ein Linn\u00e4us auf, welcher nach Trieben und Neigungen kla\u00dfifizierte, wie sehr w\u00fcrde man erstaunen, wenn man so manchen, dessen Laster in einer engen b\u00fcrgerlichen Sph\u00e4re, und in der schmalen Umz\u00e4unung der Geseze jezt erstiken mu\u00df, mit dem Ungeheuer <i>Borgia<\/i> in einer Ordnung beisammen f\u00e4nde, vielleicht mit besserem Grunde beisammen f\u00e4nde,\u00a0als der Ritter gehabt hat, den e\u00dfbaren und giftigen Schwamm in <i>Eine<\/i> Klasse zu werfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von dieser Seite betrachtet, l\u00e4\u00dft sich manches gegen die gew\u00f6nliche Behandlung der Geschichte einwenden, und hier, vermuthe ich, liegt auch die Schwierigkeit, warum das Studium derselben f\u00fcr das b\u00fcrgerliche Leben noch immer so fruchtlos geblieben. Zwischen der heftigen Gem\u00fcthsbewegung des handelnden Menschen, und der ruhigen Stimmung des Lesers, welchem diese Handlung vorgelegt wird, herrscht ein so widriger Kontrast, liegt ein so breiter Zwischenraum, da\u00df es dem leztern schwer, ja unm\u00f6glich wird, einen Zusammenhang nur zu ahnden. Es bleibt eine L\u00fcke zwischen dem historischen Subjekt und dem Leser, die alle M\u00f6glichkeit einer Vergleichung oder Anwendung abschneidet, und statt jenes heilsamen Schrekens, der die stolze Gesundheit warnet, ein Kopfsch\u00fctteln der Befremdung erwekt. Wir sehen den Ungl\u00fcklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die That begieng, so wie in der, wo er daf\u00fcr b\u00fc\u00dfet, Mensch war wie wir, f\u00fcr ein Gesch\u00f6pf fremder Gattung an, dessen Blut anders uml\u00e4uft, als das unsrige, dessen Wille andern Regeln gehorcht, als der unsrige; seine Schiksale r\u00fchren uns wenig, denn R\u00fchrung gr\u00fcndet sich ja nur auf ein dunkles Bewustseyn \u00e4hnlicher Gefahr, und wir sind weit entfernt eine solche Aehnlichkeit auch nur zu tr\u00e4umen. Die Belehrung geht mit der Beziehung verloren, und die Geschichte, anstatt eine Schule der Bildung\u00a0zu seyn, mu\u00df sich mit einem armseligen Verdienste um unsre Neugier begn\u00fcgen. Soll sie uns mehr seyn und ihren gro\u00dfen Zirkel umreichen, so mu\u00df sie nothwendig unter diesen beiden Methoden w\u00e4hlen \u2013 Entweder der Leser mu\u00df warm werden wie der Held, oder der Held wie der Leser erkalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df, da\u00df von den besten Geschichtschreibern neuerer Zeit und des Alterthums manche sich an die erste Methode gehalten, und das Herz ihres Lesers durch hinrei\u00dfenden Vortrag bestochen haben. Aber diese Manier ist eine Usurpation des Schriftstellers und beleidigt die republikanische Freiheit des lesenden Publikums, dem es zuk\u00f6mmt, selbst zu Gericht zu sizen; sie ist zugleich eine Verlezung der Gr\u00e4nzengerechtigkeit, denn diese Methode geh\u00f6rt ausschlie\u00dfend und eigenth\u00fcmlich dem Redner und Dichter. Dem Geschichtschreiber bleibt nur die leztere \u00fcbrig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Held mu\u00df kalt werden wie der Leser, oder, was hier eben soviel sagt, wir m\u00fcssen mit ihm bekannt werden, <i>eh<\/i>\u2019 er handelt, wir m\u00fcssen ihn seine Handlung nicht blo\u00df <i>vollbringen<\/i>, sondern auch <i>wollen<\/i> sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr, als an seinen Thaten, und noch weit mehr an den Quellen dieser Gedanken, als an den Folgen jener Thaten. Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erkl\u00e4ren, warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer phisischen? Warum\u00a0achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und Stellung der Dinge welche einen solchen Menschen umgaben, bis der gesammelte Zunder in seinem innwendigen Feuer fing? Den Tr\u00e4umer, der das Wunderbare liebt, reizt eben das seltsame und abentheuerliche einer solchen Erscheinung; der Freund der Wahrheit sucht eine Mutter zu diesen verlorenen Kindern. Er sucht sie in der <i>unver\u00e4nderlichen<\/i> Struktur der menschlichen Seele, und in den <i>ver\u00e4nderlichen<\/i>Bedingungen, welche sie von au\u00dfen bestimmten, und in diesen beiden findet er sie gewi\u00df. Ihn \u00fcberrascht es nun nicht mehr, in dem n\u00e4mlichen Beete, wo sonst \u00fcberall heilsame Kr\u00e4uter bl\u00fchen, auch den giftigen Schierling gedeihen zu sehen; Wei\u00dfheit und Thorheit, Laster und Tugend in <i>einer<\/i> Wiege beisammen zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie manches M\u00e4dchen von feiner Erziehung w\u00fcrde seine Unschuld gerettet haben, wenn es fr\u00fcher gelernt h\u00e4tte, seine gefallene Schwestern in den H\u00e4usern der Freude minder lieblos zu richten! Wie manche Familie, von einem elenden Hirngespinnst politischer Ehre zu Grund gerichtet, w\u00fcrde noch bl\u00fchen, wenn sie den Baugefangenen, der seine Verschwendung zu b\u00fc\u00dfen die Gassen s\u00e4ubert, um seine Lebensgeschichte h\u00e4tte befragen wollen! Wenn ich auch keinen der Vortheile hier in Anschlag bringe, welche die Seelenkunde aus einer solchen Behandlungsart der Geschichte zieht, so beh\u00e4lt sie schon allein darum den Vorzug, weil sie\u00a0den grausamen Hohn und die stolze Sicherheit ausrottet, womit gemeiniglich die ungepr\u00fcfte aufrechtstehende Tugend auf die gefallne herunter blikt, weil sie den sanften Geist der Duldung verbreitet, ohne welchen kein Fl\u00fcchtling zur\u00fckkehrt, keine Auss\u00f6hnung des Gesezes mit seinem Beleidiger statt findet, kein angestektes Glied der Gesellschaft von dem g\u00e4nzlichen Brande gerettet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob der Verbrecher, von dem ich jezt sprechen werde, auch noch ein Recht gehabt h\u00e4tte, an jenen Geist der Duldung zu appellieren? ob er wirklich ohne Rettung f\u00fcr den K\u00f6rper des Staats verloren war? \u2013 Ich will dem Ausspruch des Lesers nicht vorgreifen. Unsre Gelindigkeit fruchtet ihm nichts mehr, denn er starb durch des Henkers Hand \u2013 aber die Leichen\u00f6fnung seines Lasters unterrichtet vielleicht die Menschheit, und \u2013 es ist m\u00f6glich, auch die Gerechtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Christian Wolf<\/i> war der Sohn eines Gastwirths in einer \u2026schen Landstadt (deren Namen man, aus Gr\u00fcnden die sich in der Folge aufkl\u00e4ren, verschweigen mu\u00dfte) und half seiner Mutter, denn der Vater war todt, bis in sein zwanzigstes Jahr die Wirthschaft besorgen. Die Wirthschaft war schlecht, und Wolf hatte m\u00fc\u00dfige Stunden. Schon von der Schule her war er f\u00fcr einen losen Buben bekannt. Erwachsene M\u00e4dchen f\u00fchrten Klage \u00fcber seine Frechheit, und die Jungen des St\u00e4dtgens huldigten seinem erfindrischen Kopfe. Die Natur hatte seinen K\u00f6rper\u00a0verabs\u00e4umt. Eine kleine unscheinbare Figur, krau\u00dfes Haar von einer unangenehmen Schw\u00e4rze, eine plattgedr\u00fckte Nase und eine geschwollene Oberlippe, welche noch \u00fcberdies durch den Schlag eines Pferdes aus ihrer Richtung gewichen war, gaben seinem Anblik eine Widrigkeit, welche alle Weiber von ihm zur\u00fckscheuchte, und dem Wiz seiner Kameraden eine reichliche Nahrung bot. Die Verachtung seiner Person hatte fr\u00fch seinen Stolz verwundet, und z\u00fcndete endlich einen schleichenden Unmuth in seinem Herzen an, welcher nie mehr erloschen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte ertrotzen, was ihm verweigert war; weil er misfiel, sezte er sich vor zu gefallen. Er war sinnlich, und beredete sich da\u00df er liebe. Das M\u00e4dchen das er w\u00e4hlte, mishandelte ihn, er hatte Ursache zu f\u00fcrchten, da\u00df seine Nebenbuler gl\u00fcklicher w\u00e4ren; doch das M\u00e4dchen war arm. Ein Herz, das seinen Betheurungen verschlossen blieb, \u00f6fnete sich vielleicht seinen Geschenken, aber ihn selbst dr\u00fckte Mangel, und der eitle Versuch, seine Au\u00dfenseite gelten zu machen, verschlang vollends das wenige, was er durch eine schlechte Wirthschaft erwarb. Zu bequem und zu unwissend, seinem zerr\u00fctteten Hauswesen durch Spekulation aufzuhelfen, zu stolz, auch zu weichlich den Herrn der er bisher gewesen war, mit dem Bauer zu vertauschen, und seiner angebeteten Freiheit zu entsagen, sah er nur einen Ausweg vor sich \u2013 den tausende vor ihm und nach ihm mit besserem Gl\u00fccke ergriffen\u00a0haben \u2013 den Ausweg <i>honett<\/i> zu <i>stehlen<\/i>. Seine Vaterstadt gr\u00e4nzte an eine landesherrliche Waldung, er wurde Wilddieb, und der Ertrag seines Raubes wanderte treulich in die H\u00e4nde seiner Geliebten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den Liebhabern Hannchens war <i>Robert<\/i>, ein J\u00e4gerpursche des F\u00f6rsters. Fr\u00fchzeitig merkte dieser den Vortheil, den die Freigebigkeit seines Nebenbulers \u00fcber ihn gewonnen hatte, und mit Scheelsucht forschte er nach den Quellen dieser Ver\u00e4nderung. Er zeigte sich flei\u00dfiger in der <i>Sonne<\/i> \u2013 di\u00df war das Schild zu dem Wirthshaus \u2013 sein laurendes Auge von Eifersucht und Neide gesch\u00e4rft, entdekte ihm bald, woher dieses Geld flo\u00df. Nicht lange vorher war ein strenges Edikt gegen die Wildsch\u00fczen erneuert worden, welches den Uebertreter zum Zuchthau\u00df verdammte. Robert war unerm\u00fcdet, die geheimen G\u00e4nge seines Feinds zu beschleichen, endlich gelang es ihm auch, den Unbesonnenen \u00fcber der That zu ergreifen. Wolf wurde eingezogen, und nur mit Aufopferung seines ganzen Verm\u00f6gens brachte er es m\u00fchsam dahin, die zuerkannte Strafe durch eine Geldbu\u00dfe abzuwenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Robert triumphierte. Sein Nebenbuler war aus dem Felde geschlagen, und Hannchens Gunst f\u00fcr den Bettler verloren. Wolf kannte seinen Feind, und dieser Feind war der gl\u00fckliche Besizer seiner Johanne. Dr\u00fckendes Gef\u00fchl des Mangels gesellte sich zu beleidigtem Stolze, Noth und Eifersucht st\u00fcrmen vereinigt\u00a0auf seine Empfindlichkeit ein, der Hunger treibt ihn hinaus in die weite Welt, Rache und Leidenschaft halten ihn fest. Er wird zum zweitenmal Wilddieb, aber Roberts verdoppelte Wachsamkeit \u00fcberlistet ihn zum zweitenmal wieder. Jezt erf\u00e4hrt er die ganze Sch\u00e4rfe des Gesezes: denn er hat nichts mehr zu geben, und in wenigen Wochen wird er in das Zuchthaus der Residenz abgeliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Strafjahr war \u00fcberstanden, seine Leidenschaft durch die Entfernung gewachsen, und sein Troz unter dem Gewicht des Ungl\u00fcks gestiegen. Kaum erlangt er die Freiheit, so eilt er nach seinem Geburtsort, sich seiner Johanne zu zeigen. Er erscheint: man flieht ihn. Die dringende Noth hat endlich seinen Hochmut gebeugt, und seine Weichlichkeit \u00fcberwunden \u2013 er bietet sich den Reichen des Orts an, und will f\u00fcr den Taglohn dienen. Der Bauer zukt \u00fcber den schwachen Z\u00e4rtling die Achsel; der derbe Knochenbau seines handvesten Mitbewerbers sticht ihn bei diesem f\u00fchllosen G\u00f6nner aus. Er wagt einen lezten Versuch. <i>Ein<\/i> Amt ist noch ledig, der \u00e4u\u00dferste verlorne Posten des ehrlichen Namens \u2013 er meldet sich zum Hirten des St\u00e4dtgens, aber der Bauer will seine Schweine keinem Taugenichts anvertrauen. In allen Entw\u00fcrfen get\u00e4uscht, an allen Orten zur\u00fckgewiesen, wird er zum drittenmal Wilddieb, und zum drittenmal trift ihn das Ungl\u00fck seinem wachsamen Feind in die H\u00e4nde zu fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der doppelte R\u00fckfall hatte seine Verschuldung erschwert. Die Richter sahen in das Buch der Geseze, aber nicht <i>einer<\/i> in die Gem\u00fcthsfassung des Beklagten. Das Mandat gegen die Wilddiebe bedurfte einer solennen und exemplarischen Genugthuung, und Wolf ward verurtheilt, das Zeichen des Galgens auf den R\u00fcken gebrannt, drei Jahre auf der Vestung zu arbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch diese Periode verlief, und er gieng von der Vestung \u2013 aber ganz anders, als er dahin gekommen war. Hier f\u00e4ngt eine neue Epoche in seinem Leben an; man h\u00f6re ihn selbst, wie er nachher gegen seinen geistlichen Beistand, und vor Gerichte bekannt hat. \u201eIch betrat die Vestung; sagte er, als ein Verirrter, und verlie\u00df sie als ein Lotterbube. Ich hatte noch etwas in der Welt gehabt das mir theuer war, und mein Stolz kr\u00fcmmte sich unter der Schande. Wie ich auf die Vestung gebracht war, sperrte man mich zu drei und zwanzig Gefangenen ein, unter denen zwei M\u00f6rder; und die \u00fcbrigen alle ber\u00fcchtigte Diebe und Vagabunden waren. Man verh\u00f6hnte mich, wenn ich von Gott sprach, und sezte mir zu, sch\u00e4ndliche L\u00e4sterungen gegen den Erl\u00f6ser zu sagen. Man sang mir Hurenlieder vor; die ich, ein l\u00fcderlicher Bube, nicht ohne Ekel und Entsezzen h\u00f6rte, aber was ich aus\u00fcben sah, emp\u00f6rte meine Schamhaftigkeit noch mehr. Kein Tag vergieng, wo nicht irgend ein sch\u00e4ndlicher Lebenslauf wiederholt, irgend ein schlimmer Anschlag\u00a0geschmiedet ward. Anfangs floh ich dieses Volk, und verkroch mich vor ihren Gespr\u00e4chen, so gut mirs m\u00f6glich war, aber ich brauchte ein Gesch\u00f6pf, und die Barbarei meiner W\u00e4chter hatte mir auch meinen Hund abgeschlagen. Die Arbeit war hart und tirannisch, mein K\u00f6rper kr\u00e4nklich, ich brauchte Beistand, und wenn ichs aufrichtig sagen soll, ich brauchte Bedaurung, und diese mu\u00dfte ich mit dem lezten Ueberrest meines Gewissens erkaufen. So gew\u00f6hnte ich mich endlich an das abscheulichste, und im lezten Vierteljahr hatte ich meine Lehrmeister \u00fcbertroffen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVon iezt an lechzte ich nach dem Tag meiner Freiheit, wie ich nach Rache lechzte. Alle Menschen hatten mich beleidigt, denn alle waren besser und gl\u00fcklicher als ich. Ich betrachtete mich als den M\u00e4rtirer des nat\u00fcrlichen Rechts, und als ein Schlachtopfer der Geseze. Z\u00e4hneknirrschend rieb ich meine Ketten, wenn die Sonne hinter meinem Vestungsberg heraufkam, eine weite Aussicht ist zwiefache H\u00f6lle f\u00fcr einen Gefangenen. Der freie Zugwind der durch die Luftl\u00f6cher meines Thurmes pfeifte, und die Schwalbe die sich auf dem eisernen Stab meines Gitters niederlie\u00df, schienen mich mit ihrer Freiheit zu neken, und machten mir meine Gefangenschaft desto gr\u00e4\u00dflicher. Damals gelobte ich unvers\u00f6hnlichen gl\u00fchenden Ha\u00df allem was dem Menschen gleicht, und was ich gelobte, hab ich redlich gehalten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span id=\"Seite_31\" class=\"PageNumber\">[<b><a class=\"prp-pagequality-4\" title=\"Seite:De Thalia Band1 Heft2 031.jpg\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Seite:De_Thalia_Band1_Heft2_031.jpg\">31<\/a><\/b>]<\/span> \u201eMein erster Gedanke, sobald ich mich frei sah, war meine Vaterstadt. So wenig auch f\u00fcr meinen k\u00fcnftigen Unterhalt da zu hoffen war, so viel versprach sich mein Hunger nach Rache. Mein Herz klopfte wilder, als der Kirchthurm von weitem aus dem Geh\u00f6lze stieg. Es war nicht mehr das herzliche Wohlbehagen, wie ichs bei meiner ersten Wallfahrt empfunden hatte \u2013 Das Andenken alles Ungemachs, aller Verfolgungen die ich dort einst erlitten hatte, erwachte mit einemmal aus einem schreklichen Todesschlaf, alle Wunden bluteten wieder, alle Narben giengen auf. Ich verdoppelte meine Schritte, denn es erquikte mich im voraus, meine Feinde durch meinen pl\u00f6zlichen Anblik in Schreken zu sezen, und ich d\u00fcrstete iezt eben so sehr nach neuer Erniedrigung, als ich ehmals davor gezittert hatte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Gloken lauteten zur Vesper, als ich mitten auf dem Markte stand. Die Gemeine wimmelte zur Kirche. Man erkannte mich schnell, jedermann der mir aufstie\u00df, trat scheu zur\u00fck. Ich hatte von jeher die kleinen Kinder sehr lieb gehabt, und auch jezt \u00fcbermannte michs unwillk\u00fcrlich, da\u00df ich einem Knaben, der neben mir vorbeih\u00fcpfte, einen Groschen bot. Der Knabe sah mich einen Augenblik starr an, und warf mir den Groschen ins Gesichte. W\u00e4re mein Blut nur etwas ruhiger gewesen, so h\u00e4tte ich mich erinnert, da\u00df der Bart den ich noch von der Vestung mitbrachte, meine Gesichtsz\u00fcge bis zum gr\u00e4\u00dflichen entstellte \u2013\u00a0aber mein b\u00f6ses Herz hatte meine Vernunft angestekt. Tr\u00e4nen, wie ich sie nie geweint hatte, liefen \u00fcber meine Baken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Knabe wei\u00df nicht wer ich bin noch woher ich komme, sagte ich halb laut zu mir selbst, und doch meidet er mich, wie ein sch\u00e4ndliches Thier. Bin ich denn irgendwo auf der Stirne gezeichnet, oder habe ich aufgeh\u00f6rt, einem Menschen \u00e4hnlich zu sehen, weil ich f\u00fchle, da\u00df ich keinen mehr lieben kann?\u201c \u2013 Die Verachtung dieses Knaben schmerzte mich bitterer, als dreij\u00e4hriger Galliotendienst, denn ich hatte ihm Gutes gethan, und konnte <i>ihn<\/i> keines pers\u00f6nlichen Ha\u00dfes beschuldigen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch sezte mich auf einen Zimmerplaz, der Kirche gegen\u00fcber, was ich eigentlich wollte, wei\u00df ich nicht; doch ich wei\u00df noch, da\u00df ich mit Erbitterung aufstand, als von allen meinen vor\u00fcbergehenden Bekannten keiner mich nur eines Gru\u00dfes gew\u00fcrdigt hatte, auch nicht einer. Unwillig verlie\u00df ich meinen Standort, eine Herberge aufzusuchen; als ich an der Eke einer Ga\u00dfe umlenkte, rannte ich gegen meine Johanne. Sonnenwirth!\u201c schrie sie laut auf, und machte eine Bewegung mich zu umarmen; \u201eDu wieder da, lieber Sonnenwirth, Gott sei Dank, da\u00df du wiederk\u00f6mmst!\u201c Hunger und Elend sprach aus ihrer Bedekung, eine sch\u00e4ndliche Krankheit aus ihrem Gesichte, ihr Anblik verk\u00fcndigte die verworfenste Kreatur, zu der sie erniedrigt war. Ich ahndete schnell, was hier geschehen seyn\u00a0m\u00f6chte, einige f\u00fcrstliche Dragoner, die mir eben begegnet waren, lie\u00dfen mich errathen, da\u00df Garnison in dem St\u00e4dtchen lag. \u201eSoldatendirne!\u201c rief ich, und drehte ihr lachend den R\u00fccken zu. Es that mir wohl, da\u00df noch <i>ein<\/i> Gesch\u00f6pf <i>unter<\/i> mir war im Rang der Lebendigen. Ich hatte sie niemals geliebt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMeine Mutter war todt. Mit meinem kleinen Hau\u00dfe hatten sich meine Kreditoren bezahlt gemacht. Ich hatte niemand und nichts mehr. Alle Welt floh mich wie einen Giftigen, aber ich hatte endlich verlernt mich zu sch\u00e4men. Vorher hatte ich mich dem Anblik der Menschen entzogen, weil Verachtung mir unertr\u00e4glich war. Jezt drang ich mich auf, und erg\u00f6zte mich sie zu verscheuchen. Es war mir wohl, weil ich nichts mehr zu verlieren, und nichts mehr zu h\u00fcten hatte. Ich brauchte keine gute Eigenschaft mehr, weil man keine mehr bei mir vermuthete. Man lie\u00df mich Schandthaten b\u00fc\u00dfen, die ich noch nicht begangen hatte; ich hatte noch schlechte Streiche bei dem Menschengeschlecht gut, weil ich im voraus daf\u00fcr gelitten hatte. Meine Infamie war das niedergelegte Kapital, von dessen Zinsen ich noch lange Zeit schwelgen konnte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie ganze Welt stand mir offen, ich h\u00e4tte vielleicht in einer fremden Provinz f\u00fcr einen ehrlichen Mann gegolten, aber ich hatte den Muth verloren, es auch nur zu scheinen. Verzweiflung und Schande hatten mir endlich diese Sinnesart aufgezwungen. Es war die lezte Ausflucht die mir \u00fcbrig war, die <i>Ehre\u00a0<\/i>entbehren zu lernen, weil ich an keine mehr Anspruch machen durfte. H\u00e4tten meine Eitelkeit und mein Stolz meine Infamie erlebt, so h\u00e4tte ich mich selber entleiben m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas ich nunmehr eigentlich beschlossen hatte, war mir selber noch unbekannt. Ich wollte B\u00f6ses thun, soviel erinnere ich mich noch dunkel. Ich wollte mein Schiksal verdienen. Die Geseze, meinte ich, w\u00e4ren Wohlthaten f\u00fcr die Welt, also fa\u00dfte ich den Vorsaz, sie zu verlezen; ehmals hatte ich aus <i>Nothwendigkeit<\/i> und <i>Leichtsinn<\/i> ges\u00fcndigt, jezt that ichs aus freier Wahl zu meinem Vergn\u00fcgen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMein erstes war, da\u00df ich mein Wildschie\u00dfen fortsezte. Die Jagd \u00fcberhaupt war mir nach und nach zur Leidenschaft geworden, und au\u00dferdem mu\u00dfte ich ja leben. Aber die\u00df war es nicht allein; es kizelte mich das f\u00fcrstliche Edikt zu verh\u00f6hnen und meinem Landesherrn nach allen Kr\u00e4ften zu schaden. Ergriffen zu werden, besorgte ich nicht mehr, denn jezt hatte ich eine Kugel f\u00fcr meinen Entdeker bereit, und das wu\u00dfte ich, da\u00df mein Schu\u00df seinen Mann nicht fehlte. Ich erlegte alles Wild das mir aufstie\u00df, nur weniges machte ich auf der Gr\u00e4nze zu Gelde, das meiste lie\u00df ich verwesen. Ich lebte k\u00fcmmerlich, um nur den Aufwand an Blei und Pulver zu bestreiten. Meine Verheerungen in der gro\u00dfen Jagd wurden ruchtbar, aber mich dr\u00fckte kein Verdacht mehr. Mein Anblik l\u00f6schte ihn aus. Mein Name war vergessen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDiese Lebensart trieb ich mehrere Monate. Eines Morgens hatte ich nach meiner Gewohnheit das Holz durchstrichen, die F\u00e4hrte eines Hirsches zu verfolgen. Zwei Stunden hatte ich mich vergeblich erm\u00fcdet, und schon fieng ich an, meine Beute verloren zu geben, als ich sie auf einmal in schu\u00dfgerechter Entfernung entdeke. Ich will anschlagen und abdr\u00fcken \u2013 aber pl\u00f6zlich erschr\u00f6kt mich der Anblik eines Hutes, der wenige Schritte vor mir auf der Erde liegt. Ich forsche genauer, und erkenne den J\u00e4ger Robert, der hinter dem diken Stamm einer Eiche auf eben das Wild anschl\u00e4gt, dem ich den Schu\u00df bestimmt hatte. Eine t\u00f6dliche K\u00e4lte f\u00e4hrt bei diesem Anblik durch meine Gebeine. Just das war der Mensch, den ich unter allen lebendigen Dingen am gr\u00e4\u00dflichsten ha\u00dfte, und dieser Mensch war in die Gewalt meiner Kugel gegeben. In diesem Augenblik d\u00fcnkte michs, als ob die ganze Welt in meinem Flintenschu\u00df l\u00e4ge, und der Ha\u00df meines ganzen Lebens in die einzige Fingerspize sich zusammendr\u00e4ngte, womit ich den m\u00f6rdrischen Druk thun sollte. Eine unsichtbare f\u00fcrchterliche Hand schwebte \u00fcber mir, der Stunden-Weiser meines Schiksals zeigte unwiderruflich auf diese schwarze Minute. Der Arm zitterte mir, da ich meiner Flinte die schrekliche Wahl erlaubte \u2013 meine Z\u00e4hne schlugen zusammen wie im Fieberfrost, und der Odem sperrte sich erstikend in meiner Lunge. Eine Minute lang blieb der Lauf meiner Flinte ungewi\u00df zwischen dem Menschen und dem Hirsch mitten inne schwanken \u2013 eine Minute \u2013 und noch eine \u2013 und\u00a0wieder eine. Rache und Gewissen rangen hartn\u00e4kig und zweifelhaft, aber die Rache gewanns, und der J\u00e4ger lag todt am Boden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMein Gewehr fiel mit dem Schu\u00dfe &#8230;.. <i>M\u00f6rder<\/i> \u2026 stammelte ich langsam \u2013 der Wald war still wie ein Kirchhof \u2013 ich h\u00f6rte deutlich, da\u00df ich <i>M\u00f6rder<\/i> sagte. Als ich n\u00e4her schlich, starb der Mann. Lange stand ich sprachlos vor dem Todten, ein helles Gel\u00e4chter endlich machte mir Luft. \u201eWirst du jezt reinen Mund halten, guter Freund!\u201c sagte ich, und trat kek hin, indem ich zugleich das Gesicht des Ermordeten ausw\u00e4rts kehrte. Die Augen standen ihm weit auf. Ich wurde ernsthaft, und schwieg pl\u00f6zlich wieder stille. Es fieng mir an, seltsam zu werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBi\u00df hieher hatte ich auf Rechnung meiner Schande gefrevelt, jezt war etwas geschehen, wof\u00fcr ich noch nicht geb\u00fc\u00dft hatte. Eine Stunde vorher, glaube ich, h\u00e4tte mich kein Mensch \u00fcberredet, da\u00df es noch etwas schlechteres, als mich, unter dem Himmel gebe; jezt fieng ich an zu muthma\u00dfen, da\u00df ich vor einer Stunde wol gar zu beneiden war.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGottes Gerichte fielen mir nicht ein \u2013 wohl aber eine, ich wei\u00df nicht welche? verwirrte Erinnerung an Strang und Schwerd, und die Exekution einer Kinderm\u00f6rderin, die ich als Schuljunge mit angesehen hatte. Etwas ganz besonders schrekbares lag f\u00fcr mich in dem Gedanken, da\u00df von jezt an mein Leben verwirkt sei.\u00a0Auf mehreres besinne ich mich nicht mehr. Ich w\u00fcnschte gleich darauf, da\u00df er noch lebte. Ich that mir Gewalt an, mich lebhaft an alles B\u00f6se zu erinnern, das mir der Todte im Leben zugef\u00fcgt hatte, aber sonderbar! mein Ged\u00e4chtni\u00df war wie ausgestorben. Ich konnte nichts mehr von alle dem hervorrufen, was mich vor einer Viertelstunde zum Rasen gebracht hatte. Ich begriff gar nicht, wie ich zu dieser Mordthat gekommen war.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNoch stand ich vor der Leiche, noch immer. Das Knallen einiger Peitschen, und das Geknarre von Frachtwagen, die durchs Holz fuhren, brachte mich zu mir selbst. Es war kaum eine Viertelmeile abseits der Heerstra\u00dfe, wo die That geschehen war. Ich mu\u00dfte auf meine Sicherheit denken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnwillk\u00fcrlich verlor ich mich tiefer in den Wald. Auf dem Wege fiel mir ein, da\u00df der Entleibte sonst eine Taschenuhr besessen h\u00e4tte. Ich brauchte Geld, um die Gr\u00e4nze zu erreichen \u2013 und doch fehlte mir der Muth, nach dem Plaz umzuwenden, wo der Todte lag. Hier erschr\u00f6kte mich ein Gedanke an den Teufel, und eine Allgegenwart Gottes. Ich raffte meine ganze K\u00fchnheit zusammen; entschlossen, es mit der ganzen H\u00f6lle aufzunehmen, gieng ich nach der Stelle zur\u00fck. Ich fand, was ich erwartet hatte, und in einer gr\u00fcnen B\u00f6rse noch etwas weniges \u00fcber einen Thaler an Gelde. Eben da ich beides zu mir steken wollte, hielt ich pl\u00f6zlich inn, und \u00fcberlegte. Es war keine Anwandlung\u00a0von Schaam, auch nicht Furcht, mein Verbrechen durch Pl\u00fcnderung zu vergr\u00f6\u00dfern \u2013 Troz, glaube ich, war es, da\u00df ich die Uhr wieder von mir warf, und von dem Gelde nur die H\u00e4lfte behielt. Ich wollte f\u00fcr einen pers\u00f6nlichen Feind des Erscho\u00dfenen, aber nicht f\u00fcr seinen R\u00e4uber gehalten sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJezt floh ich waldeinw\u00e4rts. Ich wu\u00dfte, da\u00df das Holz sich vier deutsche Meilen nordw\u00e4rts erstrekte, und dort an die Gr\u00e4nzen des Landes stie\u00df. Bi\u00df zum hohen Mittage lief ich athemlos. Die Eilfertigkeit meiner Flucht hatte meine Gewi\u00dfensangst zerstreut, aber sie kam schreklicher zur\u00fck, wie meine Kr\u00e4fte mehr und mehr ermatteten. Tausend gr\u00e4\u00dfliche Gestalten giengen an mir vor\u00fcber, und schlugen wie schneidende Messer in meine Brust. Zwischen einem Leben voll rastloser Todesfurcht, und einer gewaltsamen Entleibung, war mir jezt eine schrekliche Wahl gelassen, und ich <i>mu\u00dfte<\/i> w\u00e4hlen. Ich hatte das Herz nicht, durch Selbstmord aus der Welt zu gehn, und entsezte mich vor der Aussicht, darinn zu bleiben. Geklemmt zwischen die gewi\u00dfe Quaalen des Lebens, und die ungewi\u00dfe Schreken der Ewigkeit, gleich faig zu leben und zu sterben brachte ich die sechste Stunde meiner Flucht dahin, eine Stunde voll gepre\u00dft von Quaalen, wovon noch kein lebendiger Mensch zu erz\u00e4hlen wei\u00df, die mir Gottes Barmherzigkeit auf dem Rabensteine erlassen wird.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn mich gekehrt und langsam, ohne mein Wi\u00dfen den Hut tief ins Gesicht gedr\u00fckt, als ob mich das vor\u00a0dem Auge der leblosen Natur h\u00e4tte unkenntlich machen sollen, hatte ich unvermerkt einen schmalen Fu\u00dfsteig verfolgt, der mich durch das dunkelste Dikigt f\u00fchrte \u2013 als pl\u00f6zlich eine rauhe befehlende Stimme vor mir her Halt! rufte. Die Stimme war ganz nahe, meine Zerstreuung und der heruntergedr\u00fckte Hut hatten mich verhindert um mich herum zu schauen. Ich schlug die Augen auf, und sah einen wilden Mann auf mich zu kommen, der eine gro\u00dfe knotigte Keule trug. Seine Figur gieng ins Riesenm\u00e4\u00dfige \u2013 meine erste Best\u00fcrzung wenigstens hatte mich des glauben gemacht \u2013 und die Farbe seiner Haut war von einer gelben Mulattenschw\u00e4rze, woraus das wei\u00dfe eines schielenden Auges bi\u00df zum Gra\u00dfen hervortrat. Er hatte statt eines Gurts ein dikes Sail zweifach um einen gr\u00fcnen wollenen Rok geschlagen, worinn ein breites Schlachtmesser bei einer Pistole stak. Der Ruf wurde wiederholt, und ein kr\u00e4ftiger Arm hielt mich fest. Der Laut eines Menschen hatte mich in Schreken gejagt, aber der Anblik eines B\u00f6sewichts gab mir Herz. In der Lage worinn ich jezt war, hatte ich Ursache vor jedem redlichen Mann, aber keine mehr vor einem Schurken zu zittern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer da? sagte diese Erscheinung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDeines gleichen, war meine Antwort, wenn du <i>der<\/i> wirklich bist, dem du gleich siehst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDahinaus geht der Weg nicht. Was hast du hier zu suchen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas hast du hier zu fragen? versezte ich trozig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Mann betrachtete mich zweimal vom Fu\u00df bis zum Wirbel. Es schien, als ob er meine Figur gegen die seinige, und meine Antwort gegen meine Figur halten wollte \u2013 Du sprichst brutal wie ein Bettler, sagte er endlich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas mag sein. Ich bins noch gestern gewesen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann lachte. Man sollte drauf schw\u00f6ren, rief er, du woltest auch noch jezt f\u00fcr nichts bessers gelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eF\u00fcr etwas schlechteres also \u2013 Ich wollte weiter.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSachte Freund. Was jagt dich denn so? Was hast du f\u00fcr Zeit zu verlieren?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch besann mich einen Augenblik. Ich wei\u00df nicht, wie mir das Wort auf die Zunge kam. Das Leben ist kurz, sagte ich langsam, und die H\u00f6lle w\u00e4hrt ewig.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr sah mich stier an. Ich will verdammt seyn, sagte er endlich, oder du bist irgend an einem Galgen hart vorbeygestreift.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas mag wohl noch kommen. Also auf <i>Wiedersehen<\/i>, Kamerade!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eTopp <i>Kamerade<\/i>! \u2013 schrie er, indem er eine zinnerne Flasche aus seiner Jagdtasche hervorlangte, einen kr\u00e4ftigen Schluk daraus that, und mir sie reichte. Flucht und Be\u00e4ngstigung hatten meine Kr\u00e4fte aufgezehrt, und diesen ganzen entsezlichen Tag war noch nichts \u00fcber meine Lippen gekommen. Schon f\u00fcrchtete ich in dieser Waldgegend zu verschmachten, wo auf drei\u00a0Meilen in der Runde kein Labsal f\u00fcr mich zu hoffen war. Man urtheile, wie froh ich auf diese angebotne Gesundheit Bescheid that. Neue Kraft flo\u00df mit diesem Erquiktrunk in meine Gebeine, und frischer Muth in mein Herz, und Hoffnung und Liebe zum Leben. Ich fieng an zu glauben, da\u00df ich doch wol nicht ganz elend w\u00e4re, soviel konnte dieser willkommene Trank. Ja ich bekenne es, mein Zustand gr\u00e4nzte wieder an einen gl\u00fcklichen, denn endlich, nach tausend fehlgeschlagenen Hoffnungen endlich, hatte ich eine Kreatur angetroffen, die mir \u00e4hnlich schien. In dem Zustande, worein ich versunken war, h\u00e4tte ich mit dem h\u00f6llischen Geiste Kameradschaft getrunken, um einen Vertrauten zu haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Mann hatte sich aufs Gras hingestrekt, ich that ein Gleiches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDein Trunk hat mir wohl gethan, sagte ich. Wir m\u00fcssen bekannter werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr schlug Feuer seine Pfeiffe zu z\u00fcnden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eTreibst du das Handwerk schon lange?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr sah mich fest an. Was wilst du damit sagen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWar <i>das<\/i> schon oft blutig? Ich zog das Messer aus seinem G\u00fcrtel.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer bist du? sagte er schr\u00f6klich und legte die Pfeiffe von sich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin M\u00f6rder wie du \u2013 aber nur erst ein Anf\u00e4nger.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Mann sah mich steif an, und nahm seine Pfeiffe wieder.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu bist nicht hier zu Hau\u00dfe, sagte er endlich?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDrei Meilen von hier. Der Sonnenwirth in L &#8230;.. wenn du von mir geh\u00f6rt hast.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Mann sprang auf wie ein Bese\u00dfner. Der Wildsch\u00fcze Wolf? schrie er hastig.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer n\u00e4mliche.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWillkommen Kamerad! Willkommen! rief er und sch\u00fcttelte mir kr\u00e4ftig die H\u00e4nde. Das ist brav, da\u00df ich dich endlich habe, Sonnenwirth. Jahr und Tag schon sinn ich darauf, dich zu kriegen. Ich kenne dich recht gut. Ich wei\u00df um alles. Ich habe lange auf dich gerechnet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAuf mich gerechnet? Wozu denn?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie ganze Gegend ist voll von dir. Du hast Feinde, ein Amtmann hat dich gedr\u00fckt, Wolf. Man hat dich zu Grunde gerichtet, himmelschreiend ist man mit dir umgegangen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Mann wurde hizig \u2013 Weil du ein paar Schweine geschossen hast, die der F\u00fcrst auf unsern Aekern und Feldern f\u00fcttert, haben sie dich Jahre lang im Zuchthau\u00df und auf der Vestung herumgezogen, haben sie dich um Hau\u00df und Wirthschaft bestohlen, haben sie dich zum Bettler gemacht. Ist es dahin gekommen, Bruder, da\u00df der Mensch nicht mehr gelten soll als ein Haase? Soll ein Unterthan des F\u00fcrsten f\u00fcr eine wilde Sau des F\u00fcrsten zum Geisel dienen? Sind wir nicht besser, als das Vieh auf dem Felde? \u2013 Und ein Kerl wie du konnte das dulden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKonnt\u2019 ichs \u00e4ndern?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas werden wir ja wohl sehen. Aber sage mir doch, woher k\u00f6mmst du denn jezt, und was f\u00fchrst du im Schilde?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch erz\u00e4hlte ihm meine ganze Geschichte. Der Mann, ohne abzuwarten, bis ich zu Ende war, sprang mit froher Ungeduld auf, und mich zog er nach. Komm Bruder Sonnenwirth, sagte er, <i>jezt<\/i> bist du <i>reif,<\/i> jezt hab ich dich, wo ich dich brauchte. Ich werde Ehre mit dir einlegen. Folge mir.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWo willst du mich hinf\u00fchren?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFrage nicht lange. Folge! \u2013 Er schleppte mich mit Gewalt fort.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir waren eine kleine Viertelmeile gegangen. Der Wald wurde immer absch\u00fc\u00dfiger, unwegsamer und wilder, keiner von uns sprach ein Wort, bis mich endlich die Pfeiffe meines F\u00fchrers aus meinen Betrachtungen aufschr\u00f6kte. Ich schlug die Augen auf, wir standen am schroffen Absturz eines Felsen, der sich in eine tiefe Kluft hinunterb\u00fckte. Eine zwote Pfeiffe antwortete aus dem innersten Bauche des Felsen, und eine Leiter kam, wie von sich selbst, langsam aus der Tiefe gestiegen. Mein F\u00fchrer kletterte zuerst hinunter, mich hie\u00df er warten, bis er wieder k\u00e4me. Erst mu\u00df ich den Hund an Ketten legen lassen, sezte er hinzu, du bist hier fremd, die Bestie w\u00fcrde dich zerrei\u00dfen. Damit gieng er.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJezt stand ich <i>Allein<\/i> vor dem Abgrund, und ich wu\u00dfte recht gut, da\u00df ich allein war. Die Unvorsichtigkeit meines F\u00fchrers entgieng meiner Aufmerksamkeit\u00a0nicht. Es h\u00e4tte mich nur einen beherzten Entschlu\u00df gekostet, die Leiter heraufzuziehen, so war ich frei, und meine Flucht war gesichert. Ich gestehe, da\u00df ich das einsah. Ich sah in den Schlund hinab, der mich jezt aufnehmen sollte, es erinnerte mich dunkel an den Abgrund der H\u00f6lle, woraus keine Erl\u00f6sung mehr ist. Mir fieng an vor der Laufbahn zu schaudern, die ich nunmehr betreten wollte, nur eine schnelle Flucht konnte mich retten. Ich beschlie\u00dfe diese Flucht \u2013 schon streke ich den Arm nach der Leiter aus \u2013 aber auf einmal donnerts in meinen Ohren, es umhallt mich wie Hohngel\u00e4chter der H\u00f6lle: <i>\u201eWas hat ein M\u00f6rder zu wagen?\u201c<\/i> \u2013 und mein Arm f\u00e4llt gel\u00e4hmt zur\u00fck. Meine Rechnung war v\u00f6llig, die Zeit der Reue war dahin, mein begangener Mord lag hinter mir aufgeth\u00fcrmt wie ein Fels, und sperrte meine R\u00fckkehr auf ewig. Zugleich erschien auch mein F\u00fchrer wieder, und k\u00fcndigte mir an, da\u00df ich kommen sollte. Jezt war ohnehin keine Wahl mehr. Ich kletterte hinunter.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir waren wenige Schritte unter der Felsmauer weggegangen, so erweiterte sich der Grund, und einige H\u00fctten wurden sichtbar. Mitten zwischen diesen \u00f6fnete sich ein runder Rasenplaz, auf welchem sich eine Anzahl von achtzehn bis zwanzig Menschen um ein Kohlfeuer gelagert hatte. Hier Kameraden, sagte mein F\u00fchrer, und stellte mich mitten in den Krais. Unser Sonnenwirth! hei\u00dft ihn willkommen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSonnenwirth! schrie alles zugleich, und alles fuhr auf, und dr\u00e4ngte sich um mich her, M\u00e4nner und Weiber. Soll ichs gestehn? Die Freude war ungeheuchelt und herzlich, Vertrauen, Achtung sogar erschien auf jedem Gesichte, dieser dr\u00fckte mir die Hand, jener sch\u00fcttelte mich vertraulich am Kleide, der Auftritt war wie das Wiedersehen eines alten Bekannten, der einem werth ist. Meine Ankunft hatte den Schmau\u00df unterbrochen, der eben anfangen sollte. Man sezte ihn sogleich fort, und n\u00f6thigte mich, den Willkomm zu trinken. Wildpret aller Art war die Malzeit, und die Weinflasche wanderte unerm\u00fcdet von Nachbar zu Nachbar. Wohlleben und Einigkeit schien die ganze Bande zu beseelen, und alles wetteiferte seine Freude \u00fcber mich z\u00fcgelloser an den Tag zu legen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan hatte mich zwischen zwo Weibspersonen sizen lassen, welches der Ehrenplaz an der Tafel war. Ich erwartete den Auswurf ihres Geschlechts, aber wie gro\u00df war meine Verwunderung, als ich unter dieser sch\u00e4ndlichen Rotte die sch\u00f6nste weibliche Gestalten entdekte, die mir jemals vor Augen gekommen. Margarete die \u00e4lteste und sch\u00f6nste von beiden lie\u00df sich Jungfer nennen, und konnte kaum f\u00fcnf und zwanzig seyn. Sie sprach sehr frech, und ihre Geb\u00e4rden sagten noch mehr. Marie die j\u00fcngere war verheurathet, aber einem Manne entlaufen, der sie mishandelt hatte. Sie war feiner gebildet, sah aber bla\u00df aus und schm\u00e4chtig, und fiel weniger ins Auge als ihre feurige Nachbarin. Beide Weiber eiferten auf einander, meine Begierden zu entz\u00fcnden, die sch\u00f6ne Margarete kam meiner Bl\u00f6digkeit\u00a0durch freche Scherze zuvor, aber das ganze Weib war mir zuwider, und mein Herz hatte die sch\u00fcchterne Marie auf immer gefangen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu siehst Bruder Sonnenwirth, fieng der Mann jezt an, der mich hergebracht hatte, du siehst, wie wir unter einander leben, und jeder Tag ist dem heutigen gleich. Nicht wahr Kameraden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJeder Tag wie der heutige,\u201c wiederholte die ganze Bande.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKannst du dich also entschlie\u00dfen, an unserer Lebensart Gefallen zu finden, so schlag ein und sei unser Anf\u00fchrer. Bi\u00df jezt bin <i>ich<\/i> es gewesen, aber <i>dir<\/i> will ich weichen. Seid ihrs zufrieden, Kameraden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin fr\u00f6hliches <i>Ja!<\/i> antwortete aus allen Kehlen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMein Kopf gl\u00fchte, mein Gehirne war bet\u00e4ubt, von Wein und Wollust siedete mein Blut. Die Welt hatte mich ausgeworfen wie einen Verpesteten \u2013 hier fand ich br\u00fcderliche Aufnahme, Wohlleben und Ehre. Welche Wahl ich auch treffen wollte, so erwartete mich <i>Tod<\/i>; hier aber konnte ich wenigstens mein Leben f\u00fcr einen h\u00f6heren Prei\u00df verkaufen. Wollust war meine w\u00fctendste Neigung, das andere Geschlecht hatte mir bi\u00df jezt nur Verachtung bewiesen, hier erwarteten mich Gunst und z\u00fcgellose Vergn\u00fcgungen. Mein Entschlu\u00df kostete mich wenig. \u201eIch bleibe bei <i>euch<\/i>Kameraden, rief ich laut mit Entschlossenheit, und trat mitten unter\u00a0die Bande, ich bleibe bei euch, rief ich nochmals, wenn ihr mir meine sch\u00f6ne Nachbarin abtretet.\u201c \u2013 Alle kamen \u00fcberein, mein Verlangen zu bewilligen, ich war erkl\u00e4rter Eigenth\u00fcmer einer Hure, und das Haupt einer Diebesbande.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den folgenden Theil der Geschichte \u00fcbergehe ich ganz, das blo\u00df abscheuliche hat nichts unterrichtendes f\u00fcr den Leser. Ein Ungl\u00fcklicher, der bi\u00df zu dieser Tiefe herunter sank, mu\u00dfte sich endlich alles erlauben was die Menschheit emp\u00f6rt \u2013 aber einen zweiten Mord begieng er nicht mehr, wie er selbst auf der Folter bezeugte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ruf dieses Menschen verbreitete sich in kurzem durch die ganze Provinz. Die Landstra\u00dfen wurden unsicher, n\u00e4chtliche Einbr\u00fcche beunruhigten den B\u00fcrger, der Name des Sonnenwirths wurde der Schr\u00f6ken des Landvolks, die Gerechtigkeit suchte ihn auf, und eine Pr\u00e4mie wurde auf seinen Kopf gesezt. Er war so gl\u00fcklich, jeden Anschlag auf seine Freiheit zu vereiteln, und verschlagen genug den Aberglauben des wunders\u00fcchtigen Bauren zu seiner Sicherheit zu benuzen. Seine Gehilfen mu\u00dften aussprengen, er habe einen Bund mit dem Teufel gemacht, und k\u00f6nne hexen. Der Distrikt, auf welchem er seine Rolle spielte, geh\u00f6rte damals noch weniger als jezt zu den aufgekl\u00e4rten Deutschlands, man glaubte diesem Ger\u00fcchte und seine Person war gesichert. Niemand zeigte Lust, mit dem gef\u00e4hrlichen Kerl anzubinden, dem der Teufel zu Diensten stund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Jahr schon hatte er das traurige Handwerk getrieben, als es anfieng ihm unertr\u00e4glich zu werden. Die Rotte an deren Spize er sich gestellt hatte, erf\u00fcllte seine gl\u00e4nzenden Erwartungen nicht. Eine verf\u00fchrerische Au\u00dfenseite hatte ihn damals im Taumel des Weines geblendet, jezt wurde er mit Schreken gewahr, wie abscheulich man ihn hintergangen hatte. Hunger und Mangel traten an die Stelle des Ueberflu\u00dfes, womit man ihn eingewiegt hatte; sehr oft mu\u00dfte er sein Leben an eine Mahlzeit wagen, die kaum hinreichte, ihn vor dem Verhungern zu sch\u00fczen. Das Schattenbild jener br\u00fcderlichen Eintracht verschwand, Neid und Argwohn, zwo scheu\u00dfliche Harpyen, w\u00fcteten im Herzen dieser verworfenen Bande. Die Gerechtigkeit hatte demjenigen, der ihn lebendig ausliefern w\u00fcrde, Belohnung, und wenn es ein Mitschuldiger w\u00e4re, noch eine feierliche Begnadigung zugesagt \u2013 eine m\u00e4chtige Versuchung f\u00fcr den Auswurf der Erde! Der Ungl\u00fckliche kannte seine Gefahr. Die Redlichkeit derjenigen, die Menschen und Gott verriethen, war ein schlechtes Unterpfand seines Lebens. Sein Schlaf war, von jezt an dahin, ewige Todesangst zerfra\u00df seine Ruhe, das gr\u00e4\u00dfliche Gespenst des Argwohns ra\u00dfelte hinter ihm wo er hinfloh, peinigte ihn, wenn er wachte, bettete sich neben ihm, wenn er schlafen gieng, und schr\u00f6kte ihn in entsezlichen Tr\u00e4umen. Das verstummte Gewissen gewann zugleich seine Sprache wieder, und die schlafende Natter der Reue wachte bei diesem allgemeinen Sturm seines Busens auf. Sein ganzer Ha\u00df\u00a0wandte sich jezt von der Menschheit, und kehrte seine schrekliche Schneide gegen ihn selber. Er vergab jezt der ganzen Natur, und fand niemand, als sich allein zu verfluchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Laster hatte seinen Unterricht an dem Ungl\u00fcklichen vollendet, sein nat\u00fcrlich guter Verstand siegte endlich \u00fcber die traurige T\u00e4uschung. Jezt f\u00fchlte er, wie tief er gefallen war, eine tiefe Schwermut trat an die Stelle knirrschender Verzweiflung. Er w\u00fcnschte mit Tr\u00e4nen die Vergangenheit zur\u00fck, jezt wu\u00dfte er gewi\u00df, da\u00df er sie ganz anders wiederholen w\u00fcrde. Er fieng an zu hoffen, da\u00df er noch rechtschaffen werden <i>d\u00fcrfte,<\/i> weil er bei sich empfand, du\u00df er es <i>k\u00f6nnte.<\/i> Auf dem h\u00f6chsten Gipfel seiner Verschlimmerung war er dem Guten n\u00e4her, als er vielleicht vor seinem ersten Fehltritt gewesen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um eben diese Zeit war der siebenj\u00e4hrige Krieg ausgebrochen, und die Werbungen giengen stark. Der Ungl\u00fckliche sch\u00f6pfte Hoffnung von diesem Umstand, und schrieb einen Brief an seinen Landesherrn, den ich auszugsweise hier einr\u00fcke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u201eWenn Ihre f\u00fcrstliche Huld sich nicht ekelt, bis zu <i>mir<\/i> herunter zu steigen, wenn Verbrecher <i>meiner<\/i> Art nicht au\u00dferhalb Ihrer Erbarmung liegen, so g\u00f6nnen <i>Sie<\/i> mir Geh\u00f6r, durchlauchtigster Oberherr. Ich bin M\u00f6rder und Dieb, das Gesez verdammt mich zum Tode, die Gerichte\u00a0suchen mich auf \u2013 und ich biete mich an, mich freiwillig zu stellen. Aber ich bringe zugleich eine seltsame Bitte vor Ihren Thron. Ich verabscheue mein Leben, und f\u00fcrchte den Tod nicht, aber schrecklich ist mirs zu sterben, ohne gelebt zu haben. Ich m\u00f6chte leben, um einen Theil des Vergangenen gut zu machen; ich m\u00f6chte leben, um den Staat zu vers\u00f6hnen den ich beleidigt habe. Meine Hinrichtung wird ein Beispiel seyn f\u00fcr die Welt, aber kein Ersaz meiner Thaten. Ich ha\u00dfe das Laster, und sehne mich feurig nach Rechtschaffenheit und Tugend. Ich habe F\u00e4higkeiten gezeigt, meinem Vaterland furchtbar zu werden, ich hoffe, da\u00df mir noch einige \u00fcbrig geblieben sind, ihm zu n\u00fczen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u201eIch wei\u00df, da\u00df ich etwas unerh\u00f6rtes begehre. Mein Leben ist verwirkt, mir steht es nicht an, mit der Gerechtigkeit Unterhandlung zu pflegen. Aber ich erscheine nicht in Ketten und Banden vor Ihnen \u2013 noch bin ich frei \u2013 und meine Furcht hat den kleinsten Antheil an meiner Bitte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u201eEs ist <i>Gnade<\/i> um was ich flehe. Einen Anspruch auf Gerechtigkeit, wenn ich auch einen h\u00e4tte, wage ich nicht mehr gelten zu machen \u2013 Doch an etwas darf ich meinen Richter erinnern. \u201eDie Zeitrechnung meiner Verbrechen f\u00e4ngt mit dem Urtheilspruch an, der mich auf immer um\u00a0meine Ehre brachte.\u201c W\u00e4re mir damals die Billigkeit minder versagt worden, so w\u00fcrde ich jezt vielleicht keiner Gnade bed\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u201eLassen <i>Sie<\/i> Gnade f\u00fcr Recht ergehen mein F\u00fcrst. Wenn es in Ihrer f\u00fcrstlichen Macht steht, das Gesez f\u00fcr mich zu erbitten, so schenken Sie mir das Leben. Es soll Ihrem Dienste von nun an gewidmet seyn. Wenn <i>Sie<\/i> es k\u00f6nnen, so lassen <i>Sie<\/i> mich Ihren gn\u00e4digsten Willen aus \u00f6ffentlichen Bl\u00e4ttern vernehmen, und ich werde mich auf Ihr f\u00fcrstliches Wort in der Hauptstadt stellen. Haben Sie es anders mit mir beschlossen, so thue die Gerechtigkeit denn das ihrige, ich mu\u00df das meinige thun.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Bittschrift blieb ohne Antwort, wie auch eine zwote und dritte, worinn der Supplikant um eine Reuterstelle im Dienste des F\u00fcrsten bat. Seine Hoffnung zu einem Pardon erlosch g\u00e4nzlich, er fa\u00dfte also den Entschlu\u00df aus dem Land zu fliehen, und im Dienste des K\u00f6nigs von Preu\u00dfen als ein braver Soldat zu sterben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er entwischte gl\u00fcklich seiner Bande, und trat diese Reise an. Der Weg f\u00fchrte ihn durch eine kleine Landstadt, wo er \u00fcbernachten wollte. Kurze Zeit vorher waren durch das ganze Land gesch\u00e4rftere Mandate zu strenger Untersuchung der Reisenden ergangen, weil der Landesherr, ein Reichsf\u00fcrst, im Kriege Parthei\u00a0genommen hatte. Einen solchen Befehl hatte auch der Thorschreiber dieses St\u00e4dtgens, der auf einer Bank vor dem Schlage sa\u00df, als der Sonnenwirth geritten kam. Der Aufzug dieses Mannes hatte etwas po\u00dfierliches, und zugleich etwas schrekliches und wildes. Der hagre Klepper, den er ritt, und die burleske Wahl seiner Kleidungsst\u00fcke, wobei wahrscheinlich weniger sein Geschmak als die Chronologie seiner Entwendungen zu Rath gezogen war, kontrastierte seltsam genug mit einem Gesicht, worauf so viele w\u00fcthende Affekte, gleich den verst\u00fcmmelten Leichen auf einem Wahlplaz, verbreitet lagen. Der Thorschreiber stuzte beim Anblik dieses seltsamen Wanderers. Er war am Schlagbaum grau geworden, und eine vierzigj\u00e4hrige Amtsf\u00fchrung hatte in ihm einen unfehlbaren Phisiognomen aller Landstreicher erzogen. Der Falkenblik dieses Sp\u00fcrers verfehlte auch hier seinen Mann nicht. Er sperrte sogleich das Stadtthor, und foderte dem Reuter den Pa\u00df ab, indem er sich seines Z\u00fcgels versicherte. Wolf war auf F\u00e4lle dieser Art vorbereitet, und f\u00fchrte auch wirklich einen Pa\u00df bei sich, den er ohnl\u00e4ngst von einem gepl\u00fcnderten Kaufmann erbeutet hatte. Aber dieses einzelne Zeugni\u00df war nicht genug, eine vierzigj\u00e4hrige Observanz umzusto\u00dfen, und das Orakel am Schlagbaum zu einem Widerruf zu bewegen. Der Thorschreiber glaubte seinen Augen mehr als diesem Papiere, und Wolf war gen\u00f6thigt ihm nach dem Amthau\u00df zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Oberamtmann des Orts untersuchte den Pa\u00df, und erkl\u00e4rte ihn f\u00fcr richtig. Er war ein starker Anbeter der Neuigkeit, und liebte besonders bei einer Bouteille \u00fcber die Zeitung zu plaudern. Der Pa\u00df sagte ihm, da\u00df der Besizer geradeswegs aus den feindlichen L\u00e4ndern k\u00e4me, wo der Schauplaz des Krieges war. Er hofte Privatnachrichten aus dem Fremden herauszuloken, und schikte einen Sekretair mit dem Pa\u00df zur\u00fck, ihn auf eine Flasche Wein einzuladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdessen h\u00e4lt der Sonnenwirth vor dem Amthau\u00df; das l\u00e4cherliche Schauspiel hat den Janhagel des St\u00e4dtgens schaarenwei\u00df um ihn her versammelt. Man murmelt sich in die Ohren, deutet wechselsweis auf das Ro\u00df und den Reuter, der Muthwille des P\u00f6bels steigt endlich bis zu einem lauten Tumult. Ungl\u00fcklicherweise war das Pferd, worauf jezt alles mit Fingern wies, ein geraubtes; er bildet sich ein, das Pferd sey in Stekbriefen beschrieben und erkannt. Die unerwartete Gastfreundlichkeit des Oberamtmanns vollendet seinen Verdacht. Jezt h\u00e4lt er\u2019s f\u00fcr ausgemacht, da\u00df die Betr\u00fcgerei seines Pa\u00dfes verrathen, und diese Einladung nur die Schlinge sey, ihn lebendig und ohne Widersezung zu fangen. B\u00f6ses Gewissen macht ihn zum Dummkopf, er giebt seinem Pferde die Sporen, und rennt davon, ohne Antwort zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese pl\u00f6zliche Flucht ist die Losung zum Aufstand. \u201eEin Spizbube:\u201c ruft alles, und alles st\u00fcrzt hinter ihm her. Dem Reuter gilt es um Leben und\u00a0Tod, er hat schon den Vorsprung, seine Verfolger keuchen athemlos nach, er ist seiner Rettung nahe \u2013 aber eine schwere Hand dr\u00fckt unsichtbar gegen ihn, die Uhr seines Schiksals ist abgelaufen, die unerbittliche Nemesis h\u00e4lt ihren Schuldner an. Die Ga\u00dfe, der er sich anvertraute, endigt in einem Sak, er mu\u00df r\u00fckw\u00e4rts gegen seine Verfolger umwenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lerm dieser Begebenheit hat unterdessen das ganze St\u00e4dtgen in Aufruhr gebracht, Haufen sammeln sich zu Haufen, alle Ga\u00dfen sind gesperrt, ein Heer von Feinden k\u00f6mmt im Anmarsch gegen ihn her. Er zeigt eine Pistole, das Volk weicht, er will sich mit Macht einen Weg durchs Gedr\u00e4nge bahnen. \u201eDieser Schu\u00df, ruft er, soll dem Tollk\u00fchnen, der mich halten will.\u201c \u2013 Die Furcht gebietet eine allgemeine Pause \u2013 ein beherzter Schlo\u00dfergeselle endlich f\u00e4llt ihm von hinten her in den Arm, und fa\u00dft den Finger, womit der Rasende eben losdr\u00fcken will, und dr\u00fckt ihn aus dem Gelenke. Die Pistole f\u00e4llt, der wehrlose Mann wird vom Pferde herabgerissen, und im Triumphe nach dem Amthau\u00df zur\u00fck geschleppt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer seyd ihr? fr\u00e4gt der Richter mit ziemlich brutalem Ton.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin Mann, der entschlossen ist, auf keine Frage zu antworten, bis man sie h\u00f6flicher einrichtet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer sind <i>Sie<\/i>?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eF\u00fcr was ich mich ausgab. Ich habe ganz Deutschland durchreist, und die Unversch\u00e4mtheit nirgends, als hier, zu Hau\u00dfe gefunden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhre schnelle Flucht macht sie sehr verd\u00e4chtig. Warum flohen sie?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWeil ich\u2019s m\u00fcde war, der Spott ihres P\u00f6bels zu seyn.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSie drohten, Feuer zu geben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMeine Pistole war nicht geladen.\u201c Man untersuchte das Gewehr, es war keine Kugel darinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWarum f\u00fchren sie heimliche Waffen bei sich?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWeil ich Sachen von Werth bei mir trage, und weil man mich vor einem gewissen Sonnenwirth gewarnt hat, der in diesen Gegenden streifen soll.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhre Antworten beweisen sehr viel f\u00fcr ihre Dreistigkeit, aber nichts f\u00fcr ihre gute Sache. Ich gebe ihnen Zeit bis morgen, ob sie mir die Wahrheit entdeken wollen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch werde bei meiner Aussage bleiben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan f\u00fchre ihn nach dem Thurm.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNach dem Thurm? \u2013 Herr Oberamtmann, ich hoffe, es giebt noch Gerechtigkeit in diesem Lande. Ich werde Genugthuung fodern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch werde sie ihnen geben, sobald sie gerechtfertigt sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Morgen darauf \u00fcberlegte der Oberamtmann, der Fremde m\u00f6chte doch wol unschuldig seyn, die befehlshaberische Sprache w\u00fcrde nichts \u00fcber seinen Starrsinn verm\u00f6gen, es w\u00e4re vielleicht besser gethan, ihm mit Anstand und M\u00e4\u00dfigung zu begegnen. Er versammelte die Geschwornen des Orts, und lie\u00df den Gefangenen vorf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVerzeihen sie es der ersten Aufwallung, mein Herr, wenn ich sie gestern etwas hart anlie\u00df.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSehr gern, wenn sie mich so fassen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnsre Geseze sind strenge, und ihre Begebenheit machte Lerm. Ich kann sie nicht frei geben, ohne meine Pflicht zu verlezen. Der Schein ist gegen sie. Ich w\u00fcnschte, sie sagten mir etwas, wodurch er widerlegt werden k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn ich nun nichts w\u00fc\u00dfte?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSo mu\u00df ich den Vorfall an die Regierung berichten, und sie bleiben so lang in fester Verwahrung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd dann?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDann laufen sie Gefahr, als ein Landstreicher \u00fcber die Gr\u00e4nze gepeitscht zu werden, oder wenns gn\u00e4dig geht, unter die Werber zu fallen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schwieg einige Minuten, und schien einen heftigen Kampf zu k\u00e4mpfen; dann drehte er sich rasch zu dem Richter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKann ich auf eine Viertelstunde mit ihnen allein seyn?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschwornen sahen sich zweideutig an, entfernten sich aber auf einen gebietenden Wink ihres Herrn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNun, was verlangen sie?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhr gestriges Betragen, Herr Oberamtmann, h\u00e4tte mich nimmermehr zu einem Gest\u00e4ndni\u00df gebracht, denn ich troze der Gewalt. Die Bescheidenheit, womit sie mich heute behandeln, hat mir Vertrauen und Achtung gegen sie gegeben. Ich glaube, da\u00df sie ein edler Mann sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas haben sie mir zu sagen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch sehe, da\u00df sie ein edler Mann sind. Ich habe mir l\u00e4ngst einen Mann gew\u00fcnscht wie sie. Erlauben sie mir Ihre rechte Hand.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWo will das hinaus?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDieser Kopf ist grau und ehrw\u00fcrdig. Sie sind lang in der Welt gewesen \u2013 haben der Leiden wohl viele gehabt \u2013 Nicht wahr? und sind menschlicher worden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMein Herr \u2013 Wozu soll das?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSie stehen noch einen Schritt von der Ewigkeit, bald \u2013 bald brauchen sie Barmherzigkeit bei Gott. Sie werden sie Menschen nicht versagen. \u2013 \u2013 Ahnen sie nichts? Mit wem glauben sie, da\u00df sie reden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas ist das? Sie erschr\u00f6ken mich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAhnden sie noch nicht? \u2013 Schreiben sie es ihrem F\u00fcrsten, wie sie mich fanden, und da\u00df ich selbst aus freier Wahl mein Verr\u00e4ther war \u2013 da\u00df <i>ihm<\/i> Gott einmal gn\u00e4dig seyn werde, wie <i>er<\/i> jezt mir es seyn wird \u2013 bitten sie f\u00fcr mich, alter Mann, und lassen sie dann auf ihren Bericht eine Tr\u00e4ne fallen: Ich bin der Sonnenwirth.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Regelm\u00e4\u00dfig wird im Zusammenhang mit der Novelle die von Paul Heyse formulierte \u201eFalkentheorie\u201c angef\u00fchrt, die die Kategorien der Silhouette (Konzentration auf das Grundmotiv im Handlungsverlauf) und des Falken (Dingsymbol f\u00fcr das jeweilige Problem der Novelle) als novellentypisch benennt. Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Heilkunst und Di\u00e4tetik, wenn die Aerzte aufrichtig seyn wollen, haben ihre besten Entdekungen und heilsamsten Vorschriften vor Kranken- und Sterbe-Betten gesammelt. Leichen\u00f6fnungen, Hospit\u00e4ler und Narrenh\u00e4u\u00dfer haben das helleste Licht in der Phisiologie angez\u00fcndet. Die Seelenlehre, die Moral, die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/09\/verbrecher-aus-infamie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":73,"featured_media":99271,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[497],"class_list":["post-79266","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-schiller"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79266","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/73"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79266"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79266\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100138,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79266\/revisions\/100138"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99271"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79266"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79266"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}