{"id":79240,"date":"2022-04-26T00:01:14","date_gmt":"2022-04-25T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79240"},"modified":"2022-02-24T07:12:53","modified_gmt":"2022-02-24T06:12:53","slug":"der-erste-schultag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/26\/der-erste-schultag\/","title":{"rendered":"Der erste Schultag"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr Rektor Borchert sa\u00df auf seinem Katheder und ging die eingelaufenen Briefe durch. Es waren wieder drei St\u00fcck. Der erste war auf grobem, grauem Armeleutspapier geschrieben und kaum zu entziffern.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er lautete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHerr Borchert<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich mus ser bedauern das ich Ihnen mit meine wenigkeit bel\u00e4stigen mus da sie mein 6 J\u00e4hries Mendchen so gebrigelhaben das nach drei Tage noch braun un blau aus sa da ich mich gen\u00f6thich finde andre wege zu suchn denn das kann mol ein jeder drum bezale ich mein Schulgelt nich das is nu zu zweiten mal das das Kind zu Hause komt one ein Knopff an das kleid zu habn das andre Kindr ihr die sticken nachbringen<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: justify;\">Frau Gorges.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Borchert hatte das Schreiben wieder sorgf\u00e4ltig zusammengefaltet und steckte es vorsichtig in sein Kuvert zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">No. 167!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit Blaustift! Das hob sich so besser ab und war \u00fcbersichtlicher &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">An der Sieben besserte er noch ein klein wenig nach. Der Haken hinten schien ihm noch nicht schwungvoll genug.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der geh\u00f6rte in die Schublade rechts. Die Schublade links war f\u00fcr die \u00bbKnubbels\u00ab reserviert \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Neben ihm stand eine Tasse Kaffee. Er nahm jetzt einen kleinen, behaglichen Schluck draus und ritzte dann auch den zweiten Brief auf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dieser war wom\u00f6glich noch undeutlicher geschrieben und nicht einmal frankiert gewesen. Aber das tat nichts.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diese reizende kleine Sammlung war ja seine einzige Freude &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er las:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHerr Lehrer.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich bitte mein Sohn Emil zu enschulligen weil er die Schule vers\u00e4umt er hatt so schlimme Augen da bitte ich schon in Bischen R\u00fccksicht zu nehmen und m\u00e4chte si zuchleich bitten den Kindern nicht so ausversch\u00e4mt zu hauhen des sie abgeschunden zu hause kommen<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: justify;\">Herzlichen Gru\u00df Frau Munk.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">No. 203 a!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Herr Borchert hatte seine kleinen, pechschwarzen Ferkel\u00e4ugelchen pr\u00fcfend dem interessanten Dokument gen\u00e4hert.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gelbes Konzeptpapier und die Linien drauf mit dem stumpfen Ende einer Schere gezogen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">No. 203 a!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Blau drauf nahm sich sehr sch\u00f6n aus. Nur den Fettfleck! Den Fettfleck hier links neben der Unterschrift h\u00e4tte sich die gute Frau Munk sparen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich jetzt hinten sein gro\u00dfes, rotbaumwollnes Taschentuch aus der Rocktasche gezogen und schneuzte sich. Dagegen! Dieses dritte Ding! Ordentlich manierlich!<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Holz-Hamlet\" name=\"86\">[86]<\/a><\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Linien auf dem bla\u00dfrosa Kuvert waren augenscheinlich zuerst mit Bleistift gezogen und dann sorgf\u00e4ltig nachradiert. Au\u00dferdem wies auch die R\u00fcckseite noch ein Siegel auf, zu dessen Petschaft ein Zw\u00f6lfschillingsst\u00fcck gedient hatte. Es sah gradezu wohlhabend aus!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das zierliche Briefchen lautete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSehr geehrter Herr Borchert!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich frage gehorsamst an warum Sie mein Kind am 31. dieses Monatts das Gesicht blau geschlagen haben, oder ob Sie \u00fcberhaupt das Recht dazu haben, ein Kind so zu schlagen da\u00df es im Gesicht blau ist, denn wenn das Kind w\u00fcrde am Geh\u00f6r davon leiden, was leicht m\u00f6glich sein kann, w\u00fcrden und k\u00f6nnten Sie Ihn die Gesundheit wieder schaffen? Geehrter Herr Sie wissen vielleicht nicht wie sauer einem die Kinder werden, Ich habe mein Gott gedanckt da\u00df ich gesunde Kinder habe und nun bin ich nich willens; da\u00df ich, Meine Kinder von Ihn ungesund schlagen lasse, also ich bitte Sie da\u00df nich noch einmal zu riskiren sonst konnte es etwas darauff folgen.<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: justify;\">Hochachtungsvoll Frau Kuhlmann,<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: justify;\">Georgenstra\u00dfe 19.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Borchert l\u00e4chelte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nummero zweihundertundvier!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn er sich nicht irrte, war diese liebensw\u00fcrdige Frau Kuhlmann schon seit zirka einem Vierteljahr Witwe. Herr Kuhlmann mu\u00dfte ihr so eine Art Seifenladen hinterlassen haben. Hm &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Was nun?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er g\u00e4hnte. Ein Ri\u00df oben, mitten in der wei\u00dfen Decke, interessierte ihn lebhaft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Eine kleine Weile verging.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sssss &#8230; ssss &#8230; sss &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein dicker, blauer Brummer stie\u00df mit seinem Sch\u00e4del fortw\u00e4hrend gegen das Fenster und summte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ah! Richtig! &#8230; Die Noten! Er wollte ja heute noch Notenlinien ziehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bon!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er entkorkte das Tintfa\u00df. Die dicke, dumme musca domestica hatte aufgeh\u00f6rt, gegen die Scheibe zu sto\u00dfen, seine Feder pfl\u00fcgte regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber das Papier &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Klasse war es ganz still. Die Vormittagssonne, die durch alle drei Fenster zugleich schien, f\u00fcllte den ganzen Raum. Er war viereckig und mit einer sehr h\u00e4\u00dflichen, blauen Wasserfarbe angemalt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kein Kind r\u00fchrte sich!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie hatten alle ihre kleinen, dicken H\u00e4ndchen fest zusammengefaltet und nun vollauf damit zu tun, ihren Atem m\u00f6glichst regelm\u00e4\u00dfig durch ihre kleinen, kreisrunden Nasl\u00f6cherchen zu blasen. Sie brauchten dabei zugleich nicht so den fremden, aus Lack und Schulstaub gemischten Geruch in sich einzuziehen, der in dem ganzen Zimmer die einzige Luft war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ihre kleinen, kirschroten M\u00e4ulerchen dabei aufzusperren, trauten sie sich nicht. Der Herr Rektor Borchert, der vorn vor der gro\u00dfen, schwarzen Tafel hinter dem grauenhaften, gelben Holzgestell wie ein alter, hungriger Rabe dasa\u00df, der auf ein St\u00fcck Fleisch lauerte, beobachtete sie zu scharf. Es war wirklich schrecklich! Namentlich wenn man so dumm war und vorn auf der ersten Bank sa\u00df &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Fliegen, die ihnen \u00fcber die Nasen liefen, hatten gut bei\u00dfen. Die kleinen \u00bbKnubbels\u00ab zwinkerten nicht einmal mit den Augen. Der Herr Rektor Borchert hatte es ihnen streng verboten. Sie sollten sie nur alle still in die Tintf\u00e4sser vor sich stecken und ihn nicht so anglupen. Sonst gab&#8217;s was mit seinem Fuchsschwanz! Oh!!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich taten die kleinen W\u00fcrmerchen das auch und sahen alle sehr ernsthaft aus. Nur schrecklich rot waren sie dabei.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja! Es war ganz still in der Klasse &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen, hinter dem gro\u00dfen, runden Kastanienbaum, der mit seinen sch\u00f6nen, bunten Bl\u00fcten in einem fort gegen das dritte Fenster schlug, funkelte eine Turmspitze in den Himmel.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sonst sah man weiter nichts.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nur dr\u00fcben, hoch, auf der anderen Seite des Marktes, die alte Rathausuhr, die auf ihrem schr\u00e4gen, lichtblauen Schieferdach wie ein runder, wei\u00dfer Klecks lag.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die kleine, schwarze Luke drunter war heute mit dem gro\u00dfen, goldnen Spicker dr\u00fcben, der sich aber auf der Wetterseite bereits dick mit Gr\u00fcnspan \u00fcberzogen hatte, durch ein Seil verbunden. Dieses Seil war dick mit Kreide beschmiert und zerschnitt den Himmel in zwei gro\u00dfe, dunkelblaue H\u00e4lften. Denn es war heute Jahrmarkt im St\u00e4dtchen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ari-ben-Aribell, der gr\u00f6\u00dfte Seilk\u00fcnstler beider Welten, wollte dort unter hohem Permi\u00df eines gestrengen Herrn B\u00fcrgermeisters einem geneigten Publico mit seinen halsbrecherischen Produktionen aufwarten. Auf dem gro\u00dfen, zeisiggr\u00fcnen Plakat, das der dicke Metzelthien schon am vergangenen Sonnabend unten an die Rathaust\u00fcr geklebt hatte, war das alles aufs sch\u00f6nste abgemalt gewesen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die \u00bbKnubbels\u00ab wu\u00dften das.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ihre kleinen, verstockten Herzen schlugen, wenn sie daran dachten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jeden Augenblick konnte jetzt dieser schreckliche Ari-ben-Aribell seinen Kopf, der ganz rot und wei\u00df war und grade wie bei einem Teufel aussah, dr\u00fcben aus dem Rathausdach stecken und dann mit seinen merkw\u00fcrdigen, gro\u00dfen, kirschroten Str\u00fcmpfen, die ihm hinten bis an den Popo gingen, mitten durch den Himmel bis hoch oben grade auf die Kirchturmspitze klettern! Dort sollte er sich dann mitten auf die gro\u00dfe, goldne Kugel stellen und einen wirklichen, schneewei\u00dfen Vogel in die Luft werfen! Eine Taube oder einen L\u00e4mmergeier! Diese Taube oder dieser L\u00e4mmergeier flog dann dreimal rund um die ganze Stadt rum und setzte sich dann zuletzt wieder auf seine goldpapierne M\u00fctze zur\u00fcck!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel, der aber ganz und gar bucklig war und dabei mit seinem Finger in das Plakat noch ein gro\u00dfes, rundes Loch gebohrt hatte, Kotel Thiel hatte sogar erz\u00e4hlt, da\u00df er zuletzt auch noch aus einem gro\u00dfen, unsichtbaren Sack allerlei Rarit\u00e4ten \u2013 Zuckerkringel, Knackmandeln und Apfelsinen! \u2013 unten unter die Pudels werfen w\u00fcrde!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die \u00bbPudels\u00ab waren die Stra\u00dfenjungens.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja! Die! Die!!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Zuckerkringel, Knackmandeln und Apfelsinen! Und nun mu\u00dfte man hier still in der Schule sitzen und seine Augen immerzu in die dummen, langweiligen, schwarzen Tintf\u00e4sser stecken.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war wirklich zu schrecklich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sonne, die bis jetzt nur \u00fcber die Wand und die vielen kleinen, gr\u00fcnen M\u00fctzen dran gestrichen war, hatte sich unterdessen endlich auch an das Katheder herangewagt<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Holz-Hamlet\" name=\"90\">[90]<\/a> und fing nun an, dem Herrn Rektor Borchert die F\u00e4den an seinem schwarzen Rock\u00e4rmel nachzuz\u00e4hlen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine Notenfeder hatte er wieder weggelegt. Er pulte sich jetzt mit seinem Federmesserchen die N\u00e4gel aus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vor ihm stand ein gro\u00dfes, viereckiges Ding, in dem lauter rote, kupferne Dr\u00e4hte aufgespannt waren, auf die man wieder sehr, sehr viele bunte Kugeln gespickt hatte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das war die Rechenmaschine.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn der Herr Rektor Borchert wollte, konnte er sie stellen, wie er Lust hatte. Aber er hatte heute keine. Er pulte sich nur die N\u00e4gel aus &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich sah der Herr Rektor Borchert auf. Hinten, dicht neben der T\u00fcr, hatte eben eine Bank geknarrt. Die \u00bbKnubbels\u00ab hatten sich alle unwillk\u00fcrlich tiefer geduckt. Seine kleinen, zugekniffenen Ferkel\u00e4ugelchen sahen jetzt gr\u00fcn aus. Der kleine Jonathan, der ihn die ganze Zeit \u00fcber angeschult hatte, steckte seine gro\u00dfen, blauen Jungensaugen wieder schnell in sein Tintfa\u00df.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ari-ben-Aribell h\u00e4tte jetzt getrost aus seiner Dachluke klettern k\u00f6nnen. Nicht um alle Zuckerbrezeln der Welt h\u00e4tte der kleine Jonathan nach ihm hinschmustern m\u00f6gen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber er h\u00e4tte es ruhig tun k\u00f6nnen! Der Herr Rektor Borchert hatte sich schon l\u00e4ngst wieder beruhigt. Die Sache war eben, da\u00df das \u00bbSchweinzeug\u00ab vor ihm Respekt hatte. Und das \u00bbSchweinzeug\u00ab hatte Respekt vor ihm.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Den Teufel auch!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das \u00bbSchweinzeug\u00ab war seine Klasse. Sie anders zu titulieren war ihm noch nie eingefallen. Die einzelnen Individuen hie\u00dfen \u00bbKnubbels\u00ab.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja! Es war alles wieder ganz still. Nur die Fliege, die wieder summte, und dahinter das dunkle, dumpfe Gebrande, das unten vom Markt her an die hohen, festen Doppelfenster schlug. Dazwischen ab und zu eine Knubbelnase, die schnurchelte &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan sa\u00df da wie tot.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seit heute morgen hatte er vor dem Herrn Rektor Borchert einen furchtbaren Respekt bekommen. Kotel Thiel war nicht halb so schlimm! Schon sein Gesicht war so gr\u00e4\u00dflich! Er sah es \u00fcberall!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen auf dem gro\u00dfen, runden Kastanienbaum, der mit seinen Bl\u00fcten wie ein Weihnachtsbaum aussah, mu\u00dfte es jetzt grade oben auf der Spitze umhertanzen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wipp-wapp-wipp-wapp-wipp-wapp \u2013 immerzu, immerzu!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auch jetzt, aus dem h\u00e4\u00dflichen, schwarzen Tintfa\u00df schwamm es in die H\u00f6he!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan sah es ganz genau.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war wei\u00df und dick, wie aus Mehlkleister gemacht, und hatte als Augen zwei kleine, funkelnde Rosinen drin. Dabei hatten sich seine Haare wie solche Schweinsborsten in die H\u00f6he gestr\u00e4ubt und waren knallrot. Au\u00dferdem hatten ihm auch die Sommersprossen die ganze dicke Nase noch mit gelben Pickeln betupft. Sicher, er sah noch scheu\u00dflicher aus als der Schornsteinfeger Killkant!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan war trostlos.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nein! Lieber machte er seine Augen schon fest zu. \u2013<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oh! Heute morgen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich so gefreut! So zum ersten Male in die Schule gehn zu d\u00fcrfen und dort so klug zu werden, da\u00df man zuletzt ein Geographiebuch hatte und Afrika draus lernte, gewi\u00df, das war zu sch\u00f6n! Zu sch\u00f6n!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine neue, rotlinierte Schiefertafel war so h\u00fcbsch rein abgewischt gewesen, seine Fibel in solch einen dicken, blauen Umschlag geh\u00e4ngt und sein Federkasten, der ganz mit Abziehbildern beklebt war, voll lauter Steingriffel.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kaffee hatte er schon gar nicht mehr getrunken. Er hatte nur immer am Fenster gestanden und an dem sch\u00f6nen, bunten Blumenstrau\u00df gerochen, den er dem Herrn Rektor auf das gro\u00dfe Klassenbuch legen sollte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gewi\u00df! Er wollte nur noch immer in die Schule gehn! Nur noch immer in die Schule und dort so klug wie Papa werden!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ach! Da\u00df das so schwer war, hatte er nie gedacht!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So drei ganze, ausgeschlagene Stunden auf ein und derselben dummen Bank sitzen und dabei immer in ein und dasselbe dumme Tintfa\u00df sehn m\u00fcssen war keine Kleinigkeit. Ja! Es war sogar eine Gemeinheit! Eine richtige Gemeinheit! Man durfte nicht einmal husten!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und dann \u2013 der sch\u00f6ne, sch\u00f6ne bunte Strau\u00df! Das alte Pferd hatte ihn genommen und zum Fenster rausgeworfen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dummheit! hatte es gesagt, Dummheit! Blumen stinken! Pfui!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und dabei hatte doch Mama sie gepfl\u00fcckt, und das blaue Band drum hatte Mama auch gebunden und Mama hatte sich so gefreut und Mama war so gut und &#8230; Nein! Es war zu gemein! Zu gemein!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan war in Tr\u00e4nen ausgebrochen. \u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine B\u00e4ckermeister Trimpeter, der dicht neben ihm sa\u00df und schon seit einer halben Stunde wirklich gar zu gerne mal \u00bbrausgegangen\u00ab w\u00e4re, nahm die Gelegenheit wahr und weinte gleich mit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hinter ihm sa\u00df der kleine Lewin.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ihm war eben eine Fliege ins Genick gekrochen und dann so lange auf ihm rumgetappelt, bis sie ihm jetzt richtig mitten vorn auf dem Bauch sa\u00df.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er h\u00e4tte es nat\u00fcrlich am liebsten ebenso gemacht wie der dicke, dumme Apothekerjunge. Aber der schauderhaft dicke Fuchsschwanz, den der Herr Rektor Borchert vorn unter seinen Rock gekn\u00f6pft trug, hatte ihm einen zu gewaltigen Respekt eingejagt. Er begn\u00fcgte sich damit, die grauenhaftesten Gesichter zu schneiden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Konditor Knorr, der kleine Steuereinnehmer Zippe und der kleine Schiffszimmermeister Bohl waren nicht halb so standhaft. Es war, als ob sie alle nur gewartet h\u00e4tten, da\u00df einer damit anfing. Sie weinten jetzt, da\u00df ihnen die Tr\u00e4nen nur so von den Backen runtertropften. Es war die reine Meuterei!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchweinzeug!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit einem Ruck war jetzt der Herr Rektor Borchert aufgesprungen und hatte seinen Fuchsschwanz gez\u00fcckt. Die Rechenmaschine war quer \u00fcber die schwarze Kathederplatte geschlagen, das kleine Federmesserchen lag unten neben dem eisernen Spucknapf auf der sandigen Diele.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchweinzeug!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er schnaubte!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das \u00bbSchweinzeug\u00ab war wieder ganz muckchenstill geworden. Nur der Kastanienbaum drau\u00dfen, der seine scharfger\u00e4nderten Zacken \u00fcber die B\u00e4nke zittern lie\u00df, und die Sonne, die dazwischen glitzerte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der gr\u00e4uliche Fuchsschwanz, mit dem der schreckliche Mensch dort oben eben auf seinen gelben Tisch geschlagen, hatte alle Tr\u00e4nen, die das Schweinzeug noch vergie\u00dfen wollte, mausetot gemacht. Die kleinen Str\u00e4flinge sa\u00dfen jetzt wieder alle da wie schlecht angemalte Holzpuppen. Blo\u00df ihre Gesichter waren noch r\u00f6ter geworden und ihre Augen, statt in die Tintf\u00e4sser, alle auf den f\u00fcrchterlichen Fuchsschwanz gerichtet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ari-ben-Aribell, der gr\u00f6\u00dfte Seilk\u00fcnstler beider Welten, der dr\u00fcben unter seinem Rathausdache auf diesen Moment nur gewartet zu haben schien, war hinterlistig genug, grade jetzt seinen gr\u00e4\u00dflichen Hampelmannskopf aus seiner Luke zu stecken.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine gro\u00dfe, goldpapierne M\u00fctze reichte mit ihrer Spitze bis grade oben ins Zifferblatt. Er hatte sich seine Backen mit Mehl eingerieben und seine Nase mit Zinnober bepinselt. Um seinen Leib hatte er eine dicke Badehose aus Sammet an, die ganz kohlschwarz war und au\u00dferdem noch mit kleinen, silbernen Flinkern bestickt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nachdem er sich vor dem vor Erwartung lautlosen Publico unten dreimal verbeugt und zwischendurch seine lange, goldgelbe Balancierstange ebenso viele Male hoch in die Luft \u00fcber sich gewirbelt hatte, setzte er jetzt seinen linken, zierlichen Schuh vorsichtig auf das straffe, wei\u00dfe Seil und war bereits bis auf die Mitte desselben get\u00e4nzelt, noch ehe die verbl\u00fcfften Bauern unten Zeit gefunden hatten, ihre M\u00e4uler aufzusperren.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kein Knubbel ahnte etwas!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Katastrophe drau\u00dfen hatte sich vollzogen, ohne da\u00df sie auch nur an sie gedacht hatten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die wirklichen, schneewei\u00dfen Tauben und L\u00e4mmergeier<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Holz-Hamlet\" name=\"95\">[95]<\/a> waren jetzt alle vergessen. Nur der Fuchsschwanz existierte noch. Nur der Fuchsschwanz! Ihre gro\u00dfen, erschreckten Augen hatten sie alle sperrangelweit aufgerissen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nur der kleine Lewin nicht! Er hatte eben mit Schrecken gemerkt, wie die sch\u00e4ndliche Fliege ihm grade den Bauch rauf in die H\u00f6he kroch und an seinem Nabel haltmachte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Uaaah!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er brach jetzt, um nicht wie die andern vorhin zu weinen und so den Herrn Rektor Borchert noch mehr zu erz\u00fcrnen, in ein gr\u00e4\u00dfliches Lachen aus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan wurde wei\u00df wie Kreide.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gewi\u00df! Jetzt schlug er ihn tot!!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er mochte gar nicht hinsehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber er h\u00e4tte ruhig hinsehen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Herr Rektor Borchert schlug den frechen Judenl\u00fcmmel nicht tot. Dem Herrn Rektor Borchert fiel das gar nicht ein. Der Herr Rektor Borchert betrieb sein Handwerk weit gr\u00fcndlicher. Er hatte sein System. Und von diesem System wich er nie ab. Der Fuchsschwanz war nur sein Schreckmittel. Sein Z\u00fcchtigungsmittel, sein eigentliches Z\u00fcchtigungsmittel, war sein Siegelring.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Entschieden! Man mu\u00dfte Grunds\u00e4tze haben. Man mu\u00dfte sich z.B. h\u00fcten, das Schweinzeug zu schlagen. Man war \u00fcberhaupt gegen alles Schlagen &#8230; Nein! Knuffen mu\u00dfte man das Schweinzeug! Knuffen! Die Handvoll Haare, die man ihm dann noch gelegentlich ausri\u00df, z\u00e4hlte nicht &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Lewin lachte noch immer. Aber schon so krampfhaft, da\u00df die Augen ihm aus den H\u00f6hlen traten und die Z\u00e4hne ihm zu klappern anfingen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine B\u00e4ckermeister Trimpeter, der jetzt an seinen schwindelnden Hoffnungen, mal rausgehn zu d\u00fcrfen, vollst\u00e4ndig verzweifelte, hatte wieder zu weinen angefangen. \u00bbAh!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Herr Rektor hatte seine d\u00fcnnen Lippen noch fester zugekniffen. Er kn\u00f6pfte sich jetzt seinen Fuchsschwanz wieder vorn in die Rocktasche.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bb &#8230; B &#8230; Blut, kalt Blut, Borchert!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich wieder schwer auf seinen Rohrstuhl gesetzt. Die Sache eilte ja nicht. Die Sache &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er spielte mit seinem Siegelring. Einem sehr sch\u00f6nen, wertvollen Exemplar mit einem sehr sch\u00f6nen, wertvollen Stein drin. Glaube, Liebe, Hoffnung war in seine gr\u00fcne Fl\u00e4che geritzt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine kleinen, zugedr\u00fcckten Ferkelaugen schillerten jetzt in allen Farben. Seine H\u00e4nde zitterten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war sonst muckchenstill in der Klasse! Nur dieser einzige, aufr\u00fchrerische, bodenlos freche Judenl\u00fcmmel und dies B\u00e4ckerbalg, das ihn akkompagnierte!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich seinen Siegelring wieder an den Finger gesteckt und klopfte jetzt langsam mit ihm an die Seitenwand seines Katheders.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKnubbel! Herkommen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Lewin war mechanisch aufgestanden. Seine d\u00fcnnen, wachsgelben Fingerchen hatten sich fest um die schwarze Bank vor ihm gekrampft, seine Schultern zuckten. Er bebte an allen Gliedern.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbHerkommen, Knubbel!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die ganze Klasse hatte wieder laut zu weinen angefangen. Dies gr\u00e4\u00dfliche Lachen, das er noch immer ausstie\u00df, ging allen durch Mark und Bein. Ari-ben-Aribell, der jetzt grade drau\u00dfen auf dem Kirchturmknauf mitten in dem wundersch\u00f6nen Gr\u00fcnspanklecks sa\u00df und dort mit gro\u00dfem Appetit ein lebendiges Huhn verschlang, nachdem er sich eben erst einen blitzblanken, ellenlangen Degen in den Leib gesto\u00dfen hatte, hatte jetzt aufgeh\u00f6rt, f\u00fcr sie zu existieren. Kotel Thiel h\u00e4tte jetzt l\u00fcgen k\u00f6nnen wie gedruckt. Sie h\u00e4tten nicht einmal hingeh\u00f6rt. Nein! Nur dies Lachen! Nur dies gr\u00e4\u00dfliche Lachen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr Rektor Borchert hatte sich jetzt aufrecht mitten auf sein Podium gestellt. Seine Lippen waren wei\u00df geworden. Seine kleinen, spitzen Z\u00e4hne knurrschten, als ob er an etwas kaute.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbHerkommen, Knubbel?!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber der kleine Lewin h\u00f6rte nichts mehr. Er lachte nur immer und lachte und lachte &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jetzt endlich war der Geduldsfaden des Herrn Rektor Borchert mitten entzweigerissen! Mit einem Satz war er auf den wahnsinnigen Judenhund zugesprungen, hatte ihn an seinem schmierigen Jackenkragen zu packen gekriegt und schleifte ihn nun wutschnaubend auf sein Katheder.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo ein Hund!! So ein Hund!!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die \u00bbKnubbels\u00ab, die wieder ganz muckchenstill geworden waren, hatten alle unwillk\u00fcrlich ihre Augen fest zugemacht. Die ganze gro\u00dfe, rote Stube schwamm jetzt in Blut. In Blut. Oh! &#8230; Da!!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich, mitten durch all das grausenhafte Schnauben und Gurgeln vorn, hatte drau\u00dfen vom Flur her deutlich ein feines, schrilles Gl\u00f6ckchen angeschlagen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kein \u00bbKnubbel\u00ab, der nicht jetzt seine kleinen, rosa \u00d6hrchen spitzte!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das reine Christgl\u00f6ckchen! Es klingelte jetzt, da\u00df es nur so eine Art hatte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja! Ja! Das war der Herr Spaarmann, der liebe, gute Herr Spaarmann! Der Herr Spaarmann! Jetzt brauchten sie nicht mehr zu sterben. Jetzt war die schreckliche, schreckliche Stunde aus. Jetzt &#8230; Oh! Der Herr Spaarmann! Der Herr Spaarmann!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine B\u00e4ckermeister Trimpeter, dem die vielen dicken Tr\u00e4nen schon unten bis unter den Hals gelaufen waren, atmete erleichtert auf. Jetzt durfte er endlich, endlich mal rausgehn &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr Rektor Borchert hatte jetzt sein neues, sch\u00f6nes, rotgelb lackiertes Lineal zu packen gekriegt und es mitten unter die \u00bbKnubbels\u00ab geschleudert.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbRaus! Raus!! Raus!!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er kannte sich selbst nicht mehr!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das infame, rotznasige Judentier war schon l\u00e4ngst neben das Katheder in den Spucknapf geflogen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte jetzt auch die gro\u00dfe, st\u00e4hlerne Rechenmaschine zu packen gekriegt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbRaus! Raus!! Raus!!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ah! Diese Knubbels! Diese verfluchten, vermaledeiten Knubbels!!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber diese \u00bbKnubbels\u00ab, diese verfluchten, vermaledeiten \u00bbKnubbels\u00ab waren schon l\u00e4ngst alle die Treppe hinuntergepoltert.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hals \u00fcber Kopf! Wie es grade gekommen war!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Konditor Knorr, der kleine Steuereinnehmer Zippe, der kleine Schiffszimmermeister Bohl, der kleine Jonathan Grule und wie sie alle hie\u00dfen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Allen voran aber nat\u00fcrlich wieder der kleine, dicke B\u00e4ckermeister Trimpeter!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war wirklich die h\u00f6chste, allerh\u00f6chste Zeit gewesen &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Oh! Der Hof! Der Hof!!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie die warme, weiche Luft dort ihnen wohltat! Wie die Sonne dort oben hoch auf den D\u00e4chern lag! Auf den D\u00e4chern!! Die roten Schornsteine drauf rauchten, die Spatzen zwitscherten und die Sonne schien!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Oh!! Der Hof!! Der Hof!!<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ari-ben-Aribell, der gr\u00f6\u00dfte Seilk\u00fcnstler beider Welten, hatte soeben seine halsbrecherischen Produktionen beendet und verbeugte sich nun submissest vor seinem geneigten Publico.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine gro\u00dfe, goldpapierne M\u00fctze war ihm vorn \u00fcber die fuchsrote, dreieckige Frisur weg bis unten tief in die breite, niedrige Stirn gerutscht, sein ganzes grauenhaftes Teufelsgesicht drunter bestand nur noch aus Mehl, Schwei\u00df und Zinnober. Seine dicken, kohlschwarzen Badehosen mu\u00dften jetzt klitschna\u00df sein.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die \u00bbPudels\u00ab, die sich so lange wie gro\u00dfe, anst\u00e4ndige Leute betragen hatten, fingen jetzt laut zu br\u00fcllen an. Ihre dicken, grauen, zerknitterten Tuchm\u00fctzen waren alle hoch in die Luft geflogen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel, der heute selbstverst\u00e4ndlich schw\u00e4nzte, war nat\u00fcrlich wieder mitten drunter. Sein d\u00fcnner, runder, orangeroter Quintanerdeckel war entschieden der allerforscheste. Er wirbelte immer wieder und wieder in die H\u00f6he. Immer wieder und wieder!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAri-ben-Aribell, Ari-ben-Aribell!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der gr\u00f6\u00dfte Seilk\u00fcnstler beider Welten verbeugte sich wieder.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er war nur noch Schwei\u00df, Mehl und Zinnober! Nur noch Schwei\u00df, Mehl und Zinnober!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Sonne auf seiner langen, goldgelben Balancierstange glitzerte &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben in das stille, geleerte Schulzimmer, in das jetzt der gro\u00dfe, runde Kastanienbaum drau\u00dfen seinen ganzen scharfgezackten Schatten warf, war der st\u00fcrmische Applaus der enthusiasmierten Jahrmarktsmenge wie ein lauter, lang anhaltender Wutschrei gebrochen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der dicke, blaue Brummer hinten in der letzten Scheibe war entsetzt auf das breite, gelbgestrichene Fensterbrett zur\u00fcckgetaumelt. Er lag jetzt mitten in der tiefen, ausgetrockneten Regenrinne und hampelte dort verzweifelt mit seinen sechs dickbehaarten schwarzen Beinen umher.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ab und zu versuchte er, sich auch mit seinen kleinen, graudurch\u00e4derten, glasharten Fl\u00fcgelchen aufzuhelfen. Schon mehr als einmal war ihm das auch mit Hilfe seines dicken, kohlschwarzen R\u00fcssels fast gelungen; aber regelm\u00e4\u00dfig kullerte er wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Noch eine kleine Weile, und er mu\u00dfte rechts durch das gro\u00dfe, runde Loch mitten unten in den schrecklichen, stockdunklen Wasserkasten st\u00fcrzen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sein zorniges, abgerissenes Brummen mischte sich abwechselnd in das scheu\u00dfliche, ohrenzerrei\u00dfende Gel\u00e4chter, das noch immer durch das ganze gro\u00dfe Zimmer gellte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Herr Rektor Borchert stand da wie gel\u00e4hmt. Er war mit seinem dicken, krummen R\u00fccken schwer gegen das gro\u00dfe, gelbe Ger\u00fcst neben die offene T\u00fcr getaumelt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine schwarzen, abgeschabten Rock\u00e4rmel schlotterten ihm wie um zwei lange, d\u00fcnne Knochen. Seine kleinen, unheimlichen Ferkel\u00e4ugelchen stierten entstetzt in die gro\u00dfe, grellbeleuchtete Ecke neben dem Katheder.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dort, dicht neben dem kleinen, eisernen Spucknapf, der jetzt umgest\u00fclpt war, wand sich etwas, das mit seinen d\u00fcnnen, krummen Beinchen fortw\u00e4hrend zappelte und mit seinen kleinen, geballten F\u00e4ustchen wie wild um sich schlug. Das alte, schmierige Judenkaftanchen war ihm hinten mitten durchgerissen, aus seinen dicken, blauaufgeworfenen Lippen flo\u00df es wie Geifer.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war der kleine Lewin, der den Lachkrampf bekommen hatte. \u2013<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">II<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier, meine Herrschaften, das Paradies des Sultans von Marokko! Treten Sie ein, meine Herrschaften, treten Sie ein! Man mu\u00df so etwas gesehen haben, meine Herrschaften! Man mu\u00df so etwas gesehn haben! Die weltber\u00fchmte Mi\u00df Pepita! Geboren drei Tage hinter dem Mond in der W\u00fcste Sahara! Wo die B\u00e4ume ohne Wurzeln wachsen! Speit 40 Fu\u00df in die H\u00f6he und f\u00e4ngt es mit ihrem Rachen wieder auf! Man mu\u00df so etwas gesehn haben! Treten Sie ein! Die Vorstellung wird sogleich beginnen! Soldaten und Kinder zahlen nur die H\u00e4lfte! Treten Sie ein! Treten Sie ein! Treten Sie ein! Treten Sie ein!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Tschullu Wabuhu, der Mohr aus Pernambuco, konnte kaum noch jappen. Er hatte sich heute sein dickes, rundes Kartoffelgesicht mit Ru\u00df eingerieben und seinen spitzen, speckigen Bierbauch in ein d\u00fcnnes, wei\u00dfbaumwollenes Trikot gezw\u00e4ngt. Durch die weiten, groben Maschen schimmerte deutlich seine rosa Haut durch.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Paradies des Sultans von Marokko! Treten Sie ein, meine Herrschaften! Treten Sie ein! Treten Sie ein! Treten Sie ein! Treten Sie ein!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine Stimme \u00fcberschlug sich, seine runden, wei\u00dfen Froschaugen waren ihm dick aus den dunklen H\u00f6hlen gequollen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Publikum, das die Bude dicht umdr\u00e4ngte, sperrte Nasen und M\u00e4uler auf. Dieser Mohr aus Pernambuco imponierte ihm!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit einem einzigen, furchtbaren Faustschlag, der allen durch Mark und Bein fr\u00f6stelte, hatte er sich eben seine hohe, spitze Filzm\u00fctze, die fingerdick mit Kreide bestrichen war, bis unten, hinten in das rote, wulstige Genick runtergeschlagen und begann nun den bisher noch un\u00fcbertroffenen, noch nie dagewesenen Kriegstanz des K\u00f6nigs Murri-Tschidschi-Wauwau. \u00bbUhahihah\u00fa, uhahihah\u00fa, ptschau! Uhahihah\u00fa, uhahihah\u00fa, ptschau!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine dicken, runden F\u00e4uste, die rot mit Ochsenblut beschmiert waren, hieben wie w\u00fctend auf die gro\u00dfe, himmelblaue Pauke ein, die ihm an einem langen, gelben Ledergurt vorn von den Schultern herab bis unten grade mitten vor den Bauch baumelte, die d\u00fcnnen Bretter unter ihm krachten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbUhahihah\u00fa, uhahihah\u00fa, ptschau! Uhahihah\u00fa, uhahihah\u00fa, ptschau!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Noch f\u00fcnf Minuten, und er mu\u00dfte in die gr\u00e4\u00dflichsten Zuckungen verfallen sein!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die \u00bbPudel\u00ab wagten kaum zu atmen. Um besser sehn zu k\u00f6nnen, hatten sie sich alle auf Spitzzehen gestellt. Pole Lackner war sogar auf eine Wagendeichsel geklettert! Etwas weiter nach rechts, auf der anderen Seite des Podiums, stand steif wie aus Holz geschnitzt Eliza Barberini, der Stern aus Paramaribo. Er war wie eine Ballettt\u00e4nzerin kost\u00fcmiert und schlug die Triangel.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dazwischen hinter den d\u00fcnnen, kirschroten Porti\u00e8ren, grade \u00fcber der kleinen, h\u00f6lzernen Treppe, auf der gro\u00dfen, umgekippten Zuckerkiste, die heute aber dick mit Goldbronze bepinselt war, sa\u00df Mardochai. Die sch\u00f6nen, langen, schneewei\u00dfen Troddeln an seinen Ohren hingen ihm unten bis auf die gro\u00dfe, kohlschwarze Kasse aus Ebenholz herab, die er bewachte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbUhahihah\u00fa, uhahihah\u00fa, ptschau! Uhahihah\u00fa, uhahihah\u00fa, ptschau!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da! Jetzt! Pffff &#8230; bauz, rin in die Pauke!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Publikum, aus dessen Mitte der Stein geschleudert worden war, hatte sich unwillk\u00fcrlich etwas geduckt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nanu? Donnerwetter! Alle H\u00e4lse waren jetzt wieder in die H\u00f6he gereckt. Der gro\u00dfe, ziegelrote Kanten war der armen Pauke grade oben durch das runde, wei\u00dfe Fell mitten in den himmelblauen Bauch geplautscht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAah!! Uhahihah\u00fa, uhahihah\u00fa, ptschau! Ptschau, ptschau, ptschau!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Tschullu Wabuhu, der Mohr aus Pernambuco, hatte pl\u00f6tzlich seinen bisher noch un\u00fcbertroffenen, noch nie dagewesenen Kriegstanz des K\u00f6nigs Murri- Tschidschi-Wauwau mitten entzweischnappen lassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sakra!! Er hatte es ganz deutlich gesehn! Die Bestie war so ein kleiner, verschrumpelter Rotzjung&#8216; gewesen, der einen runden, orangeroten Lateinsch\u00fclerdeckel aufgehabt hatte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa wacht! Wacht!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte seine infame Pauke hinter sich auf das d\u00fcnne, bretterne Ger\u00fcst gebullert und bohrte sich nun mit seinem dicken, runden Niggersch\u00e4del mitten durch die verbl\u00fcfften Bauern. Seine spitze, wei\u00dfe M\u00fctze war ihm hinten unter die kleine, h\u00f6lzerne Treppe gerollt, er hob sie nicht einmal auf!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn ick di kreeg, Kreet, wenn ick di kreeg! Wenn ick di kreeg, wenn ick di kreeg!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Publikum, welches sich von seinem Schreck wieder erholt hatte, johlte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbGriep em, Tschullu! Griep em! Griep em!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Tschullu sch\u00e4umte!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Links aus dem Cagliostrotheater setzte eben die Blechmusik ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M-ta, m-ta, m-tata,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M-ta, m-ta, m-tata,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bum, bum, bum!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mardochai sa\u00df oben auf seiner Zuckerkiste und heulte. Der ganze Jahrmarkt war jetzt wie verr\u00fcckt geworden! Die Meerkatzen dr\u00fcben aus der Menagerie zeterten, die L\u00f6wen br\u00fcllten, die Kakadus schrien, die Schmalzkuchen dufteten, die Schusterbuden stanken.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbGriep em, Tschullu! Griep em, griep em!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nur der Stern aus Paramaribo hatte sich nicht ger\u00fchrt. Er stand noch immer wie aus Holz geschnitzt auf der andren Seite und schlug die Triangel. Seine langen, d\u00fcnnen Beine, die noch immer in den zerplatzten, gr\u00e4\u00dflich gr\u00fcnen Trikots staken, standen noch genauso steif da wie vorhin.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine sp\u00e4rlichen, straffen Haare hingen ihm wie ein Gewirr von langen, schwarzen Bindf\u00e4den \u00fcber die gelben, knochigen Schultern.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbGriep em, Tschullu! Griep em! Griep em!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Stern aus Paramaribo r\u00fchrte sich nicht. Er stand nur ruhig da und schlug seine Triangel. Es ging nun schon in das siebenundvierzigste Jahr, da\u00df er taub war &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn ick di kreeg, Kreet, wenn ick di kreeg! Wenn ick di kreeg, wenn ick di kreeg!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber Kotel Thiel war l\u00e4ngst \u00fcber alle Berge! Tschullu Wabuhu, der Mohr aus Pernambuco, konnte ihm jetzt den Buckel langrutschen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen auf der sogenannten Bauernvorstadt, zwischen den letzten kleinen, verkrumpelten H\u00e4userchen, die zu beiden Seiten der Chaussee mit ihren alten, gelben, geflickten Strohd\u00e4chern bis unten in die vielen kleinen, kreisrunden Pf\u00fctzen tauchten, in denen Holzscheite, Papierk\u00e4hne, Enten und Strohwische schwammen, hatten die Jahrmarktsleute ihr Barackenlager aufgeschlagen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dicht vor seinem Eingange, neben einer alten, umgekippten Tonne, aus der sich ein langer, d\u00fcnner Teerfaden bis unten mitten in den gelben Sand gebohrt hatte, war Kotel Thiel endlich stehngeblieben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbPuh, die Hitze!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Diarium, das ihm von seinem schnellen Humpeln bis unten auf den Bauch gerutscht war, hatte er sich wieder fest unter seine Weste gekn\u00f6pft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die ganze Bauernvorstadt war heute wie auf den Kopf gestellt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier, neben einem kleinen, dreieckigen Vorg\u00e4rtchen, \u00fcber dessen graue, schiefgenagelte Bretter sich nur eine einzige gro\u00dfe, gelbe Sonnenblume bog, stand ein gro\u00dfer, roter, abgeschirrter Wagen, aus dessen beiden Blechschornsteinen es dick rauchte; dort, zwischen zwei braunen, wackligen Lehmmauern hatte eine keifende Bajazzofamilie ihr buntes, niedriges, zerrissenes Zelt aufgeschlagen. Auf einem langen, gelben Leiterwagen, an dem drei kleine, d\u00fcrre, kohlschwarze Klepper angehalftert waren, hockte ein altes, wei\u00dfhaariges Zigeunerweib und lutschte aus einer dicken, verstaubten Weinflasche kalten Kaffee. Ihre roten Triefaugen hatte sie stier aufgerissen, die gelben M\u00fcnzen an ihrem blauen Kopfputz klackerten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dazwischen \u00fcberall kleine, ungezogene B\u00e4lge, die sich die Gesichter mit Ziegelrot beschmiert hatten, Kobolz schossen und dabei die vielen gro\u00dfen, angeketteten Hunde \u00e4rgerten. Die meisten barfu\u00df und im Hemde. Alle aber braungebrannt und flachshaarig.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf einem umgekippten, kupfernen Kessel sa\u00df ein Clown und n\u00e4hte sich Schellen an seine Kappe. Dahinter, halbnackt zwischen zwei ausgespannten Wollt\u00fcchern kauernd, vor einem kleinen, runden Taschenspiegelchen, ein junges, rothaariges Weib. Ein kleines, splitternacktes Kind steckte sich neben ihm grade seine kleinen, rosa Zehchen in den Mund und lachte. Nicht weit davon, in dem ausgetrockneten, staubigen Chausseegraben, zwischen den Wurzeln einer riesigen, dunkelgr\u00fcnen Pappel, ein Brett mit der Aufschrift: \u00bbHeute abend bei Eintritt der Dunkelheit feenhafte Beleuchtung.\u00ab \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbQuatsch!\u00ab<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel hatte seine H\u00e4nde gro\u00dfspurig in die Hosentaschen gesteckt und spuckte nun ver\u00e4chtlich aus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die kleinen, flachsk\u00f6pfigen B\u00e4lge zwischen den T\u00fcmpeln hatten eben dicht hinter der Mauer unter Steinen und Brennesseln einen alten, zerbrochenen Kochtopf gefunden und tuteten nun die Nationalhymne auf ihm. Um den ersten kleinen, blauen T\u00fcmpel herum veranstalteten sie einen G\u00e4nsemarsch. Der Lehm unter ihren kleinen F\u00fc\u00dfen platschte, ihre Hemden flatterten. Ulle L\u00fcders, der einen Dreispitz aus Strohpapier aufhatte, allen voran.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel \u00fcberlegte noch.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die beiden gro\u00dfen, wei\u00dfen St\u00f6rche oben auf Linkerholts Scheune waren jetzt von dem pl\u00f6tzlichen L\u00e4rm unten scheu geworden und schwammen mit gro\u00dfen, weitausgebreiteten Fl\u00fcgeln, die langen, d\u00fcnnen Beine wie zwei riesige, rote Streichh\u00f6lzer zur\u00fcckgeklappt, nach dem fernen, gr\u00fcnen Stadtwalde zu. Dort lag die Eselswiese, auf der es still war und Fr\u00f6sche gab. Ihr gro\u00dfes, rundes, schwarzes Nest starrte leer hinter ihnen auf dem spitzen, wei\u00dfgemauerten Giebel in den dunkelblauen Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nee! Hier war nischt los! Partutemang nischt!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel hatte wieder ver\u00e4chtlich in die d\u00e4mliche Tonne gespuckt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Partutemang nischt!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er wollte jetzt durch das Tor wieder in die Stadt zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber noch ehe er die kleine, h\u00f6lzerne Br\u00fccke passiert hatte, war er schon wieder stehngeblieben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDonnerwetter! Das &#8230; nee! \u2013 Du! Jung! Rotzvieh! Du schw\u00e4nzt doch nich etwa? Ich denke, du Aff, du ochst jetzt?!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan war puterrot geworden. Er war eben hinten durch das kleine, gelbe H\u00e4uschen an der Mauer dem Herrn Rektor Borchert, der den armen, kleinen Judenjungen totgeschlagen hatte, ausger\u00fcckt und wollte sich nun hinten um die Bauernvorstadt rum zu dem alten Vater Lorenz oben in den Wald schleichen. Nach Hause wollte er nie mehr zur\u00fcck. Aber er hatte seine dicke, blanke Doppelkrone genommen, die ihm sein Papa heute in den Kittel gesteckt, und fest drum die Hand zugemacht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa, du Kuhjung&#8216;? Wird&#8217;s bald?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel hatte ihm eins forsch auf die Schulter geschlagen. \u00bbNa?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er kramte eifrig in seinen Taschen rum.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa? Oder willst du Backz\u00e4hne schlucken, Jungchen?!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan zitterte an seinem ganzen Leibe.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel fing sich immer Fr\u00f6sche!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa? Eins \u2013 zwei \u2013 Himmel \u2013 und? Und? Na?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel hatte sich jetzt dicht vor ihn hingestellt und fuchtelte ihm nun mit seinem gr\u00e4\u00dflichen, blanken Federmesser in einem fort vorm Gesicht rum.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, du! Ach, du! Ach, Kotel! Ach, lieber, lieber Kotel!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan hatte jetzt laut zu weinen angefangen. Kotel Thiel schlitzte ihnen damit immer den Bauch auf!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNich? Na, denn nich, du Schafskopp!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel hatte sein greuliches Groschenmesser gro\u00dfm\u00fctig wieder zuschnappen lassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbGlaubst du, da\u00df ich nich wei\u00df, da\u00df dein Vater Pillendreher is? Glaubst du, da\u00df ich mir an dir die Finger schmutzig machen wer&#8216;?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel wu\u00dfte sich auf einmal kaum zu lassen vor Ekel. Er hatte eben das dicke, blanke, runde Ding in seiner Hand gesehn und war sich sofort dar\u00fcber klar geworden, was das sein mu\u00dfte. Er steckte sein Messer wieder ruhig in die Tasche. Sein Plan war gefa\u00dft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbGlaubt der Aff&#8216;, da\u00df ich ihm den Bauch aufschlitzen wer&#8216;! Nee Duchen! Wei\u00dft du, was du bist? &#8217;n Aff&#8216; bist du!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan trocknete sich noch immer mit seinen beiden F\u00e4usten die Tr\u00e4nen aus den Augen. Kotel Thiel spielte immer Indianerchen! Er schluchzte nur so.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel hatte sich jetzt nach allen Seiten hin vorsichtig umgesehn.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war niemand in der N\u00e4he. Nur die kleinen, halbnackten Flachsk\u00f6pfe, die mit ihren kleinen, schmuddligen F\u00fc\u00dfchen in den vielen runden T\u00fcmpeln ringsum rumpatschten, und die paar kleinen M\u00e4dchen, die sich hinten an den kurzen, zerrissenen Hemdchen gepackt hielten, damit sie nicht mitten zu den Papierk\u00e4hnen unter die Enten purzelten. Eine alte Frau, die auf einer Steinschwelle hockte, war \u00fcber ihrem blauen Strickstrumpf eingeschlafen. Ihre Hornbrille war ihr \u00fcber ihre kleine, eingefallne Stubsnase auf ihr spitzes, behaartes Kinn gerutscht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war alles sicher.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die bunten Gr\u00e4ser oben auf der Stadtmauer nickten, ihre langen, blauen Schatten fielen unten auf die rosa R\u00fccken zweier kleinen, dicken Ferkelchen, die sich mit ihren spitzen Schnauzen in den gelben Sand gew\u00fchlt hatten und nur noch mit den Ohren zuckelten, wenn eine Fliege \u00fcber sie wegkroch. Weiter hinten bei den Bajazzos wurde grade ein kleiner Bengel durchgepr\u00fcgelt. Sein j\u00e4mmerliches Geschrei zeterte \u00fcber die ganze Bauernvorstadt hin. Hinten, ganz fern auf der Chaussee, ein gro\u00dfer wei\u00dfer Mehlwagen &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel war jetzt gradezu manierlich geworden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWei\u00dft du, Mensch? Soll ich dir mal was sagen?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan sah auf. Wenn Kotel Thiel zu einem \u00bbMensch\u00ab sagte, brauchte man keine Angst vor ihm zu haben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch mein&#8216; &#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er war jetzt auf einmal puterrot geworden. Er hustete.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch mein&#8216; &#8230; also &#8230; kurz und gut, du Aff&#8216;, du sollst mir was pumpen!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich wieder die H\u00e4nde mitten in die Hosentaschen gesteckt und sah nun den kleinen Jonathan drohend an.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan hatte seine Augen vor Schrecken gro\u00df aufgerissen. Er war kreidebleich geworden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNat\u00fcrlich brauchst du Knubbeljung&#8216; nich gleich zu denken, da\u00df ich dir dein koddriges Geld nich wieder zur\u00fcckgeb&#8216;! Glaubst du, ich bin ein Jud&#8216;? Du gibst mir einfach von deinem Alten noch was Lakritzensaft zu, und dann geb&#8216; ich dir Maik\u00e4fer f\u00fcr. Na? Zu, du Aff&#8216;! Glaubst du, ich hab&#8216; hier so lange Zeit, zu stehn un nich in die Schul&#8216; zu gehn? Glaubst du, wir haben heute keine Schul&#8216;, du Aff? Du bist ausgekniffen, du Aff&#8216;! Du schw\u00e4nzt! Na? Willst du nu oder nich? Eine ganze Schachtel voll! Eine ganze dicke, gro\u00dfe Schachtel! Lauter M\u00fcller und Schornsteinfeger! Na?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel hatte seine ganze Beredsamkeit aufgeboten. Er stand jetzt breitbeinig vor ihm da.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNa?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die beiden kleinen, rosa Ferkelchen, denen eben zu gleicher Zeit zwei dicke, blaue Brummer \u00fcber die Schnauzen gekrochen waren, hatten sich jetzt beide auf ihre runden R\u00fccken rumges\u00fchlt und grunzten. Ihre acht kleinen, dicken Beine stakerten in die Luft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan schwankte noch.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbMaik\u00e4fer?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbZum Donnerwetter, ja doch! Maik\u00e4fer, du Aff&#8216;! Verstehst du denn nich? Maik\u00e4fer!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel fing jetzt endlich wirklich an, die Geduld zu verlieren. Er mu\u00dfte heute noch absolut seinen Aufsatz einschreiben: \u00bbDer seltene Edelmut des Horatius Cocles!\u00ab Er fing an: \u00bbSchon die alten Ph\u00f6nizier.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso, willst du nu oder nicht? Eine ganze Schachtel voll!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuf Ehre?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan hatte geh\u00f6rt, wenn Kotel Thiel zu einem \u00bbauf Ehre!\u00ab sagte, dann war alles wirklich und auf Ernst.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuf Ehre?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel war wieder rot geworden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNat\u00fcrlich, du Aff&#8216;! Auf was denn sonst? Ich bin doch kein Jud&#8216;? Wenn du nochmal sagst, du Aff&#8216;, da\u00df ich ein Jud&#8216; bin, dann knuff&#8216; ich dir das Fell voll, aber wer&#8216; dir keine Maik\u00e4fer schenken! Glaubst du, ich bin ein Jud&#8216;? Wenn du nich gleich sagst, da\u00df ich kein Juditzig bin &#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDa!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan hatte seine dicke, wei\u00dfe Patschhand gro\u00df aufgemacht. Er hatte sie so lange hinter seinem R\u00fccken gehalten. Die sch\u00f6ne, harte, blanke Doppelkrone lag mitten drin.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso eine ganze gro\u00dfe, dicke Schachtel voll! M\u00fcller, B\u00e4cker und &#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAu Knaatsch! Au Knaatsch!! Au Knaatsch!!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan stand da!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Kotel Thiel war mit seiner sch\u00f6nen, harten, blanken Doppelkrone die lange, dunkle Torstra\u00dfe in die H\u00f6he gelaufen und stand jetzt breitbeinig \u00fcber dem Rinnstein. Das sch\u00f6ne, silberne Ding schwenkte er immer nur so rund um seine M\u00fctze rum.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAu Knaatsch! Au Knaatsch!! Au Knaatsch!!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan dachte nicht einmal dran, seinen Mund aufzumachen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die bunten Gr\u00e4ser oben auf der Stadtmauer zitterten, unten in dem Teerstreifen spiegelte sich die Sonne.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich war der kleine Jonathan wieder zusammengefahren. Aus dem n\u00e4chsten Bauernhaus mitten unter die kleinen, halbnackten Flachsk\u00f6pfe hatte sich eben ein altes, trief\u00e4ugiges Weib gest\u00fcrzt und bearbeitete sie nun mit einem gro\u00dfen, strubbligen Besen, der auf einen roten Birkenpfahl gespie\u00dft war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWill&#8217;n ji rin un stoppen Str\u00fcmp?!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die kleinen B\u00e4lge liefen was sie konnten. Mutter Kerstens hinterdrein.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWill&#8217;n ji rin un stoppen Str\u00fcmp?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die beiden kleinen, rosa Ferkelchen hatten sich erschreckt unter die alte Stadtmauer gefl\u00fcchtet, mitten zwischen die dicken Nesseln!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der gro\u00dfe, wei\u00dfe Mehlwagen war die lange, staubige Chaussee runtergekommen und ratterte schwerf\u00e4llig \u00fcber die Br\u00fccke.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAu Knaatsch! Au Knaatsch!! Au Knaatsch!!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan stand da wie tot. Er sah nur noch die Sonne, die sich unten in dem schwarzen Teerstreifen spiegelte.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">III<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Holz-Hamlet\" name=\"113\"><\/a>Endlich, am Abend, als die Sonne schon rot hinter den stillen, schwarzen Tannen stand, wagte sich der kleine Jonathan wieder aus seinem Versteck. Sein ganzes sch\u00f6nes, neues Kittelchen war mit Moos beklebt, seine kleinen, kurzen Stulpstiefelchen staken voll Erde. Er war furchtbar hungrig!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn er sich jetzt nicht zu dem alten Lorenz traute und um ein St\u00fcckchen Brot bettelte, mu\u00dfte er sterben. Dann zerrissen ihn die W\u00f6lfe, und die Kr\u00e4hen hackten ihm die Augen aus. Dann war er so tot wie der kleine Lewin.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er war wieder stehngeblieben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein gro\u00dfer, roter Strauch hatte ihm hinten in sein zerrissenes Kittelchen einen Dorn eingehakt. Die dicken, blauen Beeren dran waren gewi\u00df giftig.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Oh, er konnte nicht einmal mehr weinen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Farren standen hier noch so hoch, da\u00df sie ihm bis \u00fcber den Bauch reichten. Ein B\u00fcndel Glockenblumen schwamm wie eine kleine, blaue Insel drin. Die gro\u00dfen, bunten Schmetterlinge dr\u00fcber waren alle schon schlafen gegangen. \u00dcber einer kleinen, runden Lichtung spielte nur noch ein dicker, dunkler Schwarm M\u00fccken in der goldnen Luft. Jetzt, irgendwo in der Ferne, sang ein Vogel B\u00fclow. Der ganze Wald roch nach Pilzen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan seufzte. Er konnte sich kaum noch weiterschleppen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine H\u00e4ndchen waren ihm dick geschwollen, seine langen, braunen Locken hingen ihm wirr \u00fcber die kleine, wei\u00dfe Stirn und \u00fcber die gro\u00dfen, blauen Augen drunter, die ihm wehtaten. Bei jedem Schritt \u00fcber die dicken, braunen Wurzeln unten stolperte er.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der alte Lorenz war dem kleinen Jonathan sein bester Freund. Er kam immer unten in die Apotheke und verkaufte Kr\u00e4uterchen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sein kleines, rotes H\u00e4uschen stand drau\u00dfen dicht am Waldrand. Aus seinen beiden niedrigen Fensterchen, hinter denen das ganze Jahr durch immer Goldlack, Fuchsien und Verbenen bl\u00fchten, konnte man grade unten auf die vielen alten, spitzen, grauen D\u00e4cher sehn.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Oben auf seinem kleinen, kohlschwarzen Schornsteinchen sa\u00dfen heute zwei Tauben, die sich schn\u00e4belten. Die dicken, dunklen Tannen dr\u00fcber, die jetzt im Abendwinde leise ihre spitzen, vergoldeten Kronen schaukelten, duckten ihre starren, untersten, gr\u00fcnen \u00c4ste bis grade dicht auf ihr weiches, wei\u00dfes Gefieder. Der alte, dicke, faule Plumpsack Pluto unten lag quer vor der T\u00fcr und schnarchte. Die kleinen, breiten Fensterchen zu beiden Seiten blitzten, der ganze, weiche Waldboden davor war mit Stroh bestreut.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dazwischen die zw\u00f6lf kleinen, kohlschwarzen H\u00fchnerchen, die nach Regenw\u00fcrmern pickten und dabei in einem fort gackerten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan atmete tief auf. Er hatte sich eben hinten durch das kleine, gr\u00fcne Petersilieng\u00e4rtchen verstohlen \u00fcber die graue, ausgetretne Steinschwelle geschlichen und stand nun mitten in dem langen, schmalen, dunklen Flur.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Sonne, die von vorn her schr\u00e4g durch die runde, rissige T\u00fcr schien, deren untere, viereckige H\u00e4lfte offenstand, lag noch auf einem Teil des Fu\u00dfbodens. Er war rot geziegelt. Der kleine Jonathan hatte sich jetzt mit seinem kleinen, runden Kopf schwer gegen die dicke, wei\u00dfe Wand gelehnt. Sie war eiskalt! Er f\u00fchlte, wie ihm sein kleines Herz klopfte. Seine Augen hatte er fest zugemacht &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Rechts hinter der d\u00fcnnen, braunen T\u00fcr, die in die gro\u00dfe, blaue Wohnstube f\u00fchrte, h\u00f6rte er deutlich, wie in das Ticken der alten Kuckucksuhr etwas schnurrte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Schnurr &#8230; schnurr &#8230;schnurr &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das war das kleine, rote Eichkaterchen drin, das sein Bauerchen drehte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dazwischen \u00fcber ein morsches Holz tippelte etwas mit seinen Pfoten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Tipp-tapp &#8230; tipp-tapp &#8230; tipp-tapp &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Immer hin und her! Immer hin und her!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das war der alte Rabe Jakob, der wieder spazierenging.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan h\u00f6rte es ganz deutlich! Ab und zu blieb er stehn und schimpfte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDummkopf! Dummkopf! Dummkopf!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dann blieb das kleine, rote Eichkaterchen jedesmal ganz erschreckt sitzen, und alles war wieder eine Zeitlang ganz still.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ganz still &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan hatte jetzt seine Augen wieder gro\u00df aufgemacht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die zw\u00f6lf kleinen, kohlschwarzen H\u00fchnerchen drau\u00dfen, ab und zu, gackerten, der alte, dicke Pluto, der mit seinem grauen Hinterteil noch grade vorn in das rote, warme Sonnenviertel reichte, schnarchte, die Tauben oben \u00fcber dem Dache gurrten, die Tannen dr\u00fcber rauschten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan horchte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das war grade wie ein M\u00e4rchen! Das war wie das Haus von der alten Hexe &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nur der alte Papa Lorenz lie\u00df sich nicht h\u00f6ren! Der sa\u00df jetzt wahrscheinlich wieder in dem gro\u00dfen, ledernen Lehnstuhl neben dem Fenster und schlief. Blo\u00df, er schnarchte heute nicht!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan schwankte noch. Endlich aber fa\u00dfte er sich ein Herz.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er stellte sich auf Spitzzehen und klinkte den runden, eisernen Dr\u00fccker auf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchnurr &#8230; schnurr &#8230; schnurr &#8230; Dummkopf!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er stand jetzt mitten in der Stube!<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sonne, die schr\u00e4g durch das breite, niedrige Fensterchen fiel, schien dem alten Vater Lorenz grade mitten in den alten, runzligen Mund. Er stand gro\u00df auf und hatte keine Z\u00e4hne mehr. Vorn auf seiner dicken, blauen Zunge sa\u00df eine kleine Fliege. Sie putzte sich eben ihre schwarzen Hinterbeinchen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ganz erschreckt war der kleine Jonathan stehngeblieben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Noch nie hatte er gewu\u00dft, da\u00df ein Mensch so die Augen aufhatte, wenn er schlief!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der alte Papa Lorenz hatte sie starr oben auf den gro\u00dfen, wei\u00dfen Balken an der Decke gerichtet, von dem an dem roten, zerrissenen Schnupftuch noch vom vergangenen Winter her das alte, leere, h\u00f6lzerne Vogelbauerchen baumelte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine runde, blaue Brille, die in der Mitte dick mit Werg umwickelt war, sa\u00df ihm grade vorn auf der d\u00fcnnen, schneewei\u00dfen Nasenspitze. Rechts und links auf den blanken, ledernen Lehnen seine beiden H\u00e4nde. Die Finger dran alle weit auseinandergespreizt, die dicken, blauen Adern drum schwarz geschwollen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine sch\u00f6ne, neue, lange Pfeife war ihm eben ausgegangen. Sie stak mitten zwischen seinen alten, d\u00fcnnen Beinen, die heute dick mit wei\u00dfen Lappen umwickelt waren.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDummkopf!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan war unwillk\u00fcrlich zur\u00fcckgeprallt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So zornig hatte er den alten Raben Jakob noch nie gesehn.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die d\u00fcnnen, schwarzen Federn auf seinem R\u00fccken hatten sich gestr\u00e4ubt, seine Augen funkelten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDummkopf! Dummkopf! Dummkopf!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hackte jetzt mit seinem gro\u00dfen, schwarzen Schnabel wie w\u00fctend auf das breite, morsche Fensterbrett ein.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die vielen kleinen, bunten Blument\u00f6pfe drauf wackelten, von den mittelsten Fuchsien plumpten jetzt nacheinander drei dicke, rosa Bl\u00fcten runter.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan sah alles ganz genau! Er hatte sich nach und nach bis hinten hinter das gr\u00fcne, wacklige K\u00fcchentischchen gefl\u00fcchtet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die erste lag unten mitten in dem kleinen, wei\u00dfen Zuckersch\u00e4lchen, die zweite hing der gro\u00dfen, himmelblauen Kaffeetasse dicht daneben noch grade schief \u00fcber den d\u00fcnnen abgeschabten Goldrand, die dritte war gleich dahinter mitten in die tiefe, runde, gr\u00fcnbraune Schnupftabaksdose gefallen. Quer davor aus dem alten, rotgef\u00fctterten Lederfutteral stak das Rasiermesser von dem alten Vater Lorenz!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDummkopf! Dummkopf! Dummkopf!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine beiden alten, welken H\u00e4nde waren kraftlos rechts und links \u00fcber die Lehnen runtergeschlottert, seine Pfeife lag jetzt unten mitten zwischen dem blauen Blumenschatten. Das dicke, schwarze Vieh hatte sich ihm eben mitten auf den Bauch plumpen lassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan zitterte an allen Gliedern.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der alte Papa Lorenz schlief noch immer!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seinen dicken, schwarzen Schnabel hatte der alte Rabe Jakob mitten in die alte, bla\u00dfrote Flanelljacke gehakt. Um nicht unten in die dicke Pfeifenasche zu fallen, schlug er dabei w\u00fctend mit den Fl\u00fcgeln. Sie waren kurz und an ihren Enden abgehackt. Jetzt hatte er endlich auch den ersten gro\u00dfen, runden Hornknopf zu packen gekriegt. Er bi\u00df sich dran fest! Die N\u00e4hte drumrum krachten, er kletterte langsam in die H\u00f6he. Er konnte jetzt vor lauter Wut nicht einmal mehr schreien. Er kr\u00e4chzte nur noch.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKraah &#8230; kraah &#8230; kraah &#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan hatte sich jetzt bis ganz hinten hinter den gro\u00dfen, gr\u00fcnen Kachelofen verkrochen. Eine entsetzliche Angst hatte ihn gepackt. Er wollte schreien! Gro\u00dfvater!! Aber er konnte nicht! Seine kleine Kehle war ihm wie zugeschn\u00fcrt &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der alte Vater Lorenz sa\u00df noch immer da. Die kleine, schwarze Fliege aus seinem Munde war aufgesurrt und stie\u00df jetzt mit ihren kleinen, blauen, glasharten Fl\u00fcgelchen fortw\u00e4hrend gegen den dicken, wei\u00dfen Balken oben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDummkopf! Dummkopf! Dummkopf!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das kleine, rote Eichkaterchen in seinem Bauerchen hatte sich mit seinen krummen Pfoten vorn in die Drahtsprossen gehakt und sah neugierig nach dem Raben r\u00fcber. Der war das rotgestreifte Kissen in die H\u00f6he bis oben auf den Lehnstuhl geklettert und sa\u00df nun dem alten Vater Lorenz grade mitten \u00fcber dem Kopfe. \u00bbDummkopf! Dummkopf! Dummkopf!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Seine spitze, abgelederte Brust hatte sich ihm dick aufgebl\u00e4ht, seine schwarzen Fl\u00fcgel schlugen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan h\u00e4tte am liebsten zu weinen angefangen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn der alte Papa Lorenz jetzt nicht endlich aufwachte, hackte er ihm den Kopf ab!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbGro\u00dfvater! Gro\u00dfvater!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ah! Jetzt hatte das alte, schwarze Vieh ihn gesehn. Seine Schwanzfedern hatten sich gestr\u00e4ubt, seine Augen funkelten. Fast w\u00e4re es mit seinem dicken, schwarzen Schnabel vorn\u00fcbergewippt. Aber er hielt sich noch!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKraah! Kraah!! Kraah!!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit einem Ruck war es jetzt dem alten Lorenz mit seinen scharfen, spitzen Krallen auf den alten, nackten Kopf gesprungen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKraah!!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dem kleinen Jonathan war es eiskalt \u00fcber den R\u00fccken gelaufen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der alte Papa Lorenz hatte nicht einmal Muck gemacht! Sein Kopf war lautlos vorn\u00fcbergewippt, die Kinnlade unten auf die rote, eingefallne Brust gesto\u00dfen, der Mund gr\u00e4\u00dflich zugeklappt und die kleine, schwarze Fliege drin, die sich eben wieder auf seine Zunge gewagt hatte, begraben. Der alte Rabe Jakob aber war bis unten auf die gelben, schrunzligen Dielen mitten in die dicke, graue Pfeifenasche gekullert.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKraah! Kraah!!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er hatte sich wieder aufgerappelt und kam sehr zornig auf den kleinen Jonathan zugehumpelt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKraah! Kraah!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Pfeife stolperte er.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKraah!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das kleine, rote Eichkaterchen drehte wieder wie toll sein Bauerchen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Schnurr &#8230; schnurr &#8230; schnurr &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der kleine Jonathan hatte die T\u00fcr hinter sich zugeschlagen. Er wu\u00dfte von nichts mehr!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nur noch die Mama, die Mama!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als er sich dann aber drau\u00dfen \u00fcber den alten, dicken Pluto weg mitten unter die kleinen, kohlschwarzen H\u00fchnerchen st\u00fcrzte, schlugen von unten aus der Stadt her grade die Glocken an. Feierabend!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das war dem kleinen Jonathan sein erster Schultag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div id=\"attachment_13545\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Buettner_Arno_Holz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13545\" class=\"size-medium wp-image-13545\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Buettner_Arno_Holz-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Buettner_Arno_Holz-215x300.jpg 215w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Buettner_Arno_Holz.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13545\" class=\"wp-caption-text\">Arno Holz, Portr\u00e4t von Erich B\u00fcttner (1916<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der<span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a><span class=\"apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Novelle. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Herr Rektor Borchert sa\u00df auf seinem Katheder und ging die eingelaufenen Briefe durch. Es waren wieder drei St\u00fcck. Der erste war auf grobem, grauem Armeleutspapier geschrieben und kaum zu entziffern. Er lautete: \u00bbHerr Borchert Ich mus ser bedauern&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/26\/der-erste-schultag\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":82,"featured_media":99316,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[424],"class_list":["post-79240","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-arno-holz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79240","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/82"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79240"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79240\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100109,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79240\/revisions\/100109"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99316"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}