{"id":79114,"date":"2022-12-25T00:01:55","date_gmt":"2022-12-24T23:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79114"},"modified":"2022-12-25T06:55:47","modified_gmt":"2022-12-25T05:55:47","slug":"2-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/25\/2-3\/","title":{"rendered":"2"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich bin dann mal weg<\/em>. Es gibt diese Geschichten vom Abhauen, da sagt einer, er geht Zigaretten holen und kommt nicht wieder. In diesen Stories verl\u00e4sst immer der Mann die Geliebte, die Frau, mit der er zusammen wohnt, aber die Geschichte bleibt stets unerz\u00e4hlt, sie wird nur angedeutet, ihr fragmentarischer Charakter verweist auf einen Zwang zur Flucht, der aus der Kollision zweier tief eingewurzelter Gef\u00fchle erw\u00e4chst: Der Drang nach der Unverletzlichkeit des Ichs: eine Lunte im Schacht einer Leidenschaft, in der sich die Liebenden gegenseitig auffressen, bis die Selbstbefreiungsbombe platzt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So erging es mir, als ich mich mit Stella zu langweilen begann, unsere Liebe k\u00fchlte ab. Wir kannten alle Pariser Alt\u00e4re. Wir diskutierten zuviel, wir philosophierten derart hypertroph \u00fcber uns selbst, dass wir uns eingruben wie die Zikaden und auf unsere Verwandlung warteten. Alle siebzehn Jahre kriechen die zirpenden Heerscharen von Larven der Spezies Magicicada septendecim aus dem Boden, um sich zu paaren. Stella hatte die Idee, unsere Liebe mit den Zikaden zu vergleichen. Einer unserer Standarddialoge, wenn wir \u00fcber die Bilder debattierten, die wir von uns selbst und vom anderen entwarfen: \u201eJanus, h\u00f6r mir mal gut zu &#8230;\u201c \u201eIch wei\u00df.\u201c \u201eNichts wei\u00dft du.\u201c \u201eDoch, die Zikaden &#8230;\u201c \u201eJanus, genau dar\u00fcber wollte ich mit dir reden.\u201c \u201eWir sind keine Zikaden!\u201c \u201eJanus, ich hab dir schon siebzehn Mal gesagt, ich fresse dich nicht auf!\u201c Oder umgekehrt: \u201eStella, ich habe dir schon siebzehn Mal gesagt, ich fresse dich nicht auf.\u201c \u201eDu wirst immer schlimmer, Janus.\u201c \u201eStella, ich bin keine Zikade.\u201c \u201eGenau dar\u00fcber will ich mit dir reden, Janus.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><em>Siebter Schritt.<\/em> Manchmal brennen zwei Lunten zur gleichen Zeit. Es blieb unklar, wessen Bombe zuerst explodierte, ihre oder meine. Vor Wochen, als wir \u00fcber Ronchamp und Colmar nach Stra\u00dfburg fuhren, hatten wir im Mus\u00e9e d\u2019Art Moderne vor einem unfasslichen Bild gestanden, eine riesige Fotografie auf einer sechs mal vier Meter gro\u00dfen Leinwand. In eine glatte senkrechte Felswand gehauen war in riesigen r\u00f6mischen Lettern ein Zettel, wie wir ihn schreiben, wenn wir mitteilen wollen, dass wir gleich wieder da sind. Mitten in einem vielleicht schweizerischen Gebirgspanorama stand diese Mitteilung, ein Altar tagt\u00e4glicher Liebe:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">SUSAN,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">OUT FOR A PIZZA.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">BACK IN FIVE MINUTES.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">GEORGE<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00e4nderte den Text ab, aber ich war sicher, Stella w\u00fcrde das kalligraphische Scherzo wiedererkennen. Ich ritzte die Worte mit schwarzer Feder aufs Papier, steckte die Zeichnung in einen Umschlag und schickte Stella den Brief in die Rue Grenelle, nur ein paar Schritte vom \u201eDragon\u201c entfernt. Ich brauchte die z\u00e4rtliche Ironie eines besonderen Abschieds, nur so war das Ende unseres intimen Diskurses rund. Ich verachtete die herabw\u00fcrdigenden Mails oder SMS, die sich viele schicken, um sich noch einmal zu verletzen, wenn sie Schluss machen. War ich weit davon entfernt?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Kopf will platzen vor lauter Ideen. Die Sachen fallen mir zu, aber ich kann mich selbst nicht schreiben. Meine Hand ist gel\u00e4hmt. Meine Zukunft starrt mich nicht an. Meine Augen sehen innen nach oben. \u00dcber mir herrscht Stille. Bewegungslosigkeit in mir. Der Schlussstein in meinem Gew\u00f6lbe f\u00e4llt nicht.\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann die dunklen Gedanken nicht wegschieben. Ich sehe mich durch die Finsternis der Unterwelt tapsen. Die Totenseelen d\u00fcrsten alle nach Blut. Nun gut, man kann ihnen Honig, Wein und Gerste geben oder Gerstenmehl. Der Monoprix-Laden in der Rue de Rennes verkauft Semmelbr\u00f6sel. Ich frage die Verk\u00e4uferin, ob das als Totennahrung taugt. Sie wei\u00df es nicht. Wahrscheinlich fehlen repr\u00e4sentative Erfahrungswerte. Der H\u00f6llenhund mag jedenfalls Honigkuchen. Beliebte Totengaben waren in der Zeit, als der Kosmos noch ganz war, Nektar, Ambrosia, Soma, Amrita, Milch, Butter, Sahne, \u00d6l, Eier, Brot, Getreidesamen, Reisk\u00f6rner, Sesam, Pfannkuchen, N\u00fcsse, \u00c4pfel, Pflaumen, Fruchtkerne, Schokolade, Wurst, Muscheln, Fisch, Bier, Wein, Schnaps, Tabak, Blut und sogar, etwa in afrikanischen Urv\u00f6lkern, Menschenfleisch. All das war ins Jenseits mitzunehmen. Den Toten nur das Beste, dachte man fr\u00fcher. Wie sehr die Toten heute ausgegrenzt werden, erkennt man daran, dass es kein Kochbuch f\u00fcrs Jenseits gibt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u00a0 Ich bin dann mal weg. Es gibt diese Geschichten vom Abhauen, da sagt einer, er geht Zigaretten holen und kommt nicht wieder. 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