{"id":79109,"date":"2022-12-19T00:01:28","date_gmt":"2022-12-18T23:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79109"},"modified":"2022-02-24T18:51:58","modified_gmt":"2022-02-24T17:51:58","slug":"ich-verirre-mich-in-dieser-unsinnigen-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/19\/ich-verirre-mich-in-dieser-unsinnigen-welt\/","title":{"rendered":"Ich verirre mich in dieser unsinnigen Welt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: Ich verirre mich in dieser unsinnigen Welt voller Korruption, L\u00fcge, T\u00e4uschung! Ich fliege \u00fcbers Kuckucksnest<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vintery, mintery, cutery, corn,<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Apple seed and apple thorn &#8230;<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">und fliehe in umgedachte Wirklichkeiten, in denen ich mich teuflisch wohl f\u00fchle. Je toller die Ideen, umso besser.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Entsetzlich, wie du dich in deine extravaganten Spinnereien verstrickst. Du frisst B\u00fccher wie Drogen. Du verwechselst im Geh\u00e4use deiner wahnhaften Identifikationen die erdachten Welten mit der Wirklichkeit, in der du dich behaupten musst. Du bastelst dir deine Firmamente aus Seegarn, Phantasmen, Fragmentalit\u00e4ten, Sibyllarien, enigmathematischen Themen, poethischen Allyren mit Metapotential und Grammur &#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: Wei\u00dft du, der Alltag ist eine furchtbare Bedrohung! In einem anderen Leben werde ich den ganzen Tag Caipirinha trinken, bildlich gesehen &#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Du tr\u00e4umst vom Jenseits als Schlaraffenland oder vom Leben als mehrfachem Versuch. So sch\u00f6n der Gedanke klingt, so schrecklich kann er sich realisieren, mein Lieber \u2013 etwa wenn es den ganzen Tag lang nichts anderes gibt als Caipirinha. Frag lieber: Was wird aus dir? Du l\u00e4ufst durch eine winterliche Lebenslandschaft, in der du erfrierst, verschollen in dir selbst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: Vielleicht ist das Leben ein unheimliches Labyrinth, in dem wir uns verirren, bis uns die Augen aufgehen. Ich gehe tr\u00e4umerisch durch mein Leben, was mir meine Lehrer schon auf meinem ersten Schulzeugnis bescheinigten. Ich sehe Romanhandlungen, wenn ich durch die Stra\u00dfen laufe oder im Bistro sitze. Ich sehe meine Gedanken in vielen Dingen poetisch gespiegelt, meine Handlungen als Teil einer Dichtung. Das war schon immer so. Wenn ich mein Leben nicht spielen k\u00f6nnte, hielte ich es nicht aus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Dein Spiel mit dem Tod f\u00fchrt dich ad absurdum.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: Ich tr\u00e4umte. Es war Nacht. Die Masten schwankten, als schwerer Wind gegen die Zeltw\u00e4nde st\u00fcrmte. Die Zuschauer auf den kreisrunden R\u00e4ngen starrten in das riesige Maul eines Hais. Die Z\u00e4hne schimmerten wei\u00df und rot im Blinklicht. Die Arena war schwarz. Im Herzen des Hais schlugen Trommeln den Takt eines langsamen Marschs ohne Schritt. In der Kuppel kreisten Scheinwerfer und strichen langsam \u00fcber die Wellen der knallenden Stoffw\u00e4nde. Die Lichtkegel w\u00fchlten in den Reihen der Zuschauer, die ihre H\u00e4lse ins Licht reckten, ohrfeigten das aufgerissene Maul und flossen immer wilder in die schwarze Mitte, bis sie im Trommelwirbel alle Strahlen des Lichts in den Rachen schossen. Zwischen den Z\u00e4hnen schritten zwei M\u00e4nner ins Licht. Die Trommeln verstummten. Das Licht verschluckte die Zeit. Die M\u00e4nner waren eingeh\u00fcllt in ein langes wei\u00dfes Tuch. Es war um die Beine geschlungen, um den ganzen Rumpf, die Arme und den Hals, auch um den Kopf &#8211; bis auf einen kleinen Schlitz f\u00fcr die Augen. Sie blieben, verfolgt von den glei\u00dfenden Funken zitternder Lichtkegel, im stumpfen Sand der Arena stehen. W\u00e4hrend die Trommeln wieder schlugen, stieg aus dem Hai eine Frau, ebenfalls in ein Tuch gewickelt. Als sie zu den M\u00e4nnern stie\u00df, bildeten sie zu dritt einen Stern, Schulter an Schulter, mit dem R\u00fccken zur Welt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Kuppel fielen drei Seile. An jedem hing ein lederner Fahrradsattel. Sie nahmen die S\u00e4ttel vom Seil und verankerten sie fest im Sand, die Rohrstange nach oben. Der Rand des Rohrs war scharf geschliffen. Die runde Klinge schimmerte &#8230; glitzerte &#8230; blitzte &#8230; blendete &#8230; Eis f\u00fcr die Augen! Jeder der drei ging zwei schnelle Schritte r\u00fcckw\u00e4rts, sprang in den Handstand, mit dem Kopf genau \u00fcber dem Rohr. Die drei Gesichter sahen in die Menge. Die Trommeln stockten. Dann flogen die Arme gleichzeitig auseinander, die K\u00f6pfe rammten ins Rohr, die H\u00e4nde fassten die H\u00e4nde der Anderen. Sie hielten sich fest. Alle sahen das Knirschen der Stange in den Sch\u00e4delknochen. In ihren K\u00f6pfen raste das kurze Zischen und Brechen weiter. Die K\u00f6rper standen aufrecht, fest im Sattel. Da l\u00f6sten sich, angestachelt vom Sturm, der durch die N\u00e4hte der Welt in ein Vakuum einbrach, die Knoten des Tuchs an den F\u00fc\u00dfen und, erst langsam, dann immer schneller, drehten sich die Stoffe l\u00e4nger und l\u00e4nger von den K\u00f6rpern, nie aber wirbelten sie gegeneinander, sondern peitschten immer h\u00e4rter die gierigen Augen der Zuschauer. Die aufgespie\u00dften K\u00f6pfe, zum Publikum gerichtet, starrten ins Leere, die Augen ge\u00f6ffnet, die M\u00fcnder geschlossen. In dieser Haltung verharrten sie.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Was soll das? Willst du leben oder sterben spielen?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: Jeder versteht nur seine eigene Wirklichkeit, wenn \u00fcberhaupt. Ich muss mich selbst fortw\u00e4hrend \u00fcbersetzen, um mich zu verstehen. Dabei komme ich \u00fcber Ahnungen nicht hinaus. Verst\u00fcnde ich mich, durchschaute ich alle meine Selbstl\u00fcgen \u2013 ich verst\u00fcnde die ganze Menschheit. Ich brauche die Imagination einer Welt, die ich ertragen kann. Ich kann ohne meine Tr\u00e4umereien nicht leben. Ich will mein Leben auskosten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Du bist ein Kind, das nicht aufh\u00f6ren will zu weinen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: Vielleicht ist die Kunst so ein Weinen. Manche suchen und finden Rettung in der Religion, anderen gen\u00fcgt der Trost der Philosophie oder die Liebe. Wahrscheinlich irren wir am Ende alle.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Du liebst nur deine Phantastereien. Noch nicht einmal dich selbst. Auch diese langstielige Sternschnuppe nicht, die du seit zwei Wochen anhimmelst. Die steigt die steile Treppe zu deiner Gedanken-Show runter. Das gef\u00e4llt dir nat\u00fcrlich. Aber du merkst nicht, wie sie dich nur sammeln will, so ein Exemplar hatte sie noch nicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: Das ist <em>meine<\/em> Spielebene.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Du hast keine Ahnung. Sie zieht dir das Blech von der Seele.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: Das werden wir sehen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Ach so. Du merkst gar nicht, wie du dich betr\u00fcgst. Du l\u00e4sst die Hose fallen wie eine Maske. Und im sch\u00f6nen Schein ihrer Worte regnet es feine Schwaden vor deinen Augen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">JANUS: War\u2019s das?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">STELLA: Ja. Das war\u2019s.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 JANUS: Ich verirre mich in dieser unsinnigen Welt voller Korruption, L\u00fcge, T\u00e4uschung! Ich fliege \u00fcbers Kuckucksnest Vintery, mintery, cutery, corn, Apple seed and apple thorn &#8230; und fliehe in umgedachte Wirklichkeiten, in denen ich mich teuflisch wohl f\u00fchle. 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