{"id":79096,"date":"2022-11-22T00:01:31","date_gmt":"2022-11-21T23:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79096"},"modified":"2022-02-24T18:15:59","modified_gmt":"2022-02-24T17:15:59","slug":"bracks-untergang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/22\/bracks-untergang\/","title":{"rendered":"Bracks Untergang"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bracks Untergang ereignete sich so langsam, dass alle, die das Auf und Ab der Stimmungen und Rauschphasen beobachteten, glaubten, Brack werde sich noch fangen. Wenn ihn Amphetamine und Wodka beherrschten, war er wochenlang nicht ansprechbar. Aufputschmittel reizten Brack, immer schneller zu reden, bis sich die Worte \u00fcberschlugen, dann stotterte er, und ich verstand kaum, was er sagte. Wodka machte ihn langsam, er sprach dann sehr stockend, formulierte aber immer noch richtige, sinnvolle S\u00e4tze. Wodka machte seine Augen schwarz, Amphetamine f\u00e4rbten sein Gesicht kalkwei\u00df.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages schrieb Brack Kerners Lied von der S\u00e4gm\u00fchle ab, das er sehr liebte, und schickte es mir mit der Post. Als ich die Verse las, sah ich das zerbrochene Leben des Freundes.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vier Bretter sah ich fallen, <br \/>Mir ward\u2019s um\u2019s Herze schwer, <br \/>Ein W\u00f6rtlein wollt\u2019 ich lallen, <br \/>Da ging das Rad nicht mehr.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Brack schluckte Thomas Bernhard wie eine Droge. Er f\u00fchlte sich den Untergangsgedanken dieser Prosa nahe. \u201eEr wollte K\u00fcnstler sein, Lebensk\u00fcnstler gen\u00fcgte ihm nicht, obwohl doch gerade dieser Begriff alles ist, das uns gl\u00fccklich macht\u201c, hei\u00dft es im <em>Untergeher<\/em>. Was er hatte, gen\u00fcgte Brack nicht, da wollte er lieber ungl\u00fccklich sein. Er hatte die Freun-din, mit der er alles teilte, aber am Ende verlor er sich in ihr und dachte alles nach, was sie vordachte. Er besa\u00df nicht die Kraft des Genies, das die Schranken mit der Tat durchbricht. In dem Ma\u00dfe, wie er sich von mir entfernte, verlor Brack sich selbst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu und Gorki, das passt nicht zusammen\u201c, wiederholte Brack. Na gut, von mir aus, dachte ich. Er lehnte sich zur\u00fcck: \u201eKennst du Gorkis <em>Lied vom Sturmvogel<\/em>?\u201c \u201eNein\u201c, sagte ich. \u201eDu kennst Gorkis <em>Sturmvogel<\/em> nicht?\u201c \u201eNein.\u201c Brack blickte mich an und hob langsam den Kopf: \u201eSo schwebt der k\u00fchne Sturmvogel stolz zwischen Blitzen dahin \u00fcber zornbr\u00fcllendem Meer; und es ruft der Siegesk\u00fcnder: O da\u00df der Sturm gewaltiger noch erbrause!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Metapher der Revolution &#8230;\u201c, sagte ich. Brack schwieg. Ich r\u00fchrte Zucker in den Espresso. Im Russischen sind die Sturmv\u00f6gel Sturmboten, in franz\u00f6sischen Sagen sind sie die toten Seelen der Kapit\u00e4ne, die ihre Matrosen schlecht behandelten und verdammt wurden, auf den Meeren herumzuirren &#8230; \u201eDu h\u00e4ltst es nicht mit der Wahrheit\u201c, sagte Brack. Ich war gel\u00e4hmt. Ich sp\u00fcrte, wie Brack zu einem gro\u00dfen Schlag ausholte, den er mit kleinen Stichen vorbereitete. \u201eIch wei\u00df, warum du dich f\u00fcr Michael Jackson interessierst.\u201c Ich blickte auf Bracks halb geschlossene Augen. \u201eDu hast eine gef\u00e4hrliche Neigung, wie er\u201c, sagte er. Ich fror. \u201eDu verlierst dich in der Form\u201c, h\u00f6hnte er mit schneidender Stimme, \u201edein Leben ist ein einziger Moonwalk!\u201c Totentanz, dachte ich. \u201eIch suche das Leben, du findest dich im Nichts\u201c, sagte Brack. Ich stand auf, zahlte meinen Espresso und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen. Da rief er mir nach: \u201eSo \u00fcberwindest du nicht den Tod!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war im letzten Sommer. Die graublaue Stra\u00dfe, das Eismeer zwischen Brack und mir lie\u00df mich wie-der fr\u00f6steln, als ich Holgers Totenlied las, das er mir vor Tagen nach Paris schickte:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sitz ich im offnen grab des sch\u00e4dels komm ich<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ans tor der wunden wiegt mich der knochentanz<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in den schlaf vertieft in das zucken der glieder<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">vor augen schwarzgefleckt die haut mein toten-<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 hemd &#8230;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Bracks Untergang ereignete sich so langsam, dass alle, die das Auf und Ab der Stimmungen und Rauschphasen beobachteten, glaubten, Brack werde sich noch fangen. Wenn ihn Amphetamine und Wodka beherrschten, war er wochenlang nicht ansprechbar. 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