{"id":79087,"date":"2022-11-07T00:01:46","date_gmt":"2022-11-06T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79087"},"modified":"2022-02-24T17:55:30","modified_gmt":"2022-02-24T16:55:30","slug":"moonwalk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/07\/moonwalk\/","title":{"rendered":"Moonwalk"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein leichter Wind trieb die Kastanien-bl\u00fcten \u00fcber die Gehsteige der Alleen. Der blau schimmernde Asphalt der B9 schlug Wellen. Ich fuhr zu Brack nach Mehlem in die Gelateria. Das war im letzten Sommer. Die Stra\u00dfe war das Eis-meer, ich f\u00fchlte mich zur\u00fcckversetzt in die Kinder-tage, wo ich mit dem Roller \u00fcber die Steinplatten des B\u00fcrgersteigs fuhr und mir vorstellte, ich sei ein Flugzeug. Ich sah die Welt von oben, unter mir die Lokomotive, die ich f\u00fchrte, ich sah durch das eiser-ne Bullauge auf Dampfkessel, Schornstein und den fernen Horizont, in den die Schienen hinein wuch-sen, und sp\u00fcrte \u00fcber mir das Flugzeug, stieg wieder hoch in die L\u00fcfte und flog \u00fcber der langen Rauch-fahne meines Zuges irgendwo in Turkestan. Das Auto glitt an Eisschollen vorbei. Rechts dahinter der Kiosk aus Kindertagen, wo ich jeden Freitag die <em>Micky Maus<\/em> kaufte. Dann raste ich auf dem Rad nach Hause, rannte in mein Zimmer, warf mich aufs Bett und las das neueste Abenteuer, das Donald, Tick, Trick und Track erlebten. Jetzt stand dort kein Kiosk mehr, sondern eine Tankstelle. Die rote Ampel an der Hochkreuzallee riss mich aus meiner Gedankenwelt. Vor mir der Godesberger Tunnel und das schmale, immer fragende Gesicht von Carsten Brack. Der hatte mich angerufen, er wollte mit mir in Gorkis <em>Nachtasyl<\/em> gehen. Es schien ihm in den letzten Monaten deutlich besser zu gehen. Er kam seltener zu sp\u00e4t zum Treffen. Aber in Bracks Wohnung lagen immer noch Zeitungen, zerfetztes Papier, Zeitschriften, B\u00fccher, Prospekte auf dem Boden &#8230; Schorfeis. Nur im Flur blieb zwischen den \u00fcbereinander gestapelten Kartons eine enge Gasse zum Badezimmer. In der K\u00fcche standen unabgewa-schene Teller, Gl\u00e4ser und T\u00f6pfe auf der Anrichte, der Sp\u00fcle, im Herd und auf dem Fu\u00dfboden herum. Im ge\u00f6ffneten K\u00fchlschrank brannte Licht in eisiger Leere.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In unserer Schulzeit schrieb Brack intelligente Interpretationen von Benn-Gedichten, er las die neuesten Romane, berichtete vom Theater, gab Anregungen, Nietzsche, Sartre, Beckett, und er war ein Macher, er lenkte Diskussionen, redigierte die Sch\u00fclerzeitung und analysierte in kristalliner Spra-che den Alltag und die Innenr\u00e4ume der K\u00f6pfe, die ihm begegneten. Er trug italienische Lederschuhe, schwarzgrau gescheuerte Jeans und feine Schals.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt aber schluckte er schon seit Jahren Aufputsch-mittel, die er sich mit gef\u00e4lschten Rezepten besorg-te, trank eine Flasche Wodka nach der anderen, griff oft sogar nach beidem, Alkohol und Amphetami-nen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fuhr durch den Tunnel unter der Stadt. Die Erinnerungen an die letzten Monate wurden greller. In meinem Kalendertagebuch hatte ich notiert:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e- &#8211; &#8211; Brack ruft an. Er ist zur\u00fcck aus Frankreich. Er pendelt zwischen Sucht und Selbstdisziplin. Manch-mal redet er von neuem Sinn, von Wende. Doch bald ist er wieder niedergeschmettert. \u201aEs wird alles besser\u2019, sagt er. (Bis zum n\u00e4chsten Absturz.) Sein K\u00f6rper wirkt immer noch z\u00e4h, der Kopf funktio-niert. Aber er hat keine Kraft, er zieht sich von allen Menschen zur\u00fcck. (Ich schau da nicht durch.)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Geniepl\u00e4ne in der Jugend, von der Mutter ge-pflanzt. Der Vater, Kurarzt im Nordschwarzwald, fordert Leistung und Erfolg. Aber Bracks Antrieb ist zu schwach. Die Mutter, \u00c4rztin in der Kurklinik, verschafft ihm die n\u00f6tigen Psychopharmaka. Dann das Medizinstudium in Bonn. (Er hat mich \u00fcberholt, das war klar.) Alles l\u00e4uft wie am Schn\u00fcrchen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber eine totale L\u00e4hmung, hervorgerufen durch einen Selbstversuch mit einem neuen Medikament, wirft ihn um. Die L\u00e4hmung geht nur langsam zur\u00fcck, bleibt in H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen stecken. Brack geht am Stock. Chirurg kann er nicht mehr werden. Er liebt die Frau nicht, die er aus Langeweile heira-tet. Er liebt die Freundin seines Lebens, mit der er in der Oberstufe Theater spielte, sie Antigone, er Kreon \u2013 aber nach der Schulzeit ging Kreon in den Norden und Antigone blieb im S\u00fcden. Er heiratete, nachdem sie geheiratet hatte. Ihre Ehe ging schnell zu Bruch. \u201aIch lebe wie in einem Gedicht von Heinrich Heine\u2019, sagt Brack immer wieder zu mir.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Brack l\u00e4uft durch ein Labyrinth der Sinnlosigkeit. Der K\u00f6rper vollgepumpt mit Antidepressiva. Antigone kriecht wieder in seinen Kopf, in seinen K\u00f6rper. Er verkommt innerlich und \u00e4u\u00dferlich, trennt sich von Frau und Kind, zieht aus. Zwei Mal f\u00e4hrt Brack sein Auto zu Schrott und sich selbst fast zu Tode. Aber zum Selbstmord ist er zu schwach. So lebt er dahin. Ohne Ziel, ohne Richtung. Brack wird ein verzweifelter Kauz, der sich im Grotesken einrichtet, in zuf\u00e4lligen Belanglosigkeiten, ein Gefangener seines Relativismus, mit dem er sich und das Absurde rechtfertigt. Er glaubt an nichts, auch nicht an die Freundin. Nur m\u00fchsam richtet er sich her f\u00fcr kurze Tage nach langen N\u00e4chten, in deren Stumpfsinn er verkommt. Er ist neugierig auf alles, doch alles langweilt ihn. Alles ist nichts, aber das Nichts ist nicht alles, hofft er. Sein K\u00f6rper ist ausgemergelt. Er d\u00e4mmert durch den Tag in die schwarze Nacht. Er verzettelt sich in faden Gedankenspielen. Ein Spiel mit wechselnden Regeln, die er wieder verwirft, wenn sie ihn binden. Nichts h\u00e4lt ihn, kein Ernst, kein Glaube. Seelentumor.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da geht er. Die schwachen F\u00fc\u00dfe halten ihn nicht. Er schwankt, wenn er steht. Er stolpert und f\u00e4llt. Er schl\u00e4gt die Zeit tot. (Ich wei\u00df nicht, wie bewusst ihm das ist. Wer wei\u00df das schon.) Bracks Leben ist kalt. Er wei\u00df, der Tod ist unberechenbar, das Leben auch, absurd das alles, relativ und ganz egal. Kein Schrei von innen, abgesoffen die innere Stimme, taub die Ohren, alles erstickt. &#8211; &#8211; -\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Ein leichter Wind trieb die Kastanien-bl\u00fcten \u00fcber die Gehsteige der Alleen. Der blau schimmernde Asphalt der B9 schlug Wellen. Ich fuhr zu Brack nach Mehlem in die Gelateria. Das war im letzten Sommer. 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