{"id":79070,"date":"2022-10-04T00:01:27","date_gmt":"2022-10-03T22:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79070"},"modified":"2022-02-24T16:51:14","modified_gmt":"2022-02-24T15:51:14","slug":"das-ende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/04\/das-ende\/","title":{"rendered":"Das Ende"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Ende<\/em>, dachte ich. Das Ende. Vielleicht beginnt es auf einem Parkplatz: Ich frage meine Freundin: \u201eWer sitzt in den Autos dort hinten?\u201c \u201eGeh hin und sieh nach\u201c, sagt Stella. Ich laufe in die Ecke zu den Autos und beuge mich \u00fcber die Windschutzscheiben. Ich sehe darin nur den Himmel, der mich blendet, und Schatten. Da ist kein Platz f\u00fcr Farben. Kein Gesicht blickt mich an. Ich laufe zur Seite, gehe in die Knie und schaue zum Seitenfenster nach innen. Ich gehe von Auto zu Auto. Was sehe ich? Von Auto zu Auto. Was sehe ich? Die Sonne \u00fcber mir. Dann fallen Tropfen. Sonnenregen. Ich gehe von Auto zu Auto. Was sehe ich? \u201eWas siehst du?\u201c, ruft die Freundin. Ich drehe mich um. \u201eIn jedem Auto sitzt dieselbe Person\u201c, sage ich. \u201eDann ist alles in Ord-nung\u201c, sagt sie, \u201ekomm, wir gehen in die Stadt.\u201c \u201eIch kenne die Leute in den Autos nicht\u201c, sage ich. \u201eDie Wolken\u201c, sagt sie. \u201eImmer dieselbe Person\u201c, sage ich, \u201eich kenne sie nicht.\u201c \u201eJa\u201c, sagt Stella, \u201ewenn sie dir fremd ist.\u201c \u201eIn jedem Auto dasselbe Gesicht\u201c, sage ich. \u201eKein Wunder\u201c, sagt sie, \u201ewir kennen ja kaum uns selbst.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Psalm der Hyper-Hydra. <\/em>\u201eAch, Stella\u201c, sagte ich, \u201eunter meinen Erfindungen gefalle ich mir selbst ganz besonders. Klar, rein subjektiv. Was mir aber andererseits v\u00f6llig egal ist. Ich ruhe mich im schw\u00fclen Sommer der S\u00fcdheide aus. In der Nacht jage ich Kaltfront gegen Warmfront, schicke Blitze \u00fcbers Land und sch\u00fctte das Wasser, das ich im Atlantik sch\u00f6pfe, aus den Wolken. Dann schlafe ich. So nennen die Menschen ihre Reisen ins Unbewusste. Ich erhole mich vom gestrigen Sch\u00f6pfungstag. Im Schlaf ordne ich die Gro\u00dfe Menge Zufall. Wenn ich wach bin, greife ich mit beiden H\u00e4nden hinein und lasse die Zuf\u00e4lle zwischen meinen Fingern auf die Erde rieseln, wo sie Wurzeln schlagen, wachsen und bl\u00fchen. Das gef\u00e4llt mir. Manchmal nur muss ich schnell zur Seite springen, wenn so eine Idee zu schnell w\u00e4chst. Aber selten wehre ich mich mit einer Machete gegen wild wachsende Ungeheuerlichkeiten. Dann erschrecke ich gleichsam vor mir selber \u2013 eine h\u00f6here Sch\u00f6pfungsebene erzeugend spiegele ich mich und staune \u00fcber das M\u00f6biusband, das ich soeben zerschnitt, mich selbst. Dann wieder aufwachen, weitergehen durch Raum und Zeit, die sich mit jedem Schritt vor mir bilden.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu spinnst\u201c, sagte Stella. Ich nickte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wanschecker<\/em>. Der Kellner brachte die Pizza und stellte sie nebenan auf den Tisch. Aschenberg bekam Hunger. Kuschwelker, sagte er, bestellen wir uns auch so ein Loch! <strong>\u2013 <\/strong>Pizza, meinen Sie, l\u00e4chelte Wuschkelker. \u2013 Loch!, sagte Aschenbecher, das ist dasselbe. \u2013 Aha, meinte Wunschklecker.<strong> \u2013 <\/strong>Sehen Sie, sagte Achenbecker, das Loch ist die Leerstelle an sich, die Pizza ist eine konkrete Metapher daf\u00fcr. \u2013 Mein Gott, entfuhr es Wunschecker &#8230;<strong> \u2013 <\/strong>Es ist so leicht zu verstehen, sagte Wachecker. \u2013 Herr Wanschecker, sagte Wanschecker, in mancher Hinsicht werden wir uns immer \u00e4hnlicher.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stella las den Text, wandte sich l\u00e4chelnd von mir ab und sagte: \u201eDu spinnst.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Das Ende, dachte ich. Das Ende. Vielleicht beginnt es auf einem Parkplatz: Ich frage meine Freundin: \u201eWer sitzt in den Autos dort hinten?\u201c \u201eGeh hin und sieh nach\u201c, sagt Stella. 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