{"id":79067,"date":"2022-09-27T00:01:00","date_gmt":"2022-09-26T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79067"},"modified":"2022-02-24T16:39:37","modified_gmt":"2022-02-24T15:39:37","slug":"unser-leben-ist-nur-wahn-und-frass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/27\/unser-leben-ist-nur-wahn-und-frass\/","title":{"rendered":"Unser Leben ist nur Wahn und Fra\u00df"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn unser Leben Wahn und Fra\u00df ist, dachte ich, dann ist der Wahn Leben ohne Fra\u00df, und Fra\u00df ist Leben ohne Wahn, ja, das Leben wird zur t\u00f6dlichen Sucht. \u201aUnd die Kunst?\u2019, fragte ich Gro\u00dfvater, \u201aist sie auch ein Wahn?\u2019 \u201aNun ja\u2019, sagte er z\u00f6gernd\u201a \u201ain einem gewissen Sinn ist ein K\u00fcnstler, von seinem Werk her gesehen, wahnsinnig. Der eigentliche Wahnsinn liegt darin, dass der Wahn des K\u00fcnstlers, der in sein Werk eingeht, wahr ist.\u2019 Ich schwieg. \u201aDas Wunder der Zeugung ist bei den Ausscheidungsorganen angesiedelt &#8230; Feuer und Wasser &#8230; Wahn und Fra\u00df &#8230; zwischen diesen beiden Polen liegt alles, was wir Leben nennen.\u2019 \u201aAlso auch die Religion\u2019, sagte ich. \u201aJa, auch die Religion\u2019, sagte er. \u201aUnd die Religion und die Kunst sind derselbe Wahn?\u2019 \u201aIch wei\u00df es nicht\u2019, sagte er, \u201aich wei\u00df auch nicht, ob ich es hoffen soll.\u2019 \u201aAber deine geistlichen Motetten, Kantaten, Orgelmessen \u2013\u2019 \u201aIch komponiere in den Formen der geistlichen Musik, aber ich schreibe mit meinen Noten kein Credo. Ich bin ein K\u00fcnstler, ich glaube nur an mich selbst \u2013 und an mein Werk, das ist vielleicht dasselbe. Mein Verstand sagt mir, dass Gott nicht existiert. Mein Gef\u00fchl sagt nichts anderes. Gott ist eine Variable f\u00fcr das, was wir nicht verstehen. Gott ist nur eine Idee.\u2019 \u201aVielleicht eine Idee in uns \u2013 von ihm\u2019, sagte ich. Gro\u00dfvater lachte. Er legte sich aufs Bett: \u201aGott gibt es nicht\u2019, sagte er. \u201aEs hat ihn nie gegeben. Es kann ihn nicht gegeben haben und es wird ihn nie geben, der nie war, der nicht ist, der nie sein wird. Ich habe nie an ihn geglaubt.\u2019 Nach einer Weile dann: \u201aDer Tod ist die st\u00e4rkste Kraft.\u201c Gro\u00dfvater streckte den Arm aus und deutete mit der flachen Hand auf den Stuhl neben dem Bett. Ich las seine schwarze Filzstifthandschrift: \u201aIch bin aus der katholischen Kirche ausgetreten.\u2019 \u201aDas ist Gott egal\u2019, sagte ich. Gro\u00dfvater l\u00e4chelte. \u201aWenn es ihn g\u00e4be, w\u00e4re er auf meiner Seite.\u2019 Wir schwiegen. \u201aIch glaube, du willst mit dem Leben abschlie\u00dfen\u2019, sagte ich dann. \u201aKann sein\u2019, sagte er. Er erz\u00e4hlte mir von der Glocke, die er\u00a0 der Kirche vor vielen Jahren stiftete. \u201aDen Kl\u00f6ppel haben die Damen des Puffs beigesteuert. Die sind ehrlicher als die Kirchenleute\u2019, sagte er. \u201aDie Priester sind eitel, noch eitler als ich. Ich muss ja als K\u00fcnstler sein wie Gott. Aber die Priester m\u00fcssen Gott die-nen, am besten lassen sie die Finger von der Kunst.\u2019 Der kunstsinnige Pater von \u201aSt. Chillida\u2019, erz\u00e4hlte er, habe den alten Altar seiner Kirche in die Sakristei tragen und einen aus drei wei\u00dfen Marmorbl\u00f6cken bestehenden Altar aufstellen lassen, im Dienst an der Kunst, aber dann auf Verlangen des Erzbischofs ins Seitenschiff versetzen m\u00fcssen. Ein Altar sei ein ungeteilter Opfertisch, so der Erzbischof. Die Deutung, die Dreiteilung spiele auf die Dreieinigkeit an, habe die Kurie nicht gelten lassen, es bestehe auch die Gefahr, dass die Gemeinde in dem zerst\u00fcckelten Altar eine br\u00fcchige Kirche sehe. Una sancta eccclesia catholica! Da habe der Pater einen neuen Opfertisch im Altarraum aufgestellt, wieder aus wei\u00dfem Marmor, aber d\u00fcnnwandig und hohl \u2013 ein Campingtisch. Den habe der Pater dem Gro\u00dfvater voller Stolz gezeigt. Man sehe, habe er zu dem Pater gesagt, wie hohl die Kirche sei &#8230; Nun ja, habe der geantwortet, jedenfalls una, also ungeteilt, aus einem St\u00fcck, und sancta \u2013 und catholica allemal. Gro\u00dfvater forderte mich auf, ihm vom Spinett in der Mitte des Zimmers ein Exemplar seiner Biographie zu bringen, die sein Nachfolger im Organistenamt k\u00fcrzlich geschrieben hat. Er schlug das Buch auf und schrieb auf die Innenseite des hinteren Buchdeckels mit schwarzem Filzstift. Ich schaute ihm von der Seite dabei zu. Er malte Buchstabe f\u00fcr Buchstabe. Die Augen schienen zu lachen, aber der Mund blieb ernst. Gro\u00dfvater gab mir das Buch zur\u00fcck: \u201aIch will eingeschl\u00e4fert werden.\u2019 Ich erschrak. \u201aDas ist mein Testament\u2019, sagte er, \u201ain Wahrheit auch nur ein Wahn.\u2019 Testament? Auf dem Nachttisch eine wei\u00dfe Schachtel Valium. Ich sch\u00fcttelte den Kopf. Der Tod \u2013 nur ein Wahn? Der Tod ist das Nichts. Aber das sagte ich nicht. Gro\u00dfvater wies auf einen Zeitungsartikel neben den Tabletten. Ein Bericht \u00fcber sein letztes opus. Auf dem Stuhl lagen die gedruckten Noten der Motette \u201aJa, ich komme bald.\u2019 \u201aIch sitze am Tag zwei Mal f\u00fcr ein paar Stunden am Fenster und komponiere. Ich habe nur noch das Spinett. Mir fehlt die Orgel. Aber ich kann mit den wunden F\u00fc\u00dfen nicht mehr spielen.\u2019 <em>&#8230; Schw\u00e4lende Tage &#8230;<\/em> \u201aMir fehlt der Blick auf das Ma\u00dfwerk von St. Peter. Jetzt schaue ich aus dem Kellerloch, in dem ich hause, auf die Astern vor meinem Fenster, auf mein Grab.\u2019 <em>&#8230; Noch einmal das Ersehnte, den Rausch &#8230;<\/em> \u201aMeine Augen sind\u00a0 schwach, ich sehe die Noten nur verschwommen. Manchmal improvisiere ich auf dem Spinett.\u2019 Seine Kompositionen h\u00f6re er im Kopf. Vom Bett aus k\u00f6nne er die Fernsehbilder ahnen und sich den Film vorstellen. \u201aAber meistens lasse er den Fernseher ausgeschaltet.\u2019 &#8230; <em>Und streife die Fluten und trinke Fahrt und Nacht &#8230; <\/em>Ich dachte immerzu an Benns Gedicht, an den nahenden Tod, als ich Gro\u00dfvater mit seinem langen wei\u00dfen Bart im Bett vor mir liegen sah, die eingewickelten F\u00fc\u00dfe in dicken Pantoffeln steckend, der sterbende Gott Gottes. Eine bizarre Predella. Dar\u00fcber das Nichts der wei\u00dfen Wand &#8230; Gro\u00dfvater wurde m\u00fcde. Als wir uns verabschiedeten, gab er mir die Hand und sagte: \u201aDas ist das Ende.\u2019\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Wenn unser Leben Wahn und Fra\u00df ist, dachte ich, dann ist der Wahn Leben ohne Fra\u00df, und Fra\u00df ist Leben ohne Wahn, ja, das Leben wird zur t\u00f6dlichen Sucht. \u201aUnd die Kunst?\u2019, fragte ich Gro\u00dfvater, \u201aist sie auch ein&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/27\/unser-leben-ist-nur-wahn-und-frass\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":97855,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-79067","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79067","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79067"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79067\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100273,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79067\/revisions\/100273"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97855"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79067"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79067"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}