{"id":79064,"date":"2022-09-19T00:01:46","date_gmt":"2022-09-18T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79064"},"modified":"2022-02-24T16:22:04","modified_gmt":"2022-02-24T15:22:04","slug":"sternblumen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/19\/sternblumen\/","title":{"rendered":"Sternblumen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stella sagte: \u201eEs wird k\u00fchler.\u201c Die Sonne verschwand hinter den H\u00e4usern, und die steinernen Bisch\u00f6fe des Brunnens \u00fcber uns wurden dunkler, fast schwarz, wir sp\u00fcrten das fallende Wasser im R\u00fccken. \u201eIch will dir schnell noch eine Geschichte meines Gro\u00dfvaters erz\u00e4hlen.\u201c Sie schaute an mir vorbei. \u201eDie Geschichte hat auch mit dem Eis zu tun, auf dem wir tanzen und fallen, wenn es so weit ist &#8230;\u201c Ich wusste, dass Stella ihren Gro\u00dfvater liebte. Sie besuchte ihn oft in der gro\u00dfen Stadt am Rhein. Er brachte ihr alles bei, was es in der Musik gibt, und philosophierte mit ihr, seit sie sprechen konnte. \u201eAls Gro\u00dfvater sp\u00fcrte, dass es ans Sterben ging, zitierte er, wenn er von seiner Gebrechlichkeit sprach, immer wieder die Worte: \u201aEs ist vollbracht. Amen. Komm, Herr Jesus.\u2019 Obwohl er weder an die Theologie der Evangelien noch an die G\u00f6ttlichkeit Jesu Christi glaubte. Er blieb bis zu seinem zweiundsiebzigsten Lebensjahr Organist, spielte ein Credo nach dem anderen, gab Konzerte, improvisierte in Sankt Peter die Musik von Stummfilmen \u2013 ich erinnere mich besonders an \u201aFaust\u2019 und \u201aMetropolis\u2019 \u2013 und komponierte Orgelmessen, Kantaten und Oratorien. Nachdem er im Ruhestand war, zog er in ein kleines Appartement im Souterrain einer Villa am Rhein. Er erkannte mich erst gar nicht wieder, als ich ihn kurz vor seinem Tod besuchte. Ich glaube, er tat nur so, weil wir uns bei der letzten Begegnung gestritten hatten. Es ging um eins seiner Gedichte. Ich kapierte nicht, was er damit sagte. Heute wei\u00df ich, er wollte damals schon sterben. Ich stand im Wohnzimmer und blickte mich um. \u00dcberall lagen beschriebene Notenbl\u00e4tter herum, auf dem Schreibtisch vorm Fenster mit Blick auf die Rosenb\u00fcsche, den beiden kleinen Tischen in den Ecken, auf dem Spinett, auf allen St\u00fchlen, auf dem B\u00fcfett, auf dem Sofa und neben dem Kopfkissen des Bettes. Auch auf dem Fu\u00dfboden Stapel von Notenbl\u00e4ttern ohne erkennbare Ordnung. Mit dickem Filzstift geschrieben, sahen die schwarzen Noten mich an. Gro\u00dfvater zeigte auf den Schreibtisch. \u201aLies das Blatt in der Mitte!\u2019, sagte er. Ich beugte mich \u00fcber den Schreibtisch \u2013<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Stella sagte: \u201eEs wird k\u00fchler.\u201c Die Sonne verschwand hinter den H\u00e4usern, und die steinernen Bisch\u00f6fe des Brunnens \u00fcber uns wurden dunkler, fast schwarz, wir sp\u00fcrten das fallende Wasser im R\u00fccken. \u201eIch will dir schnell noch eine Geschichte meines Gro\u00dfvaters&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/19\/sternblumen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":97855,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-79064","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79064"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79064\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100256,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79064\/revisions\/100256"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97855"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}