{"id":7906,"date":"2003-10-03T17:58:05","date_gmt":"2003-10-03T15:58:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7906"},"modified":"2023-05-16T13:26:32","modified_gmt":"2023-05-16T11:26:32","slug":"gedachtnis-der-nation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/03\/gedachtnis-der-nation\/","title":{"rendered":"Ged\u00e4chtnis der Nation"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Erinnerung wird geformt abgefragt und konserviert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1843 formulierte der liberale kurhessische Politiker Karl Christian Sigismund Bernhardi eine Eingabe, um den K\u00f6nig von Preussen dazu zu bewegen, eine deutsche Nationalbibliothek einzurichten. Nichts vom deutschen Schrifttum sollte verloren gehen. Vorbilder boten die British Library in London, die auf der 1753 gegr\u00fcndeten Bibliothek des British Museum fu\u00dfte, und die Biblioth\u00e8que Nationale in Paris, deren Anf\u00e4nge bis ins 14. Jahrhundert zur\u00fcckreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn n\u00e4mlich auch in Deutschland, wie dies in Frankreich Gesetz ist, ein Exemplar von allem, was gedruckt wird, ohne Ausnahme an eine deutsche Nationalbibliothek eingeliefert werden m\u00fcsste, so w\u00e4re das der Ort, wo jeder Gelehrte eine vollst\u00e4ndige Erg\u00e4nzung der Bibliotheken finden k\u00f6nnte, welche ihm in seiner n\u00e4chsten Umgebung zug\u00e4nglich sind.\u201c, begr\u00fcndete Sigismund Bernhardi seine Eingabe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits lange vor Gutenberg spendeten wohlhabende Besitzer ihre B\u00fcchersammlungen einer Universit\u00e4t oder Kathedrale, mit dem Zusatz, dass diese handgeschriebenen Sch\u00e4tze f\u00fcr immer an eine Wand gekettet bleiben w\u00fcrden (wie in Hereford, England). Damit sicherte sich der Spender eine Form der Unsterblichkeit, in der er in den Gedanken der Welt weiterlebte. Aber keine Ketten garantieren das \u00dcberleben. Als im 16. Jahrhundert die Kl\u00f6ster in England und Schweden geschlossen wurden, wurden ihre Bibliotheken zerst\u00f6rt. Manuskripte landeten auf der Toilette, sie polierten Stiefel und wurden zu Einpacken rund um Fisch und Kuchen auf dem Markt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bibliotheken sind mehr als B\u00fccherlesen. Sie bewahren unsere Erinnerungen und Erfahrungen und geben uns Werkzeuge an die Hand, diese zu finden. Unsere historische Identit\u00e4t ist in ihren Mauern, sie helfen uns, Worte ohne Wahn zu finden, um unsere Gesellschaft, unseren Standort, unsere Verantwortung f\u00fcreinander zu verstehen. Und noch mehr finden man auf der Navigationskarte der Bibliothek. Wenn man die Unterst\u00fctzung reduziert, einschlie\u00dflich der Schulbibliotheken, schneidet man das pers\u00f6nliche und kollektive Ged\u00e4chtnis ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leser k\u00f6nnen sich auf einen Text einlassen wie auf einen Menschen. Es ist kein Eskapismus. Fiktive Kreaturen k\u00f6nnen uns lieb und lebendiger werden als ein Cousin oder ein alter Klassenkamerad, aber sie bleiben fiktiv, sie l\u00f6sen sich in Luft auf, sie haben kein Zuhause au\u00dfer in der Tinte. Und wir haben keine Ahnung, wie sie sich gef\u00fchlt haben, bevor sie zwischen die Buchdeckel traten, oder wie es ihnen damals ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Gute l\u00e4uft ohnehin keine Gefahr, vergessen oder verloren zu werden, wozu die \u00fcbervollst\u00e4ndige Anh\u00e4ufung des Mittelm\u00e4\u00dfigen und Schlechten?&#8220; sprach sich Jakob Grimm 1843 in einem Gutachten gegen eine Deutsche Nationalbibliothek aus und erkl\u00e4rte eine vollst\u00e4ndige, l\u00fcckenlose Sammlung des deutschen Schriftgutes sei unn\u00fctz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier erweist sich Deutschland als versp\u00e4tete Nation, das, was andere Nationen l\u00e4ngst hatten und als &#8222;Ged\u00e4chtnis ihrer Nation&#8220; wertsch\u00e4tzten, sollte in Deutschland nicht n\u00f6tig sein. Daher dauerte es noch gut 50 Jahre, bevor in Leipzig auf Initiative des B\u00f6rsenverein des deutschen Buchhandels die &#8222;Deutsche B\u00fccherei&#8220; gegr\u00fcndet wurde. Seither wird von jedem Buch, das in Deutschland erscheint, ein Exemplar der Deutschen B\u00fccherei zur nationalbibliographischen Registrierung und zur Archivierung \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wirklich \u00fcberlieferungssicher \u00fcber Generationen hinweg war bisher nur das Gedruckte. Als Buch, Zeitschrift, Zeitung, Flugblatt. In der &#8222;Deutsche B\u00fccherei&#8220; stehen diese Dokumente im Regal. Inzwischen sind in die gesetzliche Sammelpflicht der Deutschen Nationalbibliothek Internet-Publikationen einbezogen worden, daher hat kulturnotizen.de als zeitschriftenartige Reihe auch eine ISSN. Wir freuen uns als online-Archiv dazu beitragen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104669 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Steinlupe-Herbstbuch-Faszikel-1-e1683437634934-300x293.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"293\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Steinlupe-Herbstbuch-Faszikel-1-e1683437634934-300x293.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Steinlupe-Herbstbuch-Faszikel-1-e1683437634934-160x156.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Steinlupe-Herbstbuch-Faszikel-1-e1683437634934.jpg 307w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00fcnstlerbucher sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerung wird geformt abgefragt und konserviert. 1843 formulierte der liberale kurhessische Politiker Karl Christian Sigismund Bernhardi eine Eingabe, um den K\u00f6nig von Preussen dazu zu bewegen, eine deutsche Nationalbibliothek einzurichten. Nichts vom deutschen Schrifttum sollte verloren gehen. 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