{"id":79054,"date":"2022-09-05T00:01:09","date_gmt":"2022-09-04T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79054"},"modified":"2022-09-05T05:06:08","modified_gmt":"2022-09-05T03:06:08","slug":"d-es-c-h","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/05\/d-es-c-h\/","title":{"rendered":"D-Es-C-H"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDmitrij Schostakowitsch legte sich jahrelang abends mit voller Kleidung ins Bett, neben ihm der gepackte Koffer\u201c, sagte Stella, \u201eer lebte in der st\u00e4ndigen Angst, deportiert und liquidiert zu werden. Dem Diktator missfiel die neunte Sinfonie, es fehlte der Triumph, die Musik war zu friedlich, zu leise, viel zu subtil, ein R\u00fcckfall in den kalten westlichen Formalismus, das war ja fast Haydn, was da erklang. \u201aDschugaschwilis Lehre\u2019 war, so hie\u00df es, \u201ader sublimierteste Ausdruck des menschlichen Geistes und nicht anders zu fassen und zu erkl\u00e4ren als wie kraft einer streng herrschenden Ideologie.\u2019 Und das steckte nicht in den Noten dieser Sinfonie. Schostakowitsch war in den Augen der Partei renitent, er hoffte auf Wunder, auf die falsche Freiheit, er wollte W\u00fcrde, Gl\u00fcck, Recht und derlei Plunder, das war Gottesl\u00e4sterung, Glaubenssch\u00e4ndung, Hochmut, Ungehorsam gegen\u00fcber der heiligen Lehre, und so gesehen schon Aufwiegelung, freches Widersprechen, Zweifeln, ja Selberdenken. Eines Tages liest Schostakowitsch am Schwarzen Brett des Leningrader Konservatoriums, dass ihm die Lehrbefugnis als Professor entzogen worden war \u2013 wegen seines \u201aniedrigen Fachniveaus\u2019. Der zehnj\u00e4hrige Sohn wurde in der Musikschule gezwungen, die Schandtat seines Vaters zu verdammen, der zum Volksfeind erkl\u00e4rt wurde. Er hatte Angst, hingerichtet zu werden wie viele andere, er f\u00fcrchtete um das Leben seiner Mutter, seiner Frau, seiner Kinder. &#8230; Er konnte kaum schlafen. Das Fenster war einen Spalt ge\u00f6ffnet, damit er jedes Ger\u00e4usch auf der Stra\u00dfe mitbekam. Im dunklen Zimmer lauschte er, ob ein Auto vor dem Haus anhielt. Eines Nachts fuhr eine schwarze Limousine vor. Schostakowitsch st\u00fcrzte ans Fenster und sah, wie drei kr\u00e4ftige M\u00e4nner die Stra\u00dfe \u00fcberquerten. Unten schlug die Haust\u00fcr, der Aufzug setzte sich in Bewegung, stoppte. Schostakowitsch stand an der T\u00fcr zum Flur, die Fahrstuhlt\u00fcr knallte zu, Schritte hallten im Treppenhaus, kein einziges Wort fiel, dann klingelte es in der Nachbarwohnung. Die T\u00fcr wurde ge\u00f6ffnet, wieder fiel kein Wort. Nach einer Weile kamen die Schritte zur\u00fcck, die Wohnungst\u00fcr fiel zu, die M\u00e4nner bleiben stehen, einer scharrt mit dem Fu\u00df auf dem Steinboden. Kein Wort, die Schritte kommen n\u00e4her, Scharren, dumpfes Husten, sie entfernen sich, die zuklappende Fahrstuhlt\u00fcr, das Summen, die Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, das Quietschen der Karosserie, zuschlagende T\u00fcren, der Motor heult auf. Langsam dehnt sich im Ohr die Stille aus &#8230; Seit dieser Nacht wusste er, er war verloren, sinnlos seine Wache. Er zog im Dunkeln die Jacke aus, dann die Schuhe, und legte sich schlafen &#8230; In dieser gefrorenen Zeit schrieb er das Violinkonzert, das erste, ein wildes Zappeln der Einsamkeit. Als Stalin starb, heulten die Sirenen, sie h\u00f6rten gar nicht wieder auf vor lauter Freude.\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eDmitrij Schostakowitsch legte sich jahrelang abends mit voller Kleidung ins Bett, neben ihm der gepackte Koffer\u201c, sagte Stella, \u201eer lebte in der st\u00e4ndigen Angst, deportiert und liquidiert zu werden. 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