{"id":79048,"date":"2022-08-28T00:01:54","date_gmt":"2022-08-27T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79048"},"modified":"2022-02-24T15:10:50","modified_gmt":"2022-02-24T14:10:50","slug":"die-glut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/28\/die-glut\/","title":{"rendered":"Die Glut"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Glut. Die Glut.<\/em> \u201eDer Tod pfeift immer noch nicht aus dem letzten Loch. Er schl\u00e4gt h\u00e4rter zu, genauer und unberechenbarer als irgendein Konzern und singt seinen eigenen Blues\u201c, sagte Stella. \u201eIch sto\u00dfe meine Stirn in die Tastatur, unter meinen Fingern stirbt der Tod\u201c, sagte ich. \u201eDu willst den Tod \u00fcberwinden\u201c, sagte Stella, \u201edas muss scheitern.\u201c \u201eWir haben nichts Besseres\u201c, sagte ich, \u201ewenn wir den Tod nicht in gelebten Bildern \u00fcberwinden, was sollen wir sonst tun?\u201c \u201eDu steigst aus der Wirklichkeit aus\u201c, sagte Stella, \u201eund schon ist der Tod besiegt? So einfach geht das nicht.\u201c \u201eJa\u201c, sagte ich, \u201eich steige aus der Todeswirklichkeit aus und krieche in die Bilder und Symbole, in denen ich \u00fcberlebe.\u201c \u201eKomme ich da noch vor?\u201c, fragte Stella. \u201eWenn du mit mir gehst, na klar!\u201c, sagte ich. \u201eArmer Romantiker!\u201c, sagte sie. Stella lebt gern in meinen Bildern, sagte sie eben noch, aber sie meinte das bildlich und nicht so w\u00f6rtlich wie ich. \u201eMit der Romantik hat das nichts zu tun.\u201c \u201eWomit sonst?\u201c Sie schaute mich an, ihre Augen trafen mich nicht, ich hob den Kopf: \u201eIch erz\u00e4hle dir eine Geschichte.\u201c \u201eDu willst mich nur verf\u00fchren\u201c, sagte Stella. \u201eWas sonst?\u201c, sagte ich. \u201eIch erz\u00e4hle dir eine wahre Geschichte\u201c, sagte ich, \u201edie Wirklichkeit verzaubert uns am st\u00e4rksten.\u201c \u201eAber sie muss wahr sein\u201c, sagte Stella. \u201eIch sage dir nur die Wahrheit\u201c, sagte ich, \u201eh\u00f6r zu.\u201c R\u00fccken an R\u00fccken sa\u00dfen wir auf dem Brunnenrand, das Wasser rauschte leise in unsere Worte. \u201eIch erz\u00e4hle dir die Geschichte von der Gewitterfront. Grandm\u00e8re Louise erz\u00e4hlte sie mir erst neulich wieder. H\u00f6rst du mich?\u201c \u201eJa\u201c, sagte Stella, \u201everf\u00fchr mich.\u201c \u201eGrandm\u00e8re Louise packte bei Gewitter immer ihren Koffer. Sie hatte Angst. Der Donner erinnerte sie an die Vertreibung aus Posen. Die sowjetische Front r\u00fcckte n\u00e4her, die Artillerie blitzte auf am Horizont, erst war es fernes Wetterleuchten, dann schlugen die Blitze ein. Da packte sie ihren Koffer. Sie war allein, als das Gewitter \u00fcber sie hereinbrach. Grandp\u00e8re war fast taub, er h\u00f6rte nichts. Sie packte seine Habseligkeiten in eine Tasche und zerrte den gebrechlichen Mann aus dem Haus. Sie glaubte weder an Gott noch an andere Wunder. Aber Gewitterd\u00e4monen und Blitzgeister schwebten leibhaftig \u00fcber ihr in der schwarzen Luft, die wie in der Bibel grell aufflackerte. Sie sang ein altes Kinderlied, mit dem sie sich tr\u00f6stete, als sie ihren Geliebten verlor:<\/p>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>Ich stehe im Wasser<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>bis \u00fcber die Knie,<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>mir wird ganz anders,<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>ich wei\u00df nicht wie.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>Ich muss in der Tiefe<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>des Wassers versinken<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>und bald in meinen<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>Tr\u00e4nen ertrinken.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>Nun bin ich ein\u00a0Fisch<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>und soll\u00a0schwimmen.\u00a0<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>Mit mir\u00a0will gar\u00a0nichts,<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>gar nichts mehr\u00a0stimmen.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>Ich wei\u00df aber nicht was,<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>bin nass, bin ganz nass,<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>will atmen, muss trinken,<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>will schweben, muss sinken.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>Bis meine Tr\u00e4nen getrocknet sind<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>vom Wind, vom Wind,<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>von Liebe so rot,<\/p>\r\n<\/div>\r\n<div>\r\n<p>bin ich tot, bin ich tot.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Krieg stand der Koffer, mit dem sie vor der Roten Armee gefl\u00fcchtet war, neben der gro\u00dfen Truhe im langen Flur zwischen Vorderwohnung und Hinterwohnung. Sobald schwere Gewitter heraufzogen, mussten wir uns alle im Salon versammeln. Keiner durfte laut reden, wir fl\u00fcsterten nur das Wichtigste und durften auch nicht essen und nicht trinken. Im Winter wurde das Feuer im K\u00fcchenherd und im Kachelofen erstickt, die glimmende Asche gel\u00f6scht und zugedeckt. Wenn noch Zeit war, brachte sie die Glut runter zur Aschentonne. Im Winter stellte sie sich vors Fenster im Salon und beobachtete die Eisblumen. Ich stand neben ihr. Die Kristalle bewegen sich noch, sagte sie. Sie haben aber keine Wurzeln, sagte ich. Sie zog die Gardinen und die schweren dunkelroten Brokatvorh\u00e4nge zu. Pschschsch! Dann holte sie den Koffer aus dem Flur und packte ihn. Die Eisblumen wachsen im K\u00e4ltetau. Sie sprechen durchs Glas nach drau\u00dfen, sie sind Zeichen des Todes. Das wei\u00df jedes Kind. Ihre Wurzeln stecken im Himmel \u00fcber den schwarzen Wolken, sagte Grandm\u00e8re, als die Gewitterfront abgezogen war. Je weniger wir uns bewegen, je ruhiger und k\u00e4lter das Haus ist, umso gr\u00f6\u00dfer die Chance, dass uns der Himmel in Ruhe l\u00e4sst. Als g\u00e4be es einen energetischen Zusammenhang zwischen h\u00e4uslichem Mikrokosmos und himmlischem Makrokosmos. Die Blitz- und Donnergeister sollen uns gar nicht erst sehen. Das hat sie nicht gesagt, und sie hat es vielleicht auch nicht einmal so gedacht, jedenfalls nicht in konkreten Bildern vor sich gesehen. Aber so muss es gewesen sein, ich kann es mir nicht anders erkl\u00e4ren. Ihre Regeln haben sich bew\u00e4hrt. Der Blitz ist nie in unser Haus eingeschlagen, aber schr\u00e4g gegen\u00fcber in die Reithalle und in die Klinik, auf der die Feuersirene stand, die noch heulte, als das Geb\u00e4ude ausbrannte.\u201c Stella setzte sich wieder neben mich, schaute mich an und lachte: \u201eDie Glut, die Glut ist nicht gut, ist nicht gut! Sind wir tot, sind wir tot, herrscht keine Not, herrscht keine Not!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Die Glut. Die Glut. \u201eDer Tod pfeift immer noch nicht aus dem letzten Loch. 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