{"id":79039,"date":"2022-08-15T00:01:49","date_gmt":"2022-08-14T22:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79039"},"modified":"2022-02-24T14:51:13","modified_gmt":"2022-02-24T13:51:13","slug":"ich-gehe-durch-den-schlaf-wie-durch-eine-wohnung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/15\/ich-gehe-durch-den-schlaf-wie-durch-eine-wohnung\/","title":{"rendered":"Ich gehe durch den Schlaf wie durch eine Wohnung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich im Bett. Zur Fensterseite liegt Elisa, rechts neben mir eine Frau, die ich nicht kenne. Beide sind mit d\u00fcnnen T\u00fcchern halb zugedeckt. Ich drehe mich zu Elisa im Licht, ins zarte Wei\u00df, sie schl\u00e4ft, dann zu der anderen Frau im halben Licht. Sie schl\u00e4ft auch. Ich sehe Stella. Sie sieht mich an, sie spricht zu mir, aber ich h\u00f6re nicht, was sie sagt. Ich sage nichts, ich schaue sie an im Halblicht, Stella mit halb geschlossenen Augen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gehe durch den Schlaf wie durch eine Wohnung, die mir bekannt und unbekannt zugleich vorkommt \u2013 links vor mir im Gegenlicht Grandm\u00e8re, da steht sie im T\u00fcrrahmen, hinter ihr die alten M\u00f6bel, ein Fenster, ich sehe deutlich ihr Gesicht, die guten Augen schauen mich an, ihr kleiner K\u00f6rper beugt sich leicht vor. Wir gehen ins andere Licht. In eine andere Zeit? In einen anderen Raum. Grandm\u00e8re Louise geht zur Chaiselongue im helleren Zimmer, legt sich hin, deckt sich zu und sagt: Ich bin m\u00fcde. Ich lege mich zu dir, sage ich, dann sterben wir zusammen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn mein Traum leer war, wenn er mir nichts sagt, dann habe ich ihn nicht richtig gelesen. Nicht die Tr\u00e4ume erschaffen mich. Aber die Angst vor dem Nichts. Das Unverstandene und das Vers\u00e4umte ist manchmal dasselbe. Du vers\u00e4umst, was du nicht erkennst, du lebst nicht einmal das tats\u00e4chlich Gelebte. Dich trifft nicht der Traum &#8211; du musst den Traum treffen. Ich will den Traum nicht durch eine Grenze von der Wirklichkeit unterscheiden, der Traum ist nur eine andere Wahrheit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich im Grab. Ich betrete ein gro\u00dfes Oval. In der Mitte befinden sich Tische und Kommoden, auf einem ovalen Podest gestapelt, eine unbegehbare Zone ohne Gel\u00e4nder. Ich gehe rechts an der Au\u00dfenwand entlang, auf einer Galerie ohne Tiefe, in die enge Biegung des Raums. Da steht ein gro\u00dfes Geh\u00e4use aus hellbraunem Holz. Ich bin nicht allein. Ich sehe das Gesicht einer Frau links neben mir. Sie ist still. Sie sagt nichts. Elisa. Ich schaue zu ihr. Sie ist ernst, sie schaut in die Raumbiegung. Ich schaue an ihr vorbei. Auf der linken Seite des Ovals sitzt der Verk\u00e4ufer des h\u00f6lzernen Geh\u00e4uses, neben ihm seine stumme Frau. Ich gehe langsam weiter. Ich h\u00f6re leise T\u00f6ne aus dem schweren Kasten: H\u00fcter, ist die Nacht bald hin? Ich schaue mich um \u2013 sind das Fenster \u00fcber mir an der Wand? Lauter leere Rahmen! Ich sto\u00dfe mit dem Fu\u00df gegen das Holz des Geh\u00e4uses. Der schwere Kasten \u00f6ffnet sich, drin h\u00e4ngt eine gro\u00dfe Uhr mit Pendel, Seilen und schweren Kupfergewichten. Sie schl\u00e4gt nicht mehr. Ich gehe in die Biegung, an der Uhr vorbei, vorbei an dem grinsenden Verk\u00e4ufer. Hinter mir Tiefe. Ich bin allein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stella l\u00e4chelte, hob die Tasse an den Mund, sah mir in die Augen und trank das Salz in einem Zug aus. Ihre Haut zischte wei\u00df aus dem Rock. Stella lief ans offene Fenster und spuckte das Salz auf die Stra\u00dfe, rannte zum Wasserhahn und sp\u00fclte ihre rote Stimme. Das war der Augenblick, in dem ich mich verliebte. Elisa war ausgel\u00f6scht. Ich wollte wissen, ob mich eine andere Frau gef\u00e4hrden konnte, ich war scharf darauf zu erfahren, wer mein Ego \u00fcberbietet. Aber ich behielt den \u00dcberblick. Nur manchmal dachte ich, ich sei Herakles und das tausendk\u00f6pfige Ungeheuer in einem, sah, wie ich mich enthauptete, wie mir neue K\u00f6pfe wuchsen, wie ich mich aber zuletzt in der Enthauptung behauptete.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Ich im Bett. Zur Fensterseite liegt Elisa, rechts neben mir eine Frau, die ich nicht kenne. Beide sind mit d\u00fcnnen T\u00fcchern halb zugedeckt. 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