{"id":79030,"date":"2022-08-01T00:01:32","date_gmt":"2022-07-31T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79030"},"modified":"2022-02-24T14:29:58","modified_gmt":"2022-02-24T13:29:58","slug":"ich-traf-usch-in-einem-cafe-am-reileck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/01\/ich-traf-usch-in-einem-cafe-am-reileck\/","title":{"rendered":"Ich traf Usch in einem Caf\u00e9 am Reileck"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich traf Usch in einem Caf\u00e9 am Reileck. Sie versp\u00e4tete sich. Ich setzte mich an einen Tisch am Fenster. Ich beobachtete im Asphalt die Spiegelung des dunklen Himmels. Die Wolken zogen durch die Pf\u00fctze. \u201aGanz frei sind wir nirgends\u2019, dachte ich. Ich gr\u00fcbelte weiter, die Augen starr auf die Wolken gerichtet, die im Asphalt schwammen. In den letzten Jahren schrieb ich kaum einen Brief an Usch. Sie kam ins Caf\u00e9, ihr Blick verurteilte mich. Sie trank ein Glas Mineralwasser. Das Gespr\u00e4ch blieb leer. Sie stand auf, ich nahm meine Winterjacke. Im Caf\u00e9 gingen die Lichter an. Ich blieb stehen, beobachtete den sanften Schein, den die Kristalle der Deckenlampe auf den Parkettboden malten. Dann schaute ich wieder auf, meine Augen suchten ihren Blick. Aber sie sah mich nicht an. \u201eWie konntest du so l\u00fcgen!\u201c Ich blickte zu Boden. \u201eDer Mensch ist ein Entwurf, mehr als nur ein Schaum, sagt Sartre\u201c, sagte ich. Usch schwieg. Keine Ber\u00fchrung, kaum ein Abschied. Unsere Wege trennten sich. Z\u00f6gernd, fast taumelnd, streifte ich durch die Stra\u00dfen von Halle, nichts Bestimmtes suchend. D\u00fcstere Gef\u00fchle \u00fcberliefen mich.\u00a0 Ich ging durch die Senefelderstra\u00dfe, in der ich als Kind aufgewachsen war, und weinte. Der Gedanke, eines Tages als verkrachte Existenz dazustehen, kroch hinter meine Stirn und schlug mir auf den Magen. Ich war auf mich allein gestellt und haderte mit dem, was ich eben noch Entwurf nannte. Es wurde stockdunkel um mich herum.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Zukunft war noch ungeboren, das wusste ich, ich las B\u00fccher, rauschhaft, ohne Ziel. Ich schrieb Gedanken auf, S\u00e4tze \u00fcber die B\u00fccher und S\u00e4tze \u00fcber den Tag und \u00fcber mich selbst. Ich schrieb kleine Mails an Stella: \u201e\u00c4rgere dich nicht, dass du bei dieser Sonne in der Bibliothek hockst, die Sonne scheint \u00fcberall. Zieh deine engen Jeans an, wenn wir uns am Abend im Jardin treffen, dann gebe ich dir meine Seele.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Ich traf Usch in einem Caf\u00e9 am Reileck. Sie versp\u00e4tete sich. Ich setzte mich an einen Tisch am Fenster. Ich beobachtete im Asphalt die Spiegelung des dunklen Himmels. Die Wolken zogen durch die Pf\u00fctze. \u201aGanz frei sind wir nirgends\u2019,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/01\/ich-traf-usch-in-einem-cafe-am-reileck\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":97855,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-79030","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79030","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79030"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79030\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100201,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79030\/revisions\/100201"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97855"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79030"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79030"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79030"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}