{"id":79025,"date":"2022-07-27T00:01:43","date_gmt":"2022-07-26T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79025"},"modified":"2022-02-24T14:19:53","modified_gmt":"2022-02-24T13:19:53","slug":"stella-hielt-nichts-von-meiner-reise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/27\/stella-hielt-nichts-von-meiner-reise\/","title":{"rendered":"Stella hielt nichts von meiner Reise"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu schiebst alles auf, was Arbeit macht, du verdr\u00e4ngst deine Pflicht. Du suchst belanglose Abenteuer und wei\u00dft nicht, wie du dein Leben gestaltest.\u201c \u201eIch wei\u00df\u201c, antwortete ich, \u201eaber ich lerne auch aus meinen Eskapaden.\u201c \u201eDu bist irrsinnig\u201c, sagte Stella, \u201edeine Angst vor dem Tag lockt das Dunkle hervor. Du lieferst dich dem Wahnsinn aus.\u201c Pause. \u201eUnd du bist pleite!\u201c, sagte sie. \u201eOder?\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hat recht, dachte ich. Ich glaubte, die dreitausend Euro Milit\u00e4r-Abfindung w\u00fcrden reichen. Ich hatte keine Lust arbeiten zu gehen, und das Abendgymnasium war mir sowieso zu schulisch, da wollte ich nicht hin. Was ich Stella nicht erz\u00e4hlte: mein M\u00e4rchen vom Vorbereitungskurs auf das Externenabitur. Ich verschwieg meiner Familie, dass ich dort nicht aufgenommen wurde. Ich erfand die Lehrer und meine Mitsch\u00fcler. Ich f\u00e4lschte eine Lateinarbeit, einen Deutschaufsatz, korrigierte mit Rot und schrieb Noten darunter, eine Drei in Latein, eine Zwei in Deutsch. Grandm\u00e8re pr\u00e4mierte die Drei in Latein mit zwanzig Euro. Je l\u00e4nger ich log, umso mehr kam ich in einen Rausch des Fabulierens. Ich glaubte nicht an die Details, die ich erfand, ich glaubte an die Idee meines Plans: Ich wollte mein Hochstaplertum nach ungef\u00e4hr einem Jahr beenden, indem ich mich durchs Abitur fallen lie\u00df. Solange konnte ich mich in meinen Interessen und im Nichtstun suhlen. Wenn der n\u00e4chste Vorbereitungskurs begann, sollte die Realit\u00e4t wieder in Kraft treten. Als ich Stella sagte, ich sei erst vor vier Wochen aus der Bundeswehr entlassen worden, log ich. Auch die Story, Grandm\u00e8re habe mir die Paris-Reise als Erholung verordnet, war erfunden.\u00a0 Auch Usch belog ich. Meine Mutter wohnte in Halle, weit weg, sie wusste bis zum Schluss nichts davon. Ich beschrieb die Lehrer bis ins Einzelne \u2013 wie sie aussahen, ihre Art des Unterrichts, ja sogar, was sie privat von sich erz\u00e4hlten, ich gab ihnen und meinen Mitsch\u00fclern Namen, ich erfand ganze Lebensl\u00e4ufe und dachte mir Episoden aus. Ich bildete einfach mein bisher erfahrenes Schulleben in einer neuen Wirklichkeitsfiktion so glaubhaft ab, dass jeder, dem ich meine Fantasien aufband, eine plastische Vorstellung von den Abendkursen im Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium bekam. Ich erschuf einen derart intensiven und nuancierten Fortsetzungsroman, dass ich glaubte, einen vollst\u00e4ndigen Ersatz der verpassten Wirklichkeit zu haben. Ich war in meinem L\u00fcgennetz gefangen. Nach den Osterferien lie\u00df ich die schriftlichen Abiturpr\u00fcfungen beginnen, die in D\u00fcsseldorf stattfanden, am Sitz der Regierung &#8211; so meine Darstellung. Ich fing an mit dem Deutsch-Aufsatz. Das Thema war eine Parabel von Kafka \u2013 Eine kaiserliche Botschaft. Der letzte Satz schnitt mir das Herz auf. \u201eDu aber sitzt an deinem Fenster und ertr\u00e4umst sie dir, wenn der Abend kommt.\u201c Es lief gut, ich verstand Kafka. Ich habe ein gutes Gef\u00fchl, sagte ich zu Grandm\u00e8re. Die Lateinarbeit war schwieriger. Unklarer Ausgang. Mathe \u2013 schwer zu sagen, Differentialrechnung \u2013 ein rotes Tuch f\u00fcr mich. Die Franz\u00f6sisch-Klausur handelte von Voltaire. Ich verstand alles,\u00a0 \u201eCandide\u201c war eine leichte Denkaufgabe f\u00fcr mich, aber mein Franz\u00f6sisch war so armselig, ich wusste nicht zu formulieren, was ich dachte, und schrieb fast alles auf Deutsch. Nach Pfingsten kamen die m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungen. Meine \u00c4ra des dolce far niente ging j\u00e4h zu Ende, schneller als gedacht, ich hatte mich schon allzu gem\u00fctlich eingerichtet in meinem L\u00fcgenhaus. Die Bank hatte mich vorgeladen, mein Konto stand im Minus, ich bekam mit der Euroscheckkarte kein Geld mehr am Automaten. Das Kartenhaus meiner Existenz war nicht mehr erdbebensicher, es drohte sogar seine innere Stabilit\u00e4t zu verlieren. Es wurde h\u00f6chste Zeit, die Kunst der T\u00e4uschung umzuwandeln in ein Ende ohne Schrecken. Ich wollte mich in Franz\u00f6sisch und Mathematik abs\u00e4gen und lie\u00df verlautbaren, dass den Pr\u00fcflingen das Ergebnis der schriftlichen und m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungen in D\u00fcsseldorf mitgeteilt wird. Als Grandm\u00e8re ungeduldig fragte: Wann denn?, nannte ich, um Sicherheit vorzut\u00e4uschen, aus dem Kopf den 26. Mai, ein Donnerstag. Am Abend rief sie mich an: Donnerstag ist Fronleichnam! Ja, sagte ich, da habe ich mich vertan &#8230; Ich log weiter, ich konnte nicht anders. Ich war aufgeflogen. In den n\u00e4chsten Tagen brach der totalit\u00e4re shit storm der Familie \u00fcber mich herein. Ich, der L\u00fcgner, war das schwarze Schaf. Mein Vater brach den Kontakt zu mir ab. Gib mir Bescheid, wenn du ins wirkliche Leben zur\u00fcckgekehrt bist. Die Scham verleitete mich zu Fluchtgedanken \u2013 zur\u00fcck zur Bundeswehr, auswandern nach Amerika? Ich wollte nicht in Bonn bleiben. Ich ging zu Grandm\u00e8re, sie war in dieser Situation die einzige, die mir beistand. Ich bat sie um Geld, ich wollte zu meiner Mutter nach Halle fahren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u201eDu schiebst alles auf, was Arbeit macht, du verdr\u00e4ngst deine Pflicht. 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