{"id":78991,"date":"2022-06-13T00:01:28","date_gmt":"2022-06-12T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78991"},"modified":"2022-06-09T17:57:30","modified_gmt":"2022-06-09T15:57:30","slug":"fuenfter-schritt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/13\/fuenfter-schritt\/","title":{"rendered":"F\u00fcnfter Schritt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>F\u00fcnfter Schritt. <\/em>Schon wieder ein Traum. Stella erz\u00e4hlte ihn mir, wieder am Brunnen. Sie tr\u00e4umte mich. Ich war im Traum mit ihr verschmolzen, sie tr\u00e4umte von mir, jetzt wei\u00df ich es, sie tr\u00e4umte, was ich getr\u00e4umt h\u00e4tte, wenn ich an ihrer Stelle \u00fcber mich h\u00e4tte tr\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich tr\u00e4umte nur von Schatten. \u201eWer ist der dunkle Schatten?\u201c, fragte ich Stella. \u201eIch wei\u00df nicht\u201c, sagte sie, \u201evielleicht ein Lichtgespenst.\u201c \u201eIch sah ihm in die Augen!\u201c, sagte ich. \u201eDas bedeutet nichts\u201c, sagte Stella. \u201eIch sp\u00fcrte ihn\u201c, sagte ich, \u201eauch wenn ich keine Angst bekam, es war unheimlich.\u201c \u201eVielleicht war\u2019s der Schatten selbst; wenn er sich begreift, leuchtet er\u201c, sagte sie. \u201eNein\u201c, sagte ich. Wir sahen uns an und schwiegen. Stella schloss die Augen. \u201eSchschsch \u2026!\u201c \u201eStella, du spielst mit mir!\u201c \u201eSchschsch \u2026 ich hab\u2019s. Es ist der Schiedsrichter deiner Lebensspiele\u201c, sagte sie, \u201eder mehr\u00e4ugige Zeuge, der immer da ist.\u201c \u201eWas soll das sein?\u201c, fragte ich. \u201eDu musst dich selber lesen\u201c, sagte sie. \u201eGut\u201c, sagte ich und schloss die Augen, \u201eich will die Zunge entschl\u00fcsseln.\u201c \u201eDie Zunge?\u201c \u201eJa\u201c, sagte ich, \u201ealle Bilder haben Zungen.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stella, die Romanistin. Sie kam aus Dresden, wo sie Kunst studierte. Sie wollte nicht Lehrerin werden, aber sie wusste, dass ihr am Ende keine andere Wahl blieb. Stella war zwei Jahre \u00e4lter als ich. Sie erz\u00e4hlte nicht viel von sich. Sie wartete, bis ich mich wirklich f\u00fcr sie interessierte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch bin neugierig auf alles Wahnsinnige\u201c, sagte sie, \u201edu bist ein verdammt seltsamer Tr\u00e4umer, dein Wahnsinn ist sch\u00f6n und hat Witz.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erz\u00e4hlte mir, dass Schelling den Wahnsinn als belebendes Element sah, ohne das alles Sein in den leeren Schemen des Verstands erstarrt. Der Wahnsinn schlummert in jedem von uns, er tritt hervor, wenn Geist und Gem\u00fct ohne den sanften Einfluss der Seele sind. Dann bricht das Dunkle hervor zum schreckenden Zeichen, und der Mensch, an dem er sich Bahn bricht, ist ihm ausgeliefert. Unter der zerbrechlichen Oberfl\u00e4che verst\u00e4ndigen Denkens und Wollens ruhen dunkle Kr\u00e4fte, die durch heftigen Schmerz oder \u00e4hnlich ersch\u00fctternde Emotionen angesto\u00dfen werden. Lebendiger Verstand ist nichts anderes als geregelter Wahnsinn.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu hast die Balance von Irresein und Wahn-Sinn ganz gut im Griff\u201c, sagte Stella, \u201edu erschaffst dir Vernunft mit deiner Einbildungskraft. Wer keinen Wahnsinn in sich hat, ist leer.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wusste, dass ich gern und viel tr\u00e4umte, aber ich war unsicher, ob das f\u00fcr mich gut war. Stella meinte, der Wahnsinn sei eingeschlossen in die sich selbst entfaltende Vernunft. Ich sp\u00fcrte kaum die Angst vor meiner Schw\u00e4che, die ich als St\u00e4rke noch nicht entdeckt hatte. Ohne es zu wollen, verhalf mir Stella zu einer ungeheuerlichen Selbstrechtfertigung meiner Lebensweise. Ich war nicht mehr weit davon entfernt, sie zur Lebenskunst zu erh\u00f6hen. Die Angst, das wusste ich, ist keine zuf\u00e4llige.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 F\u00fcnfter Schritt. Schon wieder ein Traum. Stella erz\u00e4hlte ihn mir, wieder am Brunnen. Sie tr\u00e4umte mich. 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