{"id":78984,"date":"2022-06-08T00:01:51","date_gmt":"2022-06-07T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78984"},"modified":"2022-06-07T20:09:26","modified_gmt":"2022-06-07T18:09:26","slug":"tempus-fugit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/08\/tempus-fugit\/","title":{"rendered":"Tempus fugit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Licht str\u00f6mt aus unserer Mitte und vibriert, es flie\u00dft oder schl\u00e4gt Wellen von einem zum andern. Der Himmel verliert sein letztes Blau. Jetzt ist er ganz schwarz, so schwarz, als w\u00e4re er gar nicht da, wie das Nichts vielleicht, ein Doppeltes, es ist da und es ist nicht da. Der Himmel macht die Augen auf und zu.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Please would you tell me, said Alice a little timidly, for she was not quite sure, whether it was good manners for her to speak first, why the heaven grins like that, it\u2019s a Cheshire-Cat, said the Duchess and that\u2019s why. <\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist \u00fcber uns, und es umschlie\u00dft uns von oben, wir stehen mittendrin. Frage und Antwort sind im Hinblick auf das Nichts gleicherweise in sich widersinnig. Ich bin nicht tot, ich bin allein. Ich gehe auf wei\u00df-gelbem Sand, auf Kies, auf r\u00f6tlicher Tonerde.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben mir geht ein Kind, hallo, es fasst die gr\u00fcnen Bl\u00e4tter an, die viel zu gro\u00df sind, und rei\u00dft sie vom Baum. Was tust du da? Ich spiele. Das ist kein Spiel. Doch. Nein. Doch, alles ist ein Spiel. Ja, Spiele sind immer ernst, sie sind genau.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich sind K\u00f6rbe da, sie stehen zwischen den B\u00e4umen in der schwarzen Luft, in einem Riesengew\u00f6lbe ohne W\u00e4nde.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kind pfl\u00fcckt Bl\u00e4tter \u00fcber Bl\u00e4tter von den rotwei\u00df bl\u00fchenden B\u00e4umen in diesem so barock geordneten Hirnkrautwald. Andere Kinder laufen in den Bl\u00e4tterwald.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was tut ihr da? Wir pfl\u00fccken, wir pfl\u00fccken. Wozu? Wir ernten das Leben. Wer tr\u00e4umen will, muss essen. Warum? Du bist dran.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun fange ich selber an die herzf\u00f6rmigen Bl\u00e4tter zu pfl\u00fccken, die Lippenbl\u00fctler unter dem Kreuz von Golgatha, das \u00d6l des Himmelfahrers.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fclle die K\u00f6rbe zwischen den B\u00e4umen in den schwarzen T\u00f6pfen mit dem Hirnkraut. Schwarz in Schwarz stehen sie da, sie fallen aus dem Nichts.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gehen und gehen durch das Schwarze.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt bin ich ganz allein. Ich sehe den kleinen Jungen nicht mehr. Ich pfl\u00fccke und pfl\u00fccke die Angst. Ich will die Bl\u00e4tter gegen das t\u00f6dliche Gift des Basilisken mit den Feueraugen. Die Angst offenbart das Nichts im Garten ohne Himmel, die Angst verschl\u00e4gt uns das Wort. Ich pfl\u00fccke und pfl\u00fccke das Hirnkraut, als haftete ich im t\u00e4glichen Dahintreiben am Sein, als sei ich sonst verloren. So aufgesplittert erscheint der Alltag, dass ich in der Unheimlichkeit der Angst die leere Stille durch wahlloses Reden zu brechen suche.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegenwart des Nichts, das ist der Triumph des Nichts, wenigstens des Noch-nicht-Gewordenen des Seins, das nie werden kann, das aber werden will und im Andersgewordensein vielleicht aufscheint, und ich sehe nicht, was ich sehen will, mich selbst nicht und nichts sonst, was ich nur ahnte und nicht benennen kann. Ich sehe keinen Baum ohne Bl\u00e4tter, und ich wundere mich nicht \u00fcber das Waldall.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir w\u00e4chst, kaum habe ich den vollen Korb mit Hirnkraut zwischen die schwarzen T\u00f6pfe in die schwarze Luft gestellt, immer wieder ein neuer Korb aus der Hand.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nacht sch\u00e4lt mein rechtes Auge schmerzlos heraus. Vielleicht habe ich ein Auge zuviel.\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke mir, wie ich mit dem linken schaue, was ich mit dem rechten nicht sehe, und f\u00fchle mich blind, obwohl ich sehe. Sind meine Bilder, wenn die Nacht kommt, blind?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Das Licht str\u00f6mt aus unserer Mitte und vibriert, es flie\u00dft oder schl\u00e4gt Wellen von einem zum andern. Der Himmel verliert sein letztes Blau. 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