{"id":78975,"date":"2022-05-22T00:01:52","date_gmt":"2022-05-21T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78975"},"modified":"2022-05-22T04:41:41","modified_gmt":"2022-05-22T02:41:41","slug":"auf-einem-waldweg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/22\/auf-einem-waldweg\/","title":{"rendered":"Auf einem Waldweg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einem Waldweg, in den das Licht hart einschl\u00e4gt wie ein Blitz, der erstarrt, stehen nebeneinander zwei M\u00e4nner. Der eine schaut in die eine, der andere in die andere Richtung des Weges. Sie reden miteinander, sie kennen sich. Ich verstand kein Wort. Dann ist es wieder still. Der Blitz steht vor dem Donner, die Schatten sind stumm. Der Mann mit den schwarzen Haaren tr\u00e4gt eine helle Uniform ohne alle Abzeichen, er ist schon etwas alt, aber kr\u00e4ftig, er steht fest auf dem Weg, der ist sein Bett, in dem er sich aufrichtet. Ich sehe in sein Gesicht, es ist mein Vater. Den j\u00fcngeren Mann sehe ich nur von hinten, er tr\u00e4gt einfache Kleidung, Hose und Hemd. Ich wei\u00df, was der junge Mann vorhat. Mein Vater steht fest, sein Gesicht bleibt unbewegt, die Augen blicken traurig und ernst. Er dreht sich um und folgt dem jungen Mann. Das Licht w\u00e4chst. Der junge Mann \u00f6ffnet die T\u00fcr einer schwarzen Holzkammer, schiebt den Vater durch die T\u00fcr, beide verschwinden. Das Licht bleibt vor der Kammer. Es ist so leise in der dunklen Kammer! Ich sp\u00fcre sein Herz, wie es sich bewegt, ein schwerer Hammer, der mich schl\u00e4gt. Da kommt der Vater allein aus der Kammer zur\u00fcck, erreicht mit langsamen Schritten den Weg und bleibt stehen. Ich schaue auf die helle Uniform, die Schl\u00e4ge pochen schwer. Er sieht mich an, ich muss auf sein Herz starren, die helle Uniform. Nun sehe ich die kleinen Punkte auf der Uniformjacke, es werden immer mehr, ein ganzer roter Sternenhimmel.\u00a0 Ich sp\u00fcre seine Stiche in meinem Kopf. Das Licht geht aus. Die Erde schluckt alle Farben, der Ton ist wieder da. Ich h\u00f6re die vielen kleinen dumpfen Laute, sie werden lauter und schwellen an, donnern in meine Ohren. Da f\u00e4llt aus dem Himmel ein riesiger Eiserner Vorhang herunter, und auf meiner Seite wird es wieder hell. Ich sitze auf dem R\u00fccksitz einer schwarzen Limousine, das Dach des Wagens ist aufgeschlagen, der blaue Himmel \u00fcber mir. Der junge Mann, der in der Kammer war, steigt vorn ein und lenkt den Wagen, der jetzt langsam anf\u00e4hrt, einen steilen Weg hinab. Der Weg ist hell und frei, ich sitze hinten, vor mir der Fahrer, ich schaue ins weite Land. Der Wagen wird schnell, die Welt rennt weg, und im Tal sehe ich das Paradies. Da dreht sich der Fahrer mit einem Ruck zu mir um und l\u00e4sst den Lenker los, der Wagen rast weiter abw\u00e4rts, der Fahrer schaut mich l\u00e4chelnd an. Lacht er mich aus? Aber nun f\u00e4hrt ein Schrecken in meine Augen, ich sehe mich an &#8211; der Fahrer bin ich!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Auf einem Waldweg, in den das Licht hart einschl\u00e4gt wie ein Blitz, der erstarrt, stehen nebeneinander zwei M\u00e4nner. Der eine schaut in die eine, der andere in die andere Richtung des Weges. Sie reden miteinander, sie kennen sich. 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