{"id":78971,"date":"2022-05-17T00:01:33","date_gmt":"2022-05-16T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78971"},"modified":"2022-02-24T11:36:45","modified_gmt":"2022-02-24T10:36:45","slug":"die-bilder-spiegelten-meine-lebenslage","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/17\/die-bilder-spiegelten-meine-lebenslage\/","title":{"rendered":"Die Bilder spiegelten meine Lebenslage"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bilder spiegelten meine Lebenslage. Die Leere des Palastes war meine eigene Leere, die Haltlosigkeit meines Seins. Wer war ich wirklich? Bedeutete ich nur in meiner Innenwelt etwas? Ich war faul, ich lernte nur, was mich interessierte. Ich konnte mich in der wildesten Verzettelung immer wieder finden, selbst wenn die Analyse der Welt in tausend mal tausend St\u00fccke zerfiel. Ich konnte verloren geglaubte F\u00e4den wieder aufnehmen und entwirren. Wer bin ich? Sah ich mich im Traum als Ziel eines L\u00e4uterungsprozesses? Ich wusste es nicht, und ich wei\u00df es heute noch nicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Schatten l\u00e4sst mich nicht los. Er starrt mich an, ich f\u00fchle es. Du bist mir ein zu dunkler Spiegel, sage ich, du st\u00f6rst mich schon wieder. \u2013 Ich wei\u00df, sagt er, wenn du stirbst, bist du mich los. \u2013 Den Gefallen tu ich dir nicht, sage ich. \u2013 Trennen wir uns, sagt mein Schatten, du wirst mir schon nicht fehlen. \u2013 Es ist grotesk, sage ich, aber wenn ich st\u00fcrbe, w\u00fcrdest du mir fehlen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVor zwei Jahren bin ich sitzengeblieben\u201c, sagte ich, \u201ees war das Jahr vor dem Abitur. Ich hatte Talent, alle sagten es. Nun stehe ich vor dem Ergebnis meiner Faulheit, meiner genie\u00dferisch ausgelebten Lethargie. Mein Vater meldete mich von der Schule ab. Such dir eine Lehrstelle oder geh zum Milit\u00e4r, sagte er. Ich hatte mich dann f\u00fcr zwei Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet \u2013 vor vier Wochen wurde ich entlassen &#8230;\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu warst in deinem Traum immerhin ein Palast\u201c, sagte Stella.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber nun habe ich kein Dach \u00fcber dem Kopf\u201c, sagte ich. \u201eIch war einfach zu sehr verliebt in meine Deutschaufs\u00e4tze, Gedichtinterpretationen und Referate.\u201c \u201eIn deine S\u00e4ulen, deinen Marmor\u201c, sagte Stella.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWei\u00dft du\u201c, sagte ich, \u201ein der Poesie f\u00fchlte ich mich allen \u00fcberlegen.\u201c Stella fasste meine Hand. Obwohl ich nichts von ihr wusste, war ich in ihrer N\u00e4he geborgen. Sie schien sich wohlzuf\u00fchlen, wenn ich ihr von meiner Welt erz\u00e4hlte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Auserw\u00e4hlten der Jahrgangsstufe waren verknallt in Benns Sprache, in diesen eleganten Schnodderton, der \u00fcberzeugte, weil er so direkt, so dialogisch zupackte, und zugleich arrogant monologisch blieb. Wie modern schlenzen die Worte, biegen die Argumente um die Kurve, auch jetzt im Zeitalter der Pflegestufen und B\u00f6rsenblasen. Wir \u00fcberredeten N\u00f6llendorf, bei dem wir Deutsch, Geschichte und Latein hatten, ein Benn-Gedicht im Unterricht zu behandeln. Er w\u00e4hlte <em>Apr\u00e8slude<\/em>. N\u00f6 verurteilte Benns Ich-Gehabe. Er warnte auch vor der gef\u00e4hrlichen Vergeistigung des Lebens in manchen Romanen, vor allem im <em>Zauberberg<\/em>. Mein Vater meinte apodiktisch: <em>Der kleine Herr Friedemann<\/em> ist eine niedertr\u00e4chtige Geschichte, da wird das Leben in den Dreck gezogen. Solche Bemerkungen trieben mich in die weit ge\u00f6ffneten Arme dieser Literatur. Ich sp\u00fcrte, dass es um \u00e4sthetische Kategorien ging, nicht um die Moral meines Vaters, sondern um die Wirklichkeit des Lebens, ja vielmehr noch um die Wahrheit des Seins.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu \u00fcbertreibst\u201c, sagte Stella.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKann sein\u201c, sagte ich, \u201eaber die Eltern trieben mich in ihr schiefes Leben hinein, in ein Pflichtleben, das nicht mein Leben war. Sie verschleierten die Wirklichkeit mit ihren verlogenen Anspr\u00fcchen an die Welt, und sie verschwiegen viel von dem, was sie selbst getan hatten. Sie laufen mit ideologischen Balken vor der Stirn durch ihr Leben &#8230; Ich schrieb meine Facharbeit \u00fcber <em>Doktor Faustus<\/em> und fand darin so viel Leben, dass mir die Stirn platzte. Am Ende des Schuljahrs war ich gescheitert. Der Franz\u00f6sischlehrer lie\u00df mich fallen und gab mir eine F\u00fcnf. Ich hatte es einfach zu weit getrieben, das gebe ich zu. Wir lasen <em>L\u2019Avare<\/em>, ich hatte mir die Lekt\u00fcre nicht gekauft, ich verga\u00df es jeden Tag. Moli\u00e8re war mir so egal. Stunde f\u00fcr Stunde forderte mich Sch\u00f6nthaler auf, endlich mit der Lekt\u00fcre im Unterricht zu erscheinen. Ich kapierte erst sp\u00e4ter, dass ich ihn beleidigte. Auch die Mathelehrerin gab mir eine F\u00fcnf, sie lie\u00df sich nicht umstimmen durch meine Facharbeit \u00fcber Thomas Mann, die N\u00f6 ihr vorlegte, um mich zu retten. Nach dem Halbjahreszeugnis, das die Katastrophe schon andeutete, zwang mich mein Vater zum R\u00fccktritt als Redakteur der Sch\u00fclerzeitung und zur Unterschrift unter ein Versprechen. Es war meine Kapitulation. \u201aIch, Janus Rippe, verpflichte mich, meine ganze Tatkraft, meinen Flei\u00df und meine F\u00e4higkeiten so einzusetzen, dass ich die Versetzung erreiche. Ich bin mir dar\u00fcber im Klaren, dass ich bei Nichterreichung dieses Zieles von der Schule abgehen muss.\u2019 Und so kam es.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHast du nicht gemerkt, wie du ins Ungl\u00fcck hineingeschlittert bist?\u201c, sagte Stella.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch sah mir dabei zu, bis zuletzt tat ich nichts dagegen, ich lie\u00df es geschehen. Ich hatte weder Angst noch Hoffnung. Aber ich hatte heftige Tr\u00e4ume. Einmal erlebte ich eine schreckliche Nacht. Ich kam nicht zum Schlaf, und der Schlaf kam nicht zu mir, ich w\u00e4lzte mich bis zum Morgen von einer Seite auf die andere, dann schlief ich endlich ein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Die Bilder spiegelten meine Lebenslage. Die Leere des Palastes war meine eigene Leere, die Haltlosigkeit meines Seins. Wer war ich wirklich? Bedeutete ich nur in meiner Innenwelt etwas? Ich war faul, ich lernte nur, was mich interessierte. 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