{"id":78966,"date":"2022-05-10T00:01:44","date_gmt":"2022-05-09T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78966"},"modified":"2022-02-24T11:30:54","modified_gmt":"2022-02-24T10:30:54","slug":"stella-erzaehlte-die-geschichte-vom-selbstmoerderischen-kampf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/10\/stella-erzaehlte-die-geschichte-vom-selbstmoerderischen-kampf\/","title":{"rendered":"Stella erz\u00e4hlte die Geschichte vom selbstm\u00f6rderischen Kampf"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stella erz\u00e4hlte die Geschichte vom selbstm\u00f6rderischen Kampf eines Katers mit einer Ratte. Beim Versuch zu fliehen bot die Ratte dem Kater ihren ungesch\u00fctzten R\u00fccken, in den der Kater nach einem entsetzlichen Sprung seine Krallen bohrte, w\u00e4hrend die Ratte, indem der Kater ihr die Haut vom R\u00fccken zog und mit den Z\u00e4hnen vom Kopf, sich unter den Kater drehte und in seinem Hals festbiss, so dass allm\u00e4hlich, weil sie in ihrer Raserei verbluteten, ihre Kr\u00e4fte versiegten, bis sie zuletzt ihr Leben verloren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch mag solche Fabeln nicht\u201c, sagte ich. \u201eSie sollen beweisen, dass wir Tiere sind. Ich erz\u00e4hle dir eine wahre Geschichte, die dir zeigt, dass wir nicht den Tod suchen oder dem Tod ins Netz gehen.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMeinst du, Menschenfabeln sind wahrer?\u201c, sagte Stella.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, aber ich erz\u00e4hle keine Fabel, sondern eine tats\u00e4chliche Geschichte. Der Brieftr\u00e4ger Ferdinand Cheval baute \u00fcber vierzig Jahre lang sein Grabmal, das ihn \u00fcberleben sollte.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stella sagte: \u201eDie Geschichte kenne ich. Cheval hat sich dem Tod unterworfen, er hat an nichts anderes gedacht als an seinen Tod, der zum Gef\u00e4ngnis seines Lebens wurde; eigentlich hat er gar nicht wirklich gelebt.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNein\u201c, sagte ich, \u201eer hat sein Inneres nach au\u00dfen gest\u00fclpt, er hat sein Leben zur Kunst erhoben.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr hat sich selbst abgebildet\u201c, sagte Stella, \u201eer hat sich nur wiederholt, Kopie ist keine Kunst.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDann w\u00e4re aber alle Kunst\u201c, sagte ich, \u201ekeine Kunst. Stella, er hat sich nicht kopiert, er hat sich erkannt. Er hat sich in seinem Kunstwerk selbst \u00fcberstiegen. Cheval hat seine Tr\u00e4ume lebenslang gelebt, er hat sein Leben gerettet, indem er es erschuf. Er hat ein Geb\u00e4ude errichtet mit Formen und Figuren, die ihn \u00fcberleben. Cheval best\u00e4tigt meinen Traum. Auch ich will eine Stadt bauen gegen den Tod, eine Stadt aus Buchstaben, Silben, W\u00f6rtern, Klang und Rhythmus \u2013 mein Lebensmal.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu deutest dir dein Leben einfach so zurecht\u201c, sagte Stella.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa\u201c, sagte ich, \u201esoweit ich kann.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Leben ist mehr als ein Selbstgespr\u00e4ch\u201c, sagte Stella.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch rede\u201c, sagte ich, \u201ewenn ich so mit mir rede, dass ich mich zum Kunstwerk umwandle, mit der Geschichte vor mir und nach mir.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFang an\u201c, sagte sie, \u201efang endlich an, deine Stadt zu bauen.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich senkte den Kopf. \u201eDie Traumbilder liefen so langsam und leise durch meinen Schlaf, dass sich meine Angst steigerte, bis ich aufwachte. Der Traum war so real und klar, dass mich am Ende das Grauen packte.\u201c Stella legte ihre Hand auf mein Knie.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKomm in den Schatten\u201c, sagte sie.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Stella erz\u00e4hlte die Geschichte vom selbstm\u00f6rderischen Kampf eines Katers mit einer Ratte. 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