{"id":78955,"date":"2022-04-25T00:01:14","date_gmt":"2022-04-24T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78955"},"modified":"2022-02-24T07:12:21","modified_gmt":"2022-02-24T06:12:21","slug":"am-abend-setzte-ich-mich-in-den-jardin-du-luxembourg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/25\/am-abend-setzte-ich-mich-in-den-jardin-du-luxembourg\/","title":{"rendered":"Am Abend setzte ich mich in den Jardin du Luxembourg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend setzte ich mich in den Jardin du Luxembourg und las Joseph Conrads Erz\u00e4hlung <em>Herz der Finsternis<\/em>. Das lenkte mich ab, obwohl mich das Ungesagte oder Unsagbare, das Mr. Kurtz so bewegte, das entsetzliche Gesicht einer fl\u00fcchtig erblickten Wahrheit, an mein eigenes Schicksal erinnerte. Ich wusste es nicht genau, ich schob auch das weg von mir. Ich war m\u00fcde, ging in der sp\u00e4ten Abendd\u00e4mmerung zum Hotel zur\u00fcck (das Fenster im ersten Stock war geschlossen, die Fensterl\u00e4den standen halb ge\u00f6ffnet) und kroch unter die Decke.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sch\u00fcttelbilder. <\/em>Auf absch\u00fcssigem Gel\u00e4nde, am Rand der Stadt erbaut, steht der Palast. Innen wiederholt er seinen Grundriss in den ineinander geschachtelten G\u00e4ngen und Fluren, Torb\u00f6gen und langen Kolonnaden, die spitzwinklig aufeinander zulaufen. Das Licht flutet die gro\u00dfen Hallen, S\u00e4le, Treppenaufg\u00e4nge, Flure, Erker, Zimmer und Zellen. Links \u00f6ffnet sich ein Atrium mit Arkaden, rechts ein Forum mit S\u00e4ulenkreis im Quadrat. Dar\u00fcber w\u00f6lbt sich der Himmel. Keine Glaskuppel, sondern ein weites blaues Sinusgebilde aus Nichts. Kein Wind str\u00f6mt ins Haus, keine Sonne. Ein Haus ohne Dach, ohne M\u00f6bel und Teppiche.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich laufe \u00fcber marmorne Spiegel. Die W\u00e4nde sehen dich an. Federnde Waden, rotierende Oberschenkel gliedern den Raum. Kein Rumpf, keine Arme und H\u00e4nde, kein Kopf, der in den hellen Himmel ragt. Der Palast schwankt, aber er l\u00e4uft nicht fort. Er ankert auf der schiefen Ebene. Auf den Kuppen der Mauern wuchert Blumengras im Gegenlicht, die Halme stechen schwarz ins Blaue. Wei\u00dfgelbes Licht strahlt aus den Steinen. Mir wird warm. Ich bin allein. Nun sitze ich an einem kahlen Tisch, der den Raum ausf\u00fcllt. Mir gegen\u00fcber sitzen zwei stumme Frauen. Neben ihnen leere St\u00fchle. Kein Himmel \u00fcber mir. Was f\u00fcr eine dunkle Kammer, so grau, so fahl, so stumm. Die Frauen schauen durch mich hindurch. Ich schweige. Das Steintuch wirft scharfe Falten in der Mitte des Tischs. Die Frauengesichter schimmern hell im Schattenschwarz. Hinter mir klirrt Wasser. Ich stehe auf und laufe zum Gang. Ich sehe mir auf den R\u00fccken, beobachte kalt, wie ich aus der Dunkelkammer falle. Der Gang wird enger. Im Gegenlicht stehen zwei Jungen, sechs oder sieben Jahre alt. Sie reden auf mich ein, indem sie mich aus gro\u00dfen hellblauen Fischaugen anstarren. Ich h\u00f6re Fremdw\u00f6rter und schwierige S\u00e4tze. Ich verstehe kein Wort. Ich schaue zu Boden. Der ist so schwarz, als w\u00e4re er das Nichts, in das ich falle, wenn mich meine Augen nicht festhalten. Unter meinen F\u00fc\u00dfen brennt keine Sonne. Die Jungen sprechen schneller, die Worte rasen mir in die Augen. Ich stehe da mit offenem Mund und kann nicht sprechen. Die Zunge ist taub. Mein Blut klopft ins Hirn. Die Jungen rennen an mir vorbei. Ich drehe mich um und schaue ins rotgelbe Gef\u00fcge der Steine. Ich bin allein. Langsam laufe ich durch Innenh\u00f6fe und Tore, pl\u00f6tzlich stehe ich vor der tausendf\u00e4ltigen Villa auf fester r\u00f6tlicher Tonerde, von R\u00e4dern tief durchfurcht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich blicke in tote Gassen. Die H\u00e4user haben keine Fenster, keine T\u00fcren, kein Dach. Die Mauern sind schwarz, verwittert, verbrannt. Hier lebt niemand. Ich bin in einer anderen Zeit. Hier schnitt ein Sturm St\u00fccke aus der Nacht. Da w\u00e4chst eine rotbraune Wunde unterm Block der Wolken. Nun f\u00e4llt ein Licht vom Himmel, breit und allgemein, da ist die Sonne ausgelaufen. Ein blauer Mond tropft Eis \u00fcber den Himmel, s\u00e4t kalte Todeskeime in den Luftacker. Ich schau ihm ins Gesicht, seine Augen sind entz\u00fcndet. Der Totenkopf wackelt und rei\u00dft den Saum der Farben ein. Ich friere. Ich suche Halt und lehne mich an die Wand eines zerbrochenen Hauses. Sie ist hart und kalt, aber ich falle nicht. Die Frauen aus der dunklen Kammer reden mit geschlossenen Augen auf mich ein. Der Mond ist tot, h\u00f6re ich die eine sagen. Er schwimmt \u00fcber dem Himmel, sagt die andere.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schaue hin\u00fcber zum Palast, der steiler sich hinabsenkt \u00fcber den Hang. Da komme ich her, da schl\u00e4ft das Licht. Ich sto\u00dfe mich ab von der Wand, \u00fcberquere die t\u00f6nerne Stra\u00dfe, dr\u00e4nge mich durchs Tempeltor. Ich will ins Atrium, wo Himmelblau auf den Grund des schwarzen Wassers sinkt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Am Abend setzte ich mich in den Jardin du Luxembourg und las Joseph Conrads Erz\u00e4hlung Herz der Finsternis. 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