{"id":78951,"date":"2022-04-21T00:01:21","date_gmt":"2022-04-20T22:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78951"},"modified":"2022-02-24T07:10:26","modified_gmt":"2022-02-24T06:10:26","slug":"dritter-schritt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/21\/dritter-schritt\/","title":{"rendered":"Dritter Schritt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dritter Schritt. <\/em>Ich wollte sie wiedersehen. Das stand fest. Morgen in der Mittagsstunde. Ich ging zum Hotel zur\u00fcck. Die Rue du Dragon war so belebt, dass ich mitten auf der Stra\u00dfe ging, zumal die Tische der Restaurants den B\u00fcrgersteig einengten. An den Tischen sa\u00dfen elegant gekleidete Frauen und M\u00e4nner, Gesch\u00e4ftsleute und Angestellte der Banken und Versicherungen von Saint Germain, die Ober liefen mit ihren Tabletts durch die Tischreihen. Die Nachmittagssonne stand im August und schien auf die Tische und die wei\u00dfblaue Fassade des Hotels. Das Fenster im ersten Stock war ge\u00f6ffnet, so dass die Sonne das Zimmer erleuchtete. Eine B\u00fchne, dachte ich, aber Giono zeigte sich nicht, und ich h\u00f6rte keine Stimme. Er schwieg oder er war gar nicht im Zimmer. Ich h\u00f6rte seine Worte hinter der Stirn. Achte nicht auf die Regeln der Gesellschaft. Geh deinen Weg, es ist der einzige, der zum Ziel f\u00fchrt. Die junge Frau von Saint Sulpice war mein einziges Ziel. Ich schob die dunklen Gedanken weg. Ich stieg die enge Schlangentreppe zu meinem Zimmer hinauf, zog den Vorhang auf, legte mich aufs Bett, schaute hinaus zum Schacht des Lichthofs und verwandelte die grauen Schatten in das unendliche Blau meines Himmels. Ich wusste nicht, wie sie hie\u00df. Ich hatte keine Ahnung, von wo sie kam, warum sie mich ins Dunkel der Kirche zog. Ich sah ihr Gesicht, ihre Augen, den l\u00e4chelnden Mund, der mich einlud und sanft verh\u00f6hnte, den auffordernden Ruck ihres Halses &#8230; Was meinte Giono mit den Regeln der Gesellschaft? Unsere Liebe unterm Altar war keine Auflehnung gegen die Ordnung der Welt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lie\u00df mich fallen in meine Sehnsucht. Ich hatte keinen Grund zur Hoffnung, sie wiederzusehen, denn sie sagte nichts \u00fcber den Moment hinaus, nichts deutete auf ein Mehr hin, das war mir klar, und doch war ich vollkommen sicher, sie wiederzusehen. Lag es an Saint Sulpice, dass meine Gewissheit so stark war? Ich l\u00e4chelte vor mich hin bei dem Gedanken, dass ich mich auf der weltlichen Ebene so religi\u00f6s auff\u00fchrte, als w\u00e4re das Wiedersehen mit der entfernten Geliebten eine mystische Machbarkeit, ja mehr noch, ich wusste, dass ich sie wieder ber\u00fchren w\u00fcrde. Nichts ist leichter zu erreichen als das Jenseits der Gegenwart, an das ich jetzt schon anklopfe. \u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Dritter Schritt. Ich wollte sie wiedersehen. Das stand fest. Morgen in der Mittagsstunde. Ich ging zum Hotel zur\u00fcck. 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