{"id":78895,"date":"2022-01-11T00:01:22","date_gmt":"2022-01-10T23:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78895"},"modified":"2022-02-17T13:30:59","modified_gmt":"2022-02-17T12:30:59","slug":"begruende-dein-eigenes-glueck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/11\/begruende-dein-eigenes-glueck\/","title":{"rendered":"Begr\u00fcnde dein eigenes Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBegr\u00fcnde dein eigenes Gl\u00fcck!\u201c, sprach eine Stimme \u00fcber mir, ich drehte mich um und schaute hinauf. Das Fenster war halb ge\u00f6ffnet, das Holz der Fensterl\u00e4den reflektierte die Stimme aus dem Innern. \u201eLebe deine Natur aus gegen den Irrsinn der Gesellschaft!\u201c Sprach er mit mir oder mit sich selbst? Vielleicht schrieb er ein neues Manuskript und sprach den Text des Geschriebenen, um die Satzmelodie zu pr\u00fcfen. Ich drehte mich, als ich die kleine Stra\u00dfe hinauf zum Boulevard Saint-Germain ging, nach ein paar Schritten noch einmal um. Fen\u00eatre \u00e0 droite, premier \u00e9tage. Der linke Fensterladen schlug gegen die Mauer, Giono lehnte sich aus dem Fenster und sah mir nach. Er l\u00e4chelte. Ich l\u00e4chelte zur\u00fcck, zog die Hand aus der Tasche und hob sie \u00fcber die H\u00fcfte zum Gru\u00df &#8230; Ich lief an der Brasserie Lipp vorbei und schaute hin\u00fcber zu den beiden Caf\u00e9s, dachte an nichts, bog in die Rue Bonaparte ein. Bald stand ich am Brunnen von St. Sulpice und schaute ins glitzernde Wasser \u2013 Glas floss \u00fcber die glatten Steinkanten zwischen den L\u00f6wen. Alles war so durchsichtig, das Leben so leicht, so genau wie die Architektur des Brunnens, so m\u00e4chtig und klar wie die Fassade der Kirche mit den zwei T\u00fcrmen, vollendet der eine, der andere unbehauen wie die Porta Nigra. Hinter den S\u00e4ulen lag die Zeit. Ich lie\u00df den Brunnen hinter mir und durchquerte den armseligen Eingang im rechten Teil des gewaltigen Porticus. Ich betrat die Zeit und lief halb blind einige Schritte zur Kirchenmitte. Hinter mir schlug dumpf die T\u00fcr zu. Ich schaute mich um, stie\u00df gegen einen K\u00f6rper, stolperte, eine Hand griff nach mir. \u201eFallen Sie nicht!\u201c, sagte eine helle Stimme. Ich blickte in zwei schwarze Augen. Ein Licht aus dem Nichts lief \u00fcber mich. Unmessbarer Augenblick und sp\u00fcrbares Parallelenaxiom, war sp\u00e4ter mein Gedanke. Ich war aus der Zeit herausgefallen, aber der Ort blieb, ich erlebte etwas, das ich noch nicht erfahren hatte, ich nahm es vorweg, ohne es zu ahnen, wusste ohne zu wissen, erkannte und verga\u00df im selben Moment. \u201eKomm\u201c, sagte sie. Sie zog mich in den Mittelgang des hohen Schiffs, ich lie\u00df es mir gefallen, ich sah sie von der Seite an, sie hatte ihre schwarzen Haare hochgesteckt, das Gesicht leicht zu mir gedreht. Die schwarzen Augen auf mich gerichtet, ging sie leicht federnd bis zur Mitte der Kirche und blieb stehen, ich sah hinauf zur Kuppel, vor uns der Altar, rechts das gro\u00dfe Glasfenster, hier fielen die Strahlen der Mittagssonne ins Innere, ich sah zu Boden, da war die goldene Spur, die Messingschiene, die rechts ins Sommerquadrat f\u00fchrte, links zum Obelisken, unterhalb der Spitze das Winterzeichen. Vor uns die Marmorstufen zum Altar. Ich wollte nach links, aber sie hielt mich fest. \u201eKomm\u201c, sagte sie. Sie f\u00fchrte mich \u00fcber die Mittagslinie, stieg in den Altarkreis, b\u00fcckte sich unter die rote Kordel der Absperrung, aber ich sah nur sie und b\u00fcckte mich auch. Keiner in der fast leeren Kirche bemerkte, wie wir zum Altar gingen. Sie zog das Altartuch tiefer, bis es den wei\u00dfen Steinboden ber\u00fchrte. \u201eHier sind wir sicher\u201c, sagte sie. Ich: unterfordert? Von wem? Von der Welt, der ich mich stelle, oder von mir selbst? Und du meinst, vielen geht es so? Ich denke, es liegt nicht an der Welt, sondern oft an zu leichtem Aufwachsen. Bei mir wei\u00df ich es nicht. Vielleicht Veranlagung. Phlegma. Scheu vor der Ebene? Das Wichtigste ist, du lebst gern. Wenn das so ist, dann ist jede Lebensart schon dadurch gerechtfertigt. So bin ich gestrickt. Ich w\u00e4lze W\u00f6rter, jongliere mit ihnen, spiele in den Wortfeldern, pfl\u00fcge sie um, reime auf Teufel komm raus, spiele und suche mein Gl\u00fcck im Erzeugen von Wortgef\u00fcge und Sinnfugen. \u00a0 \u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\"><strong>***<\/strong><\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62118,\"width\":171,\"height\":250,\"sizeSlug\":\"large\"} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eBegr\u00fcnde dein eigenes Gl\u00fcck!\u201c, sprach eine Stimme \u00fcber mir, ich drehte mich um und schaute hinauf. 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