{"id":78609,"date":"2023-07-28T00:01:12","date_gmt":"2023-07-27T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78609"},"modified":"2023-06-19T10:22:16","modified_gmt":"2023-06-19T08:22:16","slug":"poetische-feldforschung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/28\/poetische-feldforschung\/","title":{"rendered":"Poetische Feldforschung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dichter werden verstanden, indem sie gelesen werden. Und so gilt es denn, die Schriften zu studieren und zu drehen und zu wenden, bis uns ihre Bedeutung allm\u00e4hlich transparent wird.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkels utopische und apokalyptische Gedanken \u2013 beides scheint zusammenzugeh\u00f6ren \u2013 sind aus antiken und j\u00fcdischen Quellen gespeist. Expressionistische Dichter, die ihn fr\u00fch anregten, haben im 20. Jahrhundert die bildungsb\u00fcrgerliche Denkwelt und \u00c4sthetik demontiert und zertr\u00fcmmert. Im 21. Jahrhundert wird sich das kaum wiederholen lassen, weil der Bildungsb\u00fcrger ausgestorben ist. Hier helfen keine Bilder \u00fcber die Worte hinweg, die man nicht versteht. Hier gibt es nur Worte. Viele sind so obskur, dass nicht mal Muttersprachler genau wissen, was sie bedeuten. Seine literarischen Figuren bewegen sich durch Zwischenreiche. Die Beleuchtung wechselt von glei\u00dfender Helle zu tiefer Dunkelheit, die Temperatur von hei\u00dfen Wirbeln zu eisig starrer K\u00e4lte. Das Tempo des Wechsels ist schnell. Seine Gedichte halten den Moment des Vorgangs fest, in dem der Wandel geschieht. Benkel sieht im Archaischen Modernismen und im modernistischen Schreibansatz Urformen des Dichtens wirksam werden. Seine Texte lesen bedeutet, an der richtigen Stelle Komplexit\u00e4t reduzieren. Neben der Lyrik ist der geistreiche Essay, das wie zuf\u00e4llig gefundene, unverbissene Aper\u00e7u der Raum, den Holger Benkel bespielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die wenigsten Menschen erleben ihre Zeit, [\u2026] die meisten Menschen sind gesch\u00e4ftlich und haben keine Zeit f\u00fcr ihre Zeit.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Alfred D\u00f6blin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkels <em>Gedanken, die um Ecken biegen<\/em> gehen jedoch weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Wir lesen sie auf KUNO als eine Variante der <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a><\/span><em>, <\/em>da sie versuchen, diesen kleinen Rest an Sprache etwas aufzuhellen, und wagen es seine R\u00e4nder verstehbar zu machen. Was dabei entsteht, ist ein Textganzes, das nicht mehr auf die Lekt\u00fcre einzeln herausgegriffener Aphorismen abgestellt ist, sondern vielmehr auf die sukzessive Kenntnisnahme der kompletten Sammlung in ihrem formalen Zusammenhang unter Einschluss der paratextuellen Strukturierung. Benkels Aphorismen folgen keinem linearen und systemischen Denken, sie entfalten sich vielmehr assoziativ und labyrinthisch. In seinen Aphorismen gehen Poesie und Sprachkritik ineinander \u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aphoristiker spricht seine Gedanken frei und verfolgt sie nicht. Benkels Aphorismen sind eine Prosaform zwischen Poesie und Philosophie, verwandt mit Essay, Sprichwort und Epigramm. Ein Genre der Gegens\u00e4tze: knapp gefa\u00dft, aber weit gedacht, pointiert formuliert, aber metaphorisch offen, sehr subjektiv auf den Begriff gebracht, aber mit Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit. Diese <em>Gedanken, die um Ecken biegen<\/em> sind kurz, konzise, rhetorisch markant, nichtfiktional und stehen f\u00fcr sich allein, sind also nicht Teil eines l\u00e4ngeren Textes. Benkel arbeitet oft mit sprachlichen Mitteln wie Antithese, Neologismus und Paradoxon. Vieles ist so dicht und so intensiv, da\u00df es zu kleinen poetischen Einheiten wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als gelernter Lyriker schreibt Benkel gleichsam in Zirkelbewegungen, auf die Momente zu, da etwas aufgeht. So lassen sich Aktivit\u00e4t und Passivit\u00e4t, Tun und Erleiden, Begreifen und Ergriffen-Werden kaum unterscheiden. Es sind Augenblicke, in denen Probleme gel\u00f6st, \u00dcberzeugungen gebildet und Einsichten gewonnen werden \u2013 mentale oder auch seelische Ereignisse, in denen sich nicht nur das Denken, sondern auch das Leben \u00e4ndern kann. Einige von Benkels <em>Gedanken, die um Ecken biegen<\/em> haben Konsequenzen nicht allein f\u00fcr das Leben und Denken desjenigen, dem da etwas aufgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Aphorismen sind zugleich Ausdruck eines fast paradox anmutenden Verh\u00e4ltnisses zur Literatur: eher reflexiv, kritisch und distanziert und eben dadurch tiefergehend. Benkel hat einen scharfen Blick, der weit \u00fcber den Zeitgeist hinaus reicht, das Unsystematische und Undogmatische der aphoristischen Denkmethode durch Juxtaposition geistreicher Aper\u00e7us findet zu unangepassten Reflexionen. Benkel hat damit in seinen Aphorismen eine Vielstimmigkeit erreicht, die ihn eine Sonderstellung innerhalb der deutschsprachigen Aphoristik einnehmen l\u00e4\u00dft. Dieser Band besticht durch seine polyphone Eigenart, die auf dem Gebiet der kleinen Form aphoristischer Prosa gleichsam in einer Art Parallelaktion vollzieht, was um dieselbe Zeit etwa auch im Gebiet der Essayistik als eine Tendenz zur Poetisierung reflexiver Textgenres durch Fiktionalisierung zu beobachten ist. Das literarisch Wertvolle daran ist, da\u00df er das Spiel mit den W\u00f6rtern nicht als blo\u00dfe Et\u00fcde betreibt. Vielmehr schimmert hinter all seinen Spracherkundungen ein existentieller Kern, das kleinstm\u00f6gliche Ganze.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Damit Dichtung geschrieben werden kann, braucht sie Erinnerungen an eine archaische Welt, in der die Aura der W\u00f6rter nicht v\u00f6llig durch technische Medien zerst\u00f6rt worden ist, wo noch nicht die Aufkl\u00e4rung des Journalismus, der popularisierten Wissenschaft und des Tauschverkehrs die letzten Reste von Glauben und Aberglauben beseitigt hat; wo jemand, der schreibt, die M\u00fchsal der Befreiung von vorliterarischen Traditionen darstellt, die er dadurch zugleich zerst\u00f6rt und im Ged\u00e4chtnis bewahrt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heinz Schlaffer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gespr\u00e4ch mit den Toten ist ein nicht unwesentlicher Aspekt des Dialogischen in der Lyrik von Holger Benkel. Gedichte bedeuten f\u00fcr ihn etwas, das Seamus Heaney so beschrieben hat: \u201cdie Authentizit\u00e4t arch\u00e4ologischer Funde, wobei die vergrabene Tonscherbe nicht weniger z\u00e4hlt als die Ansiedlung; Dichtung als Ausgrabung also, als das Ans-Licht-Holen von Fundst\u00fccken, die am Ende als Pflanzen dastehen.\u201d Es geht um eine Phantasie, die zugleich frei und verbindlich ist. Ein Naturmystizismus wird beschworen und gleichzeitig dekonstruiert. Zu Benkels Realismus geh\u00f6rt eine feine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr mythologische Motive, die tiefer und wahrer sind als die Oberfl\u00e4che der sogenannten Wirklichkeit. Der Gedichtband \u201eSammlung\u201c bildet eine komprimierte Form seiner Lyrik, eine Poesie als Sprache der Transzendenz, einer Art anwesenden Abwesenheit, einer paradoxen Lebendigkeit von Totem, mit der weiterf\u00fchrenden Beobachtung, dass in der Poesie die Beziehung zwischen Dichter und Objekt nicht eins zu eins, sondern eine Beziehung von vielen zu vielen ist. M\u00f6glicherweise ist es eine \u00dcberinterpretation, aber diese Version liest sich wie eine Poetologie einerseits der Personifizierung und andererseits Aufhebung von Individualit\u00e4t des dichterischen Ichs, das bei jedem Autor einerseits nur einmal genau so existiert, andererseits aber Stimmen einschlie\u00dft, die ausserhalb der Grenzen des dichterischen Ichs vernehmbar sind. Er entwickelt eine Poetologie des Verbundenseins, aber auch der Negativit\u00e4t, der Verst\u00f6rung. Klarheit und Magie sind f\u00fcr diesen Lyriker keine Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie ein Arch\u00e4ologe hebt Holger\u00a0 Benkel Dinge, Gedanken, Zusammenh\u00e4nge, die begraben wurden von der Zeit, ans Licht unserer Tage. Und bel\u00e4sst ihnen dabei doch ihr Geheimnis.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benkel verf\u00fcgt \u00fcber kulturelle Deutungsmuster und \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten, die anderen fehlen. Er ist ein grabender Erkunder, von Bildern, von unterirdischen Bedeutungsstr\u00f6men, von Sprache. F\u00fcr ihn ist Literatur Topografie und Erinnerung, Landvermessung und Rekonstruktion in einem. Lyrik ist ihm eine \u00fcbriggebliebene Form, die an vormoderne Reflexe appelliert und, zunehmend vergeblich, einen magischen Nimbus hegt und pflegt, der aus archaischen Zeiten stammt. In seinen Gedichten geht es oft um Abwesendes, um Vergangenes und Verlorenes, das mit Worten in eine andere Zeit, in die Gegenwart gerettet werden soll. Zugleich ist das Vertrauen des Lyrikers Benkel in die Sprache nicht ungebrochen. Deren Unmittelbarkeit ist verloren. Das wei\u00df er, seine Gedichte wissen das. Sie wollen jedoch in Erinnerung rufen, was einmal war, und sie wissen zugleich um die Vergeblichkeit, an etwas zu erinnern. F\u00fcr diesen Poeten leuchtet die Devise einer abfallgeplagten Epoche auch als Lebensdevise ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Beweg\u00adlichkeit des Denkens mit einem anti\u00adsyste\u00admatischen Impuls verbinden<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benkel versteht die Lyrik nicht als moralische Anstalt, er begreift sie wieder als Ritual und denkt in Zusammenh\u00e4ngen, die immer auch das Ganze und das Kommende betreffen. Bereits in der Renaissance beriefen sich Lyriker, die auf die strenge Bindung der Verse durch Rhythmus und Reim verzichteten, auf das Vorbild der Antike. Sie konnten in den Ges\u00e4ngen Pindars, aber auch in den Psalmen der Bibel kein Metrum und keinen Gleichklang der Endsilben entdecken. In \u00e4ltester Vorzeit waren die Vorl\u00e4ufer unserer heutigen Gedichte sprachmagische Werkzeuge. Ihrer bediente man sich einzelweise oder im Chor, um sich G\u00f6tter und Gegenst\u00e4nde gef\u00fcgig zu machen. Gedichte waren Gesang, und zu diesen beiden gesellte sich der Tanz. Erst durch das Nachstellen ritueller Schrittfolgen wurde die Entstehung der Versf\u00fc\u00dfe, der Hebungen und Senkungen im Versfluss, plausibel und deutlich. Benkel beleuchtet die oft vergessenen magischen Quellen der Dichtung, als da sind: der Schamanismus, die animistische Anrufung, der Beschw\u00f6rungszauber. An ihrer archaischen Quelle ist die Dichtung Gesang und das Geheul des Priesters und Heilers. In dieser fr\u00fchen kultischen Praxis sind die Seele und die Dinge noch nicht voneinander getrennt, die Materie, die Tiere, Pflanzen und Menschen sind ineinander verwandelbar. Mitunter scheint es, als ginge Benkel auf Runensuche und zeichne auf, was im Ged\u00e4chtnis des Volkes an Liedern, von S\u00e4ngern und S\u00e4ngerinnen in Jahrhtausenden m\u00fcndlich \u00fcberliefert worden worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Dichter sind nat\u00fcrlich Schamanen, die mit okkultem Wissen Schabernack treiben<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ronald Pohl<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Lyriker hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr das Unvertraute im Vertrauten, das Unheimliche des Allt\u00e4glichen, das Scheinhafte des Realen. Sein Beharren auf der ehemals kultischen oder liturgische Funktion der Poesie ist wohltuend. Zugleich streicht Benkel das Dilemma aller heutigen dichterischen Bestrebungen hervor. In seinen Augen funktioniert die Verkn\u00fcpfung des Sprachmaterials in der Lyrik wie die Technik des Aufnehmens und Schneidens der Bilder im Film (shots and cuts), wobei das beide Verbindende in der Dichtung wie im Film der Rhythmus ist. Wer das Handwerk der Verskunst aus dem Zusammenhang der kultischen Sinngebung herausrei\u00dft, wird mit dem Geschenk der Freiheit belohnt. Der Aufbruch in eine Freiheit ohne jegliche Verbindlichkeit ist das tr\u00fcgerische Geschenk einer Kultur, die nichts so sehr ersehnt wie Autonomie und Ungebundenheit. Benkel stellt die Fragen nach kultureller und nationaler Identit\u00e4t nicht rhetorisch, sondern als dr\u00e4ngende Suche; auch nach dem Ich. Durch die Originalit\u00e4t seiner Wortfindungen kann er das Prestige des Schamanen und Geisterbeschw\u00f6rers noch verwalten. Man muss sich auf dieses Schreiben einlassen, als buchstabiere man mit Benkel die Welt neu. Dann gehen einem Augen und Ohren auf, und viele Zeilen pr\u00e4gen sich nachhaltig ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich will die Dinge durch \/ meinen Geist beleuchten \/ und den Widerschein auf den fremden Geist fallen lassen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Charles Baudelaire<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Essay erscheint bei Holger Benkel als Denkform, die sich im literarischen Werk einen Gegenstand zu schaffen sucht, der sie m\u00f6glicherweise vor dem schwarzen Abgrund der philosophischen Begriffsarbeit retten kann. In der Tradition von Michel de Montaigne versteht Benkel seine Rezensionsessays als Versuch; er gibt diesen den Sinn des Experiments, der experimentellen Versuchsanordnung, zugleich jedoch die existenzielle Bedeutung des Lebensprinzips, und vertieft beides so ins Abgr\u00fcndige, da\u00df aus dem Versuch sowohl die Versuchung wie der Versucher und das Versucherische sprechen. Welche labyrinthischen Gedankeng\u00e4nge bei diesem Auswahl- und Transformationsprozess durchlaufen werden, wie schnell ein brauchbarer Gedanke zu Abfall und Nebens\u00e4chliches fruchttragend werden kann, reflektiert Benkel in seinen Essays. Was in seinen Rezensionsessays macht, wird dem Begriff <em>Essay<\/em> insofern wortw\u00f6rtlich gerecht, als er immer wieder neu ansetzt. Jedes Schreiben kann immer nur ein Versuch sein, die Welt mit Worten zu erfassen. So folgt denn Versuch auf Versuch; in jedem Beitrag f\u00fcr KUNO wechselt der Autor die Perspektive, umkreist das jeweilige mit Worten und Fakten einen neuen Ausschnitt der Welt, eine neue Schnittmenge der gew\u00e4hlten Themenkreise und K\u00fcnstlerportr\u00e4ts. Mit Erkenntnisgewinn l\u00e4\u00dft sich lesen, wie sich die F\u00e4den fortspinnen, die Frage nach der k\u00fcnstlerischen Identit\u00e4t l\u00e4uft als roter Faden durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die Gattung des<\/span> <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Essays<\/a><\/span> <span style=\"color: #999999;\">h\u00e4lt das freie Denken aufrecht, ohne, da\u00df der literarische Anspruch verlorengeht.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rezensionsessays \u00fcber Schriftsteller und Literatur, \u00fcber Bildende K\u00fcnstler und Kunst: Wie spannend das sein kann, f\u00fchrt uns Benkel exemplarisch vor. Er setzt sich sowohl mit Personen als auch Texten auseinander und bedient sich dabei verschiedener literarischer Formen. Dieser Autor betreibt keine Heldenverkl\u00e4rung, sondern ein durchaus kritisches Hinterfragen in einer Sprache, die so klar ist, so schonungslos und so genau, da\u00df es fast schmerzhaft wirkt. Genauigkeit ist seine oberste Maxime. Das enge Ineinander von Kunst und Wissenschaft, von dichterischem Denken und Tatsachenneugier kennzeichnet die Gattung des Essays. Tastend formt sich und entwickelt sich darin der Gedanke; der Schreibprozess ist ein Denkprozess. Die Gattung wird hierzulande noch immer zu wenig gesch\u00e4tzt, m\u00f6glicherweise der losen Enden wegen. Benkel ist ein ungew\u00f6hnlicher Essayist \u2013 einer, der sich seinen jeweiligen Gegenstand weniger von der Spekulation, als von der gr\u00fcndlichen Lekt\u00fcre her aufschlie\u00dft. Seine Rezensionsessays handeln auch von grunds\u00e4tzlichen Fragen, an denen sich bereits manch einer abgearbeitet hat, die jedoch von Benkel beispielhaft, unumwunden und nachvollziehbar beantwortet werden. Er beschreibt, wie sich Zeit und Identit\u00e4t im Lesen und Widerlesen spiegeln, das Gelesene und Gesehene beeinflussen, wie das Gelesene und Gesehene immer wieder auch von den Umst\u00e4nden abh\u00e4ngt, unter denen es geschrieben wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>KUNO sch\u00e4tzt den Rezensionsessay als unreine Form, die erz\u00e4hlerische Passagen genauso wie analytische enthalten k\u00f6nne, selbst poetische Einsch\u00fcbe.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was den Rezensionsessays von Benkel die \u00dcberzeugungskraft verleiht, ist die Intensit\u00e4t, denen er sein Material unterwirft, seine Texte zeigen, was der Fokus auf eine Fragestellung sichtbar machen kann, wie diese Konzentration aufdeckt, was dem Schreibenden selbst verborgen blieb, wohl wissend, da\u00df die F\u00fclle der Literatur, der Kunst und des Lebens eben darin liegen, nie alles wissen zu k\u00f6nnen. Man sollte die einzelnen Kapitel sacken lassen, wobei nicht alle gleich zug\u00e4nglich sind, denn f\u00fcr metaphysische Betrachtungen braucht es ein ausgebildetes Sensorium. Diese Rezensionsessays gew\u00f6hnen Leser daran, sich nicht allzu sehr an lindernde und eingefahrene Denkschemata zu gew\u00f6hnen. Seine Sprache hat eine Tiefendimension, Bilder entstehen beim Lesen und lassen sich nicht schnell zur\u00fcckschieben. Es ist in jedem Wort eine Wertsch\u00e4tzung der K\u00fcnstler zu lesen, seine Rezensionsessays wirken nachhaltig und lassen die Leser nicht so schnell wieder los. Wir brauchen einfach erheblich mehr von dem, was \u00fcber den routinem\u00e4\u00dfigen Erwartungshorizont hinausgeht. Man kann Benkels philosophie- und ideengeschichtlichen Analysen nicht genug w\u00fcrdigen, sie sind ein Lesevergn\u00fcgen der besonderen Art.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Sammlung<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel, BoD 2023<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Seelenland<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel , Edition Das Labor 2015<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor M\u00fclheim 2013<\/p>\n<div id=\"attachment_21488\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Cover11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21488\" class=\"size-full wp-image-21488\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Cover11.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-21488\" class=\"wp-caption-text\">Das Covermotiv von &#8222;Gedanken, die um Ecken biegen&#8220;: Uwe Albert, Technik: Aquarell \/ Feder<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Seitenstrang von Holger Benkels Arbeit bilden die <em><span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/30\/symmetrischer-traum\/\">Traumnotate<\/a><\/span>,<\/em> sie sind von \u00fcbern\u00e4chtigter, schillernd scharfkantiger Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a><\/span> ergr\u00fcnden Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie \u2013 und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a><\/span>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen den Essay auf KUNO als eine <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>,<\/span> undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\"><span style=\"color: #ff0000;\">Br\u00fcder<\/span> <span style=\"color: #ff0000;\">Grimm<\/span><\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\"><span style=\"color: #ff0000;\">Ulrich Bergmann<\/span><\/a>, <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a><\/span>, zur Lyrik von <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/18\/heiterer-sarkasmus\/\">HEL<\/a><\/span> = Herbert Laschet Toussaint, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/09\/08\/sinnlich-fassbare-kunst\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Haimo Hieronymus<\/span><\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\"><span style=\"color: #ff0000;\">Uwe Albert<\/span><\/a><span style=\"color: #ff0000;\">, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/02\/09\/ein-behutsamer-charakter\/\">Holger Uske<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/kritischer-optimismus\/\">Joachim Paul<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/10\/27\/kranich-2\/\">J\u00fcrgen Diehl<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a><\/span><span data-offset-key=\"54t8d-0-0\"><span style=\"color: #ff0000;\">, <\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/12\/kuchenmaennchen-und-hummermenschen\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Sibylle Ciarloni<\/span> <\/a><\/span>und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=55005\"><span style=\"color: #ff0000;\">Joanna Lisiak<\/span><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dichter werden verstanden, indem sie gelesen werden. Und so gilt es denn, die Schriften zu studieren und zu drehen und zu wenden, bis uns ihre Bedeutung allm\u00e4hlich transparent wird. Holger Benkels utopische und apokalyptische Gedanken \u2013 beides scheint zusammenzugeh\u00f6ren \u2013&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/28\/poetische-feldforschung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":99325,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,654],"class_list":["post-78609","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-uwe-albert"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78609","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78609"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78609\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104783,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78609\/revisions\/104783"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99325"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}