{"id":78519,"date":"2023-09-06T00:01:09","date_gmt":"2023-09-05T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78519"},"modified":"2022-02-25T19:24:00","modified_gmt":"2022-02-25T18:24:00","slug":"zerstreute-betrachtungen-ueber-verschiedene-aesthetische-gegenstaende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/06\/zerstreute-betrachtungen-ueber-verschiedene-aesthetische-gegenstaende\/","title":{"rendered":"Zerstreute Betrachtungen \u00fcber verschiedene \u00e4sthetische Gegenst\u00e4nde"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Eigenschaften der Dinge, wodurch sie \u00e4sthetisch werden k\u00f6nnen, lassen sich unter viererley Klassen bringen, die sowohl nach ihrer <i>objectiven<\/i> Verschiedenheit, als nach ihrer verschiednen <i>subjectiven<\/i> Beziehung auf unser leidendes oder th\u00e4tiges Verm\u00f6gen ein nicht blo\u00df der <i>St\u00e4rke<\/i> sondern auch dem <i>Werth<\/i> nach verschiedenes Wohlgefallen wirken, und f\u00fcr den Zweck der sch\u00f6nen K\u00fcnste auch von ungleicher Brauchbarkeit sind; n\u00e4mlich das <i>Angenehme<\/i>, das <i>Gute<\/i>, das <i>Erhabene<\/i>\u00a0und das <i>Sch\u00f6ne<\/i>. Unter diesen ist das Erhabene und Sch\u00f6ne allein der Kunst <i>eigen<\/i>. Das Angenehme ist ihrer nicht <i>w\u00fcrdig<\/i>, und das Gute ist wenigstens nicht ihr <i>Zweck<\/i>; denn der Zweck der Kunst ist zu vergn\u00fcgen, und das Gute, sey es theoretisch oder practisch, kann und darf der Sinnlichkeit nicht als Mittel dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <i>Angenehme<\/i> vergn\u00fcgt blo\u00df die <i>Sinne<\/i>, und unterscheidet sich darinn von dem Guten, welches der blo\u00dfen Vernunft gef\u00e4llt. Es gef\u00e4llt durch seine Materie, denn nur der Stoff kann den Sinn afficieren, und alles, was Form ist, nur der Vernunft gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Sch\u00f6ne gef\u00e4llt zwar durch das Medium der Sinne, wodurch es sich vom Guten unterscheidet, aber es gef\u00e4llt durch seine Form der Vernunft, wodurch es sich vom Angenehmen unterscheidet. Das <i>Gute<\/i>, kann man sagen, gef\u00e4llt durch die blo\u00dfe <i>vernunftgem\u00e4\u00dfe<\/i> Form, das Sch\u00f6ne durch <i>vernunft\u00e4hnliche<\/i> Form, das Angenehme durch gar keine Form. Das Gute wird <i>gedacht<\/i>, das Sch\u00f6ne <i>betrachtet<\/i>, das Angenehme blo\u00df <i>gef\u00fchlt<\/i>. Jenes gef\u00e4llt im Begriff, das zweyte in der Anschauung, das dritte in der materiellen Empfindung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abstand zwischen dem <i>Guten<\/i> und dem <i>Angenehmen<\/i> f\u00e4llt am meisten in die Augen. Das Gute erweitert unsre Erkenntni\u00df, weil es einen Begriff von seinem Object verschafft, und voraussetzt: der Grund unsers Wohlgefallens liegt in dem Gegenstand, wenn gleich das Wohlgefallen selbst ein Zustand ist, in dem <i>wir<\/i> uns befinden. Das Angenehme hingegen bringt gar kein Erkenntni\u00df seines Objectes hervor und gr\u00fcndet sich auch auf keines. Es ist blo\u00df dadurch angenehm, da\u00df es empfunden wird, und sein Begriff verschwindet g\u00e4nzlich, sobald wir uns die Affectibilit\u00e4t der Sinne hinwegdenken, oder sie auch nur ver\u00e4ndern. Einem Menschen, der Frost empfindet, ist eine warme \u00a0Luft angenehm; eben dieser Mensch aber wird in der Sommerhitze einen k\u00fchlenden Schatten suchen. In beyden F\u00e4llen aber wird man gestehen, hat er richtig geurtheilt. Das Objective ist von <i>uns<\/i> v\u00f6llig unabh\u00e4ngig, und was uns heute wahr, zweckm\u00e4\u00dfig, vern\u00fcnftig vorkommt, wird uns (vorausgesetzt, da\u00df wir heute richtig geurtheilt haben) auch in zwanzig Jahren eben so erscheinen. Unser Urtheil \u00fcber das Angenehme \u00e4ndert sich ab, so wie sich unsere Lage gegen sein Object ver\u00e4ndert. Es ist also keine Eigenschaft des Objects, sondern entsteht erst aus dem Verh\u00e4ltni\u00df eines Objects zu unsern Sinnen \u2013 denn die Beschaffenheit des Sinns ist eine nothwendige Bedingung desselben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gute hingegen ist schon gut, ehe es vorgestellt und empfunden wird. Die Eigenschaft, durch die es gef\u00e4llt, besteht vollkommen f\u00fcr sich selbst, ohne unser Subject n\u00f6thig zu haben, wenn gleich unser Wohlgefallen an demselben auf einer Empf\u00e4nglichkeit unsers Wesens ruht. Das Angenehme, kann man daher sagen, ist nur,\u00a0weil es <i>empfunden<\/i>wird; das Gute hingegen <i>wird empfunden<\/i>, weil es ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abstand des Sch\u00f6nen von dem Angenehmen f\u00e4llt, so gro\u00df er auch \u00fcbrigens ist, weniger in die Augen. Es ist darinn dem Angenehmen gleich, da\u00df es immer den Sinnen mu\u00df vorgehalten werden, da\u00df es nur in der Erscheinung gef\u00e4llt. Es ist ihm ferner darinnen gleich, da\u00df es keine Erkenntni\u00df von seinen Object verschafft, noch voraus setzt. Es unterscheidet sich aber wieder sehr von dem Angenehmen, weil es durch die <i>Form<\/i> seiner Erscheinung, nicht durch die materielle Empfindung gef\u00e4llt. Es gef\u00e4llt zwar dem vern\u00fcnftigen Subject blo\u00df insofern dasselbe zugleich sinnlich ist, aber es gef\u00e4llt auch dem sinnlichen nur, insofern dasselbe zugleich vern\u00fcnftig ist. Es gef\u00e4llt nicht blo\u00df dem Individuum, sondern der Gattung, und ob es gleich nur durch seine Beziehung auf sinnlich-vern\u00fcnftige Wesen Existenz erh\u00e4lt, so ist es doch von allen empirischen Bestimmungen der Sinnlichkeit unabh\u00e4ngig und\u00a0es bleibt dasselbe, auch wenn sich die Privatbeschaffenheit der Subjecte ver\u00e4ndert. Das Sch\u00f6ne hat also eben das mit dem Guten gemein, worinn es von dem Angenehmen abweicht, und geht eben da von dem <i>Guten<\/i> ab, wo es sich dem Angenehmen n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem Guten ist dasjenige zu verstehen, worinn die Vernunft eine Angemessenheit zu ihren, theoretischen oder practischen Gesetzen erkennt. Es kann aber der n\u00e4mliche Gegenstand mit der theoretischen Vernunft vollkommen zusammenstimmen, und doch der practischen im h\u00f6chsten Grad widersprechend seyn. Wir k\u00f6nnen den Zweck einer Unternehmung mi\u00dfbilligen und doch die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit in derselben bewundern. Wir k\u00f6nnen die Gen\u00fc\u00dfe verachten, die der Woll\u00fcstling zum Ziel seines Lebens macht, und doch seine Klugheit in der Wahl der Mittel und die Konsequenz seiner Grunds\u00e4tze loben. Was uns blo\u00df durch seine Form gef\u00e4llt ist gut, und es ist absolut und ohne Bedingung gut, wenn seine Form zugleich auch sein Innhalt ist. Auch das Gute ist ein Object der Empfindung, aber keiner unmittelbaren, wie das Angenehme, und auch keiner gemischten wie das Sch\u00f6ne. Es erregt nicht Begierde, wie das erste, und nicht Neigung wie das zweyte. Die reine Vorstellung des Guten kann nur Achtung einfl\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Festsetzung des Unterschiedes zwischen dem Angenehmen, dem Guten und dem Sch\u00f6nen leuchtet ein, da\u00df ein Gegenstand h\u00e4\u00dflich, unvollkommen, ja sogar moralisch verwerflich und doch angenehm seyn, doch den Sinnen gefallen k\u00f6nne; da\u00df ein Gegenstand die Sinne emp\u00f6ren und doch gut seyn, doch der Vernunft gefallen k\u00f6nne; da\u00df ein Gegenstand seinem innern Wesen nach das moralische Gef\u00fchl emp\u00f6ren, und doch in der Betrachtung gefallen, doch sch\u00f6n seyn k\u00f6nne. Die Ursache ist, weil bey allen diesen verschiedenen Vorstellungen ein anderes Verm\u00f6gen des Gem\u00fcths und auf eine andere Art interessiert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber hiermit ist die Klassifikation der \u00e4sthetischen Pr\u00e4dikate noch nicht ersch\u00f6pft; denn es giebt Gegenst\u00e4nde, die zugleich h\u00e4\u00dflich, den Sinnen widrig und schrecklich, unbefriedigend f\u00fcr den Verstand und in der moralischen Sch\u00e4tzung gleichg\u00fcltig sind, und die doch gefallen, ja die in so hohem Grad gefallen, da\u00df wir gerne das Vergn\u00fcgen der Sinne, und des Verstandes aufopfern, um uns den Genu\u00df derselben zu verschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts ist reizender in der Natur als eine sch\u00f6ne Landschaft in der Abendr\u00f6the. Die reiche Mannichfaltigkeit und der milde Umri\u00df der Gestalten, das unendlich wechselnde Spiel des Lichts, der leichte Flor der die fernen Objecte umkleidet, alles wirkt zusammen, unsere Sinne zu erg\u00f6tzen. Das sanfte Ger\u00e4usch eines Wasserfalls, das Schlagen der Nachtigallen, eine angenehme Musik soll dazu kommen, unser Vergn\u00fcgen zu vermehren. Wir sind aufgel\u00f6st in s\u00fc\u00dfe Empfindungen von Ruhe, und indem unsere Sinne von der Harmonie der Farben, der Gestalten und T\u00f6ne auf das angenehmste ger\u00fchrt werden, erg\u00f6tzt sich das Gem\u00fcth an einem leichten und geistreichen Ideengang, und das Herz an einem Strom von Gef\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einmal erhebt sich ein Sturm, der den Himmel und die ganze Landschaft verfinstert, der alle andere T\u00f6ne \u00fcberstimmt oder schweigen macht, und uns alle jene Vergn\u00fcgungen pl\u00f6tzlich raubt. Pechschwarze Wolken umziehen den Horizont, bet\u00e4ubende Donnerschl\u00e4ge fallen nieder, Blitz folgt auf Blitz, und unser Gesicht wie unser Geh\u00f6r wird auf das widrigste ger\u00fchrt. Der Blitz leuchtet nur, um uns das schreckliche der Nacht desto sichtbarer zu machen; wir sehen wie er einschl\u00e4gt, ja wir fangen an zu f\u00fcrchten, da\u00df er auch uns treffen m\u00f6chte. Nichts destoweniger werden wir glauben, bey dem Tausch eher gewonnen als verloren zu haben, diejenigen Personen ausgenommen, denen die Furcht alle Freyheit des Urtheils raubt. Wir werden von diesem furchtbaren Schauspiel, das unsere Sinne zur\u00fcckst\u00f6\u00dft, von einer Seite mit Macht angezogen, und verweilen uns bey demselben mit einem Gef\u00fchl, das man zwar nicht eigentliche <i>Lust<\/i> nennen kann, aber der Lust oft weit vorzieht. Nun ist aber dieses Schauspiel der Natur eher <i>verderblich<\/i>als <i>gut<\/i> (wenigstens hat man gar nicht n\u00f6thig an die Nutzbarkeit eines Gewitters zu denken, um an dieser Naturerscheinung Gefallen zu finden) es ist eher h\u00e4\u00dflich als sch\u00f6n, denn Finsterni\u00df kann als Beraubung aller Vorstellungen die das Licht verschafft, nie gefallen, und die pl\u00f6tzliche Luftersch\u00fctterung durch den Donner, so wie die pl\u00f6tzliche Lufterleuchtung durch den Blitz widersprechen einer nothwendigen Bedingung aller Sch\u00f6nheit, die nichts abruptes, nichts gewaltsames vertr\u00e4gt. Ferner ist diese Naturerscheinung den blo\u00dfen Sinnen eher schmerzhaft als annehmlich, weil die Nerven des Gesichts und des Geh\u00f6rs durch die pl\u00f6tzliche Abwechselung von Dunkelheit und Licht, von dem Knallen des Donners zur Stille peinlich angespannt und dann eben so gewaltsam wieder erschlafft werden. Und trotz allen diesen Ursachen des Mi\u00dffallens ist ein Gewitter, f\u00fcr den, der es nicht f\u00fcrchtet, eine anziehende Erscheinung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ferner. Mitten in einer gr\u00fcnen und lachenden Ebene soll ein unbewachsener wilder H\u00fcgel hervorragen, der dem Auge einen Theil der Aussicht entzieht. Jeder wird diesen Erdhaufen hinweg w\u00fcnschen, als etwas, das die Sch\u00f6nheit der ganzen Landschaft verunstaltet. Nun lasse man in Gedanken diesen H\u00fcgel immer h\u00f6her und h\u00f6her werden, ohne das geringste an seiner \u00fcbrigen Form zu ver\u00e4ndern, so da\u00df dasselbe Verh\u00e4ltni\u00df zwischen seiner Breite und H\u00f6he auch noch im Gro\u00dfen beybehalten wird. Anfangs wird das Mi\u00dfvergn\u00fcgen \u00fcber ihn zunehmen, weil ihn seine zunehmende Gr\u00f6\u00dfe nur bemerkbarer, nur st\u00f6render macht. Man fahre aber fort ihn bis \u00fcber die doppelte H\u00f6he eines Thurmes zu vergr\u00f6\u00dfern, so wird das Mi\u00dfvergn\u00fcgen \u00fcber ihn sich unmerklich verlieren, und einem ganz andern Gef\u00fchle Platz machen. Ist er endlich so hoch hinaufgestiegen, da\u00df es dem Auge beynahe unm\u00f6glich wird, ihn in ein einziges Bild zusammen zu fa\u00dfen, so ist er uns mehr werth, als die ganze sch\u00f6ne Ebene um ihn her, und wir w\u00fcrden den Eindruck, den er auf uns macht, ungern mit einem andern noch so sch\u00f6nen vertauschen. Nun gebe man in Gedanken diesem Berg eine solche Neigung, da\u00df es aussieht, als wenn er alle Augenblicke herabst\u00fcrzen wollte, so wird das vorige Gef\u00fchl sich mit einem andern vermischen; Schrecken wird sich damit verbinden, aber der Gegenstand selbst wird nur desto anziehender seyn. Gesetzt aber man k\u00f6nnte diesen sich neigenden Berg durch einen andern unterst\u00fctzen, so w\u00fcrde sich der Schrecken und mit ihm ein gro\u00dfer Theil unsers Wohlgefallens verlieren. Gesetzt ferner, man stellte dicht an diesen Berg vier bis f\u00fcnf andere, davon jeder um den vierten oder f\u00fcnften Theil niedriger w\u00e4re als der zun\u00e4chst auf ihn folgende, so w\u00fcrde das erste Gef\u00fchl, das uns seine Gr\u00f6\u00dfe einfl\u00f6\u00dfte merklich geschw\u00e4cht werden \u2013 etwas \u00e4hnliches w\u00fcrde geschehen, wenn man den Berg selbst in zehn oder zw\u00f6lf gleichf\u00f6rmige Abs\u00e4tze theilte; auch wenn man ihn durch k\u00fcnstliche Anlagen verzierte. Mit diesem Berge haben wir nun anfangs keine andere Operation vorgenommen, als da\u00df wir ihn, ganz wie er war, ohne seine Form zu ver\u00e4ndern, <i>gr\u00f6\u00dfer<\/i> machten, und durch diesen einzigen Umstand wurde er aus einem gleichg\u00fcltigen, ja sogar widerw\u00e4rtigen Gegenstand in einen Gegenstand des Wohlgefallens verwandelt. Bey der zweyten Operation haben wir diesen gro\u00dfen Gegenstand zugleich in ein Object des Schreckens verwandelt, und dadurch das Wohlgefallen an seinem Anblick vermehrt. Bey den \u00fcbrigen damit vorgenommenen Operationen haben wir das Schreckenerregende seines Anblicks vermindert und dadurch das Vergn\u00fcgen geschw\u00e4cht. Wir haben die Vorstellung seiner Gr\u00f6\u00dfe <i>subjectiv<\/i> verringert, theils dadurch, da\u00df wir die Aufmerksamkeit des Auges zertheilten, theils dadurch, da\u00df wir demselben in den daneben gestellten kleineren Bergen ein Maa\u00df verschafften, womit es die Gr\u00f6\u00dfe des Berges desto leichter beherrschen konnte. <i>Gr\u00f6\u00dfe<\/i> und <i>Schreckbarkeit<\/i> k\u00f6nnen also in gewissen F\u00e4llen f\u00fcr sich allein eine Quelle von Vergn\u00fcgen abgeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es giebt in der griechischen Fabellehre kein f\u00fcrchterlicheres und zugleich h\u00e4\u00dflicheres Bild als die Furien oder Erinnyen, wenn sie aus dem Orcus hervorsteigen, einen Verbrecher zu verfolgen. Ein scheu\u00dflich verzerrtes Gesicht, hagre Figuren, ein Kopf der statt der Haare mit Schlangen bedeckt ist, emp\u00f6ren unsre Sinne eben so sehr, als sie unsern Geschmack beleidigen. Wenn aber diese Ungeheuer vorgestellt werden, wie sie den Mutterm\u00f6rder Orestes verfolgen, wie sie die Fakel in ihren H\u00e4nden schwingen, und ihn rastlos von einem Orte zum andern jagen, bis sie endlich, wenn die z\u00fcrnende Gerechtigkeit vers\u00f6hnt ist, in den Abgrund der H\u00f6lle verschwinden, so verweilen wir mit einem angenehmen Grausen bey dieser Vorstellung. Aber nicht blo\u00df die Gewissensangst eines Verbrechers, welche durch die Furien versinnlicht wird, selbst seine pflichtwidrige Handlungen, der wirkliche Aktus eines Verbrechens, kann uns in der Darstellung gefallen. Die Medea des griechischen Trauerspiels, Clytemnestra die ihren Gemahl ermordet, Orest der seine Mutter t\u00f6det, erf\u00fcllen unser Gem\u00fcth mit einer schauerlichen Lust. Selbst im gemeinen Leben entdecken wir, da\u00df uns gleichg\u00fcltige, ja selbst widrige und abschreckende Gegenst\u00e4nde zu interessieren anfangen, sobald sie sich entweder dem <i>ungeheuren<\/i> oder dem <i>schrecklichen<\/i> n\u00e4hern. Ein ganz gemeiner und unbedeutender Mensch f\u00e4ngt an, uns zu gefallen, sobald eine heftige Leidenschaft, die seinen Werth nicht im geringsten erh\u00f6ht, ihn zu einem Gegenstand der Furcht und des Schreckens macht; so wie ein gemeiner nichts sagender Gegenstand f\u00fcr uns eine Quelle der Lust wird, sobald wir ihn so vergr\u00f6\u00dfern, da\u00df er unser Fassungsverm\u00f6gen zu \u00fcberschreiten droht. Ein h\u00e4\u00dflicher Mensch wird noch h\u00e4\u00dflicher durch den Zorn, und doch kann er im Ausbruch dieser Leidenschaft, sobald sie nicht ins L\u00e4cherliche, sondern ins Furchtbare verf\u00e4llt, gerade noch den meisten Reiz f\u00fcr uns haben. Selbst bis zu den Thieren herab gilt diese Bemerkung. Ein Stier am Pfluge, ein Pferd am Karren, ein Hund, sind gemeine Gegenst\u00e4nde; reizen wir aber den Stier zum Kampfe, setzen wir das ruhige Pferd in Wuth, oder sehen wir einen <i>w\u00fcthenden<\/i> Hund, so erheben sich diese Thiere zu \u00e4sthetischen Gegenst\u00e4nden, und wir fangen an, sie mit einem Gef\u00fchle zu betrachten, das an Vergn\u00fcgen und Achtung grenzt. Der allen Menschen gemeinschaftliche Hang zum Leidenschaftlichen, die Macht der sympathetischen Gef\u00fchle, die uns <i>in der Natur<\/i> zum Anblick des Leidens, des Schreckens, des Entsetzens hintreibt, die in der <i>Kunst<\/i> soviel Reiz f\u00fcr uns hat, die uns in das Schauspielhaus lockt, die uns an den Schilderungen gro\u00dfer Ungl\u00fccksf\u00e4lle soviel Geschmack finden l\u00e4\u00dft, alles die\u00df bewei\u00dft f\u00fcr eine <i>vierte Quelle von Lust<\/i>, die weder das Angenehme, noch das Gute, noch das Sch\u00f6ne zu erzeugen im Stand sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle bisher angef\u00fchrten Beyspiele haben etwas objectives in der Empfindung, die sie bey uns erregen, mit einander gemein. In allen empfangen wir eine Vorstellung von Etwas \u201edas entweder unsere sinnliche Fassungskraft oder unsere sinnliche Widerstehungskraft <i>\u00fcberschreitet<\/i>\u201c, oder zu \u00fcberschreiten droht, jedoch ohne diese \u00dcberlegenheit, bi\u00df zur Unterdr\u00fcckung jener beyden Kr\u00e4fte zu treiben, und ohne die Bestrebung zum Erkenntni\u00df oder zum Widerstand in uns niederzuschlagen. Ein Mannichfaltiges wird uns dort gegeben, welches in Einheit zusammen zu fassen unser anschauendes Verm\u00f6gen bis an seine Grenzen treibt. Eine Kraft wird uns hier vorgestellt, gegen welche die unsrige verschwindet, die wir aber doch damit zu vergleichen gen\u00f6thigt werden. Entweder ist es ein Gegenstand, der sich unserm Anschauungsverm\u00f6gen zugleich <i>darbietet<\/i> und <i>entzieht<\/i>, und das Bestreben zur Vorstellung weckt, ohne es Befriedigung hoffen zu lassen, oder es ist ein Gegenstand, der gegen unser <i>Daseyn<\/i> selbst feindlich aufzustehen scheint, uns gleichsam zum Kampf herausfodert und f\u00fcr den Ausgang besorgt macht. Eben so ist in allen angef\u00fchrten F\u00e4llen die n\u00e4mliche Wirkung auf das Empfindungsverm\u00f6gen sichtbar. Alle setzen das Gem\u00fcth in eine unruhige Bewegung und spannen es an. Ein gewisser Ernst, der bis zur Feyerlichkeit steigen kann, bem\u00e4chtigt sich unserer Seele, und indem sich in den sinnlichen Organen deutliche Spuren von Be\u00e4ngstigung zeigen, sinkt der nachdenkende Geist in sich selbst zur\u00fcck, und scheint sich auf ein erh\u00f6htes Bewu\u00dftseyn seiner selbst\u00e4ndigen Kraft und W\u00fcrde zu st\u00fctzen. Dieses Bewu\u00dftseyn mu\u00df schlechterdings \u00fcberwiegend seyn, wenn das Gro\u00dfe oder das Schreckliche einen \u00e4sthetischen Werth f\u00fcr uns haben soll. Weil sich nun das Gem\u00fcth bey solchen Vorstellungen begeistert und \u00fcber sich selbst gehoben f\u00fchlt, so bezeichnet man sie mit dem Namen des <i>Erhabenen<\/i>, ob gleich den Gegenst\u00e4nden selbst objektiv nichts Erhabenes zukommt, und es also wohl schicklicher w\u00e4re, sie <i>erhebend<\/i> zu nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein Objekt erhaben hei\u00dfen soll, so mu\u00df es sich unseren sinnlichen Verm\u00f6gen <i>entgegensetzen<\/i>. Es lassen sich aber \u00fcberhaupt zwey verschiedene Verh\u00e4ltnisse denken, in welchen die Dinge zu unsrer Sinnlichkeit stehen k\u00f6nnen, und diesen gem\u00e4\u00df mu\u00df es auch zwey verschiedene Arten des Widerstandes geben. Entweder werden sie als Objecte betrachtet, von denen wir uns ein Erkenntni\u00df verschaffen wollen, oder sie werden als eine <i>Macht<\/i> angesehen, mit der wir die unsrige vergleichen. Nach dieser Eintheilung giebt es auch zwey Gattungen des Erhabenen das Erhabene der Erkenntni\u00df und das Erhabene der Kraft.<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun tragen aber die sinnlichen Verm\u00f6gen nichts weiter zur Erkenntni\u00df bey, als da\u00df sie den gegebenen Stoff auffassen und das Mannichfaltige desselben im Raum und in der Zeit aneinander setzen. Dieses Mannichfaltige zu unterscheiden, und zu sortieren ist das Gesch\u00e4ft des Verstandes, nicht der Einbildungskraft. F\u00fcr den Verstand allein giebt es ein <i>Verschiedenes<\/i>, f\u00fcr die Einbildungskraft (als Sinn) blo\u00df ein <i>Gleichartiges<\/i>, und es ist also blo\u00df die Menge des Gleichartigen (die Quantit\u00e4t nicht die Qualit\u00e4t) was bey der sinnlichen Auffassung der Erscheinungen einen Unterschied machen kann. Soll also das sinnliche Vorstellungsverm\u00f6gen an einem Gegenstand erliegen, so mu\u00df dieser Gegenstand durch seine Quantit\u00e4t f\u00fcr die Einbildungskraft \u00fcbersteigend seyn. Das Erhabene der Erkenntni\u00df beruht demnach auf der Zahl oder der Gr\u00f6\u00dfe, und kann darum auch das mathematische hei\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: <span id=\"ws-publisher\">G. J. G\u00f6schen&#8217;sche Verlagsbuchhandlung, <span id=\"ws-place\">Leipzig, 1793<\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_13768\" style=\"width: 229px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Friedrich_schiller.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13768\" class=\"size-medium wp-image-13768\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Friedrich_schiller-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Friedrich_schiller-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Friedrich_schiller.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13768\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schiller, portr\u00e4tiert von Ludovike Simanowiz, 1794<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Alle Eigenschaften der Dinge, wodurch sie \u00e4sthetisch werden k\u00f6nnen, lassen sich unter viererley Klassen bringen, die sowohl nach ihrer objectiven Verschiedenheit, als nach ihrer verschiednen subjectiven Beziehung auf unser leidendes oder th\u00e4tiges Verm\u00f6gen ein nicht blo\u00df der St\u00e4rke sondern&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/06\/zerstreute-betrachtungen-ueber-verschiedene-aesthetische-gegenstaende\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":73,"featured_media":99271,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[497],"class_list":["post-78519","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-schiller"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78519","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/73"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78519"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78519\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100710,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78519\/revisions\/100710"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99271"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78519"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78519"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78519"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}