{"id":78499,"date":"2006-02-20T00:01:36","date_gmt":"2006-02-19T23:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78499"},"modified":"2022-03-31T12:52:50","modified_gmt":"2022-03-31T10:52:50","slug":"rudnikows-erste-reise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/02\/20\/rudnikows-erste-reise\/","title":{"rendered":"Rudnikows erste Reise"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>\u00a0Holger Benkel zugedacht<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow, der Unerh\u00f6rte, machte sich auf den weiten Weg von Leninogorsk im Altai \u00fcber Semipalatinsk nach Peking. Nachts hatte er immer wieder von chinesischen Puppen mit so hellen Stimmen getr\u00e4umt, dass er dachte, es scheine hinter dieser h\u00f6chsten K\u00fcnstlichkeit die wahre Natur des Menschen reiner auf als in dem blanken Realismus der abendl\u00e4ndischen Oper. Die abendl\u00e4ndische Oper will das Leben erl\u00f6sen und strebt deswegen zum Kunsthimmel empor, dachte Rudnikow, als der Zug gerade in Semipalatinsk hielt, die Pekingoper steigt vom Himmel herab und erl\u00f6st die Kunst vom Leben. Und so kam es. In Peking ging Rudnikow ein einziges Mal in die Oper und erlebte seinen Traum, er wusste, sein altes Leben war unwiderruflich vorbei, ein neues Leben begann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem R\u00fcckweg lobte er die Pekingoper in den h\u00f6chsten T\u00f6nen, und alle, die ihn im Zug singen sahen, freuten sich mit ihm \u00fcber das Leben, wie sch\u00f6n es sein kann wegen der Kunst. Nur die Z\u00f6llner der \u00f6ffentlichen Moral an der einst sowjetischen Grenze sahen das anders. Sie schnitten Rudnikow, der nichts sagte, weil seine Seele sang, die Kehle ab und lie\u00dfen ihn dann schweigend weiterreisen. Als aber der Zug wieder in Semipalatinsk hielt, da geschah das Wunder, das bei genauerer Betrachtung gar kein Wunder war. Rudnikow stand auf, holte tief Luft, und der starke helle Ton schnitt aus allen Fenstern die Scheiben, wuchs in die K\u00e4lte des eisernen Bahnhofs von Semipalatinsk, von Semipalatinsk bis Peking und von Peking bis Leninogorsk.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00a0Holger Benkel zugedacht Rudnikow, der Unerh\u00f6rte, machte sich auf den weiten Weg von Leninogorsk im Altai \u00fcber Semipalatinsk nach Peking. 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