{"id":78484,"date":"2006-09-15T00:01:38","date_gmt":"2006-09-14T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78484"},"modified":"2021-09-28T16:28:20","modified_gmt":"2021-09-28T14:28:20","slug":"blagomir-der-knecht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/09\/15\/blagomir-der-knecht\/","title":{"rendered":"Blagomir der Knecht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow, Erz\u00e4hler unzeitgem\u00e4\u00dfer Geschichten, erinnerte immer wieder an die nicht einmal so alte Sage von Blagomir dem Knecht, der sich gegen seinen Herrn erhob. Die Bauern steinigten ihn auf dem Dorfplatz vor den Augen aller Dorfbewohner, die sich auf dem Weg zur Kirche befanden, mit Steinen, die sie von ihren \u00c4ckern mitgebracht hatten. Die Bauern der D\u00f6rfer im Umkreis von sieben mal sieben Werst beteiligten sich an der gesetzlosen Hinrichtung, und sie warfen so viele Steine, bis Blagomir, der Knecht, vollkommen unter ihnen begraben war und der Steinh\u00fcgel so hoch, dass er in diesem Augenblick zu einem gewaltigen Monument der Abschreckung wurde. Alle Zeugen bewahrten Stillschweigen \u00fcber die Ursachen und Folgen des Vorfalls, und so wei\u00df bis heute keiner zu sagen, welches unerh\u00f6rte Verbrechen der Knecht begangen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch am Abend des gleichen Tages gingen die Knechte der Siebenmalsiebenwerst-D\u00f6rfer zu dem f\u00fcrchterlichen Schuldberg, unter dem der Knecht Blagomir lebendig begraben war, und trugen alle Steine nach Hause. Der Berg verschwand, verschwunden aber war auch Blagomir, und es konnte keiner das Geheimnis seines Verschwindens deuten. Die Steine wurden in schweren Koffern fest verstaut und verschlossen, erst zum Ged\u00e4chtnis der S\u00fchne, dann aus reiner Tradition von Generation zu Generation weitergegeben, bis schlie\u00dflich keiner mehr wusste, was sich in den schweren Koffern befand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow meinte, diese Geschichte sagenhaften Vergessens sage viel \u00fcber die russische Seele, vielleicht \u00fcber die Seele aller Menschen und die \u00fcbergro\u00dfe Schuld beim Ertragen des Geworfenseins in ein Leben, das von der Schwere b\u00e4uerlicher Arbeit erdr\u00fcckt zu werden drohte. Man d\u00fcrfe auch nicht vergessen, dass sich viele russische Bauern bis in dieses Jahrhundert hinein vor dem Pferd und dem Hund ihres Herrn verbeugen mussten. Die Russen, so Rudnikow, tragen lange ihre Koffer voller Steine, zumal wenn man ihnen sagt, es seien Sch\u00e4tze, aber die Zeit sei noch nicht reif, sie werde reifen, sofern man sie nur unverdrossen weiter trage. Wenn die so Vertr\u00f6steten erkennen, dass sie betrogen werden, was sie immer schon ahnten, \u00f6ffnen sie ihre Koffer, alle, und lassen mit den Steinen, schlagartig, die richtigen K\u00f6pfe rollen, meinte Rudnikow.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Rudnikow, Erz\u00e4hler unzeitgem\u00e4\u00dfer Geschichten, erinnerte immer wieder an die nicht einmal so alte Sage von Blagomir dem Knecht, der sich gegen seinen Herrn erhob. 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