{"id":78473,"date":"2006-07-16T00:01:58","date_gmt":"2006-07-15T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78473"},"modified":"2021-09-28T16:24:12","modified_gmt":"2021-09-28T14:24:12","slug":"hoechste-lust","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/07\/16\/hoechste-lust\/","title":{"rendered":"H\u00f6chste Lust"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow, der Seelenwanderer, nahm den weiten Weg nach Moskau auf sich, um endlich die Oper zu h\u00f6ren, die den Westen als Abendland definiert: Tristan. Auf einer B\u00fchne unauff\u00fchrbar, dachte Rudnikow, als der Zug Moskau erreichte und im Kasaner Bahnhof einlief. Warum h\u00f6re ich mir diese Oper ausgerechnet in Moskau an, dachte er, aber da sa\u00df er schon im Dunkel der Oper, der Vorhang war noch zu, das Vorspiel t\u00f6nte herauf zu ihm aus dem orphischen Hades, und er tr\u00e4umte sich weit weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow war, wo er von je gewesen, im weiten Reich der Weltennacht. Er fand sich auf den Stufen des r\u00f6mischen Theaters von Orange wieder und sah in der sch\u00f6nsten Mauer Frankreichs die Kulisse des Abendlands, das Orchester t\u00f6nte herauf zu ihm, und es war die Welt, die da t\u00f6nte, Tristan und Isolde und die Nacht der Liebe. Rudnikow schloss die Augen, er war nun Tristan, war Ton unter T\u00f6nen, und seine russische Seele, die so weit und tief war wie das Land, aus dem er kam, wurde aufgenommen in den Scho\u00df westlicher Liebeliebe. L\u00f6se von der Welt mich los!, sang Rudnikow. Gib Vergessen, dass ich lebe! Und seine Seele, die jahrhundertelang geknechtete Seele des russischen Volkes, die in ihm fortlebte, atmete tief, warf die Ketten der inneren Gefangenschaft ab und f\u00fchlte sich eins mit allen Menschen, die um ihn herum sa\u00dfen in dieser wunderbaren Nacht, alle die russischen Seelen, die sich nun befreiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sahen nicht die blauschwarzen schweren Wolken am Himmel, die das letzte Abendrot verdunkelten. Als ob die Musik Schatten w\u00fcrfe, dachte Rudnikow, als er das sanfte Rollen des Donners h\u00f6rte, das Orchester spielt von allen Seiten! Weh, nun w\u00e4chst, bleich und bang, mir des Tages wilder Drang, Rudnikow schlug die Augen auf, weckt zu Trug und Wahn mir das Hirn! Lange Blitze erhellten das ganze Theater. Verfluchter Tag mit deinem Schein! Rudnikow meinte schon, als die Donnerschl\u00e4ge wuchsen, die Signale der Revolution zu h\u00f6ren, am falschen Ort, zur falschen Zeit, aber je lauter und heller das himmlische Gewitter wurde, umso st\u00e4rker f\u00fchlte er sich in dem wogenden Schwall, in dem t\u00f6nenden Schall, in des Welt-Atems wehenden All ertrinken, versinken, unbewusst -, er war vollkommen eins mit allem, mit dem Himmel des Abendlands, der Nacht der Liebe, dem Tag der Revolution und mit sich selbst. Die letzten Kl\u00e4nge starben, und ein krachender Donnerschlag beendete die Auff\u00fchrung endg\u00fcltig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Rudnikow, der Seelenwanderer, nahm den weiten Weg nach Moskau auf sich, um endlich die Oper zu h\u00f6ren, die den Westen als Abendland definiert: Tristan. 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