{"id":78463,"date":"2006-06-16T00:01:40","date_gmt":"2006-06-15T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78463"},"modified":"2021-09-28T15:48:46","modified_gmt":"2021-09-28T13:48:46","slug":"eisgestoeber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/06\/16\/eisgestoeber\/","title":{"rendered":"Die Macht der Gewohnheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Partei, die in der Stadt herrschte, wohnte im Palast der \u00f6ffentlichen Liebe. Rudnikow ging eines Abends den Weg, den jeder gehen muss, wenn er vor sich und der Welt bestehen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Tor in der Mitte des Palastes f\u00fchrten links und rechts zwei gro\u00dfe Freitreppen, die sich oben vereinigten. Rudnikow stieg die Stufen der rechten Treppe hoch. Vor dem Tor bekam er auf einmal Angst. Wie einfach war die Liebe, die er bisher kannte, wie schwer wurde ihm nun der Schritt in eine tiefere Beziehung mit der Welt. Er trat ein und stand, geblendet vom Licht des offenen Ausgangs auf der hinteren Seite der Halle, wie im Dunkeln. Er ging auf das Licht zu. Er sah rechts, dann auch links, eine Treppe, die nach oben f\u00fchrte. Dort oben, dachte Rudnikow, sind die Schlafzimmer der Partei. Er war ganz aufgeregt und ging weiter ins Licht, bis er erstarrte. Eine noch st\u00e4rkere Angst ergriff ihn, er taumelte zur Treppe. Erst z\u00f6gernd, dann immer entschiedener nahm er die Stufen nach oben und verschwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag ging er wieder in den Palast der \u00f6ffentlichen Liebe, diesmal schritt er schon weniger \u00e4ngstlich durch das Tor und das Zwielicht der Halle. Am hinteren Ausgang verweilte er ein paar Augenblicke, bis er sich beruhigt hatte, und stieg dann, nun folgsamer, die Treppe hinauf ins obere Stockwerk. Dieser Vorgang wiederholte sich am n\u00e4chsten Abend, nur dass diesmal der Umweg zur Hintert\u00fcr und die Beruhigung k\u00fcrzer dauerte. Abend f\u00fcr Abend setzte sich diese Entwicklung fort, das Verweilen an der Hintert\u00fcr verging und ebenso der Umstand, dass sich Rudnikow f\u00fcrchtete. Der Umweg zur Hintert\u00fcr nahm immer mehr den Charakter einer Gewohnheit an, und es sah geradezu komisch aus, wie entschlossen Rudnikow auf das Licht der Hintert\u00fcr zulief, dort ohne Pause kehrtmachte und ebenso entschlossen zur Treppe lief und diese hinaufsprang. Schlie\u00dflich wurde der Umweg immer k\u00fcrzer, und als ein Jahr vergangen war, schaute Rudnikow vor der Treppe nur kurz \u00fcber die Schulter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Abends ereignete es sich, dass die Partei verga\u00df das Tor zum Palast der \u00f6ffentlichen Liebe zu \u00f6ffnen. Als sie den Fehler bemerkte, herrschte schon tiefe D\u00e4mmerung in der Stadt, und als sie endlich das Tor \u00f6ffnete, dr\u00e4ngte Rudnikow durch den Spalt ins Innere, lief sofort zur Treppe und st\u00fcrzte die Stufen hinauf ohne sich umzuschauen. Da geschah das Ersch\u00fctternde: Auf dem ersten Treppenabsatz machte Rudnikow pl\u00f6tzlich halt, bekam vor lauter Schreck einen langen Hals, warf die Arme hoch und stie\u00df helle Laute der Verzweiflung aus. Dabei w\u00e4re er fast hingefallen. Dann hielt er einen Augenblick inne, kehrte um, hastete die Stufen wieder hinunter und lief wie jemand, der eine dringende Pflicht erf\u00fcllt, den urspr\u00fcnglichen Umweg zur Hintert\u00fcr. Fast ging er zu weit. Aber mitten in der T\u00fcr blieb er, mit einem Bein schon \u00fcber der Tiefe, im letzten Moment stehen, er starrte in den Abgrund seiner Freiheit, schaute hinauf zum Himmel, wo die Sterne aufgingen, dann kehrte er um und bestieg die Treppe aufs Neue. Auf dem ersten Treppenabsatz blieb er stehen und schaute sich um. Er sch\u00fcttelte sich. Dann drehte er sich wieder um und schaute auf &#8211; da stand die Partei, die apokalyptische Reiterin, breitbeinig am Rand der Treppe. Rudnikow stieg zu ihr hinauf, wie immer. Kein Zweifel, die Gewohnheit war zum Brauch geworden, gegen den Rudnikow nicht versto\u00dfen durfte ohne von Angst ergriffen zu werden. Die Lust \u00f6ffnete ihre Arme. Rudnikow springt die Stufen hoch. Die Partei l\u00e4chelt. Die Partei ist bereit. Rudnikow schlie\u00dft die Augen. Er ist angekommen. Er ist oben. &#8211; Ich renne in ihre Arme wie in ein offenes Messer, dachte er. Und alles war gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Die Partei, die in der Stadt herrschte, wohnte im Palast der \u00f6ffentlichen Liebe. Rudnikow ging eines Abends den Weg, den jeder gehen muss, wenn er vor sich und der Welt bestehen wollte. 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