{"id":78459,"date":"2006-05-01T00:01:43","date_gmt":"2006-04-30T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78459"},"modified":"2021-10-18T15:40:06","modified_gmt":"2021-10-18T13:40:06","slug":"vielleicht-eine-fabel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/05\/01\/vielleicht-eine-fabel\/","title":{"rendered":"Vielleicht eine Fabel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIm Zeughaus in Berlin wird seit dem Fall der Mauer eine \u00fcber drei Meter hohe Lenin-Statue gezeigt, die stand zuletzt in Eisleben. Die Geschichte dieser Statue ist so denkw\u00fcrdig wie skurril.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow dachte, wahrscheinlich m\u00fcssen alle denkw\u00fcrdigen Geschichten skurril sein. Dann las er weiter:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist der allererste Denkmal-Lenin, und er wird zur Ikone der roten Welt. Er stand in der russischen Stadt Puschkin, bis die deutsche Wehrmacht die Stadt einnahm und verlangte: Entweder die Kirchenglocken oder Lenins Metall. Lenin wurde zu einem Stahlofen in der Lutherstadt Eisleben gebracht. Aber als die amerikanischen Truppen am Ende des Krieges die Stadt \u00fcbernahmen, war Lenin immer noch auf dem Schrottplatz. Wahrscheinlich, so vermuten die meisten, war f\u00fcr Lenins Standbild der Stahlofen zu klein gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Amerikaner abgezogen waren, damit die Rote Armee die Stadt besetzen konnte, stellten schlaue B\u00fcrger Eislebens Lenin aufrecht hin und machten den Russen weis, dass sie ihn nicht nur vor den Faschisten, sondern auch vor den Amerikanern gerettet h\u00e4tten. Da soll einer der sowjetischen Soldaten ausgerufen haben: Lenin ist uns vorausgeeilt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rechnung der Eislebener ging auf, die Stadt wurde von Gewalt und Pl\u00fcnderung verschont. Aber es sollte noch besser kommen: Zur Gr\u00fcndung der Deutschen Demokratischen Republik machte die Stadt Puschkin der Stadt Eisleben ihren Lenin zum Geschenk. Puschkin bekam daf\u00fcr ein Th\u00e4lmann-Denkmal, und so entstand die Legende einer Freundschaft, bis der Eiserne Vorhang fiel.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was tun?, dachte Rudnikow. Wohin mit Lenin?, fragt das Zeughaus in Berlin, und wo ist Puschkins Th\u00e4lmann?, fragen sich andere vielleicht auch, dachte er. Aber die Geschichte ist vom Umtausch ausgeschlossen. Alle Dialektik ist hin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eIm Zeughaus in Berlin wird seit dem Fall der Mauer eine \u00fcber drei Meter hohe Lenin-Statue gezeigt, die stand zuletzt in Eisleben. 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