{"id":78454,"date":"2006-02-11T00:01:00","date_gmt":"2006-02-10T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78454"},"modified":"2022-03-21T12:38:18","modified_gmt":"2022-03-21T11:38:18","slug":"teepause","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/02\/11\/teepause\/","title":{"rendered":"Teepause"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky fehlten die Worte, als die Frau, die er liebte, sich nach vorn beugte. Sie nahm die Tasse, setzte sie an die rot schimmernden Eislippen, trank die Hitze in einem Zug aus und stellte das d\u00fcnne Porzellan mit wegwerfender Hand zur\u00fcck auf den Teller. \u201eWas Sie da machen, lieber Freund\u201c, bemerkte sie trocken, \u201eist zum Scheitern verurteilt.\u201c Sie hielt inne wie jemand, der noch etwas sagen wollte, aber sie schwieg bedeutungsvoll und der Angesprochene schwieg mit. Dass sie alles ablehnen w\u00fcrde, was er plante, war ihm klar. Er schaute zu ihr, sie schaute zu ihm, aber sie schaute durch ihn hindurch, denn sie hatte ihm wirklich nichts zu sagen. Kautsky h\u00f6rte den Nachhall der letzten Worte, die in seinem Herzen viel lauter klangen als in der wirklichen Stille. Ich muss den L\u00e4rm dieser Worte \u00fcbert\u00f6nen, dachte er. \u201eMan hat als Einzelner&#8230; \u201c, rief er, als sie sofort: \u201eGlauben Sie, dass das das Schlimmste w\u00e4re?\u201c einwarf, \u201e&#8230; keine Chance!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kellner stellte mitten in die Worte den Tee auf den Tisch. Sie setzte ihn an den rot funkelnden Eismund und saugte langsam das Feuer mit spitzen Lippen heraus. Sie hielt die Tasse so, dass sie ihrem Gegen\u00fcber unentwegt in die Augen starrte. Kautsky hielt ihren Blick nicht aus, seine Augen verschluckten sich und fielen in die h\u00e4ngenden G\u00e4rten &#8211; sie spreizte ihre hei\u00dfen Finger, die Tasse schwebte, sie fiel &#8211; der Kellner fing sie, als die Lava in ihren Scho\u00df schoss, auf, stellte sie auf den Tisch zur\u00fcck und entfernte sich mit festen Schritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWo waren wir stehengeblieben?\u201c, fragte sie, und Kautsky, der wieder in ihre Augen gestiegen war, sp\u00fcrte, dass sie keine Antwort erwartete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kautsky fehlten die Worte, als die Frau, die er liebte, sich nach vorn beugte. 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