{"id":78449,"date":"2006-03-17T00:01:02","date_gmt":"2006-03-16T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78449"},"modified":"2021-10-18T14:30:57","modified_gmt":"2021-10-18T12:30:57","slug":"frage-und-antwort-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/17\/frage-und-antwort-2\/","title":{"rendered":"Frage und Antwort"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky, dem die gesch\u00fcrzten Lippen der sch\u00f6nen Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf verdrehten, hatte keine Augen f\u00fcr den Schrecken des k\u00fchlen Gestirns, obwohl der schwarze Himmel sein Licht durch das Fenster, an dem er sa\u00df, auf seinen Nacken strahlte. Die Augen suchten die Antwort der Frau, die sie verweigerte, sie erwartete ihn, sie hatte ihn l\u00e4ngst gesehen, als er den Koffer nach oben wuchtete, sie spiegelte sich im Selbstgespr\u00e4ch seines K\u00f6rpers, nun wartete sie auf eine neue Strategie, einen Schritt, auf den sie frei reagieren konnte. Die stechenden Augen fesselten sie, aber sie genoss die Hitze des Blicks. Kautsky beugte sich langsam zu ihr, mit dem linken Arm st\u00fctzte er sich auf der Lehne ab, langsam dehnte sich sein ganzer Leib, den er unter der d\u00fcnnen Fensterleiste mit den F\u00fc\u00dfen verankerte &#8211; es war, wie sich bald zeigte, geradezu lebensgef\u00e4hrlich! &#8211; sein Kopf streckte sich n\u00e4mlich zur Mitte des Gangs und bedrohte von nun an die Lufthoheit der Sch\u00f6nen, die sich mit der blo\u00dfen Vorstellung dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Verrenkung, die ihr galt, begn\u00fcgte. Ein Sportler, dachte sie, so bewegen sich nur Bodenturner, vielleicht auch Stabhochspringer. Sie l\u00f6ste die Haltung ihrer Beine und schlug nun das dem Strategen zugewandte Bein so \u00fcber das andere, dass sein Kopf, der es nun noch schwerer hatte den Blick zu halten, sich pl\u00f6tzlich in einer helleren Umgebung befand. Er darf jetzt nicht den Halt verlieren, in Anbetracht der Zukunft, aber sie denkt, wenn er f\u00e4llt, hat er mit seiner Strategie erreicht, was er wollte, die kleinste Ersch\u00fctterung, und der junge Mann f\u00e4llt mir vor die F\u00fc\u00dfe, erst dann kann ich ihm antworten. Das denkt er auch gerade, aber er will nicht fallen, er will sie im Moment seiner gr\u00f6\u00dften Ausdehnung ansprechen, ihren Blick auf sich lenken, ihren Kopf f\u00fcr sich gewinnen. Was soll er sagen, fragt sie sich, und er &#8211; denkt mein K\u00f6rper die Frage?, was soll ich sagen &#8211; ich will Sie heiraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er \u00f6ffnet den Mund, ein waagrecht im Raum liegender Engel, er will gerade das erste Wort sagen, da st\u00fcrzt er ab. Kautsky, dem das Wort im Munde stecken geblieben war, war noch einmal mit dem Leben davongekommen. Er war vorn\u00fcber auf den Boden des Mittelgangs gest\u00fcrzt, der Kopf war ins Schwarze vorgesto\u00dfen, fast schon bei der sch\u00f6nen Frau, die auf seine halbe Frage keine Antwort gab. Ihm verging H\u00f6ren und Sehen, sein Kopf sp\u00fcrte nur kurz den Tunnelsturm, bis ihm das Bewusstsein schwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lag vor den F\u00fc\u00dfen der Frau, die er unter Lebensgefahr begehrte. Er war immer noch bewusstlos. Sie stand auf und indem sie sich zu ihm niederbeugte, wusste sie, dass sie ihm die ganze Antwort geben wird, die sie dem taub vor ihr Liegenden unerh\u00f6rt zurief: Ja!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kautsky, dem die gesch\u00fcrzten Lippen der sch\u00f6nen Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf verdrehten, hatte keine Augen f\u00fcr den Schrecken des k\u00fchlen Gestirns, obwohl der schwarze Himmel sein Licht durch das Fenster, an dem er sa\u00df,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/17\/frage-und-antwort-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-78449","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78449","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78449"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78449\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78449"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78449"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78449"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}