{"id":78445,"date":"2006-02-16T00:01:55","date_gmt":"2006-02-15T23:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78445"},"modified":"2021-09-28T15:03:11","modified_gmt":"2021-09-28T13:03:11","slug":"verhaftet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/02\/16\/verhaftet\/","title":{"rendered":"Verhaftet"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein besonderes Fest. Entsprechend gro\u00df war der Saal f\u00fcr die vielen G\u00e4ste. Sie gruppierten sich wie Inseln eines Archipels \u00fcber der Tiefe des weiten Parketts. Zum Essen spielte ein Keyboardmusiker s\u00fcdamerikanische Melodien zu einprogrammierten Rhythmen. Er hatte eine junge Frau bei sich auf der B\u00fchne, die Noten von einem Stapel nahm und auf einen anderen legte. Sie hob den Kopf, warf die schwarzen Haare aus der Stirn und bohrte b\u00f6se Blicke in die Tischgesellschaft. Die Bl\u00e4tter flatterten hin und her. Kautsky lie\u00df sie nicht aus den Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich die Eisteller leerten, schritt die Frau im kurzen Rock gereizt auf der B\u00fchne auf und ab, die hohen Abs\u00e4tze schnitten laut ins Holz, sie schob das an einem Stativ befestigte Mikrophon h\u00f6her, trat hinter den Mann am Keyboard und fl\u00fcsterte ihm etwas zu. Er stellte die Rhythmusautomatik um und spielte einen rheinischen Walzer. Die Frau spreizte die wei\u00dfen Arme auseinander, warf die zuckenden Br\u00fcste nach vorn, dann stach sie die langen Beine, die aus der Mitte schossen, in den Boden und tanzte mit funkelnder Haut zum Mikrophon. Sie spitzte die Lippen und schloss die Augen. Als sie den Tonkopf ber\u00fchrte, \u00f6ffnete sie den Mund und sang den Atem hei\u00df ins Metall. Sie schwang im Takt des Walzers hin und her, die H\u00fcften stie\u00dfen aus dem Lichtkegel ins Dunkel. Aber der sch\u00f6ne K\u00f6rper der Frau floss nicht in die T\u00f6ne der Musik. Ihre Stimme zischte in die Luft und zerkratzte sie. Die Feiernden sa\u00dfen in langen Tischreihen, h\u00f6rten nicht zu und sahen nicht hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frau will Stimmung. Unbedingt und grenzenlos. Sie zieht das Mikrophon aus der Halterung, rei\u00dft die Schnur nach vorn und tritt an die Rampe &#8211; und als sie ihren Kopf mit spitzen Augen in die satten B\u00e4uche hackt und in den Saal hinein schreit: \u201eFreut euch des Lebens!\u201c, sp\u00fcrt Kautsky, wie die versch\u00fctteten Erfahrungen seiner Kindheit wieder aufsteigen, Z\u00fcchtigung der Eltern, Spie\u00dfrutenlauf in der Schulklasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden Frauen neben ihm gehorchten dem Befehl von der Rampe sofort, hakten sich in seine Arme ein, schoben und zogen ihn im festen Takt des Walzers hin und her. Die Frauenk\u00f6rper drangen in ihn ein, oben, unten, Schmerzen \u00fcberall, ihre allgemeine Liebe ekelte ihn an, ihre Blicke, die ihn soffen, erniedrigten ihn. Der Gesang bet\u00e4ubte ihn, bis er nichts mehr h\u00f6rte. Die Musik ging aus, das Licht wurde still. Aber in ihm wuchs die unsagbare Angst vor der N\u00e4he der entfesselten Menschen neben ihm, die ihn mit ihrer dumpfen Seele ficken. Sie schlagen mich tot, aus lauter Spa\u00df, und merken es nicht einmal. Er will aufstehen, aber er kommt nicht los von dem Stuhl, auf dem er sitzen bleiben muss. Ich will vor mir weglaufen, ehe ich werde wie die neben mir, aber der Tisch ist die Linie, die Richtung, die mich fesselt, ich kann schreien, wie ich will, keiner h\u00f6rt mir zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bilder kamen wieder. Die S\u00e4ngerin auf der B\u00fchne steckte das Mikrophon in den zum B\u00fchnenhimmel gestreckten Mund, mit beiden H\u00e4nden \u00f6ffnete sie zwei Kn\u00f6pfe ihres Rocks, den sie an den Beinen entlang abtanzte, bis sie mit einem Fu\u00df ausstieg und mit dem anderen Fu\u00df den Stoff zu den Tischen schleuderte. Die rasenden Frauen rissen ihm den Schlips vom Hals, bissen die Kn\u00f6pfe ab und zogen ihm das Hemd vom Leib. Weil er leben wollte, sang er mit. Er stie\u00df die T\u00f6ne von sich, die Worte, er schrie sich wund, bis sein Lied rot wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war ein besonderes Fest. Entsprechend gro\u00df war der Saal f\u00fcr die vielen G\u00e4ste. Sie gruppierten sich wie Inseln eines Archipels \u00fcber der Tiefe des weiten Parketts. Zum Essen spielte ein Keyboardmusiker s\u00fcdamerikanische Melodien zu einprogrammierten Rhythmen. 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