{"id":78165,"date":"2023-01-02T00:01:57","date_gmt":"2023-01-01T23:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78165"},"modified":"2022-02-20T20:19:52","modified_gmt":"2022-02-20T19:19:52","slug":"von-der-erfahrung-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/02\/von-der-erfahrung-2\/","title":{"rendered":"Von der Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine Begierde ist nat\u00fcrlicher als die Begierde nach Wissen. Wir bedienen uns aller Mittel, die uns dahin f\u00fchren k\u00f6nnen. Wenn uns dabei die Vernunft fehlschl\u00e4gt, so wenden wir uns an die Erfahrung,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Per varios usus artem experientia fecit,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Exemplo monstrante viam,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">welches ein weit schw\u00e4cheres und schlechteres Mittel ist. Aber die Wahrheit ist eine so wichtige Sache, da\u00df wir keine Vermittlerin derselben geringachten d\u00fcrfen. Die Vernunft hat so viele Formen, da\u00df wir nicht wissen, an welche wir uns halten sollen. Die Erfahrung hat deren nicht weniger. Die Folgerung, welche wir aus dem Zusammentreffen der Erscheinungen ziehen, ist unsicher, weil die Erscheinungen allemal verschieden sind. Nichts ist in den Verh\u00e4ltnissen der Dinge so durchg\u00e4ngig allgemein als Verschiedenheit und Ver\u00e4nderung. Die Griechen und Lateiner und auch wir kennen kein gr\u00f6\u00dferes Beispiel der \u00c4hnlichkeit als das Ei. Gleichwohl haben sich Menschen gefunden, namentlich einer zu Delphi, welche unter den Eiern so verschiedene Abzeichen bemerkten, da\u00df sie niemals eins mit dem andern verwechselten. Und waren die Eier von verschiedenen H\u00fchnern, so wu\u00dften sie zu bestimmen, welches Huhn dieses oder jenes Ei gelegt hatte. Die Ungleichheit mischt sich von selbst in unsere Werke. Noch hat keine Kunst bis zur v\u00f6lligen Gleichheit reichen k\u00f6nnen. Keine Fabrik, auch nicht Parrozets, kann ihre Karten von au\u00dfen so sorgf\u00e4ltig gl\u00e4tten und wei\u00dfen, da\u00df nicht einige Spieler sie kennen sollten, indem sie solche in den H\u00e4nden ihrer Mitspieler erblicken. Die \u00c4hnlichkeit der Dinge ist bei weitem nicht so gro\u00df an einer Seite als die Un\u00e4hnlichkeit an der andern. Die Natur scheint sich anheischig gemacht zu haben, nichts Zweites hervorzubringen, das nicht von dem Ersten verschieden w\u00e4re.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Daher bin ich mit der Meinung desjenigen nicht zufrieden, welcher durch die Menge der Gesetze die Willk\u00fcr der Richter zu binden trachtete, indem er ihnen jeden Bissen vorschnitt. Er bedachte nicht, da\u00df das Feld der Auslegung ebenso frei und weitl\u00e4ufig ist als das Feld der Gesetzgebung. Und diejenigen k\u00f6nnen es wohl nicht ernsthaft meinen, welche glauben, dadurch unsern Gez\u00e4nken und Auslegungen Ziel und Grenzen zu setzen, wenn sie uns an die Buchstaben der Bibel binden, weil unser Geist das Feld nicht weniger ger\u00e4umig findet, wenn er die Meinung anderer bek\u00e4mpft, als wenn er die seinige geltend macht. Die Auslegung gew\u00e4hrt ebensoviel Bitterkeit und Feindseligkeit als die Erfindung. Wir sehen deutlich, wie sehr ein solcher Gesetzhaufen sich betr\u00fcgt. Denn wir haben in Frankreich mehr Gesetze als die ganze \u00fcbrige Welt zusammengenommen, und mehr als f\u00fcr alle \u00fcbrigen Welten des Epikur hinreichend w\u00e4re:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">ut olim flagitiis, sic nunc legibus laboramus.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dennoch bleibt unsern Richtern so vieles zu \u00fcberlegen und zu entscheiden, da\u00df kein anderer so viele Freiheit und Willk\u00fcr genie\u00dft. Was haben denn unsere Gesetzgeber dadurch gewonnen, da\u00df sie hunderttausend Arten von besondern Tatsachen ausgew\u00e4hlt und darauf hunderttausend Gesetze angewendet haben? Diese Zahl hat nicht das geringste Verh\u00e4ltnis mit der unendlichen Verschiedenheit menschlicher Handlungen. Die Vervielf\u00e4ltigung unserer Erfindungen wird niemals an die Verschiedenheit der Beispiele reichen. Wenn man noch hundertmal soviel hinzut\u00e4te, so wird sich doch unter den zuk\u00fcnftigen Verkommenheiten schwerlich eine finden, die so genau auf einen einzigen unter den vielen tausend ausgew\u00e4hlten und eingetragenen F\u00e4llen pa\u00dft und ihm gleicht, da\u00df nicht ein Umstand, nicht eine Verschiedenheit dabei stattfinden sollte, derentwegen auch der Urteilsspruch verschieden ausfallen mu\u00df. Unter unsern Handlungen gibt es wenige, welche einander \u00e4hnlich w\u00e4ren, weil sie in unaufh\u00f6rlichen Abweichungen von den best\u00e4ndigen und unab\u00e4nderlichen Gesetzen bestehen. Die beste Gesetzgebung ist die k\u00fcrzeste, einfachste und allgemein umfassendste. Und noch glaube ich, w\u00e4ren wir besser dran, lieber keine Gesetze zu haben, als deren so viele zu besitzen wie wir.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Natur gibt uns immer bessere Gesetze, als wir erfinden. Das beweist die Schilderung, welche uns die Dichter vom Goldnen Zeitalter machen, und der Zustand der V\u00f6lker, die keine andere gesetzliche Verfassung kennen. Es gibt deren, welche keinen Richter zur Schlichtung ihrer Streitigkeiten haben als den ersten besten Fremden, der ihr Gebirge entlangreist; und andere erw\u00e4hlen an ihren Markttagen jemanden unter sich, der auf der Stelle \u00fcber ihre Rechtsh\u00e4ndel entscheidet. Was f\u00fcr Gefahr w\u00e4re dabei, wenn die Weisesten unter uns ebenso die unsrigen, nach dem Augenma\u00df, ohne an Vorg\u00e4nge und Folgerungen gebunden zu sein, abmachten? Jedem Fu\u00dfe seinen eigensten Leisten. Als der spanische K\u00f6nig Ferdinand Anpflanzer nach Indien schickte, traf er die weisliche Vorkehrung, da\u00df kein Rechtsgelehrter mit hingehen durfte, weil er besorgte, da\u00df sie auch die Prozesse in dieser neuen Welt vermehren m\u00f6chten, indem diese Wissenschaft ihrer Natur nach eine Mutter des Zanks und der Uneinigkeit ist. Er hielt mit dem Plato daf\u00fcr: Einem Lande sei mit Rechtsgelehrten und \u00c4rzten \u00fcbel gedient.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Woher kommt es, da\u00df unsere Muttersprache, die zu allem \u00fcbrigen Gebrauch so leicht und klar ist, bei Kontrakten und Testamenten dunkel und unverst\u00e4ndlich wird und da\u00df derjenige, der sich am klarsten ausdr\u00fcckt, er mag sagen und schreiben was er will, sich niemals hierin so verst\u00e4ndlich machen kann, da\u00df nicht Zweifel und Widerspr\u00fcche dar\u00fcber entstehen sollten, wenn es nicht daran liegt, da\u00df die F\u00fcrsten dieser Kunst sich mit ganz besonderer Aufmerksamkeit darauf legen, feierliche Ausdr\u00fccke zu gebrauchen und k\u00fcnstliche Klauseln zu schmieden, zu diesem Behufe aber jede Silbe auf der Goldwaage w\u00e4gen, jede Naht und Zusammenf\u00fcgung so genau besichtigen, da\u00df sie sich unter einer solchen Unendlichkeit von bildlichen Ausdr\u00fccken und herrschenden Distinktionen dergestalt verwirren und verwickeln, da\u00df man eines Leitfadens, einer Vorschrift und einer gewissen Kunde bedarf, um sich herauszufinden:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Confusum est, quidquid usque in pulverem sectum est.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wer Kindern zugesehen hat, welche eine Masse Quecksilber in eine gewisse Anzahl K\u00f6rner oder Tropfen bringen wollten, der wird gesehen haben, da\u00df, je mehr sie dieses unbesiegliche Metall dr\u00fccken, quetschen und dessen Freiheit einschr\u00e4nken wollten, desto unf\u00fcgsamer es unter ihren H\u00e4nden ward. Es weicht ihrer Kunst aus, verd\u00fcnnt und vertr\u00f6pfelt sich in unz\u00e4hlbare Verteilung. So mit den Gesetzen. Je mehr man ihre Spitzfindigkeit verfeinert, desto mehr lehrt man die Menschen ihre Zweifel zu h\u00e4ufen. Man bringt uns in den Gang, die Schwierigkeiten zu vermehren und zu vervielf\u00e4ltigen. Man verl\u00e4ngert sie. Man dehnt sie aus. Indem man Fragen ausstreut und zerst\u00fcckelt, l\u00e4\u00dft man Ungewi\u00dfheit und Zank in der Welt Frucht tragen und in Samen schie\u00dfen. So wird der Erdboden immer fruchtbarer, je tiefer man ihn umgr\u00e4bt und je mehr man die Schollen zerreibt und verfeinert:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Difficultatem facit doctrina.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wir zweifelten \u00fcber den Ulpian und zweifeln abermals \u00fcber den Bartholus und Baldus. Man h\u00e4tte die Spur aller dieser unz\u00e4hligen Meinungen und Auslegungen vertilgen sollen, anstatt sich damit zu br\u00fcsten oder der Nachwelt den Kopf damit anzuf\u00fcllen. Ich wei\u00df nicht, was ich davon sagen soll; so viel ergibt die Erfahrung, da\u00df so viele Auslegungen die Wahrheit zerstreuen und aufl\u00f6sen. Aristoteles schrieb, um verstanden zu werden. Konnte er es nicht dahin bringen, so wird es ein anderer, der minder geschickt ist und ein dritter noch weniger dahin bringen k\u00f6nnen als der, welcher seine eigene Meinung vortrug. Wir l\u00f6sen die Materie auf und verspillen sie, indem wir zu viel Wasser aufgie\u00dfen. Aus einem Gegenstand machen wir tausend und verfallen durch das Vermehren und Unterabteilen in die Unendlichkeit der epikureischen Atome. Noch niemals haben zwei Menschen \u00fcber eine Sache v\u00f6llig gleich geurteilt, und es ist unm\u00f6glich, zwei v\u00f6llig \u00e4hnliche Meinungen zu finden, nicht nur bei zwei verschiedenen Menschen, sondern bei einem und demselben Menschen, nur zu verschiedenen Stunden. Gew\u00f6hnlicherweise finde ich Zweifel, welche der Kommentar nicht beliebt hat zu ber\u00fchren. Ich stolpere am leichtesten auf ebener Erde, wie gewisse Pferde, die ich kenne, welche auf geschlagenem Wege am \u00f6ftesten ansto\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wer sollte nicht sagen, da\u00df durch die Glossen Zweifel und Unwissenheit vermehrt werden, da es kein g\u00f6ttliches oder menschliches Buch gibt, welches die Welt liest und gern verstehen m\u00f6chte, das durch Auslegungen und Erkl\u00e4rungen leichter und fa\u00dflicher geworden w\u00e4re! Der hundertste Kommentator verweist auf seinen Nachfolger, der den Knoten verwickelter und schwieriger macht, als man ihn bei dem ersten gefunden hatte. Wann werden wir einmal eingestehen: dieses Buch hat der Ausleger genug, es ist nichts mehr dar\u00fcber zu sagen? Noch auffallender findet sich dieses bei Rechtsstreitigkeiten. Einer unendlichen Menge Rechtslehrer r\u00e4umt man das Ansehen der Gesetze ein, desgleichen einer unendlichen Menge Rechtsspr\u00fcche und Auslegungen. Finden wir deswegen des Bed\u00fcrfnisses des Auslegens wohl ein Ende? Kommen wir dadurch dem ruhigen Einverst\u00e4ndnisse etwas n\u00e4her? Ist die Anzahl unserer Advokaten und Richter geringer, und kann sie es sein, als damals, da die Masse des Rechts noch in ihrer Kindheit war? Es hat sich wohl. Wir verfinstern und begraben vielmehr das Verst\u00e4ndnis. Wir k\u00f6nnen solches nicht finden als hinter einer Menge von Pf\u00e4hlungen und Schlagb\u00e4umen. Die Menschen verkennen die nat\u00fcrliche Krankheit unseres Geistes. Er tut nichts als sp\u00fcren und suchen, kommt ohne Unterla\u00df von der F\u00e4hrte, baut und verwickelt sich in seinem eigenen Werke, wie unsere Seidenw\u00fcrmer, und erstickt sich darin:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mus in pice.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er meint in der Ferne Wunder was f\u00fcr eine eingebildete Klarheit und Wahrheit zu entdecken, und w\u00e4hrend er danach rennt, sto\u00dfen ihm solche Schwierigkeiten, Dunkelheiten und neue Fragen auf, da\u00df er sich dadurch verwirrt und berauscht. Nicht weit anders geht es ihm, als des Aesop Hunden, welche einen toten K\u00f6rper im Meer entdeckten und weil sie nicht daran kommen konnten, es unternahmen, das Wasser auszusaufen und sich einen Weg auszutrocknen, wor\u00fcber sie zerplatzten. Darauf geht auch das, was Sokrates von den Schriften des Heraklit sagt: \u00bbEs geh\u00f6rt ein guter Schwimmer dazu, sie zu lesen, damit ihre Tiefe und Schwere ihn nicht verschlinge und ers\u00e4ufe.\u00ab Es ist nichts als Schw\u00e4che, die uns mit demjenigen, was andere oder wir selbst in dieser Jagd nach Wissen entdeckt haben, zufriedenstellt. Einer, der heller sieht, wird sich damit nicht zufriedenstellen. Der Nachfolger, ja wir selbst, entdecken immer neue Wege. Unser Forschen hat niemals ein Ende. Unser Ende liegt in der andern Welt. Es ist ein Zeichen der Eingeschr\u00e4nktheit unseres Geistes oder der Erm\u00fcdung, wenn er sich zufriedengibt. Kein wackerer Geist steht von selbst still. Er begehrt immer mehr und geht \u00fcber seine Kr\u00e4fte hinaus. Er strebt nach unerreichbaren H\u00f6hen. Wenn er sich nicht weiterhebt, nachdringt und durchwindet, anst\u00f6\u00dft und schnell umlenkt, so ist er nur zur H\u00e4lfte lebendig. Sein Forschen und Streben ist ohne Ziel und Ma\u00df, seine Nahrung ist Bewunderung und Jagd ins Weite. Das gab Apollo hinl\u00e4nglich zu verstehen, indem er mit uns Menschen immer doppelsinnig, dunkel und verschroben sprach, und nicht s\u00e4ttigte, sondern unterhielt und besch\u00e4ftigte. Es ist ein unordentliches, unaufh\u00f6rliches Streben<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"303\">[303]<\/a> ohne Muster und ohne Zweck. Die Gedanken des Menschen erhitzen sich, jagen hintereinander her und erzeugen sich einer den andern:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sieht man einen Bach dahin sich gie\u00dfen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und eine Welle nach der andern flie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und all in ihrer Reih und all in ew&#8217;gem Zug<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schl\u00e4gt eine nach, wie eine vor ihr schlug:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der wird jene angeregt,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die eine andre fortbewegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gehet Wog&#8216; in Wog&#8216;, und immer bleibt der Bach,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nur andre Wogen flie\u00dfen und andre kommen nach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kostet mehr, die Auslegung auszulegen als die Sache selbst, und es gibt mehr B\u00fccher \u00fcber B\u00fccher als \u00fcber irgendeinen andern Gegenstand. Wir machen nichts als Anmerkungen \u00fcbereinander. Alles wimmelt von Kommentaren. An Originalautoren ist gro\u00dfer Mangel. Die vornehmste und ber\u00fchmteste Wissenschaft unserer Zeit besteht darin, die Wissenschaft zu verstehen? Das ist der gr\u00f6\u00dfte und letzte Zweck alles unseres Studierens? Unsere Meinungen werden eine auf die andere gepfropft. Die erste dient der zweiten zum Wildlinge, die zweite der dritten. Auf diese Weise klettern wir die Leiter hinauf von Sprosse zu Sprosse. Daher kommt es, da\u00df der am h\u00f6chsten Gestiegene oft mehr Ehre hat als Verdienst, denn er ist nur um ein Getreidekorn h\u00f6her, auf den Schultern des Vorletztgestiegenen. Wie oft und vielleicht wie einf\u00e4ltig habe ich mein Buch von sich selbst sprechen geh\u00f6rt! Einf\u00e4ltig, wenn auch blo\u00df deswegen, da\u00df ich mich h\u00e4tte erinnern sollen, was ich von andern sage, welche desgleichen tun! Da\u00df die h\u00e4ufigen Zur\u00fcckblicke auf ihre Werke davon zeugen, wie ihnen das Herz von Autorliebe klopft, und da\u00df selbst die hochfahrende ver\u00e4chtliche Strenge, womit sie solches z\u00fcchtigen, weiter nichts ist als Ziererei und angenommene Miene, wohinter sie die m\u00fctterliche Z\u00e4rtlichkeit verstecken wollen, wie schon Aristoteles bemerkt, da\u00df Eigenlob und Eigentadel oft Kinder gleichen Hochmutes sind. Denn meine Entschuldigung, da\u00df ich hierin mehr Freiheit haben m\u00fcsse als andre, weil ich ja ausdr\u00fccklich \u00fcber mich selbst schreibe und meiner Schriften wie meiner andern Handlungen erw\u00e4hnen mu\u00df, und da\u00df mein Thema sich mit sich selbst besch\u00e4ftigt, wird mir wohl nicht jedermann zustatten kommen lassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe in Deutschland gesehen, da\u00df Luther ebensoviel und mehr Streit und Zank \u00fcber den richtigen Verstand seiner Meinungen hinterlassen hat, als er selbst \u00fcber die Heilige Schrift erregte. Unser Mi\u00dfverst\u00e4ndnis beruht auf Worten. Ich frage: Was ist Natur, Wollust, Zirkel und Substitution? Die Frage ist von Worten und wird mit Worten berichtigt. Ein Stein ist ein K\u00f6rper. Fragt man weiter: Was ist ein K\u00f6rper? Eine Substanz. Und was ist Substanz? So l\u00e4\u00dft sich immer weiter fragen, bis endlich der Erkl\u00e4rer sein ganzes W\u00f6rterbuch ausgekramt h\u00e4tte. Man vertauscht ein Wort gegen das andere und oft ein unbekanntes gegen ein bekanntes. Ich wei\u00df besser, was ein Mensch, als was ein sterbliches, aber vern\u00fcnftiges Tier ist. Um einen meiner Zweifel aufzul\u00f6sen, werfen sie mir drei andre vor. Das ist das Haupt der Hyder. Sokrates fragte den Menon:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist die Tugend?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs gibt\u00ab, antwortete Menon, \u00bbeine Tugend des Mannes und des Weibes, des Magistrats und des einzelnen B\u00fcrgers, des Kindes und des Greises.\u00ab \u00bbBravo!\u00ab rief Sokrates. \u00bbWir wollten <i>eine<\/i> Tugend suchen, und du gibst uns einen ganzen Schwarm.\u00ab Wir werfen eine Frage auf, und man gibt uns einen ganzen Bienenkorb voll zur\u00fcck. So wie keine Begebenheit und keine Form v\u00f6llig der andern gleich ist, so ist auch keine der andern v\u00f6llig ungleich. Ein sehr weises Gemisch der Natur. Wenn unsere Gesichter einander nicht \u00e4hnelten, so k\u00f6nnte man den Menschen nicht vom Tiere unterscheiden; wenn sie nicht voneinander unterschieden w\u00e4ren, k\u00f6nnte man einen Menschen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"305\">[305]<\/a> von dem andern nicht auskennen. Alle Dinge halten durch irgendeine \u00c4hnlichkeit aneinander. Jedes Gleichnis hinkt. Und die Beziehung, welche man aus der Erfahrung herleitet, ist immer schwach und unvollkommen. Indessen kn\u00fcpft immer die Vergleichung dieses oder jenes Ende zusammen. So macht man es mit den Gesetzen. Man wendet sie auf jede Sache an, durch irgendeine weithergesuchte, gezwungene und gedrehte Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Weil die moralischen Gesetze, welche Bezug auf die besonderen Pflichten eines jeden Menschen f\u00fcr sich selbst haben, so schwer festzusetzen sind, wie wir erfahren, so ist es kein Wunder, wenn es diejenigen, nach welchen sich so viele gegeneinander richten sollen, noch mehr sind. Man betrachte nur die Form der Gerechtigkeit, welche \u00fcber uns waltet. Ist sie nicht ein klarer Beweis von der menschlichen Verstandesschw\u00e4che?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So viel Widerspruch und Irrt\u00fcmer findet man darin! Alles, was wir G\u00fcnstiges und Strenges in unserer Rechtspflege finden (und dessen findet sich darin so viel, da\u00df ich nicht wei\u00df, ob sich ebensooft ein Mittelweg zwischen beiden findet), das sind kranke Teile und ungerechte Gliedma\u00dfen des wirklichen K\u00f6rpers und Wesens der Gerechtigkeit. Da kommen Bauern, mir in aller Eile zu berichten, da\u00df sie in einem Wald, der mir geh\u00f6rt, einen Menschen liegen gefunden, dem man hundert Stiche gegeben, der noch lebt und der sie um aller Barmherzigkeit willen gebeten hat, ihm etwas Wasser zu reichen und ihm zu helfen sich aufzurichten. Sie sagen dabei, sie h\u00e4tten gef\u00fcrchtet, sich ihm zu n\u00e4hern, und seien davongelaufen, damit sie nicht von Gerichtsdienern \u00fcberrascht werden m\u00f6chten und, wenn sie bei einem erschlagenen Menschen angetroffen w\u00fcrden, wie zu geschehen pflegt, in Verhaft und zur Antwort gezogen w\u00fcrden, welches ihr gr\u00f6\u00dftes Ungl\u00fcck gewesen w\u00e4re, weil sie weder Geschicklichkeit noch Geld h\u00e4tten, ihre Unschuld zu verteidigen. Was sollte ich ihnen sagen? So viel ist gewi\u00df, diese Pflicht der Menschlichkeit h\u00e4tte sie in gro\u00dfe Verlegenheit gesetzt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Von wieviel Unschuldigen hat sich&#8217;s nicht nachher ergeben, da\u00df sie Strafe erlitten, und zwar ohne alle Schuld der Richter? Und mit wie vielen mag das nicht der Fall sein, von denen wir solches nicht erfahren haben? Folgendes geschah zu meiner Zeit. Gewisse Menschen wurden wegen eines Mordes zum Tode verdammt. Das Urteil ward, wo nicht gesprochen, doch wenigstens beschlossen und angegeben. Gerade um diese Zeit erfuhren die Richter von einer andern benachbarten niedern Gerichtsbarkeit, da\u00df solche einige Verbrecher eingezogen habe, welche sich zu jenem Mord frei bekannten und \u00fcber die ganze Sache ein unbezweifelbares Licht verbreiteten. Man ging darauf zu Rate, ob man gleichwohl die Vollziehung des Urteils \u00fcber die ersten aufschieben d\u00fcrfte? Man erwog die Neuheit des Beispiels und was es f\u00fcr Folgen haben k\u00f6nne, k\u00fcnftige Urteilsspr\u00fcche zu verz\u00f6gern; die Verurteilung sei doch nach aller Form Rechtens geschehen und die Richter h\u00e4tten sich nichts vorzuwerfen. Kurz, jene armen Schlucker wurden den Formeln der Rechtspflege aufgeopfert. Philipp oder ein anderer beugte dergleichen Unf\u00e4llen folgenderma\u00dfen vor. Er hatte durch einen gef\u00e4llten Spruch einen Menschen verurteilt, einem andern eine gro\u00dfe Geldbu\u00dfe zu bezahlen. Einige Zeit nachher entdeckte sich die Wahrheit, da\u00df er ungerecht gerichtet hatte. Auf einer Seite stand die gute Sache, auf der andern die gerichtliche Form. Er befriedigte allerdings beide, indem er den Spruch g\u00fcltig bleiben lie\u00df und aus seinem Beutel den Verurteilten schadlos hielt. Aber in diesem Falle war Ersatz m\u00f6glich. Meine armen Teufel hingegen wurden unwiderruflich geh\u00e4ngt. Wie viele Urteile habe ich erlebt, die weit str\u00e4flicher waren als das Verbrechen! Alles dieses erinnert mich an jene Meinung der Alten: man sei gezwungen, alles einzeln abzutun, wenn man im Ganzen recht verfahren, und im Kleinen Unrecht zu begehen, wenn man das Recht im Gro\u00dfen handhaben wolle. Die menschliche Justizpflege sei nach dem Muster der Arzneikunde gebildet, verm\u00f6ge dessen alles, was n\u00fctzlich ist, auch gerecht und billig wird. So lehren die Stoiker: Die Natur versto\u00dfe sich in den meisten ihrer Werke gegen die Gerechtigkeit. So lehren die Cyrenaiker: Nichts sei an und f\u00fcr sich gerecht, nur Gewohnheit und Gesetze ersch\u00fcfen das Recht. Die Theodorier meinen: Diebstahl, Kirchenraub und alle Arten von S\u00fcnden des Fleisches seien f\u00fcr den Weisen kein Unrecht, wenn er \u00fcberzeugt w\u00e4re, da\u00df sie ihm zum Nutzen gereichten. Ich kann mir nicht helfen. Ich denke hierin wie Alcibiades, da\u00df ich mich niemals, solange ich es vermeiden kann, dem Mann in die H\u00e4nde liefern werde, welcher \u00fcber mein Leben absprechen kann, vor welchem meine Ehre und meine G\u00fcter mehr von der Kunst und T\u00e4tigkeit meines Sachwalters als von meiner Unschuld abh\u00e4ngen. Ich w\u00fcrde einem Gerichtshof mehr trauen, welcher ebensowohl \u00fcber Guttun als \u00fcber Mi\u00dftun erkennt; wo ich ebensoviel zu hoffen als zu f\u00fcrchten h\u00e4tte. Straflosigkeit ist keine hinl\u00e4ngliche Zahlung f\u00fcr einen Menschen, der besser tut als nicht s\u00fcndigen. Unsere Gerechtigkeitspflege reicht uns nur eine von ihren H\u00e4nden dar, und obendrein die linke. Man sei, wer man wolle, ohne Verlust kommt man von ihr nicht ab.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In China, einem Reich, dessen Einrichtungen und K\u00fcnste, ohne da\u00df es Umgang mit uns h\u00e4tte und ohne da\u00df es die unsrigen kennte, uns gleichwohl in manchen St\u00fccken bei weitem \u00fcbertreffen und dessen Geschichte mich belehrt, wieviel die Welt gr\u00f6\u00dfer und mannigfaltiger ist, als weder die Alten noch wir begriffen haben, schickt der Kaiser Reichsbediente in die Provinzen, um den Zustand derselben zu untersuchen. Diese Beamten, wie sie diejenigen strafen, welche sich in ihren Stellen schlecht betragen, belohnen sie auch freigebig diejenigen, welche sich gut betragen und mehr geleistet haben, als sie nach ihren Zwangspflichten schuldig sind. Vor diese Deputierten stellt man sich, nicht blo\u00df um sich zu verteidigen, sondern um zu gewinnen, nicht blo\u00df um bezahlt, sondern auch von ihnen beschenkt zu werden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Noch hat, Gott sei Dank, kein Richter mit mir als Richter gesprochen, in keiner gerichtlichen Angelegenheit, weder meiner eigenen noch eines Fremden, weder in einer Kriminal- noch Zivilsache. Noch bin ich in keinem Gef\u00e4ngnis gewesen, nicht einmal um es zu besehen. Meine Einbildung macht mir den blo\u00dfen Anblick desselben schon von au\u00dfen unangenehm. Mir ist meine Freiheit so notwendig, da\u00df, wenn mir jemand verb\u00f6te, ich sollte mich irgendeinem kleinen Winkel in Ostindien nicht nahen, ich dadurch gewisserma\u00dfen ein trauriges Leben f\u00fchren w\u00fcrde; und solange ich noch ein Pl\u00e4tzchen Erde oder freie Luft anderw\u00e4rts finde, werde ich an keinem Ort schmachten, wo ich mich verbergen m\u00fc\u00dfte. Mein Gott, wie unertr\u00e4glich w\u00fcrde mir der Zustand sein, worin ich so viele Leute sehe, welche in einen Teil dieses K\u00f6nigreichs gebannt sind, denen der Eingang in die Hauptst\u00e4dte und Hofstellen und das Befahren \u00f6ffentlicher Heerstra\u00dfen verboten worden, weil sie unsern Gesetzen nicht gehorsam waren. Wenn diejenigen Gesetze, unter denen ich lebe, mir nur mit der Spitze des kleinen Fingers drohten, den Augenblick ginge ich hin, um unter andern zu stehen, es m\u00f6chte auch sein, wo es wollte. Alle meine wenige Klugheit bei diesen b\u00fcrgerlichen Kriegen, worin wir uns befinden, wende ich dahin an, da\u00df sie mir die Freiheit, zu gehen und zu kommen, wie ich will, nicht unterbrechen m\u00f6gen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nun erhalten sich aber die Gesetze in Ansehen, nicht weil sie gerecht sind, sondern weil sie Gesetze sind. Das ist der mystische Grund ihres Ansehens. Einen andern haben sie nicht, worauf sie ruhten. Sehr oft r\u00fchren sie her von Dummk\u00f6pfen; \u00f6fters von Leuten, die, weil sie die Gleichheit hassen, auch keine Billigkeit kennen; aber immer von Menschen, welche eitel und unzuverl\u00e4ssig sind. Schwerlich wird man etwas so Gr\u00f6bliches und schwer Fehlerhaftes sehen, als die Gesetze gew\u00f6hnlich sind. Wer ihnen nur darum gehorchen wollte, weil sie gerecht w\u00e4ren, w\u00fcrde ihnen nicht wegen seiner Pflicht gehorchen. Unsere franz\u00f6sischen Gesetze bieten gewisserma\u00dfen der Unordnung und der Bestechung, welche bei der Anwendung und Aus\u00fcbung stattfinden, die Hand. Ihre Gebote sind so dunkel und unsicher, da\u00df sie einigerma\u00dfen den Ungehorsam und die fehlerhafte Auslegung, Anwendung und Aus\u00fcbung entschuldigen. Worin also der Nutzen bestehen mag, den wir aus der Erfahrung ziehen k\u00f6nnen, so wird uns derjenige, den wir aus fremden Beispielen herleiten, wenig zustatten kommen, da wir uns durch uns selbst sogar nicht frommen, wie es uns doch gel\u00e4ufig sein und hinreichen sollte, uns von allem zu unterrichten, dessen wir bed\u00fcrfen. Ich studiere mich selbst mehr als jeden andern Gegenstand. Ich bin meine Metaphysik und Physik:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Qua Deus hanc mundi temperet arte domum;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Qua venit exoriens, qua deficit, unde coactis<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cornibus in plenum menstrua luna redit;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unde salo superant venti, quid flamine captet<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eurus, et in nubes unde perennis aqua;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sit ventura dies, mundi quae subruat arces<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quaerite, quos agitat mundi labor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dieser Universit\u00e4t lasse ich mich als ein unwissender und unwiderstrebender Mensch f\u00fcr das allgemeine Gesetz der Welt zuziehen. Ich erkenne solches hinl\u00e4nglich, wenn ich es f\u00fchle. Mein Wissen kann seinen Weg nicht ver\u00e4ndern. Es wird sich aus Liebe zu mir nicht vervielfachen. Torheit w\u00e4re es, das zu hoffen, und noch gr\u00f6\u00dfere Torheit, sich dar\u00fcber zu k\u00fcmmern. Denn es mu\u00df notwendigerweise gleich, \u00f6ffentlich und allgemein sein. Die G\u00fcte und Kraft des Regenten mu\u00df uns rein und v\u00f6llig der Sorge f\u00fcr die Regierung entschlagen. Das Dichten und Trachten der Philosophie kann zu weiter nichts dienen als zur Nahrung f\u00fcr unsere Wi\u00dfbegierde. Die Philosophen haben gro\u00df recht, uns auf die Vorschriften der Natur zur\u00fcckzuf\u00fchren. Aber sie selbst verstehen sich schlecht auf diese erhabene Kunde. Sie verf\u00e4lschen solche und zeigen uns ihr bemaltes Gesicht geschm\u00fcckt und verstellt, woraus denn so viele verschiedene Schildereien des n\u00e4mlichen Gegenstandes entstehen. So wie uns die Natur F\u00fc\u00dfe zum Gehen gegeben hat, mu\u00df sie auch Klugheit besitzen, um uns durch das Leben zu leiten. Aber freilich keine so feine, vierschr\u00f6tige, aufgeblasene Klugheit, als die Philosophen erfinden, sondern verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig, leicht, ruhig und heilsam. So entspricht sie demjenigen, was man von ihr r\u00fchmt, wenn jemand das Gl\u00fcck hat, solche ohne Spitzfindigkeit und ordentlich anzuwenden, das hei\u00dft nat\u00fcrlich, sich der Natur auf die einf\u00e4ltigste Weise \u00fcberlassen, hei\u00dft, sich ihr auf die weiseste Art \u00fcberlassen. O welch ein weiches, sanftes, gesundes Kissen ist die Unwissenheit und Unneugierigkeit, um einen wohlgeordneten Kopf darauf zu ruhen! Lieber m\u00f6chte ich mich selbst recht verstehen als den Cicero. Die Erfahrung, welche ich an mir selbst habe, gen\u00fcgt mir, um weise zu werden, wenn ich nur ein guter Sch\u00fcler w\u00e4re. Wer die Ausschweifung seines vergangenen Zorns seinem Ged\u00e4chtnis anvertraut, und das \u00dcberma\u00df, wozu ihn dieses Fieber trieb, sieht hierin die H\u00e4\u00dflichkeit dieser Leidenschaft besser als im Aristoteles und fa\u00dft einen viel gerechtern Widerwillen dagegen. Wer sich der \u00dcbel erinnert, die er sich zugezogen hat, die ihn bedrohten, der leichten Anl\u00e4sse, welche ihn aus einer Lage in die andere versetzten, bereitet sich dadurch auf k\u00fcnftige Gl\u00fcckswechsel und auf die richtige Beurteilung seiner Lage. Das Leben C\u00e4sars gew\u00e4hrt uns nicht mehr Beispiel als unser eigenes. Das Leben eines Herrschers ist wie das Leben eines Untertans, ein Leben, welches allem menschlichen Gl\u00fcckswechsel ausgesetzt ist. La\u00dft uns nur darauf merken. Wir sagen uns alles, wessen wir haupts\u00e4chlich bed\u00fcrfen. Wer sich erinnert, wie oft er sich in seinem eigenen Urteil verrechnet hat, ist der nicht ein Tor, wenn er nicht best\u00e4ndig gegen dasselbe mi\u00dftrauisch bleibt? Wenn mich das Urteil anderer \u00fcberzeugt, da\u00df ich in einer falschen Meinung schwebte, so lerne ich nicht sowohl das Neue, was man mir sagt und die Erkenntnis einer besondern Unwissenheit<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"311\"><\/a>\u00a0(denn selbst die Erkenntnis einer besondern Unwissenheit w\u00e4re noch kein gro\u00dfer Erwerb) als vielmehr \u00fcberhaupt meine Schwachheit und die Tr\u00fcglichkeit meines Verstandes, und daraus folgere ich die Verbesserung des Ganzen. Bei allen meinen \u00fcbrigen Irrt\u00fcmern tue ich dasselbe und ziehe aus dieser Regel einen gro\u00dfen Vorteil f\u00fcr mein Leben. Den einzelnen Fall und Menschen betrachte ich nicht als einen Stein, \u00fcber den ich gestolpert bin, sondern lerne daraus, meinen Gang \u00fcberhaupt vorsichtiger einrichten und aufmerksamer gehen. Einsehen, da\u00df man eine Narrheit getan oder gesagt habe, will wenig sagen. Man mu\u00df lernen, da\u00df man ein Dummkopf ist; eine weit triftigere und wichtigere Lehre. Die falschen Schritte, welche mich mein Ged\u00e4chtnis oft hat tun lassen, selbst dann, wenn es sich am meisten traute, sind nicht unn\u00fctzerweise verloren. Es mag mir jetzt seine Zuversichtlichkeit noch so sehr beteuern, so sch\u00fcttle ich dennoch die Ohren. Das erste, das beste, was man seinem Zeugnis entgegensetzt, macht mich zweifelhaft, und ich wage nicht mehr, \u00fcber irgendeine wichtige Sache oder \u00fcber irgendeine fremde Handlung, ihm Glauben beizumessen. Und t\u00e4ten, was ich aus Mangel des Ged\u00e4chtnisses tue, andere nicht noch \u00f6fter aus Mangel an Treue und Glauben, so w\u00fcrde ich \u00fcber eine Tatsache jedem fremden Munde mehr Wahrheit zutrauen als meinem eigenen. Wenn jedermann auf die Wirkungen und Verh\u00e4ltnisse der Leidenschaften, welche ihn beherrschen, so genau achtg\u00e4be, wie ich auf diejenigen, in welche ich verfiel, so w\u00fcrde er sie von ferne kommen sehen und ihre Heftigkeit und ihren Anlauf ein wenig m\u00e4\u00dfigen. Sie fallen uns nicht immer unversehens \u00fcber den Hals. Sie haben ihre Anmeldungen und ihre Stufen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fluctus uti primo coepit cum albescere vento,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paulatim sese tollit mare, et altius undas<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erigit, inde imo consurgit ad aethera fundo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Urteilskraft hat bei mir ihren obrigkeitlichen Stuhl, wenigstens strebt sie sorgf\u00e4ltig danach. Sie l\u00e4\u00dft meine Begierden ihren Gang gehen, meinen Ha\u00df und meine Freundschaft, sogar diejenigen, welche ich gegen mich selbst hege, ohne sich deswegen zu ver\u00e4ndern und zu verschlimmern. Kann sie meine \u00fcbrigen Bestandteile nicht nach sich ver\u00e4ndern, so l\u00e4\u00dft sie sich wenigstens durch solche nicht entstellen. Sie spielt ihr eignes Spiel. Die Weisung, da\u00df jeder sich selbst kennenlernen soll, mu\u00df von gro\u00dfem Gewicht sein, weil der Gott aller Kenntnis und alles Lichtes solche \u00fcber dem Eingange seines Tempels eingraben lie\u00df, als ein Wort, welches alles in sich begreife, was er uns zu raten habe. Auch sagt Plato, da\u00df die Klugheit nichts anders sei als die Befolgung dieser Vorschrift; und Sokrates bekr\u00e4ftigt solches beim Xenophon durch einzelne Beispiele. Dunkelheiten und Schwierigkeiten jeder Wissenschaften werden dann erst bemerkbar, wenn man zu derselben Zutritt gewinnt. Denn es geh\u00f6rt doch immer ein gewisser Grad von Einsicht dazu, um wahrzunehmen, da\u00df man nichts wisse; und man mu\u00df an eine T\u00fcr geklopft haben, um zu erkennen, da\u00df selbige verschlossen sei. Daher entsteht die Platonische Spitzfindigkeit: derjenige, welcher wisse, d\u00fcrfe nicht fragen, weil er wisse; derjenige aber, welcher nicht wisse, d\u00fcrfe nicht fragen, weil er, um fragen zu k\u00f6nnen, zuvor wissen m\u00fcsse, wonach er zu fragen habe. Ebenso geht es mit der Selbstkenntnis. Damit ist jedermann fertig und im reinen, darauf glaubt sich jedermann hinl\u00e4nglich zu verstehen und beweist eben dadurch, wie Sokrates den Euthydemus belehrte, da\u00df er nichts davon versteht. Ich, da ich keine andere Profession treibe, finde diese so unergr\u00fcndlich und mannigfaltig, da\u00df alles mein Lernen mir keinen andern Nutzen bringt, als da\u00df es mir f\u00fchlbar macht, wieviel ich noch zu lernen habe. Meiner oft eingestandenen Schwachheit verdanke ich meinen Hang zur Bescheidenheit, zum Gehorsam gegen den Glauben, welcher mir vorgeschrieben ist, zu einer best\u00e4ndigen Kaltbl\u00fctigkeit und M\u00e4\u00dfigung der Meinung und den Ha\u00df der beschwerlichen z\u00e4nkischen Hoffart, welche sich alles glaubt, auf sich allein vertraut und mit aller Zucht und Wahrheit in ewiger Feindschaft steht. Man h\u00f6re nur, wie herrisch ihre Anh\u00e4nger sich \u00e4u\u00dfern. Ihre \u00e4rgsten Torheiten tragen sie in der Sprache der Religionen und Gesetze vor:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nihil est turpius, quam cognitioni et perceptioni assertionem approbationemque praecurrere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aristarch sagte, da\u00df man vor alters kaum sieben Weise in der Welt habe auffinden k\u00f6nnen und da\u00df man zu seiner Zeit kaum sieben Unwissende antreffen w\u00fcrde. H\u00e4tten wir in unseren Tagen nicht mehr Recht, dasselbe zu sagen, als er? Eigensinn und halsstarriges Behaupten sind ausdr\u00fcckliche Zeichen der Dummheit. Da ist ein Mensch in einem Tage hundertmal auf die Nase gefallen und besteht ebenso steifsinnig und unverr\u00fcckt auf seinen S\u00e4tzen als vorher. Man sollte sagen, man habe ihm seitdem eine neue Seele und Kraft des Verstandes eingetrichtert; oder es ergehe ihm wie ehemals dem Sohn der Erde, welcher durch jeden Hinsturz neue Kr\u00e4fte und gr\u00f6\u00dfere St\u00e4rke gewann:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cui cum tetigere parentem,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jam defecta vigent renovato robore membra.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Scheint es nicht, als ob der Steifkopf meint, er nehme einen neuen Geist auf, wenn er einen neuen Wortkampf aufnimmt? Es geschieht aus eigener Erfahrung, da\u00df ich die menschliche Unwissenheit anklage. Sie ist nach meiner Meinung das Zuverl\u00e4ssigste, was man in der Schule der Welt kennenlernt. Diejenigen, welche aus einem so unbedeutenden Beispiele als das meinige, oder das ihrige, nicht an sich kommen lassen wollen, m\u00f6gen solche am Sokrates, dem Meister aller Meister, erkennen. Denn der Philosoph Antisthenes sagte zu seinen Sch\u00fclern: Kommt mit mir, den Sokrates zu h\u00f6ren; bei dem bin ich so gut Sch\u00fcler wie ihr. Und indem er den Lehrsatz der stoischen Sekte behauptete, da\u00df die Tugend allein hinreiche, ein Leben durchaus gl\u00fccklich zu machen, und nichts bed\u00fcrfe, f\u00fcgte er hinzu: als die St\u00e4rke des Sokrates. Diese anhaltende Aufmerksamkeit, womit ich mich selbst betrachte, hat mich auch so ziemlich f\u00e4hig gemacht, nicht ganz \u00fcbel von andern zu urteilen; und es gibt wenige Dinge, von denen ich gl\u00fccklicher und ertr\u00e4glicher zu reden wei\u00df. Es begegnet mir oft, da\u00df ich die Gem\u00fctsfassung meiner Freunde genauer einsehe und unterscheide als sie selbst. Ich habe einige durch meine richtige Schilderung derselben in Verwunderung gesetzt und aufmerksam auf sich selbst gemacht. Weil ich mich von Kindesbeinen gew\u00f6hnt habe, mein Leben in andern zu spiegeln, habe ich darin eine gelehrte Fertigkeit erlangt. Und die Wahrheit zu gestehen, lasse ich nichts dergleichen, Gesichtsz\u00fcge, Launen und Ausdr\u00fccke, unbemerkt bei mir vor\u00fcberschl\u00fcpfen. Ich studiere alles, was ich zu vermeiden und was ich nachzuahmen habe. Also auch entdecke ich meinen Freunden durch ihr Tun und Lassen ihre innigsten Neigungen, bringe die unendliche Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Handlungen unter gewisse Kapitel, und mache Abteilungen und Unterabteilungen, nach bekannten Ordnungen und Gattungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sed neque quam multae species, et nomina quae sint,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Est numerus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gelehrten sprechen und bezeichnen ihre Phantasien genauer und im einzelnen. Ich aber, der ich nicht weiter sehe, als was mir der Gebrauch an die Hand gibt, ich lege die meinigen im ganzen dar und wie sie mir aufsto\u00dfen. So verfahre ich auch in diesem Buche. Ich f\u00e4lle mein Urteil in getrennten S\u00e4tzen. Ich wei\u00df nicht alles auf einmal in Bausch und Bogen zu sagen. Zusammenhang und Gleichf\u00f6rmigkeit finden sich nicht bei so gemeinen Alltagsseelen wie die unsrigen. Die Weisheit ist ein festes ganzes Geb\u00e4ude, in welchem jedes St\u00fcck seinen geh\u00f6rigen Platz und seine eigene Nummer hat:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sola sapientia in se tota conversa est.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00fcberlasse es den K\u00fcnstlern und wei\u00df nicht, ob sie mit einer so mannigfaltigen kleinlich-verschiedenen und zuf\u00e4lligen Sache zustande kommen werden, die unendliche Verschiedenheit an Gesichtern aufzuschichten, unserer Unbest\u00e4ndigkeit Einhalt zu tun und sie in feste Ordnung zu bringen. Ich finde es nicht nur schwer, unsere Handlungen aneinanderzureihen; sondern ich finde es auch schwer, eine jede f\u00fcr sich selbst durch eine Haupteigenschaft zu bezeichnen. So zweideutig und vielfarbig erscheinen sie in verschiedenem Lichte. Was man an dem K\u00f6nige Perseus von Mazedonien als etwas Seltenes bemerkt, da\u00df sich sein Geist nie an etwas Gewisses binden lie\u00df, sondern eine jede Lebensart durchirrte, und so abweichende, unbest\u00e4ndige Sitten zeigte, da\u00df weder andere noch er selbst wu\u00dften, was f\u00fcr ein Mensch er w\u00e4re, das d\u00fcnkt mich ungef\u00e4hr auf die ganze Welt zu passen. Besonders kenne ich einen seines Zuschnittes, von welchem sich das, wie ich glaube, noch viel eigentlicher sagen lie\u00dfe; der keine Mittelstra\u00dfe kannte, immer von einem Extrem zum andern \u00fcberging, durch Veranlassungen, die sich nicht erraten lie\u00dfen; keinen Weg einschlug, ohne wunderlich davon abzuschweifen und ihm entgegenzulaufen; keine Eigenschaft besa\u00df, von der sich nicht das Widerspiel bei ihm gefunden h\u00e4tte, so da\u00df das Wahrscheinlichste, was man eines Tags von ihm wird denken k\u00f6nnen, darin besteht: er affektierte und studierte, sich bekannt zu machen, um nie kennbar zu werden. Man mu\u00df ein gutes Geh\u00f6r haben, um sich freim\u00fctig beurteilen zu h\u00f6ren. Und weil das wenige leiden k\u00f6nnen, ohne empfindlich zu werden, so beweisen diejenigen, welche solches Wagest\u00fcck gegen uns unternehmen, einen sonderbaren Freundschaftstrieb. Denn es hei\u00dft wirklich Liebe zeigen, wenn man unternimmt, jemanden zu beleidigen und zu verwunden, um ihn zu bessern! Ich finde es hart, jemanden zu beurteilen, bei welchem die schlimmen Eigenschaften die guten \u00fcbertreffen. Plato schreibt demjenigen, welcher die Seele eines andern untersuchen will, dreierlei Eigenschaften vor: Verstand, Wohlwollen und Dreistigkeit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Zuweilen fragte man mich: wozu ich wohl d\u00e4chte tauglich gewesen zu sein, wiefern jemand bedacht gewesen, sich meiner zu bedienen, w\u00e4hrend ich noch dazu in Jahren war?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dum melior vires sanguis dabat, aemula necdum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Temporibus geminis canebat sparsa senectus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu nichts, erwiderte ich; und bedeute mich gern, da\u00df ich zu nichts tauge, was mich einem andern zum Sklaven macht. Aber ich h\u00e4tte meinem Herrn seine Wahrheiten gesagt und seine Sitten beleuchtet, wenn er es gewollt h\u00e4tte. Nicht im allgemeinen, durch Schulgeschw\u00e4tz, worauf ich mich nicht verstehe und wodurch ich diejenigen, welche solches verstehen, keine wahre Besserung hervorbringen sehe; sondern indem ich solche bei jeder Gelegenheit Schritt vor Schritt beobachtet und St\u00fcck vor St\u00fcck einfach und nat\u00fcrlich beurteilt h\u00e4tte. Ich w\u00fcrde ihm gezeigt haben, wie er in der allgemeinen Meinung st\u00e4nde, und h\u00e4tte mich seinen Schmeichlern widersetzt. Ich w\u00fc\u00dfte niemanden unter uns, der nicht weniger wert sein w\u00fcrde als die K\u00f6nige, wenn er ebenso unaufh\u00f6rlich von verworfenen Leuten verderbt w\u00fcrde wie sie. Konnte doch nicht einmal Alexander, dieser gro\u00dfe K\u00f6nig und Philosoph, sich davor besch\u00fctzen. Ich h\u00e4tte dazu Treue, Urteilskraft und Freim\u00fctigkeit genug besessen. Es w\u00e4re ein Amt ohne Titel; sonst verl\u00f6re es seine Wirkung und Wohlanst\u00e4ndigkeit. Auch ist es eine Rolle, die nicht jedem ohne Unterschied aufgetragen werden kann. Denn die Wahrheit selbst hat kein Vorrecht, zu jeder Stunde und bei allen Gelegenheiten gesagt zu werden. Ihre Anwendung, so edel sie ist, hat ihre Einschr\u00e4nkung und Grenzen. Wie die Welt beschaffen ist, ergibt sich&#8217;s oft, da\u00df man solche vors Ohr der F\u00fcrsten bringt, nicht nur ohne Nutzen, sondern auch mit Schaden, und zwar von Rechts wegen. Und wird man mich nie \u00fcberreden, da\u00df keine heilsame Vorstellung zur unrechten Zeit gemacht werden k\u00f6nne und da\u00df der Vorteil der Sache nicht zuweilen dem Vorteile der Form nachstehen m\u00fcsse.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Zu einem solchen Amte w\u00fcrde ich einen Menschen w\u00e4hlen, der mit seinen Gl\u00fccksumst\u00e4nden zufrieden,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quod sit, esse velit; nihilque malit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und in mittelm\u00e4\u00dfigem Range geboren w\u00e4re. Sonach w\u00fcrde er einerseits nicht f\u00fcrchten, wenn es das Herz seines Herrn stark und kr\u00e4ftig angriffe, dadurch den Lauf seiner Bef\u00f6rderung zu unterbrechen, und andererseits durch diesen mittelm\u00e4\u00dfigen Rang desto besser imstande sein, mit allen Arten von Leuten Verkehr zu haben. Ich wollte ferner zu diesem Amt nur <i>einen<\/i> Mann. Denn, wenn man das Vorrecht einer so offenherzigen Vertraulichkeit auf viele erstreckte, so w\u00fcrde solches eine sch\u00e4dliche Unehrerbietigkeit erzeugen. Ja, auch diesem Mann w\u00fcrde ich die heiligste Treu des Stillschweigens auflegen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Einem K\u00f6nig ist nicht zu glauben, wenn er sich mit der Standhaftigkeit r\u00fchmt, womit er, seiner Ehre wegen, den Angriff des Feindes abwarten wolle, und doch, zu seinem Nutzen und seiner Besserung die freim\u00fctigen Reden eines Freundes nicht ertragen kann, die weiter nichts tun als seine Ohren ber\u00fchren, da das \u00fcbrige ihrer Wirkung in seinen eigenen H\u00e4nden steht. Es ist aber kein Stand des Menschen, der der wahren und freien Vorstellung so d\u00fcrftig w\u00e4re als der Stand der F\u00fcrsten. Sie f\u00fchren ein \u00f6ffentliches Leben und sollen die gute Meinung so vieler Zuschauer gewinnen. Weil man aber gew\u00f6hnt ist, ihnen alles zu verschweigen, und sie von ihrem Wege abf\u00fchrt, so finden sie sich, ohne es zu wissen, mit dem Hasse und Abscheu des Volkes beladen, und zwar oft durch Veranlassungen, die sie h\u00e4tten vermeiden k\u00f6nnen, ohne selbst dabei einmal ihren Vergn\u00fcgungen Eintrag zu tun, wenn man sie nur zu rechter Zeit gewarnt und aufgerichtet h\u00e4tte. Gew\u00f6hnlich sind ihre G\u00fcnstlinge mehr auf sich selbst bedacht als auf ihren Herrn. Und dabei befinden sie sich wohl; weil doch, die Wahrheit zu sagen, die meisten Pflichten der wahren Freundschaft gegen einen F\u00fcrsten schwer und gef\u00e4hrlich auszu\u00fcben sind, so da\u00df dazu notwendigerweise nicht nur viel Abh\u00e4nglichkeit und Freim\u00fctigkeit, sondern auch Mut erfordert wird.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diese ganze Pastete meines Gekritzels ist endlich weiter nichts als ein Register der Versuche meines Lebens, welches der innern Gesundheit Beispiele genug an die Hand gibt, wenn man die Lehre daraus zieht, das Gegenteil zu tun. Was aber die k\u00f6rperliche Gesundheit betrifft, so kann niemand n\u00fctzlichere Erfahrungen aufstellen als ich; da ich solche rein zeige, weder durch Kunst oder Meinung verderbt noch geschw\u00e4cht. Die Erfahrung ist in Ansehung der Arzneikunde eigentlich der Hahn auf seinem eigenen Miste, wo ihr die Vernunft die Herrschaft einr\u00e4umt. Tiberius sagte: jedermann, der drei\u00dfig Jahr gelebt habe, m\u00fcsse selbst wissen, was ihm heilsam oder sch\u00e4dlich sei, und sich ohne Beistand des Arztes helfen k\u00f6nnen. Das konnte er vom Sokrates gelernt haben, welcher seinen Sch\u00fclern riet, das Studium ihrer Gesundheit mit Sorgfalt und als ein Hauptstudium zu treiben, und hinzuf\u00fcgte, es sei unglaublich, da\u00df ein Mensch von Verstand, der auf seine k\u00f6rperliche Bewegung, auf sein Essen und Trinken achtg\u00e4be, nicht besser wissen sollte als jeder Arzt, was ihm gut oder schlecht bekomme. Daher behauptet auch die Heilkunde, sie habe von jeher die Erfahrung zum Pr\u00fcfstein ihres Verfahrens gemacht. Also hatte Plato recht zu sagen, ein wahrer Arzt m\u00fc\u00dfte notwendig erst alle Krankheiten, die er heilen wolle, selbst gehabt haben, und alle Zuf\u00e4lle und Umst\u00e4nde durchgegangen sein, welche seiner Beurteilung unterworfen werden. Es ist billig, da\u00df er sich kr\u00e4tzig mache, wenn er die Kr\u00e4tze heilen will. Wirklich, nur einem solchen w\u00fcrde ich mich anvertrauen. Denn die andern f\u00fchren uns wie jener, welcher Meere, Klippen und H\u00e4fen auf den Tisch hinmalt, an welchem er sitzt, und das Modell eines Schiffchens in aller Sicherheit herumspazieren l\u00e4\u00dft. Bringt ihn zur wirklichen Tat, so wei\u00df er nicht, mit welcher Hand er angreifen soll. Sie machen eine Beschreibung von unsern Krankheiten wie der \u00f6ffentliche Ausrufer einer Stadt. Er bezeichnet ein verlornes Pferd oder einen Hund von solch und solcher Farbe, solch und solcher Gr\u00f6\u00dfe, die Ohren so und so gestaltet; aber stellt ihm das Tier vor, so kennt er es doch nicht. Bei Gott, la\u00df mir die Heilkunde eines Tages eine merkliche sichtbare Hilfe leisten, und man soll sehen, wie treu und ehrlich ich ausrufen werde:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tandem efficaci do manus scientiae!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00fcnste, welche versprechen, unsern K\u00f6rper und unsere Seele gesund zu erhalten, versprechen sehr viel. Daf\u00fcr w\u00fc\u00dfte ich aber auch nichts, was weniger sein Versprechen hielte. Und zu unserer Zeit beweisen diejenigen, welche von diesen K\u00fcnsten bei uns Profession machen, weniger t\u00e4tige Wirkung derselben als alle \u00fcbrigen Menschen. Man kann h\u00f6chstens von ihnen sagen, da\u00df sie heilkr\u00e4ftige Kr\u00e4uter und Tr\u00e4nke verkaufen; da\u00df sie aber \u00c4rzte w\u00e4ren, kann man nicht sagen. Ich habe lange genug gelebt, um von der Gewohnheit Rechenschaft ablegen zu k\u00f6nnen, die mich bis hieher gebracht hat. Wer sie gleichfalls versuchen will, dem habe ich vorgekostet und bin sein Kredenzer. Hier sind einige Artikel, wie sie mir das Ged\u00e4chtnis an die Hand gibt. Ich klebe an keiner Gewohnheit, die ich nicht nach den Veranlassungen abge\u00e4ndert h\u00e4tte; aber ich zeichne nur diejenigen auf, welche ich am meisten herrschend gefunden habe, denen ich bis auf diese Stunde am treuesten geblieben bin.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Meine Art zu leben ist in gesunden und kranken Tagen einerlei. Ich bediene mich desselben Bettes, halte einerlei Stunde, genie\u00dfe einerlei Speise und einerlei Getr\u00e4nk. Ich f\u00fcge dabei nichts hinzu, sondern m\u00e4\u00dfige mich nur mehr oder weniger nach Beschaffenheit meiner Kr\u00e4fte und meines Hungers. Meine Gesundheit besteht darin, da\u00df ich in meinem gew\u00f6hnlichen Zustand nicht gest\u00f6rt werde. Ich sehe, da\u00df die Krankheit an einer Seite mich daraus versetzt; wenn ich den \u00c4rzten glaubte, so w\u00fcrden die mich auf der andern Seite davon abkehren, und so w\u00e4re ich denn durch Zufall und Kunst v\u00f6llig aus meinem Weg gebracht. Ich glaube nichts gewisser als dies, da\u00df mir solche Dinge nicht schaden k\u00f6nnen, an die ich seit langer Zeit gewohnt bin. Es ist die Gewohnheit, welche unserer Lebensart eine Form gibt, wie es ihr gef\u00e4llt. Sie kann hierin alles. Sie ist der Zaubertrank der Circe, welcher unsere Natur ver\u00e4ndert wie er will. Wie viele Nationen, kaum um etliche Schritte weit von uns entfernt, halten die Furcht vor der Nachtluft, die uns augenscheinlich nachteilig ist, f\u00fcr l\u00e4cherlich, und unsere Landleute und Schiffer lachen gleichfalls dar\u00fcber. Man macht einen Deutschen krank, wenn man ihm Matratzen zum Schlafen unterlegt, einen Italiener durch Federbetten und einen Franzosen, wenn ihm Vorh\u00e4nge und Kaminfeuer gebrechen. Der Magen eines Spaniers h\u00e4lt unsere Tafel nicht aus, so wie der unsrige nicht das schweizerische Trinken. Ein Deutscher machte mir zu Augsburg das Vergn\u00fcgen, die Unbequemlichkeit unserer Kamine mit eben den Gr\u00fcnden darzutun, deren wir uns gew\u00f6hnlich bedienen, um ihre Stuben\u00f6fen zu verwerfen. Denn in der Tat beschwert diese eingeschlossene Hitze und dabei der Geruch des erhitzten Stoffes, woraus sie bestehen, die K\u00f6pfe der meisten Menschen, welche nicht daran gew\u00f6hnt sind. Mir nicht. In der Tat mag sich auch diese anhaltende, allenthalben gleich verbreitete W\u00e4rme, ohne da\u00df der Glanz der Flamme die Augen blendet, ohne Rauch und ohne die Zugluft, die wir durch die \u00d6ffnung unserer Kamine empfinden, in mehr als einer R\u00fccksicht gar wohl mit denselben messen. Warum ahmen wir nicht die r\u00f6mische Bauart nach? Denn man sagt, da\u00df sie vor alters in ihren H\u00e4usern von au\u00dfen und unten einheizten und da\u00df die W\u00e4rme durch R\u00f6hren innerhalb der Mauern in alle Zimmer geleitet wurde, die geheizt werden sollten, wie ich es beim Seneca, ich wei\u00df nicht wo, ganz deutlich angezeigt gefunden habe. Als der vorbesagte Mann in Augsburg mich die Vorz\u00fcge und Sch\u00f6nheiten seiner Stadt r\u00fchmen h\u00f6rte (wie sie es wirklich verdient), begann er mich zu beklagen, da\u00df ich sie verlassen m\u00fc\u00dfte, und die Hauptbeschwerlichkeit, die er mir anf\u00fchrte, setzte er in die Schwere des Kopfs, welche mir anderw\u00e4rts die Kamine veranlassen w\u00fcrden. Er hatte jemand dar\u00fcber klagen geh\u00f6rt und meinte, es sei unser Fall, weil er aus Gewohnheit in seiner Heimat dergleichen nicht f\u00fchlte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Alle W\u00e4rme, die vom Feuer kommt, schw\u00e4cht mich und macht mich schl\u00e4frig. Dennoch sagte Evenus, die beste W\u00fcrze des Lebens w\u00e4re das Feuer. Ich w\u00e4hle lieber alle anderen Mittel gegen die K\u00e4lte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wir f\u00fcrchten die Neige des Weines; in Portugal liebt man dieses bet\u00e4ubende Getr\u00e4nk und setzt es auf die f\u00fcrstliche Tafel. In summa: jede Nation hat verschiedene Gewohnheiten und Gebr\u00e4uche, welche einer andern Nation nicht nur unbekannt, sondern unerh\u00f6rt und barbarisch scheinen. Was sollen wir diesem Volke sagen, welches keine anderen als gedruckte Zeugnisse annimmt, welches den Menschen nichts glaubt, als was sie aus B\u00fcchern beweisen k\u00f6nnen, auch keine Wahrheit annimmt, wenn sie nicht von hinl\u00e4nglichem Alter ist? Wir geben unsern Narrheiten eine W\u00fcrde, wenn wir sie in Formen gie\u00dfen. Es klingt viel wichtiger, wenn man sagt: Ich habe gelesen, als wenn man sagt: Ich habe sagen geh\u00f6rt. Ich aber, weil ich gegen den Mund eines Menschen nicht leichtgl\u00e4ubiger bin als gegen seine Hand, weil ich wei\u00df, da\u00df man ebenso leichtsinnig schreibt als spricht, und weil ich unsere Zeiten f\u00fcr so gut halte als die vergangenen, f\u00fchre ebenso lieb einen meiner Freunde an als den Aulus Gellius oder Macrobius; und was ich gesehen habe, ebensogern, als was sie geschrieben haben. Und was man von der Tugend sagt, da\u00df sie deswegen nicht gr\u00f6\u00dfer sei, weil sie l\u00e4nger ist, das halte ich auch von der Wahrheit, da\u00df sie deswegen, weil sie \u00e4lter ist, nicht weiser sei. Ich sage oft, da\u00df es platte Torheit ist, die uns nach fremden und schulgerechten Beispielen anjagt. Ihre Fruchtbarkeit ist zu dieser Stunde noch ebenso gro\u00df als zu den Zeiten Homers und Platos. Aber suchen wir nicht vielleicht mehr die Ehre der Bekanntschaft mit andern Schriftstellern als die Wahrheit eines Satzes? Als ob mehr daran l\u00e4ge, unsere Beweise aus dem Laden eines Buchh\u00e4ndlers zu entlehnen, als von dem, was wir in unserm Dorfe sehen und haben k\u00f6nnen. Oder wir haben wenigstens nicht den erforderlichen Sinn, das, was vor uns liegt, geh\u00f6rig zu untersuchen, ihm seinen Wert zu geben und solches richtig zu beurteilen, um es zum Beispiel aufzustellen. Sagen wir aber, es fehle uns an geh\u00f6rigem Ansehen, um unserm Zeugnisse Glauben zu verschaffen, so sagen wir es mit Unrecht. Denn, nach meiner Meinung, k\u00f6nnen aus den gew\u00f6hnlichsten, gemeinsten und bekanntesten Dingen, wenn wir sie ins geh\u00f6rige Licht zu stellen wissen, die gr\u00f6\u00dften Wunderwerke der Natur und die erhabensten Beispiele hergeleitet werden, besonders in R\u00fccksicht auf menschliche Handlungen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber wieder zu meiner Sache. Die Beispiele, welche ich aus B\u00fcchern wei\u00df, beiseite gesetzt, und dessen nicht zu erw\u00e4hnen, was Aristoteles vom Andron, dem Argier, erz\u00e4hlt, da\u00df er die libyschen Sandw\u00fcsten durchwanderte, ohne zu trinken, so sagte ein Herr von Adel, der mit vieler W\u00fcrde verschiedene Posten verwaltet hat, in meiner Gegenwart, er sei von Madrid nach Lissabon im Sommer gereist, ohne zu trinken. Er befindet sich f\u00fcr sein Alter bei au\u00dferordentlichen Kr\u00e4ften und hat in seiner Lebensart sonst nichts Besonderes als dies, da\u00df er, wie er mir gesagt hat, zwei oder drei Monate, ja wohl ein ganzes Jahr hinbringt, ohne zu trinken. Er sp\u00fcrt wohl Durst, l\u00e4\u00dft ihn aber vor\u00fcbergehen, und meint, es sei ein Bed\u00fcrfnis, welches sich leicht von selbst stille. Dergestalt trinkt er mehr aus Laune als aus Notwendigkeit oder zum Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier noch ein anderes Beispiel. Ich traf vor nicht noch langer Zeit einen der gelehrtesten M\u00e4nner Frankreichs, unter denen von nicht geringem Verm\u00f6gen dar\u00fcber an, da\u00df er in einem Winkel des Saales studierte, welchen man durch eine Tapete abgeschlossen hatte, und um ihn her einen Haufen seiner Bedienten in lauter Ausgelassenheit. Er sagte mir (und Seneca sagte fast dasselbe von sich), er gew\u00f6nne aus diesem Gepolter und L\u00e4rmen den Nutzen, da\u00df er dadurch aufgeschreckt, sich fester und enger in sich selbst zum Nachdenken zusammenz\u00f6ge und dieses Get\u00f6se von Stimmen seine Gedanken nach innen treibe. Als er in Padua studierte, bewohnte er solange ein Studierzimmer, welches dem Ger\u00e4usche der Glocken und dem Get\u00fcmmel des Marktes ausgesetzt war, da\u00df er dadurch nicht nur alles Ger\u00e4usch ohne Nachteil seines Studierens ertragen, sondern sogar Vorteil daraus ziehen lernte. Sokrates antwortete dem Alcibiades, der sich dar\u00fcber wunderte, wie er das unaufh\u00f6rliche Gekr\u00e4chze seiner b\u00f6sk\u00f6pfigen Frau ertragen k\u00f6nne:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs geht mir wie einem, der an das gew\u00f6hnliche Gekreisch gew\u00f6hnt ist, welches die R\u00e4der am Brunnen machen, wenn sie das Wasser heraufwinden.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit mir ist es gar anders beschaffen. Mein Geist ist zart und kann leicht in Schwung kommen. Wenn er mit sich selbst besch\u00e4ftigt ist, bringt ihn das geringste Sumsen einer Fliege aus aller Fassung. Seneca hatte in seiner Jugend sich gar fest an das Beispiel des Sextius gehalten, von nichts zu essen, was einen leiblichen Tod erlitten. Er enthielt sich dessen ein Jahr hindurch, wie er sagt, mit Vergn\u00fcgen, und \u00e4nderte dieses Verhalten nur deswegen, damit er nicht in Verdacht geriete, als ob er diese Regel aus irgendeiner neuen Religion entlehnt habe, die solche vorschrieb. Nebenher befolgte et noch die Vorschrift des Attalus, nicht mehr auf weichen Pf\u00fchlen zu schlafen, welche sich an den K\u00f6rper schlie\u00dfen, sondern bediente sich in seinem Alter harter Matratzen, auf denen der K\u00f6rper keinen Eindruck macht. Was ihm seine Zeit als H\u00e4rte anrechnet, l\u00e4\u00dft die unsrige uns als Gem\u00e4chlichkeit betrachten. Man sehe nur den Unterschied zwischen der Lebensart meiner Hausbedienten und der meinigen. Die Skythen und Indianer sind nicht weiter von meiner Kraft und meiner Form entfernt. Ich erinnere mich, da\u00df ich Bettelbuben von der Gasse genommen habe, um sie zu meiner Aufwartung zu gebrauchen. Diese haben bald darauf meinen Dienst und meine K\u00fcche verlassen und meine Livree ausgezogen, blo\u00df um wieder zu ihrer vorigen Lebensart zur\u00fcckzukehren. Einen fand ich in der Folge, der zu seinem Mahl Luderfleisch vom Schindanger aufsuchte, den ich aber weder durch Bitten noch Drohungen von dem Wohlbehagen abwendig machen konnte, das er an der D\u00fcrftigkeit empfand. Die Bettler haben ebensowohl ihre Pracht und Woll\u00fcste als die Reichen und, wie man sagt, sogar ihre eigenen W\u00fcrden und Polizeiordnungen, alles Wirkungen der Gewohnheit. Diese kann uns nicht nur in alle Formen schmiegen, die ihr gefallen (unterdessen sagen die Weisen, sollten wir uns in die beste stellen, und sie wird uns solche alsobald erleichtern), sondern auch zum Wechsel und zur Ver\u00e4nderung, welches das Beste und N\u00fctzlichste ihrer Lehrschule ist. Das Beste an meiner k\u00f6rperlichen Beschaffenheit besteht darin, da\u00df ich biegsam und nachgiebig bin. Ich habe Neigungen, die mir eigent\u00fcmlicher, gew\u00f6hnlicher und angenehmer sind als andere; aber ich kann mich ihrer ohne gro\u00dfe Anstrengung entschlagen und gleite ganz gem\u00e4chlich zum Gegenteil \u00fcber. Ein junger Mensch mu\u00df seine Gewohnheiten unterbrechen, um seine Kr\u00e4fte zu erwecken, sich wenigstens vor Schimmeln und Faulen bewahren; und keine Lebensart ist so kindisch und n\u00e4rrisch als die Lebensart nach Schnur und Uhr:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ad primum lapidem vectari cum placet, hora<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sumitur ex libro; si prurit frictus ocelli<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angulus, inspecta genesi, collyria quaerit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der J\u00fcngling mir glauben will, so wird er zuweilen sogar ausschweifen. Sonst macht ihn der geringste Hieb \u00fcber die Schnur ungl\u00fccklich, und er wird unangenehm und unertr\u00e4glich im Umgang. Die widerlichste Eigenschaft eines ehrlichen Mannes ist die Verz\u00e4rtelung und die Gewohnheit an eine gewisse ausschlie\u00dfliche Lebensweise. Ausschlie\u00dflich wird jede, welche nicht biegsam und gef\u00fcgig ist. Man mu\u00df sich sch\u00e4men, wenn man aus Unverm\u00f6gen nicht mitmachen kann oder zu tun wagt, was die Genossen tun k\u00f6nnen. La\u00df solche Menschen in der N\u00e4he ihrer eigenen K\u00fcche bleiben. F\u00fcr jedermann ist so etwas unschicklich. F\u00fcr einen Mann vom Kriegshandwerk aber ist es gar schimpflich und unverzeihlich. Denn ein solcher mu\u00df sich, wie Philopoemen sagte, an alle Verschiedenheiten und Ungleichheiten des Lebens gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gleichwohl, so sehr ich, wie es sich tun lie\u00dfe, an Verschiedenheit und Freiheit gew\u00f6hnt worden bin, habe ich dennoch aus Fahrl\u00e4ssigkeit, da ich \u00e4lter geworden bin, gewisse Formen angenommen (meine alten Tage leiden keine Erziehung mehr und wollen sich auf nichts anderes mehr einlassen als auf ihre Erhaltung), und die Gewohnheit hat gewissen Dingen, ohne daran zu denken, ihren Charakter so stark eingepr\u00e4gt, da\u00df ich es Ausschweifung nenne, wenn ich davon abgehen soll. Ich kann nicht mehr, ohne mir wehe zu tun, sp\u00e4t in den Tag hinein schlafen noch zwischen den Mahlzeiten essen, noch fr\u00fchst\u00fccken, noch mich schlafen legen ohne gro\u00dfe Zwischenr\u00e4ume, n\u00e4mlich ungef\u00e4hr drei Stunden nach dem Abendessen, noch f\u00fcr meine Nachkommenschaft arbeiten, au\u00dfer vor dem Schlafengehen, noch solches stehend verrichten; noch kann ich ein durchgeschwitztes Hemd auf dem Leibe behalten; noch blo\u00dfes Wasser oder unvermischten Wein trinken; ebensowenig lange mit blo\u00dfem Kopfe bleiben oder mich nach der Mahlzeit scheren lassen. Und ich entbehrte ebenso gern des Hemdes als der Handschuhe und des H\u00e4ndewaschens beim Aufstehen als nach Tische, und \u00e4u\u00dferst notwendiger Bed\u00fcrfnisse als des Himmelbettes\u00a0und der Vorh\u00e4nge. Ich k\u00f6nnte mein Essen ohne Tischtuch zu mir nehmen; aber sehr mit Widerwillen ohne reine Serviette, wie die Deutschen. Ich mache meine Serviette schmutziger wie sie und die Welschen und bediene mich des L\u00f6ffels und der Gabel sehr wenig. Es tut mir leid, da\u00df man nicht eine Gewohnheit befolgt hat, die ich bei den K\u00f6nigen eingef\u00fchrt gesehen, da\u00df man bei jedem Gange so wie reine Teller auch reine Servietten auflegt. Wir wissen von dem t\u00e4tigen Soldaten Marius, da\u00df er mit zunehmendem Alter immer leckerer im Trinken wurde und nie anders als aus seinem eigenen Becher trank. So mag ich gern aus besondern Gl\u00e4sern trinken und ebenso ungern aus einem solchen, welches der Reihe nach herumgeht, als ich aus der Hand eines andern trinken w\u00fcrde. Kein Metall gef\u00e4llt mir so gut als helles, durchsichtiges Glas, welches ja auch meinen Augen ihren eigent\u00fcmlichen Genu\u00df gew\u00e4hrt. Dergleichen Weichlichkeiten mehr bin ich der Gewohnheit schuldig. Andre hat mir die Natur verliehen; wie zum Beispiel, da\u00df ich nicht mehr zwei volle Mahlzeiten ertragen kann, ohne meinen Magen zu \u00fcberladen, noch auch mich v\u00f6llig einer Mahlzeit enthalten kann, ohne Bl\u00e4hungen zu empfinden, einen trocknen Mund zu bekommen oder meinem Appetit wehe zu tun; da\u00df ich nicht lange in der Nachtluft bleiben kann, ohne da\u00df es mir nachteilig werde. Denn wenn ich die ganze Nacht bei dem Herrndienst des Krieges, wie es gew\u00f6hnlich zu geschehen pflegt, aufsitzen mu\u00df, so f\u00e4ngt seit einigen Jahren, nach f\u00fcnf oder sechs Stunden, mein Magen an unruhig zu werden, ich empfinde heftige Kopfschmerzen und reiche nicht bis zum Tagesanbruch, ohne mich zu \u00fcbergeben. Wenn die andern zum Fr\u00fchst\u00fcck gehen, so mu\u00df ich mich schlafen legen und bin nachher wieder so munter wie vorher. Ich hatte best\u00e4ndig geh\u00f6rt, die Nachtluft tr\u00e4te erst mit Anbruch der Nacht selbst ein; aber da ich seit den letzten Jahren sehr lange und vertraut mit einem Herrn umging, der mit dem Glauben angesteckt war, solche Luft sei am schlimmsten und nachteiligsten, wenn sich die Sonne neige, eine oder zwei\u00a0Stunden vor ihrem Untergang, weswegen er dieselbe sorgf\u00e4ltig vermeidet und weiter auf die Nacht nicht achtet, so hat er mir beinahe nicht sowohl seine Gr\u00fcnde als seine Empfindung eingefl\u00f6\u00dft; denn der Zweifel selbst und die Untersuchung macht unsere Einbildung rege und verursacht Ver\u00e4nderungen in uns. Wer solchen Gedanken pl\u00f6tzlich und auf einmal Raum gibt, zieht seinen v\u00f6lligen Untergang auf sich. Ich beklage mehr als einen Mann von Stande, der sich durch die Dummheit seiner \u00c4rzte in fr\u00fcher gesunder Jugend dem Lazarett \u00fcbergeben hat. Besser w\u00e4re es noch, eine Erk\u00e4ltung davonzutragen, als durch Entw\u00f6hnung auf zeitlebens des menschlichen Umgangs bei so wichtigen Vorfallenheiten entsagen m\u00fcssen. Es ist eine sch\u00e4dliche Wissenschaft, welche uns die angenehmsten Stunden des Tages verschreit. La\u00dft uns unsern Besitz durch die \u00e4u\u00dferste Anstrengung erk\u00e4mpfen. Die meiste Zeit h\u00e4rtet man sich ab, wenn man sich durch nichts irremachen l\u00e4\u00dft, und verbessert seine k\u00f6rperliche Beschaffenheit; wie C\u00e4sar sich dadurch von der fallenden Sucht heilte, da\u00df er nicht darauf achtete und ihr niemals nachgab. Man mu\u00df sich die beste Lebensweise vorschreiben, aber ihr sich nicht knechtisch unterwerfen; es sei denn einer solchen, deren Verpflichtung und Beobachtung n\u00fctzlich ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nige und Philosophen m\u00fcssen zu Stuhle gehen und die Damen gleichfalls. Das Leben \u00f6ffentlicher Personen ist an Zeremonien gebunden; mein unbeachtetes einzelnes Leben genie\u00dft aller nat\u00fcrlichen Freiheiten. Als Soldat und Gaskognier darf ich auch schon ein Wort mehr sagen. Deswegen will ich auch dieser Verrichtung hier erw\u00e4hnen. Es ist notwendig, derselben gewisse bestimmte n\u00e4chtliche Stunden anzuweisen und sich durch Gewohnheit dazu zu zwingen und zu binden, wie ich getan habe; aber nicht wie ich in meinem Alter getan habe, sich an eine gewisse Bequemlichkeit des Orts und Sitzes zu gew\u00f6hnen und solche durch langes Verweilen und Weichlichkeit unbequem zu machen. Gleichwohl ist es bei den schmutzigsten Verrichtungen gewisserma\u00dfen zu entschuldigen, wenn<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"328\"><\/a>\u00a0man darauf mehr Sorgfalt und Reinlichkeit verwendet:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">natura homo mundum et elegans animal est.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bei allen nat\u00fcrlichen Verrichtungen mag ich am ungernsten in dieser unterbrochen werden. Ich habe Kriegsleute gekannt, die von der Unordnung ihres Stuhlganges sehr beschwert wurden, indes ich und der meinige uns niemals verfehlen und zu rechter Zeit zutreffen, n\u00e4mlich beim Aufsteigen aus dem Bett, wenn nicht eine wichtige Besch\u00e4ftigung oder Krankheit dazwischenkommt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df also, wie schon gesagt, einem Kranken nichts Besseres und mehr Sicheres anzuraten, als da\u00df er sich ruhig bei der Lebensweise verhalte, worin er geboren und erzogen ist. Alle Ver\u00e4nderung, sie bestehe, worin sie wolle, greift an und tut weh. Man bilde sich nur ein, da\u00df die Kastanien einem Perigurdiner oder einem Lucceser sch\u00e4dlich seien, oder Milch und K\u00e4se den Bergbewohnern, so wird man ihnen nicht nur eine neue, sondern eine h\u00f6chst sch\u00e4dliche Di\u00e4t vorschreiben, eine Ver\u00e4nderung, die selbst einem Gesunden \u00fcbel bekommen m\u00fc\u00dfte. Man verschreibe einem siebzigj\u00e4hrigen Bretagner Brunnenwasser; man sperre einen seefahrenden Mann ein in eine Badstube, man verbiete einem Bedienten aus Biskaya spazierenzugehen, man raube ihnen Bewegung und endlich Luft und Licht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An vivere tanti est?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cogimur a suetis animum suspendere rebus,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Atque, ut vivamus, vivere desinimus &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoc superesse reor, quibus et spirabilis a\u00ebr,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Et lux, qua regimur, redditur ipsa gravis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man damit keinen andern Nutzen schafft, so wird man so viel wenigstens bewirken, da\u00df man die Kranken beizeiten auf den Tod vorbereitet und nach und nach den Gebrauch ihres Lebens untergr\u00e4bt und abschneidet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gesund oder krank habe ich immer gern die Gel\u00fcste befolgt, wovon ich mich gedrungen f\u00fchlte. Ich r\u00e4ume meinen Begierden und Verlangen ein gro\u00dfes Recht ein. Ich mag nicht gern \u00dcbel durch \u00dcbel heilen. Ich hasse die Mittel, welche beschwerlicher sind als die Krankheit Wollte ich mich, weil ich mit Steinschmerzen geplagt bin, auch des Vergn\u00fcgens berauben, Austern zu essen, so erlitte ich zwei \u00dcbel statt eines. Die Krankheit zwickt auf einer Seite und die Verordnung auf der andern. Da wir einmal das Wagest\u00fcck bestehen, uns zu verrechnen, so wagen wir einmal etwas f\u00fcr das Vergn\u00fcgen. Die Welt tut das Gegenteil, h\u00e4lt nichts f\u00fcr n\u00fctzlich, was nicht weh tut, und was leicht wird, ist ihr verd\u00e4chtig. Mein Appetit in verschiedenen Dingen hat sich gl\u00fccklicherweise von selbst gef\u00fcgt und sorgt f\u00fcr die Gesundheit meines Magens. In meiner Jugend fand ich viel Gefallen an scharfen und hochgew\u00fcrzten Br\u00fchen. Da sich in der Folge mein Magen nicht damit vertragen wollte, ver\u00e4nderte sich alsobald auch mein Geschmack. Wein ist dem Kranken sch\u00e4dlich. Auch ist er das erste, womit sich mein Mund nicht vertragen kann und wovor er einen un\u00fcberwindlichen Ekel bekommt. Alles, was ich mit Widerwillen zu mir nehme, ist mir sch\u00e4dlich, und nichts ist mir undienlich, was ich mit Hunger und Wohlgeschmack genie\u00dfe. Ich habe niemals Nachteil von einer Handlung gesp\u00fcrt, die mir viel Wohlbehagen verursacht hatte; und deshalb habe ich auch meinem Vergn\u00fcgen alle medizinischen Verordnungen bei weitem nachgesetzt und mich von Jugend an,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quem circumcursans huc atque huc saepe Cupido<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fulgebat crocina splendidus in tunica<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ebenso leichtsinnig und unbedachtsam meinen Begierden und Verlangen \u00fcberlassen wie irgend jemand,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"330\"><\/a>Et militavi non sine gloria,\u00a0mehr indessen in der Dauer und anhaltend als durch Heftigkeit des ersten Angriffs:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sex me vix memini sustinuisse vices.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei alledem ist es, wie ich gestehe, ein Unglaube und ein Wunder, da\u00df ich bei so gar fr\u00fchen Jahren schon der ersten Neigung dieser Art den Z\u00fcgel schie\u00dfen lie\u00df. Der Zufall tat alles dabei. Denn es geschah lange vor der Zeit der Erkenntnis und der Wahl. Ich kann mich selbst nicht einmal so weit zur\u00fcckerinnern, und man mag mein Geschick sehr wohl mit dem der Quartilla vergleichen, die sich ihrer Jungfr\u00e4ulichkeit nicht mehr erinnern konnte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inde tragus, celeresque pili, mirandaque matri<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Barba mea.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4rzte beugen gew\u00f6hnlich mit Nutzen ihre Vorschriften nach der Heftigkeit der Begierden, welche ihren Kranken aufsto\u00dfen. Die Begierde mag so befremdlich und tadelhaft sein, als sich immer denken l\u00e4\u00dft, die Natur ist sicherlich im Spiele. Wieviel gewinnt man \u00fcberdem dabei, wenn man die Einbildungskraft befriedigt? Nach meiner Meinung kommt alles darauf an, zum wenigsten mehr wie auf alles \u00fcbrige. Die dr\u00fcckendsten und h\u00e4ufigsten \u00dcbel sind diejenigen, womit die Einbildungskraft uns belastet. Aus vielen Ursachen gef\u00e4llt mir das spanische Sprichwort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Defiendame Dios de m\u00fa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bin ich krank, so tut mir&#8217;s leid, wenn ich kein Gel\u00fcste habe, welches mir das Vergn\u00fcgen machen k\u00f6nnte, es zu befriedigen. Es wird den \u00c4rzten schwer werden, mich davon abzuhalten. Ebenso geht mir&#8217;s, wenn ich gesund bin. Ich kenne nichts Besseres als zu wollen und zu w\u00fcnschen. Es ist Elend<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Montaigne-Essays\" name=\"331\"><\/a>\u00a0genug, wenn sogar die W\u00fcnsche schwach und matt werden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit der Arzneikunst ist es noch nicht so weit gediehen, da\u00df wir nicht bei allem unsern Tun und Lassen noch Autorit\u00e4ten voraushaben sollten. Sie ist anders nach den Himmelsgegenden, nach den Mondphasen und nach diesem oder jenem Arzt. Wenn der eurige nicht f\u00fcr gut findet, da\u00df ihr schlafet, da\u00df ihr Wein trinkt oder diese oder jene Speise e\u00dft, so seid deswegen unbesorgt; ich will euch schon einen andern zuf\u00fchren, der nicht seiner Meinung sein soll. Die Verschiedenheit der medizinischen Gr\u00fcnde und Meinungen ist unerme\u00dflich. Ich kannte einen elenden Kranken, welcher, um zu genesen, vor Durst fast verschmachtete und umkam und deswegen nachher von einem andern Arzt ausgelacht wurde, der diese Vorschrift als sch\u00e4dlich verwarf. Hatte er seine gro\u00dfe Enthaltsamkeit nicht sehr n\u00fctzlich angewandt? Es ist neulich ein Mitglied dieses Ordens am Stein gestorben, der sich gro\u00dfer Enthaltsamkeit befli\u00df, um seine Krankheit zu bek\u00e4mpfen. Dahingegen sagen seine Kollegen, er habe sich durch seine Fasten ausged\u00f6rrt und den Grie\u00df in seinen Nieren gebrannt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe wahrgenommen, da\u00df mich bei Wunden und Krankheiten das Sprechen erhitzt und mir sch\u00e4dlicher ist als alle \u00fcbrigen Verst\u00f6\u00dfe. Das Sprechen wird mir schwer und erm\u00fcdet mich; denn ich rede laut und mit solcher Anstrengung, da\u00df vornehme Personen, mit denen ich von wichtigen Angelegenheiten gesprochen habe, mich oft erinnern mu\u00dften, leiser zu sprechen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Folgende Erz\u00e4hlung verdient, da\u00df ich sie zu meinem Vergn\u00fcgen anf\u00fchre. Ein gewisser Mensch in einer Schule von Griechenland sprach laut wie ich. Der Zeremonienmeister lie\u00df ihm sagen, er sollte leiser reden. \u00bbLa\u00df ihn mir\u00ab, sagte dieser, \u00bbden Ton zuschicken, in welchem ich nach seiner Meinung reden soll.\u00ab Der andere versetzte: \u00bbNimm deinen Ton von den Ohren desjenigen, mit dem du sprichst.\u00ab Das war gut gesagt, wenn es soviel hei\u00dfen soll: Sprich nach Ma\u00dfgabe dessen, was du deinem Zuh\u00f6rer zu sagen hast. Denn wenn es hei\u00dfen soll: Es sei dir genug, da\u00df er dich h\u00f6rt, oder richte dich nach ihm, so bin ich damit nicht einverstanden. Ton und Bewegung der Stimme haben einen gewissen Ausdruck und Bedeutung reinen Sinnes. Diese mu\u00df ich also aufbieten, wenn sie mich vertreten sollen. Es gibt eine Stimme zum Unterrichten, eine Stimme zum Schmeicheln oder Schelten. Ich will, da\u00df meine Stimme nicht blo\u00df zu einem andern gelange, sondern vielleicht, da\u00df sie ihn treffe und durchdringe. Wenn ich meinen Bedienten ausfilze und dabei meine Stimme laut und schreiend ist, darf er mir nicht sagen:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbHerr, schreien Sie nicht so, ich h\u00f6re Sie ja wohl.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Est quaedam vox ad auditum accommodata, non magnitudine, sed proprietate.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Wort geh\u00f6rt zur H\u00e4lfte dem, welcher spricht, und zur H\u00e4lfte dem, welcher h\u00f6rt. Dieser mu\u00df sich darauf gefa\u00dft machen, es in der Bewegung aufzufangen, worin es ihm zukommt. Wie beim Ballspiel der Anf\u00e4nger den Schl\u00e4ger und dessen Bewegung zur Richtschnur der seinigen macht und nach derselben seine eigene Geschwindigkeit abmi\u00dft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Erfahrung hat mich auch noch dies gelehrt, da\u00df wir uns durch Ungeduld zugrunde richten. Jedes Ungemach hat sein Leben und seine Grenzen, seine Krankheit und seine Gesundheit. Die Beschaffenheit der Krankheiten richtet sich nach der Beschaffenheit des tierischen K\u00f6rpers. Ihre Dauer und Tagezeit ist ihnen von ihrem Ursprung an vorgeschrieben. Wer es darauf anlegt, sie gewaltsamer, herrschs\u00fcchtigerweise abzuk\u00fcrzen und ihren Lauf zu hemmen, der verl\u00e4ngert, vervielf\u00e4ltigt und verbittert sie, anstatt sie zu beschwichtigen. Ich bin der Meinung Crantors, da\u00df man sich den \u00dcbeln weder eigensinnig wie ein Wildfang widersetzen, noch ihnen weichlich unterliegen, sondern ganz nat\u00fcrlich ihrer und unserer Beschaffenheit gem\u00e4\u00df nachgeben m\u00fcsse. Man mu\u00df den Krankheiten ihren Weg offenlassen; und ich finde, da\u00df sie k\u00fcrzer bei mir verweilen, will ich sie ihren Gang gehen lassen. Ich habe einige von denen, welche man f\u00fcr die hartn\u00e4ckigsten h\u00e4lt, von selbst verloren, ohne Hilfe und Kunst und gegen die gew\u00f6hnliche Regel. La\u00df doch die Natur sich selbst helfen. Sie versteht ihre Sache besser zu machen als wir. Dieser oder jener ist daran gestorben. Nun, euch wird&#8217;s nicht besser gehen, wo nicht an dieser, doch an einer andern Krankheit. Wie viele sind nicht daran gestorben, ungeachtet sie drei \u00c4rzte auf dem Halse hatten? Das Beispiel ist ein allgemeiner, tr\u00fcglicher Spiegel, in welchem man alles erblickt. Ist etwas eine angenehme Medizin, so gebraucht solche. Sie ist immer ein gegenw\u00e4rtiges Gut. Ich werde mich nie beim Namen noch bei der Farbe aufhalten, wenn sie wohlschmeckend und appetitlich ist. Das Vergn\u00fcgen ist immer der haupts\u00e4chlichste Vorteil. Ich habe bei mir alt werden und eines nat\u00fcrlichen Todes sterben lassen: Schnupfen, Fl\u00fcsse, Gicht, Durchlauf, Herzklopfen, Kopfschmerzen und andere Zufalle, die ich verloren, als ich schon halb darauf gefa\u00dft war, sie zu ern\u00e4hren. Man beschw\u00f6rt sie besser durch H\u00f6flichkeit als durch Trotz. Man mu\u00df die Schmerzen, die uns nach den Gesetzen unseres Zustandes \u00fcberkommen, geduldig ertragen. Wir sind einmal da, um alt, schwach und krank zu werden, trotz aller Arznei. Es ist die erste Lehre, welche die Mexikaner ihren Kindern geben, wenn sie solche beim Austritt aus ihrer Mutter Scho\u00df folgendergestalt bewillkommen: Kind, du bist auf die Welt gekommen, um zu dulden; dulde, leide und schweig! Es ist ungerecht, sich zu beklagen, da\u00df einem etwas \u00fcberkommen sei, was jedem \u00fcberkommen kann:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Indignare, si quid in te inique proprie constitutum est.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man sehe doch den Alten, welcher sein Gebet darauf richtet, der liebe Gott solle ihn bei v\u00f6lliger kr\u00e4ftiger Gesundheit erhalten! Hei\u00dft das nicht soviel, er solle ihn wieder verj\u00fcngen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stulte, quid haec frustra votis puerilibus optas?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist es nicht Torheit? Seine Verh\u00e4ltnisse erlauben es ja nicht. Zipperlein, Steinschmerzen, Magenschw\u00e4che sind die Begleiter von langen Jahren, wie Hitze, Regen und Winde die Begleiter langer Reisen sind. Plato glaubt nicht, da\u00df \u00c4sculap sich sehr darum bek\u00fcmmert habe, ob er durch seine Vorschriften die Lebensdauer verdorbenen, geschw\u00e4chten K\u00f6rpern erhalten k\u00f6nne, die ihrem Vaterland unn\u00fctz, unn\u00fctz f\u00fcr ihre Berufsgesch\u00e4fte und unn\u00fctz waren, gesunde und starke Kinder auf die Welt zu setzen, und findet diese Sorge der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit und Weisheit gem\u00e4\u00df, welche alle Dinge zu n\u00fctzlichen Zwecken leiten soll. Mein guter alter Mann, es ist vorbei. Man kann dir nicht wieder auf die F\u00fc\u00dfe helfen. H\u00f6chstens kann man dich ein wenig aufpflastern, von neuem anschienen und dein Elend um ein paar Minuten verl\u00e4ngern:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Non secus instantem cupiens fulcire ruinam,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diversis contra nititur objicibus,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Donec certa dies, omni compage soluta,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ipsum cum rebus subruat auxilium.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00df ertragen lernen, was man nicht vermeiden kann. Unser Leben ist, wie die Harmonie der Welt aus widersprechenden Dingen, gleichfalls aus verschiedenen, langen und kurzen, hohen und tiefen, weichen und rauhen T\u00f6nen zusammengesetzt. Der Tonsetzer, welchem nur einige Tonarten gefielen, w\u00fcrde mit seiner Kunst nicht viel ausrichten. Er mu\u00df sich ihrer insgesamt zu bedienen und solche zu vermischen wissen. So m\u00fcssen wir das Gute und das \u00dcbel verbinden, aus denen die Wesenheit des Lebens besteht. Unser Dasein kann ohne diese Vermischung nicht bestehen, und eine Saite ist ebenso n\u00f6tig dazu als die andere. Gegen den Stachel der Notwendigkeit anl\u00f6ken wollen, hei\u00dft die Torheit des Ctesiphon teilen, der sich unterfing, sich mit seinem Maultiere auf den Huf zu schlagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-16327 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1-275x300.jpg 275w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/550px-Michel_de_Montaigne_1.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion:<\/span> W\u00fcrde Michel de Montaigne im 21. Jahrhundert leben, so er w\u00e4re wahrscheinlich der beliebteste Blogger. Nicht nur in Frankreich. Wir kommen ihm n\u00e4her, indem wir seine <em>Essais<\/em> lesen. Und zwar Wort f\u00fcr Wort. Oder wir nehmen einen charmanten Umweg und lesen Sarah Bakewells <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/01\/michel-de-montaigne-ein-blogger-aus-dem-16-jahrhundert\/\">Wie soll ich leben?<\/a><\/span>. Dies ist nicht nur der Titel ihrer ungew\u00f6hnlichen Biographie, sondern zeigt zugleicht die Methode an, mit der sich die Autorin dem Denken Montaignes n\u00e4hert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch einen<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\"> KUNO-Beitrag <\/a>zu\u00a0 Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Keine Begierde ist nat\u00fcrlicher als die Begierde nach Wissen. Wir bedienen uns aller Mittel, die uns dahin f\u00fchren k\u00f6nnen. Wenn uns dabei die Vernunft fehlschl\u00e4gt, so wenden wir uns an die Erfahrung, Per varios usus artem experientia fecit, Exemplo&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/02\/von-der-erfahrung-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":98980,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1083],"class_list":["post-78165","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-michel-de-montaigne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78165","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78165"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78165\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99005,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78165\/revisions\/99005"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98980"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}